Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Alle meine Katzen – eine Liebeserklärung

Lou

KatzeVielleicht hat ja alles einen etwas ungünstigen Verlauf genommen, als man damit anfing, Autisten als behindert zu bezeichnen.
Wenn etwas erst einmal einen Namen hat …

Eine andere Sicht auf Autismus …

Alle meine Katzen – eine Liebeserklärung

Bei uns im Haus gibt es mehrere Katzen: Eine ‚eigene’ und – zurzeit – drei ‚Besuchs-Katzen’. Jede dieser Katzen hat ihre eigene ‚Geschichte’, und jede ist eine einzigartige Persönlichkeit – mit ihren ganz individuellen Wesenszügen und Besonderheiten.

Unsere Katze

Unsere Katze ist schon sehr alt. Ihre Tage (… und Nächte …) verbringt sie mittlerweile meist schlafend, dösend. Das Haus verlässt sie nur noch, wenn es unbedingt sein muss, und nach den jeweiligen Wetterverhältnissen. Manchmal unternimmt sie noch kleine Streifzüge durch den Garten – vorausgesetzt, dass das Gras nicht nass ist. Oft sieht man sie dann einfach in der Wiese sitzen und an Gräsern und Blumen schnuppern.
Als sie vor vielen Jahren zu uns kam, war sie gerade mal eine ‚Handvoll Katze’ und hatte auf einer Handfläche Platz – so klein und leicht war sie. Inzwischen wiegt sie deutlich mehr, und auch ihre ‚Silhouette’ hat sich enorm verändert. Jemand sagte einmal, sie sähe aus wie eine ‚Bowlingkugel’.
Sie hat ihre festen täglichen Rituale: Essen, trinken, schnurren, schlafen …
Ihre Liegeplätzchen wählt sie je nach Tageszeit und nach der jeweiligen ‚Sonneneinstrahlung’. Sie liebt es zum Beispiel unendlich, im Sommer während des vormittags auf den jeweils sonnendurchfluteten Parkettboden-Fleckchen zu liegen und sich wärmen zu lassen. Von ihrem ‚Hauptliegeplatz’ aus hat sie einen wunderbaren Ausblick auf unsere kleine Straße, und natürlich hilft ihr inzwischen ein dreistufiges ‚Treppchen’, damit sie ohne größere Mühe auf ihren ‚Hochsitz’ gelangen kann. Im Sommer liegt sie auch gern auf den warmen Terrassenplatten. Oft liegt sie da, ein bisschen wie die Sphinx – seit sie älter ist, kreuzt sie ihre Vorderpfoten – und strahlt unendlich viel Ruhe, Gelassenheit und Weisheit aus!

Katze

Prägendes

Gleich nach der Geburt wurde sie ‚ausgesetzt’ …
Einmal war sie zwei Tage und zwei Nächte in einem Keller eingesperrt, da sie – neugierig, wie Katzen nun einmal sind – durch ein aufgestelltes Fenster gehüpft war, aber nicht wieder aus eigener Kraft hinausgelangen konnte und ausharren musste, bis sie jemand gehört und befreit hat.
Und einmal kam sie auf drei Beinen angehumpelt. Eine Vorderpfote war gebrochen, vermutlich durch einen ‚Kampf’ mit einem Hund. Bemerkenswert ist, dass sie in diesem ‚dreibeinigen’ Zustand nicht nur einfach nach Hause gehumpelt ist, um Hilfe zu bekommen, sondern von sich aus auf die Idee kam, auch in der Nachbarschaft nach uns zu suchen, nachdem sie zu Hause niemanden vorgefunden hatte (… in ihren jüngeren Jahren ist sie oft mit uns mitgelaufen, wenn wir das Haus verlassen haben; somit kannte sie sich bestens aus mit unseren ‚Gewohnheiten’).
Nebenbei bemerkt: Für mich erübrigt sich damit auch die Frage, ob Tiere denken können …

Katze

Asthma

Manchmal hat sie Asthma-Anfälle. Wenn ich zufällig gerade in ihrer Nähe bin und es mitbekomme, halte ich sie fest, während sich ihr ganzer Körper verkrampft und sie regelrecht ‚durchgeschüttelt’ wird. Nach drei bis vier solchen ‚Verschüttelungskrämpfen’ löst sich der Schleim, und sie kann wieder befreit atmen.

Weitere ‘Eigenheiten’…

Wenn man zufällig an ihr Liegeplätzchen stößt und sie dadurch ‚erschüttert’ wird, erschrickt sie sehr. Geräusche sind normalerweise kein Problem für sie und können sie nicht aus ihrer ‚Ruhe’ bringen. Bei Gewitter, Hagel oder starkem Regen verkriecht sie sich unter unserem Bett oder unter einem bestimmten Sessel – und immer schon einige Zeit im voraus, bevor es so richtig losgeht …

F3KHH9U6JH

Unsere Besuchskatzen

Ein Kater schaut fast täglich kurz bei uns vorbei. Manchmal kommt er schon morgens, oft aber auch erst spätabends. Er isst ein bisschen etwas, streicht einem zweimal um die Beine, gibt ein paar klägliche Laute von sich – und huscht durch die Katzenklappe wieder nach draußen. Wenn er während seines kurzen Rundgangs auf unsere Katze trifft, faucht er sie fürchterlich an – und sie faucht dann ebenso fürchterlich zurück.
Bei einem anderen Kater, der auch oft bei uns ‚hereinschneit’ – er wirkt meist etwas ‚gehetzt’, hat es immer eilig – habe ich den Eindruck, dass er v. a. dann zu uns kommt, wenn er nur einfach in Ruhe schlafen möchte. Dazu verzieht er sich nach oben, unters Dach. Manchmal legt er sich auch nur einfach auf eine Treppenstufe, lässt seinen Schwanz baumeln und schaut höchst interessiert von ‚oben herab’ auf das Geschehen unter ihm.
Wenn er zufällig während eines Unwetters bei uns ist, versteckt er sich in der Küche in dem schmalen, offenen Spalt, in welchem die Küchentücher hängen …
Soweit ich weiß, lebt er bei einer kinderreichen Familie. Womit ich jetzt aber nichts gegen Familie oder gegen Kinder gesagt haben möchte – keinesfalls! Zuweilen braucht aber doch jeder einfach ein bisschen Ruhe. Der eine mehr, der andere weniger!

Katze

Und eine ganz besondere Katze

Die Katze, die auch bei uns im Haus lebt und sich oft bei uns aufhält, ist – trotz ihres schon etwas fortgeschrittenen Alters – noch immer klein und dünn, hat aber einen auffallenden ‚Hängebauch’, der fast bis zum Boden reicht. Und seit einiger Zeit verdunkelt sich ihr linkes Auge und wird mehr und mehr ‚schwarz’ (… ein Tierarzt wurde natürlich bereits diesbezüglich konsultiert).
Sie ist – im Gegensatz zu all den anderen Katzen, die bei uns ein- und ausgehen – sehr ängstlich und sehr schreckhaft. Überaus furchtsam reagiert sie auf Geräusche, v. a. auf ungewohnte Geräusche. Und wenn sich ihr jemand z. B. mit etwas ‚heftigeren’ Schritten nähert, duckt sie sich ängstlich zusammen und rennt davon.
Was diese Katze so alles erlebt hat in ihrem Leben, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie vor ein paar Jahren eine wichtige Bezugsperson verloren hat – und dadurch vielleicht auch viel von ihrer ‚Sicherheit’. Und vielleicht auch einen Teil von sich selbst.
Man sieht sie nur sehr selten einfach irgendwo liegen und schlafen, genießen und entspannen. Oft sitzt sie nur da, starrt vor sich hin und scheint völlig desinteressiert, in sich gekehrt zu sein. Manchmal jagt sie ihrem Schwanz nach und beißt sich. Einmal habe ich sogar beobachtet, wie sie sich von einer Amsel durch den Garten hat jagen lassen …

– Who is to ‚blame’? The cat? –

Vielleicht hat ja alles einen etwas ungünstigen Verlauf genommen, als man damit anfing, Autisten als behindert zu bezeichnen.
Wenn etwas erst einmal einen Namen hat …

Katze

 

Mit diesem Text gewann Lou den ersten Platz unseres Autismus-Kultur Schreibwettbewerbs 2011.

Foto ganz oben von Jennifer Barnard.

Gefällt Dir? Sag's weiter:
TwitterFacebook