Autismus & Intelligenz
Autismus-Kultur | 19. 03. 2006
Laut Laurent Mottron, Professor der Abteilung für Psychiatrie der
Universität Montreal, wird allgemein angenommen, dass 75% der Autisten
intelligenzbehindert sind, jedoch sei dies überhaupt nicht belegt. Er schlägt vor, dass 25% ein zutreffenderer Wert sei. “Das Problem ist”, so Mottron, “dass autistische Intelligenz nicht korrekt gemessen wird”.
Seine kürzlich vorgestellte Arbeit zeigt, dass der Intelligenzquotient von
Autisten stark variieren kann, je nachdem wie man ihn misst und wie alt
die getestete Person ist.
Daten, die Mottron gesammelt hat stellen nicht nur den Weg in Frage wie die
Intelligenz von Autisten gemessen wird, sondern auch unsere Wahrnehmung
dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung an sich.
Mottron, der seine Beobachtungen vor kurzem auf der Konferenz der
Amerikanischen Assoziation für die Förderung der Wissenschaft in St.
Louis vorstellte, hat seine Ansicht über Autismus geändert, seitdem er mit
Michelle Dawson, die selbst autistisch ist, zusammenarbeitet.
Autistische und nicht-autistische Kinder mit demselben IQ wurden zu
Forschungszwecken verglichen. Dabei realisierte Mottron, dass die
Ergebnisse der Autisten deutlich variierten, abhängig von dem Test, mit
dem gemessen wurde – dem Wechsler-Test oder Raven-Matrizen-Test. “In
Autisten ohne Sprachprobleme” meint Mottron “haben wir beobachtet, dass
der Raven-Test eine im Vergleich zum Wechsler-Test um 30 Perzentile höhere
Intelligenz misst”. Das ist der Unterschied zwischen einer leichten
Inteligenzbehinderung und normaler Intelligenz, oder der zwischen
normaler Intelligenz und Hochbegabung.
Die Konvention klinischer Untersuchungen setzen voraus, dass, wenn nichts
unternommen wird, um Autismus zu korrigieren, die Defizite der Kinder bestehen bleiben würden. Aber das ist eine Legende, sagt Dawson. “Sie wollen uns so
machen wie jeden anderen, aber das was wichtig ist zu messen, ist nicht
das Level, sondern die Art der Intelligenz.”
Dawson begleitet die Autismus-Forschung schon lange mit kritischen Analysen. “Sie leistet einen unersetzlichen Beitrag zur Wissenschaft” sagt Mottron über Dawson.