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Autismus-Kultur ist ein Netzwerk von Personen, die sich wissenschaftlich und politisch mit Autismus (einschließlich Asperger-Syndrom) befassen. Wir bieten fundierte Informationen über Autismus und arbeiten für eine bessere Welt für Menschen im Autismus-Spektrum – selbstbestimmt und barrierefrei. Mehr…

Bin ich autistisch? Asperger?

Frederik Drzewiecki | 07. 02. 2007

Bin ich Autist? Asperger?Wenn du Autismus bzw. das Asperger-Syndrom gerade (für dich) neu entdeckt hast, beschäftigst du dich vielleicht sehr intensiv mit der Frage, ob du autistisch bist oder nicht. Für viele ist das eine anstrengende Zeit; sie stellen vieles in Frage – sich selbst, ihre Vergangenheit, unsere Gesellschaft, “Normalität” – und kommen zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen und Selbstdefinitionen. Aber eins nach dem anderen.

“Bin ich Autist?”

Unabhängig davon, ob man letztlich zu dem Ergebnis kommt, dass man autistisch ist oder nicht, kann die Beschäftigung mit dieser Frage für manchen Menschen eine Chance sein, sich selbst besser kennenzulernen. Am einem bestimmten Punkt im Leben findet man es vielleicht sehr wichtig, die Frage, ob man autistisch ist, zu beantworten. Oft ist das eine anstrengende Zeit, vielleicht die einer persönlichen Krise. Die intensive Beschäftigung mit dieser Frage geht im allgemeinen auch wieder vorbei, man findet eine Antwort, mit der man zufrieden ist und es kommen wieder ruhigere Zeiten.

Aber anfangs gibt es erst mal tausend Fragezeichen: Bin ich autistisch? Asperger? Was heißt das eigentlich genau, “autistisch”?

Autismus gilt als neurologisch bedingt; es gibt aber keinen neurologischen Test, um Autismus festzustellen. Autismus und das Asperger -Syndrom, wie man am Namen schon erkennen kann, gelten als “Syndrome”. Ein Syndrom ist ein Bündel von Symptomen, von Merkmalen, die häufig zusammen auftreten. Das heißt: Es gibt keine medizinische Definition von Autismus. Psycholog_innen und Psychiater_innen erstellten lediglich eine Beschreibung von Verhaltensweisen, von denen sie annehmen, dass sie häufig zusammen auftreten.

Asperger/Autismus-Diagnosekriterien

Deshalb gibt es Listen mit Diagnosekriterien, die Verhaltensweisen beschreiben. Diese Kriterien sind nicht der Weisheit letzter Schluss; sie werden überarbeitet und verändert, wenn Aspekte von Autismus besser verstanden werden. Es gibt die “offiziellen” des ICD und (in den USA) des DSM. Andere Forscher_innen haben ihre eigenen Diagnosekriterien entwickelt, die sich zum Teil von denen von ICD und DSM unterscheiden (z.B. Gillberg, Szatmari). Carol Gray und Tony Attwood zeigten mit ihrem Artikel “Die Entdeckung von Aspie“, dass diese Diagnosekriterien einseitig negativ sind und entwickelten eine Liste positiver Kriterien. Es gibt nicht die eine “wahre Liste”. Und es ist fraglich, ob man anhand der Listen herausfindet, ob man autistisch ist oder nicht.

Asperger/Autismus-Tests

Es schwirren einige Autismus-Tests im Internet herum – wobei die Bezeichnung “Tests” vielleicht irreführend ist, da diese Tests dir nicht sagen, ob du autistisch bist oder nicht. Sie können allerhöchstens eine Tendenz anzeigen, die aber auch falsch sein kann (und auch oft falsch ist). Durch einen simplen Test kann man Autismus nicht erkennen. Die Testfragen sind zudem problematisch, da sie recht unterschiedlich interpretiert werden können und bestimmtes Vorstellungen über Autismus dahinter stecken, die längst nicht auf alle autistischen Menschen zutreffen.

Mehr Informationen über Asperger/Autismus

Wenn du wissen willst, ob du möglicherweise autistisch bist oder nicht, ist es sinnvoller, dich selbst gründlich über Autismus zu informieren. Dazu gehören nicht nur medizinische Listen von “Symptomen”, sondern auch Erfahrungsberichte und Autobiografien autistischer Menschen. Es kann hilfreich sein, autistische Menschen außerhalb des Internets zu treffen und zu sehen, ob du dich in ihnen wiederfindest – oft machen sie im “Face-To-Face”-Kontakt einen anderen Eindruck als den, den man durch das Internet hatte.

Mein Leben, das Universum und ich

Wenn man anfängt, über Autismus zu lesen und sich damit zu identifizieren,wird man vielleicht seine Vergangenheit, seinen persönlichen Lebenslauf anders zu interpretieren. Bestimmte Ereignisse und Erfahrungen erscheinen nun in ganz anderem Licht.

Man sollte sich klarmachen, dass weder die alte noch die neue Version “die Wahrheit” sind. Es gibt keine Wahrheit, es gibt immer nur Interpretationen. Ob die Interpretation gut ist, könnte man daran entscheiden, ob sie hilfreich ist. Kann man Stärke daraus gewinnen? Kann man daraus lernen, unangenehme Erfahrungen in Zukunft zu vermeiden?

Asperger/Autismus-Diagnose

Ob man seinen Autismus-Verdacht durch eine_n Psycholog_in oder Psychiater_in abklären lassen will, muss jede_r selbst entscheiden. Es gibt Gründe für und auch gegen eine Autismus-Diagnose. Wenn du von Diagnosen nichts hältst und Autismus lieber als eine Kultur betrachtest, kannst du ohne “Genehmigung” autistisch sein. “Autistisch” ist (für uns) ein nicht-klinischer Begriff und daher an keine Diagnose gebunden. Man kann autistische Menschen als kulturelle Gruppe betrachte, ähnlich wie Geeks, Hiphopper_innen oder Kleingärtner_innen. Und man braucht ja auch keine Geek-Diagnose, um ein Geek zu sein.

Und auch wenn man (aus welchem Grund auch immer) eine Autismus-Diagnose hat, muss man sich nicht damit identifizieren, sich nicht darüber definieren, “autistisch” zu sein.

Ist es wichtig, ob man autistisch ist?

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass man die Wörter “Autismus” oder “Asperger-Syndrom” nur das sind: Wörter. Man wird kein anderer Mensch dadurch, dass man sich mit diesen Begriffen identifiziert – oder eben auch nicht. Warum ist es wichtig, ob man autistisch ist oder nicht? Es ist keine Krankheit und braucht keine Behandlung.

Viele Menschen, die sich dem autistischen Spektrum zurechnen, würden ihr Leben lang nicht so akzeptiert, wie sie sind. Was für eine Erleichterung, plötzlich eine Erklärung, eine “Genehmigung” dafür zu haben, so zu sein. Aber wäre es nicht viel schöner, wenn Freund_innen und Familie einen so akzeptieren würden, wie man ist, ohne dass man sich dafür erst ein Etikett aus einem Katalog psychischer Krankheiten zulegen müsste?

Ich weiß, Autismus ist keine Krankheit. Aber der Erleichterungswert einer Autismus-Diagnose entsteht ja gerade dadurch, dass Autismus als eine von der Person getrennte Störung aufgefasst wird. Man kann es dann nicht mehr der Person anlasten, dass sie nicht so funktioniert, wie andere das erwarten – es ist “der Autismus”. Bringt einen das persönlich weiter? In einer Kultur der Akzeptanz und Vielfalt gäbe es den Begriff Autismus nicht. In der realen Welt scheint es einem manchmal notwendig, Kompromisse einzugehen. Ist es das wirklich?

Die Antworten auf diese Fragen kann nur jede_r für sich selbst finden.

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