Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Bin ich autistisch? Asperger?

Frederik Drzewiecki

Bin ich Autist? Habe ich Asperger?Wenn du Autismus bzw. das Asperger-Syndrom gerade (für dich) neu entdeckt hast, beschäftigst du dich vielleicht sehr intensiv mit der Frage, ob du autistisch bist oder nicht. Für viele ist das eine anstrengende Zeit; sie stellen vieles in Frage – sich selbst, ihre Vergangenheit, unsere Gesellschaft, “Normalität” – und kommen zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen und Selbstdefinitionen.

Wir bieten auf unserer Seite Online-Tests an, die zwar keine Diagnose stellen können, aber doch eine gewisse Orientierung geben, ob man im Autismus-Spektrum liegt oder nicht. Du findest hier auch Informationen zur Diagnose.

“Bin ich Autist?”

Unabhängig davon, ob man letztlich zu dem Ergebnis kommt, dass man autistisch ist oder nicht, kann die Beschäftigung mit dieser Frage für manchen Menschen eine Chance sein, sich selbst besser kennenzulernen. Am einem bestimmten Punkt im Leben findet man es vielleicht sehr wichtig, die Frage, ob man autistisch ist, zu beantworten. Oft ist das eine anstrengende Zeit, vielleicht die einer persönlichen Krise. Die intensive Beschäftigung mit dieser Frage geht im Allgemeinen auch wieder vorbei, man findet eine Antwort, mit der man zufrieden ist und es kommen wieder ruhigere Zeiten.

Aber anfangs gibt es erst mal tausend Fragezeichen: Bin ich autistisch? Asperger? Was heißt das eigentlich genau, “autistisch”?

Autismus gilt als neurologisch bedingt; es gibt aber keinen neurologischen Test, um Autismus festzustellen. Autismus gilt (zumindest teilweise) als genetisch, aber es konnten noch keine konkreten “Autismus-Gene” identifiziert werden, es gibt also keinen Gentest. Wie stellt man also fest, ob jemand autistisch ist?

Autismus ist definiert als ein “Syndrom”, das heißt ein Bündel von Merkmalen, eine Beschreibung bestimmter Verhaltensweisen. Die Diagnose wird deshalb auch anhand des Verhaltens gestellt.

Asperger/Autismus-Diagnosekriterien

Dazu gibt es Listen mit Diagnosekriterien, die autistische Verhaltensweisen beschreiben. Diese Kriterien sind nicht der Weisheit letzter Schluss; sie werden überarbeitet und verändert, wenn Aspekte von Autismus besser verstanden werden. Meistens werden die Diagnosekriterien des ICD und des DSM verwendet. Die Diagnosekriterien sind aus psychiatrischer Sicht geschrieben und benennen deshalb die Schwächen und Schwierigkeiten autistischer Menschen.

Carol Gray und Tony Attwood zeigten mit ihrem Artikel “Die Entdeckung von Aspie“, dass diese Diagnosekriterien einseitig negativ sind und entwickelten eine Liste positiver Kriterien.

Menschliches Verhalten ist sehr vielfältig, und Menschen im Autismus-Spektrum sind so unterschiedlich wie alle anderen Menschen auch. Für das gleiche Verhalten kann es unterschiedliche Gründe geben. Es ist also schwierig, eine Autismus-Diagnose zu stellen.

Asperger/Autismus-Tests

Es schwirren einige Autismus-Tests im Internet herum – und keiner davon kann Dir sicher sagen, ob Du im Autismus-Spektrum bist oder nicht. Sie können lediglich eine ungefähre Einschätzung geben. Auch hier bei Autismus-Kultur findest Du solche Tests. Die Tests auf unserer Seite sind wissenschaftlich validiert – und trotzdem können sie keine Diagnose stellen.

Autismus-Tests funktionieren so: Wissenschaftler_innen denken sich ein paar Testfragen aus (z.B.: “Gehst Du lieber in die Bibliothek oder auf eine Party?”). Dann beantworten Menschen mit und ohne Autismus-Diagnose diese Fragen. Wenn die Fragen gut ausgewählt sind, beantworten autistische Menschen sie anders als nicht-autistische. Wenn der Test gut funktioniert, kann man vielleicht 80 oder 90% der Menschen im Autismus-Spektrum damit erkennen – aber niemals alle. Und andererseits gibt es auch nicht-autistische Menschen, denen der Test die Rückmeldung gibt, sie könnten autistisch sein.

Also: Ein Test zeigt eine gewisse Wahrscheinlichkeit an, kann aber keine Diagnose stellen.

Mehr Informationen über Asperger/Autismus

Wenn du wissen willst, ob du möglicherweise autistisch bist oder nicht, ist es sinnvoll, dich selbst über Autismus zu informieren. Dazu gehören nicht nur medizinische Listen von “Symptomen”, sondern auch Erfahrungsberichte und Autobiografien autistischer Menschen. Es kann hilfreich sein, autistische Menschen außerhalb des Internets zu treffen und zu sehen, ob du dich in ihnen wiederfindest – oft machen sie im “Face-To-Face”-Kontakt einen anderen Eindruck als den, den man durch das Internet hatte.

Mein Leben, das Universum und ich

Wenn man anfängt, über Autismus zu lesen und sich damit zu identifizieren, wird man vielleicht seine Vergangenheit, seinen persönlichen Lebenslauf anders zu interpretieren. Bestimmte Ereignisse und Erfahrungen erscheinen nun in ganz anderem Licht.

Man sollte sich klarmachen, dass weder die alte noch die neue Version “die Wahrheit” sind. Es gibt keine Wahrheit, es gibt immer nur Interpretationen. Ob die Interpretation gut ist, könnte man daran entscheiden, ob sie hilfreich ist. Kann man Stärke daraus gewinnen? Kann man daraus lernen, unangenehme Erfahrungen in Zukunft zu vermeiden?

Asperger/Autismus-Diagnose

Ob man seinen Autismus-Verdacht durch eine_n Psycholog_in oder Psychiater_in abklären lassen will, muss jede_r selbst entscheiden. Es gibt Gründe für und auch gegen eine Autismus-Diagnose. Wenn du von Diagnosen nichts hältst und Autismus lieber als eine Kultur betrachtest, kannst du ohne “Genehmigung” autistisch sein. “Autistisch” ist (für uns) ein nicht-klinischer Begriff und daher an keine Diagnose gebunden. Man kann autistische Menschen als kulturelle Gruppe betrachte, ähnlich wie Geeks, Hiphopper_innen oder Kleingärtner_innen. Und man braucht ja auch keine Geek-Diagnose, um ein Geek zu sein.

Und auch wenn man (aus welchem Grund auch immer) eine Autismus-Diagnose hat, muss man sich nicht damit identifizieren, sich nicht darüber definieren, “autistisch” zu sein.

Ist es wichtig, ob man autistisch ist?

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass man die Wörter “Autismus” oder “Asperger-Syndrom” nur das sind: Wörter. Man wird kein anderer Mensch dadurch, dass man sich mit diesen Begriffen identifiziert – oder eben auch nicht. Warum ist es wichtig, ob man autistisch ist oder nicht? Es ist keine Krankheit und braucht keine Behandlung.

Viele Menschen, die sich dem autistischen Spektrum zurechnen, würden ihr Leben lang nicht so akzeptiert, wie sie sind. Was für eine Erleichterung, plötzlich eine Erklärung, eine “Genehmigung” dafür zu haben, so zu sein. Aber wäre es nicht viel schöner, wenn Freund_innen und Familie einen so akzeptieren würden, wie man ist, ohne dass man sich dafür erst ein Etikett aus einem Katalog psychischer Krankheiten zulegen müsste?

Zwar ist Autismus keine Krankheit. Aber der Erleichterungswert einer Autismus-Diagnose entsteht ja gerade dadurch, dass Autismus als eine von der Person getrennte Störung aufgefasst wird. Man kann es dann nicht mehr der Person anlasten, dass sie nicht so funktioniert, wie andere das erwarten – es ist “der Autismus”. Das ist ein zweischneidiges Schwert, denn die beschriebene Erleichterung ist oft verbunden mit einer Pathologisierung der eigenen Person.

In einer Kultur der Akzeptanz und Vielfalt gäbe es den Begriff Autismus nicht. In der realen Welt scheint es manchmal notwendig, Kompromisse einzugehen.

Im Zuge dieser Identitätsfindung sollte man darauf achten, dass man sein Selbstwertgefühl nicht (noch weiter) beschädigt. Dazu ist es hilfreich, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass unsere Gesellschaft auf nicht-autistische Menschen ausgelegt ist. Autistische Menschen haben darin Schwierigkeiten mit Reizüberflutung oder den Anforderungen an sozialen Kontakten – wenn wir die Welt für autistische Menschen gestaltet hätten, hätten vermutlich nicht-autistische Menschen Schwierigkeiten.

Gefällt Dir? Sag's weiter:
TwitterFacebook