Hochfunktionaler Autismus (High-Functioning-Autismus, HFA)
Colin Müller, M.A. | 01. 03. 2006
High-Functioning-Autismus (hochfunktionaler Autismus) ist keine formale Diagnose; im ICD-10 und im DSM-IV taucht sie nicht auf. Der Begriff wird meist verwendet, wenn jemand die Kriterien für eine Autismus-Diagnose erfüllt, aber “hochfunktionale”, intelligente Verhaltensweisen zeigt. Das kann, je nach Alter der Personen, heißen, dass sie lautsprachlich, schriftlich oder durch Gebärden kommunizieren, lesen, schreiben und rechnen können, alltagspraktische Dinge erledigen können, aber keinen Blickkontakt halten, nicht an Gesprächen teilnehmen, keine nonverbalen Hinweise verstehen usw. Diagnostiziert wird Autismus, der Zusatz “high-functioning” bzw. “hochfunktional” ist eine inoffizielle nähere Beschreibung.
Tony Attwood schreibt über “High-Functioning-Autismus”:
Uns ist seit vielen Jahren bekannt, das manche Kinder in ihrer frühen Kindheit die typischen Mermale des Autismus aufweisen, später jedoch die Fähigkeit entwickeln, komplizierte Sätze zu sprechen, und dass sie grundlegende soziale Fertigkeiten und normale intellektuelle Fähigkeiten herausbilden. Diese Symptome werden unter dem Begriff “High-Functioning-Autismus” zusammengefasst, einem Terminus, der in den Vereinigten Staaten weiterhin sehr gebräuchlich ist. Mir fiel auf, dass er vor allem auf Menschen angewandt wird, bei denen man in ihrer frühen Kindheit Autismus diagnostiziert hatte. Er wird weniger häufig bei Kindern verwendet, deren frühe Entwicklung nicht mit dem typischen Autismus übereinstimmte.
Gibt es einen Unterschied zwischen High-Functioning-Autismus und dem Asperger-Syndrom?
Bei High-Functioning-Autismus ist die allgemeine Sprachentwicklung verzögert, während dies beim Asperger-Syndrom laut Diagnosekriterien nicht der Fall ist. Aber was spielt es für eine 22jährige für eine Rolle, ob sie mit zwei oder mit drei Jahren angefangen hat zu sprechen? Viele Forscher_innen finden es nicht sinnvoll oder möglich, zwischen High-Functioning-Autismus und Asperger-Syndrom zu unterscheiden. Sowohl beim Asperger-Syndrom als auch bei High-Functioning-Autismus ist die Intelligenz durchschnittlich oder überdurchschnittlich (d.h. über 70). Die Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, der sozialen Kommunikation und im sozialen Verständnis existieren beim Asperger-Syndrom wie auch bei hochfunktionalem Autismus. Tony Attwood dazu:
Zahlreiche Studien haben untersucht, ob zwischen beiden unterschieden werden kann. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt legen die Ergebnisse nahe, dass kein bedeutsamer Unterschied zwischen beiden vorzuliegen scheint. Sie haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.
Er fügt hinzu:
Daher kann bei ein und demselben Kind in einer Gegend die Diagnose High-Functioning-Autismus und in einer anderen Asperger-Syndrom gestellt werden.
Tatsächlich geben viele Diagnostiker_innen (bei kaum erkennbarem wissenschaftlichen Unterschied zwischen Asperger-Syndrom und High-Functioning-Autismus) die Diagnose, die der betreffenden Person hilft, die notwendige Unterstützung zu bekommen – deshalb unterscheiden sich die Diagnose-Praxen von Land zu Land.
Attwood sieht wie inzwischen die meisten Forscher_innen Autismus als Spektrum:
Sowohl der Autismus als auch das Asperger-Syndrom befinden sich in denselben nahtlosem Kontinuum, und es wird immer Kinder geben, bei denen man nicht weiß, ob der Begriff wirklich angebracht ist.
Die Trennung der Begriffe und Diagnosen hat eher historische Gründe – Leo Kanner und Hans Asperger erfanden Autismus unabhängig voneinander – und sie gilt heute weitgehend als obsolet.
Wir lehnen nicht nur allgemein eine Trennung innerhalb des Autismus-Spektrums ab, sondern vor allem auch die Hierarchie in “high”- und “low-functioning”. Diese stellt eine Wertung dar, die von der neurotypischen Norm als erstrebenswertes Idealbild ausgeht; sie hierarchisiert und wertet Menschen und grenzt sie aus.
Die Attwood-Zitate sind seinen ebenfalls sehr lesenswerten Büchern entnommen.