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High Functioning Autismus: Was ist das?

Colin Müller, M.A.

High-Functioning-AutismusHigh-Functioning Autismus (hochfunktionaler Autismus) ist eine Form von frühkindlichem Autismus. In ICD und DSM ist er nicht einzeln gelistet. Die Bezeichnung wird meist verwendet, wenn die Person

  • die Kriterien für frühkindlichen Autismus erfüllt
  • die Sprachentwicklung verzögert ist und
  • bei einem Intelligenztest im normalen oder überdurchschnittlichen Bereich abschneidet.

Tony Attwood schreibt über High Functioning Autismus:

Uns ist seit vielen Jahren bekannt, das manche Kinder in ihrer frühen Kindheit die typischen Merkmale des Autismus aufweisen, später jedoch die Fähigkeit entwickeln, komplizierte Sätze zu sprechen, und dass sie grundlegende soziale Fertigkeiten und normale intellektuelle Fähigkeiten herausbilden. Diese Symptome werden unter dem Begriff “High-Functioning Autismus” zusammengefasst, einem Terminus, der in den Vereinigten Staaten weiterhin sehr gebräuchlich ist. Mir fiel auf, dass er vor allem auf Menschen angewandt wird, bei denen man in ihrer frühen Kindheit Autismus diagnostiziert hatte. Er wird weniger häufig bei Kindern verwendet, deren frühe Entwicklung nicht mit dem typischen Autismus übereinstimmte.

Autistische Kinder, deren frühe Entwicklung nicht typisch für frühkindlichen Autismus war (z.B. keine Sprachentwicklungsstörung) werden eher mit Asperger-Syndrom oder atypischem Autismus diagnostiziert.

Die Diagnose im ICD

Das ICD (das diagnostische Handbuch der WHO) listet Autismus unter F84, “Tiefgreifende Entwicklungsstörungen”. Frühkindlicher (Kanner-)Autismus trägt die Kennziffer F84.0, das Asperger-Syndrom läuft unter F84.1, und Atypischer Autismus unter F84.5. Weitere Kennziffern unter F84 bezeichnen andere “tiefgreifende Entwicklungsstörungen” wie z.B. das Rett-Syndrom.

High-Functioning Autismus trägt keine eigene Ziffer, er gehört zum frühkindlichen Autismus. Symptomatik und Diagnosekriterien sind somit die des frühkindlichen Autismus.

Denn Kanner-Autismus ist nicht gleichbedeutend mit einer Intelligenzminderung. Leo Kanner selbst sagt in seiner Erstbeschreibung autistischer Kinder:

Obwohl die meisten dieser Kinder irgendwann einmal als schwachsinnig gesehen wurden, sind sie alle unzweifelhaft ausgestattet mit guten kognitiven Potentialen… Der erstaunliche Wortschatz jener Kinder, die sprechen, das exzellente Gedächtnis für Ereignisse, die mehrere Jahre zurückliegen, das phänomenale Gedächtnis für das Auswendiglernen von Gedichten und Namen, und die präzise Erinnerung an komplexe Muster und Folgen, lässt eine gute Intelligenz erkennen – in dem Sinne, in dem das Wort üblicherweise gebraucht wird.

—Leo Kanner, 1943

Wie kann ich mir High Functioning Autisten vorstellen?

High Functioning Autisten haben eine normale oder überdurchschnittliche Intelligenz. Viele von ihnen sind als Erwachsene nicht mehr von Asperger-Autisten zu unterscheiden. Andere haben weiterhin Schwierigkeiten mit Lautsprache und kommunizieren schriftlich, mit Gebärdensprache oder mit Gestützter Kommunikation. Sie weisen die typischen Charakteristika des Autismus-Spektrums auf, z.B. Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und stereotype Verhaltensweisen.

Einige bekannte High-Functioning Autisten sind:

Der Begriff High-Functioning darf nicht mit einer Inselbegabung verwechselt werden. Das ist etwas ganz anderes, und Inselbegabungen im engeren Sinne sind auch unter autistischen Menschen selten. HFA bedeutet eine normale bis überdurchschnittliche allgemeine Intelligenz.

Diagnostik

Im Rahmen einer Diagnostik auf Autismus-Spektrum-Störungen finden ausführliche Gespräche statt, oft wird auch ein Autismus-Test wie z.B. ADOS verwendet. Kinder werden möglicherweise beim Spielen oder der sozialen Interaktion beobachtet, und ihre Sprachentwicklung und kognitiven Fähigkeiten werden überprüft.Man achtet auf eine Vielzahl von Symptomen wie z.B. der Blickkontakt, das Verständnis für soziale Situationen, Besonderheiten in der sozialen Interaktion, stereotype Bewegungen und Hinweise auf mögliche andere Störungen.

Zu einer Diagnostik gehört eine gründliche Feststellung des Entwicklungsstandes des Kindes, einschließlich seiner Stärken und Schwächen. Ein kurzes Abhaken des ADOS in einer Ambulanz mag zwar eine Diagnose bringen, aber danach sind mehr Fragen offen als beantwortet.

 

Die Diagnose kann von Ärzten oder klinischen Psychologen gestellt werden, in einer Praxis, Klinik oder Autismus-Ambulanz.

Gibt es einen Unterschied zwischen HFA und dem Asperger-Syndrom?

Die Merkmale von HFA und dem Asperger-Syndrom sind einander sehr ähnlich. Als unterscheidendes Merkmal gilt die Sprachentwicklung: Bei HFA gibt es eine deutliche Verzögerung der frühen Sprachentwicklung und sprachlichen Kompetenzen. Die Kriterien für das Asperger-Syndrom schließen eine allgemeine Sprachverzögerung aus. Aber was spielt es für einen 22jährigen Autisten für eine Rolle, ob er mit zwei oder mit drei Jahren zu sprechen angefangen hat?

Als weitere mögliche Unterschiede zwischen HFA und Asperger-Syndrom wurden genannt:

  • Menschen mit High-Functioning Autismus haben einen niedrigen verbalen IQ.
  • Sie haben oft bessere visuell-räumliche Fähigkeiten (=höherer praktischer IQ) als Menschen mit Asperger-Syndrom.
  • Sie haben weniger motorische Schwierigkeiten als Menschen mit Asperger-Syndrom.
  • Menschen mit HFA haben als Erwachsene häufiger Probleme, unabhängig zu leben.
  • Sie interessieren sich für viele verschiedene Themen, während die Interessen von Menschen mit Asperger-Syndrom stark fokussiert sind. Das ist jedoch sehr individuell.
  • Menschen mit Asperger-Syndrom schneiden bei Empathie-Tests besser ab; das könnte jedoch auch an der sprachlichen Natur vieler solcher Tests liegen.
  • Das Verhältnis von Jungen/Männern zu Mädchen/Frauen ist mit 4:1 viel kleiner als das für Asperger-Syndrom (8:1). Das könnte daran liegen, dass viele Mädchen und Frauen mit Asperger-Syndrom undiagnostiziert bleiben, während sie bei einer signifikanten Verzögerung der Sprachentwicklung eher einem Arzt vorgestellt werden.

Einen weiteren Artikel zum möglichen Unterschied von hochfunktionalem Autismus und dem Asperger-Syndrom findest Du hier: Asperger-Syndrom & High-Functioning Autismus: Gibt es einen Unterschied?

Die Diagnose High-Functioning Autismus in der Praxis

Viele Forscher finden die Unterscheidung zwischen hochfunktionalem Autismus und Asperger-Syndrom nicht sinnvoll oder möglich, weil die Symptomatik nicht eindeutig unterscheidbar ist. Die wissenschaftlichen Ergebnisse deuten darauf hin, dass es keine Unterschiede gibt, die so wesentlich sind, dass sie zwei unterschiedliche Diagnosen rechtfertigen. Tony Attwood dazu:

Zahlreiche Studien haben untersucht, ob zwischen beiden unterschieden werden kann. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt legen die Ergebnisse nahe, dass kein bedeutsamer Unterschied zwischen beiden vorzuliegen scheint. Sie haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

Er fügt hinzu:

Daher kann bei ein und demselben Kind in einer Gegend die Diagnose High-Functioning Autismus und in einer anderen Asperger-Syndrom gestellt werden.

Tatsächlich geben viele Diagnostiker (bei kaum erkennbarem wissenschaftlichen Unterschied zwischen Asperger-Syndrom und hochfunktionalem Autismus) die Diagnose, die der betreffenden Person hilft, die notwendige Unterstützung zu bekommen – auch deshalb unterscheidet sich die Handhabung der Begriffe in der Praxis von Land zu Land. In manchen Ländern bekommen Menschen mit der Diagnose HFA mehr Unterstützung als Menschen mit Asperger-Syndrom. Andererseits kann ein HFA-Befund in manchen Gegenden auch stärker stigmatisierend sein.

Attwood sieht wie inzwischen die meisten Autismus-Experten Autismus als Spektrum:

Sowohl der Autismus als auch das Asperger-Syndrom befinden sich in denselben nahtlosem Kontinuum, und es wird immer Kinder geben, bei denen man nicht weiß, ob der Begriff wirklich angebracht ist.

Die Trennung der Begriffe hat eher historische Gründe – Leo Kanner und Hans Asperger beschrieben Autismus unabhängig voneinander – und sie gilt heute weitgehend als obsolet.

Das spiegelt sich auch in der Neuauflage des DSM wider: Im DSM-5 sind keine unterschiedlichen Formen von Autismus mehr aufgeführt; sie wurden ersetzt durch die Bezeichnung “Autismus-Spektrum-Störung”.

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