Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Autismus: Oft werden noch weitere Diagnosen gestellt

Colin Müller, M.A.

Eine Reihe von Diagnosen wird bei Menschen mit Autismus oder Asperger-Syndrom häufiger gestellt als bei nicht-autistischen Menschen. Hier findest Du heraus, welche es sind.

Verwandte Entwicklungsauffälligkeiten

Es gibt eine Reihe von Entwicklungsauffälligkeiten, die oft zusammen mit Autismus auftreten. Sie sind aber nicht Teil des Autismus-Spektrum, d.h. nicht alle autistischen Menschen haben sie. Und es gibt auch nicht-autistische Menschen, die diese Besonderheiten haben.

autismus-komobiditaeten

Psychologen, die wenig Erfahrung mit dem Autismus-Spektrum haben, machen häufig einen Fehler: Sie diagnostizieren die motorische Ungeschicklichkeit eines Kindes, oder eine Lese-Rechtschreibschwäche, oder eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Sie übersehen, dass diesen oberflächlich sichtbaren Merkmalen Autismus zugrunde liegt, mit dem charakteristischen Schwierigkeiten in soziale Bereich und der Wahrnehmung.

Die Kinder werden dann nicht verstanden, und es wird an ihren Bedürfnissen vorbei “gefördert”.

Sogenannte “Entwicklungsstörungen”, die oft zusammen mit “Autismus-Spektrum-Störungen” auftreten, sind:

ADHS und ADS

ADHS wird charakterisiert durch eine Aufmerksamkeitsspanne mit deutlicher Hyperaktivität, während ADS gekennzeichnet ist durch eine kurze Aufmerksamkeitsspanne ohne deutliche Hyperaktivität.
Früher hat der Diagnose-Leitfaden DSM-IV es nicht erlaubt, bei einer Person sowohl eine Autismus-Spektrum-Diagnose als auch eine AHDS-Diagnose zu stellen. Diese Auffassung entspricht nicht mehr der dem Stand der Forschung, und wurde in der neuen Auflage (DSM-V) entfernt. ADHS und ADS kommen bei Menschen im Autismus-Spektrum häufiger vor als bei nicht-autistischen Menschen.

Falls man ADHS mit Psychopharmaka behandeln will, ist es wichtig zu wissen, dass autistische Kinder mit ADHS auf die gängigen ADHS-Medikamente manchmal schlecht ansprechen oder sogar konträr reagieren. Oft bringen Veränderungen an der Tagesstruktur oder den Lebensumständen mehr.

Tourette-Syndrom

Eine Person mit Tourette-Syndrom macht plötzliche, unwillkürliche Bewegungen und stimmhafte Geräusche, die sie nicht kontrollieren kann.
Das Tourette-Syndrom wird unter Menschen im Autismus-Spektrum etwas häufiger geschätzt (6 Prozent) als unter nicht-autistischen (2-3 Prozent).

Lese-Rechtschreibschwäche/Legasthenie/Dyslexie

Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche haben spezifischer Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben und Rechtschreibung, und auch mit der Interpretation von Landkarten, Stadtplänen, Diagrammen und Mustern.

Sowohl Autismus als auch Lese-Rechtschreibschwäche sind verknüpft mit der Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Es erstaunt deshalb nicht, dass Lese-Rechtschreibschwäche unter Menschen im Autismus-Spektrum häufiger vorkommt als bei nicht-autistischen Menschen.

Dyspraxie

Dyspraxie bezeichnet spezifische Schwierigkeiten, Bewegungen zu koordinieren. Solche Schwierigkeiten sind bei Menschen im Autismus-Spektrum verbreitet, besonders bei Menschen mit Asperger-Syndrom.

Sowohl die erste Beschreibung des Asperger-Syndroms wie auch spätere Forschungen beschreiben motorische Ungeschicklichkeit der Kinder, die als Dyspraxie gewertet werden können. Kinder im Autismus-Spektrum brauchen häufig länger, um Fähigkeiten zu erlernen, die motorische Geschicklichkeit verlangen, wie z.B. Fahrrad fahren oder das Öffnen einer Dose. Oft haben sie eine ungewöhnliche Körperhaltung und eine schlechte Koordination, schlechte Handschrift, oder Probleme mit der Hand-Auge-Koordination (z.B. Schwierigkeiten, einen Ball zu fangen). Die Ursache dafür kann in einer abweichenden Reizverarbeitung liegen (z.B. schlechte Körperwahrnehmung).

Weitere Diagnosen

Es gibt weitere Diagnosen, die häufig zusammen mit Autismus gestellt werden, aber nicht zu den sogenannten Entwicklungsstörungen zählen.

Autismus-Komorbiditäten Teil 2

Sensorische Integrationsstörung

Schwierigkeiten der Reizverarbeitung sind bei Menschen auf dem Autismus-Spektrum sehr häufig. Es gibt aber auch nicht-autistische Menschen, die Probleme mit der Reizverarbeitung haben, was oft “Sensorische Integrationsstörung” genannt wird. In offizielle Diagnose-Leitfäden taucht die Diagnose aber nicht auf. Manchmal kann es sinnvoll sein, wenn auch bei Menschen mit Autismus eine Sensorische Integrationsstörung gesondert diagnostiziert wird, manchmal ist das nicht notwendig.

Lernbehinderung

Der Anteil von Menschen im Autismus-Spektrum, die auch die Kriterien für eine kognitive Behinderung erfüllen, reicht je nach Studie von 25-70 Prozent. Die große Streuung der Ergebnisse spiegelt die Schwierigkeiten wider, die Intelligenz autistischer Personen zu messen. Manche IQ-Tests unterschätzen die Fähigkeiten von Menschen im Autismus-Spektrum.

Man muss auch bedenken, dass eine hohe Intelligenz z.B. bei Menschen mit Asperger-Syndrom hilft, autismus-bedingte Schwierigkeiten zu meistern; bei Menschen mit Lernbehinderung wird mit höherer Warscheinlichkeit die Diagnose Autismus gestellt.

Epilepsie

Menschen im Autismus-Spektrum haben häufiger Epilepsie als nicht-autistische Menschen. Die Wahrscheinlichkeit ist höher bei jenen autistischen Menschen, die auch eine Lernbehinderung haben – man geht davon aus, dass hier jeder vierte Epilepsie hat.

Fragiles X-Syndrom

Das Fragile X-Syndrom eine der häufigsten Formen einer erblichen Lernbehinderung. Es ist benannt nach einem Teil des X-Chromosoms, der gequescht und “fragil” aussieht, wenn man ihn unter dem Mikroskop betrachtet. Das Fragile-X-Syndrom betrifft ca. 2-5 Prozent der Menschen im Autismus-Spektrum.

Schlafstörungen

Schlafstörungen werden von den Eltern autistischer Kinder als auch von Menschen im Autismus-Spektrum selbst häufig berichtet, darunter Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen und extrem frühes morgendliches Aufwachen. Studien geben Zahlen von 53-78 Prozent an.

Angststörungen

Angststörungen sind unter Kindern und Erwachsenen im Autismus-Spektrum verbreitet. Verschiedene Studien geben eine stark unterschiedliche Raten von 11-84 Prozent an.

Möglicherweise liegt der Grund für die Angststörungen darin, dass viele Menschen im Autismus-Spektrum Schwierigkeiten haben, soziale Geschehnisse vorherzusagen, z.B. eine sichere Situation von einer gefährlichen zu unterscheiden. Wenn sie aber mehrfach negativ überrascht wurden (durch unerwartete, unangenehme, oder gefährliche Situationen, die sie nicht vorhergesehen haben), generalisieren sie vielleicht Vorsicht und Angst auch auf andere, eigentlich sichere Situationen.

Manche Angststörungen, wie die Sozialphobie, werden bei Menschen im Autismus-Spektrum selten gestellt, weil die Symptome durch Autismus besser erklärt werden können.

Zwangsstörungen

Auch Zwangsstörungen kommen unter Menschen im Autismus-Spektrum häufiger vor als bei nicht-autistischen Menschen. Zwangsstörungen sind charaktisiert durch einen inneren Drang, bestimmte Dinge wiederholt zu tun oder bestimmte Gedanken wiederholt zu denken. Die Person kann dem willentlich nichts entgegensetzen.
Häufige Zwänge sind z.B. das wiederholte Überprüfen, ob die Tür abgeschlossen oder der Herd ausgeschaltet ist.

Depression

Es gibt Hinweise darauf, dass Depressionen bei Menschen im Autismus-Spektrum häufiger sind, aber wenig systematische Erhebungen dazu. Depressionen hängen stark von der Lebenssituation ab. Angesichts der Probleme, mit denen autistische Menschen gehäuft konfrontiert sind (z.B. Mobbing, Arbeitslosigkeit, Armut, soziale Isolation), ist eine erhöhte Rate an Depressionen nicht verwunderlich.

Diagnosen für Verhaltensprobleme

Manchmal werden sehr unspezifische Diagnosen für unerwünschtes Verhalten vergeben:

  • Störung des Sozialverhaltens
  • Oppositionelles Trotzverhalten

Diese Bezeichnungen sind absolut nicht hilfreich. Sie bezeichnen einfach ein Verhalten, ohne irgendeinen Hinweis auf die Gründe zu geben.

Es kommt vor, dass ein Kind oder ein Erwachsener in Autismus-Spektrum eine dieser Diagnosen bekommt, wenn keine gründliche psychologische Untersuchung mit Erfragung der Entwicklungsgeschichte etc. durchgeführt wird.

Wenn das passiert, wird das Kind oder der Erwachsene und seine Familie wahrscheinlich falsch beurteilt, und die Folgen können schwerwiegend sein.

Rat an Eltern

Wenn ein Kind eine oder mehrere der oben genannten Diagnosen für Verhaltensprobleme bekommen hat, die Eltern aber der Ansicht sind, dass ihr Kind Merkmale des Autismus-Spektrums aufweist, ist der erste Schritt, das mit der Fachkraft zu diskutieren, die die Diagnose gestellt hat.

Wenn sie darauf beharrt, dass das Kind keine Form von Autismus hat, sollten die Eltern sich an eine Fachkraft wenden, die auf das Autismus-Spektrum spezialisiert ist.

Bezeichnungen für Verhaltensmuster oder Lernschwierigkeiten, die bei autistischen Menschen verbreitet sind

Einige Fachkräfte benannten einzelne Verhaltensweisen oder Lernschwierigkeiten, die unter Menschen im Autismus-Spektrum verbreitet sind, als einzelne Syndrome. Die Wissenschaft ist sich uneins in der Frage, ob diese sogenannten Syndrome jemals ohne die anderen charakteristischen Merkmale des Autismus-Spektrums auftreten.

Wenn die Entwicklungsgeschichte von Personen mit diesen Diagnosen erfragt, stellt sich oft heraus, dass eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum zutreffend ist. Insofern kann man diese Syndrome als Teil des Spektrums sehen:

Nonverbale Lernstörung

Wenn man sich die Kriterien für die Nonverbale Lernstörung ansieht, erkennt man, dass sie Menschen mit dem Sozialerhalten von Aspergern beschreibt, die zum Teil ebenfalls Probleme mit nonverbalen und visuell-räumlichen Aufgaben haben.

Semantisch-Pragmatische Sprachstörung

Kinder mit Semantisch-Pragmatischer Sprachstörung können grammatikalisch korrekt sprechen, sind aber nicht in der Lage, Sprache in sozial angemessener Weise zu nutzen bzw. verstehen die sozialen Aspekte von Sprache nicht. Dieses Muster ist charakteristisch für Menschen mit Asperger-Syndrom.

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