Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

LiBeraturpreis für “Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte”

Colin Müller, M.A.

Sabina Berman: Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchteSabina Bermans ungewöhnlicher Roman handelt von einem autistischen Mädchen, das eine Thunfischfabrik erbt und sich gegen mächtige Konkurrenten durchsetzt. Für “Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte” bekam die mexikanische Autorin den LiBeraturpreis 2012.

Das autistische Mädchen Karen führte eine namenlose Existenz, abwertend als “Ding” bezeichnet, “weil es gaga geboren ist”, bis ihre Tante Isabella nach dem Tod ihrer Schwester deren Thunfischfabrik übernahm. Doch Isabella bemüht sich sehr um das Mädchen, und als sie Karen, die in eine Schule für Lernbehinderte gesteckt wurde, einen Privatlehrer besorgt, zeigt sich immer deutlicher, dass Karen durchaus Begabungen hat – wenn auch einseitige: Sie hat ein hervorragendes Gedächtnis und großes Mitgefühl mit Tieren und kann sehr gut zeichnen. Lügen kann sich nicht und sprachliche Bilder und Metaphern bereiten ihr große Schwierigkeiten. Am wohlsten fühlt sich Karen in einem alten Taucheranzug, den sie in der Thunfischfabrik findet, fühlt sie sich wohl. Die Unterwasserwelt fasziniert sie.

Anlehnung an Temple Grandins Autobiografie

Sabina Berman scheint sich in einigen Punkten an Temple Grandins Autobiografie “Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier” zu orientieren: Was für Temple Grandin Rinder sind, sind für die fiktive Karen Nieto Thunfische. Sie hat ein ganz besonderes Verhältnis zum Meer und zu den Thunfischen und beginnt schließlich, Vorschläge und konkrete Pläne für die Thunfischfabrik zu machen. Schließlich studiert sie Zoologie an der Universität und als die Thunfischfabrik kurz vor dem Ruin steht, hat Karen den rettenden Plan, um sich auf dem Weltmarkt zu behaupten.

Wenn man Temple Grandins Leben im Hinterkopf hat, wirkt die Handlung nicht mehr ganz so originell, wie sie anfangs klingt. Aber es gibt nicht viele Bücher, die von autistischen Menschen erzählen, die sich in der Welt zu behaupten lernen. Und Sabina Berman erzählt mit großer sprachlicher Intensität und schafft eine runde, vieldimensionale Geschichte.

Karen setzt sich mit philosophischen Themen auseinander; besonders Descartes Satz “ich denke, also bin ich” ärgert sie, und sie entlarvt ihn als ein einseitiges und arrogantes Denken. Profit versus Ethik ist ein weiteres Thema, dass sich durch das Buch zieht und das die Charaktere immer wieder vor Entscheidungen stellt. Sabina Berman schafft lebendige, interessante Charaktere: Tante Isabella, eine eigenwillige und unabhängige Frau, die ihre eigenen Entscheidungen trifft, auch wenn ihre Umgebung diese missbilligt oder schlicht nicht versteht. Der autoritäre Professor Huntington, mit dem Karen während ihres Studiums aneinander gerät, weil sie sich nicht täuschen lässt von seiner preisgekrönten Erfindung zum angeblich “pietätvollen” Töten von Tieren. Gould, Globalisierungsgewinner und wie Huntington US-Amerikaner, der Millionen macht, indem er in Billiglohnländern produzieren lässt und in den reichen Ländern teuer verkauft.

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Die Autorin Sabina Berman

Die Autorin Sabina BermanSabina Berman wurde 1955 in Mexiko-Stadt als Tochter jüdischer Emigranten aus Osteuropa geboren. Sie studierte Psychologie und begann währenddessen mit dem Schreiben. Inzwischen ist sie eine der anerkanntesten Dramatikerinnen und Autorinnen Mexikos und erhielt zahlreich Auszeichnungen für ihre Werke. Allein mit dem mexikanischen Nationalpreis für Theater wurde sie viermal ausgezeichnet. “Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte” ist ihr zweiter Roman und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde.

Der LiBeraturpreis

Der LiBeraturpreis wird seit 1987 jährlich vom Ökumenischen Zentrum Christuskirche in Frankfurt am Main an Autorinnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika vergeben wird. Er soll die Aufmerksamkeit auf den kulturellen Reichtum der Länder des Südens lenken. Der LiBeraturpreis wird ausschließlich an Frauen verliehen, weil deren Werken üblicherweise noch weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als denen von männlichen Autoren.

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