Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Nicht mehr autistisch: Braucht Wirsing-Essen eine Diagnose?

Colin Müller, M.A.

Auf dem Kopf stehendes Cover des Buchs: Ein guter Tag ist ein Tag mit WirsingVia Twitter wurde ich auf einen Offenen Brief an Nicole Schuster aufmerksam. Darin kritisieren mehrere Menschen Nicole Schusters Entscheidung, sich nicht mehr als Autistin zu bezeichnen.

Nicole Schuster stand “als Autistin” stark im Licht der Öffentlichkeit. Sie schrieb eine Autobiografie über sich als Autistin, “Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing”, sowie verschiedene Bücher über Autismus, ließ ihren Alltag für eine Doku filmen und gab Interviews in Talk-Shows und Zeitschriften. Möglicherweise ist oder war sie für andere autistische Menschen eine Identifikationsfigur oder sogar ein Vorbild. Und jetzt? Nicht mehr autistisch? Muss man jetzt auch am eigenen Selbstbild zweifeln?

Nicole schrieb auf ihrer Website:

Als Autistin bezeichne und fühle ich mich nicht mehr. Diagnosen können zwar einem helfen, ein Stück seins Lebenswegs zu bewältigen. Sie sollten aber nie als unabänderliches Schicksal aufgefasst werden.

Eine Sache ist mir wichtig zu sagen:
Es ist einzig Nicole Schusters Angelegenheit, wie sie sich definiert. Andere Leute haben kein Recht darauf, dass Prominente sich so verhalten, wie sie das gerne hätten.

Nicoles Ansicht zu Diagnosen finde ich persönlich eine vernünftige Erkenntnis.

Nun zum Offenen Brief. Die Autoren des Offenen Briefs werfen Nicole Schuster zusammengefasst folgendes vor:

1. Durch ihre Aussage entstünde der Eindruck, Autismus sei heilbar oder könne überwunden werden. Nur: Nicole Schuster schreibt (meines Wissens) nirgends, sie sei geheilt oder hätte ihren Autismus überwunden. Sie schreibt nichts darüber, ob sie heute noch eine Autismus-Diagnose bekommen würde oder nicht. Sie schreibt lediglich, dass ihr die Identifikation mit Autismus früher geholfen hat, das jetzt aber nicht mehr tut.

2. Sein Leben als Autist zu meistern bedeutet nicht das man sich seinem unabänderlichen Schicksal hingegeben hat!
Auch das hat Nicole meines Erachtens nicht geschrieben. Sie schreibt, dass eine Diagnose nicht als unabänderliches Schicksal aufgefasst werden sollte. Diagnose sind Zuschreibungen von außen. Man kann sie als passend oder unpassend sehen, und natürlich kann man seine Ansicht dazu ändern.

Und natürlich kann man sein Leben immer nur als die Person meistern, die man ist – ob einem dabei (zeitweise) ein Label hilft oder nicht, hängt sicherlich von vielen Faktoren ab. Und, autistisch oder nicht, über die Jahre entwickelt man seine Persönlichkeit und seine Vorstellungen weiter und verändert dabei möglicherweise auch seine Selbstdefinition bzw. Identität.

Ich habe übrigens schon mehrere Personen getroffen, die sich früher als autistisch definiert haben (und teilweise auch eine Diagnose hatten), dies heute aber nicht mehr tun. Auch ich selbst dachte einmal, als ich einige Artikel über das Asperger-Syndrom gelesen hatte, dass die Beschreibungen auf mich passen könnten, jedoch würde ich mich nicht als autistisch definieren. Einige Personen bekamen die Diagnose Asperger/Autismus, als sie in einer wie auch immer gearteten Krise steckten – z.B. Erwerbslosigkeit. In dieser Krise wurde die Diagnose zum Halt und das eigene Anderssein zur vermeintlichen Ursache der Krise – und nicht etwa der Arbeitsmarkt. Nach einiger Zeit fiel ihnen dann auf, dass die Situation komplexer war und ihre Probleme sich nicht allein auf persönliche Eigenheiten zurückführen ließ.

3. Wenn Menschen die mit Ihrem Autismus gut zurechtkommen diesen verleugnen bzw. in den Hintergrund drängen entsteht ein falsches Bild von Autismus!
Ich fürchte, es gibt kein (einzig und objektiv) richtiges Bild von Autismus. Und ganz sicher wäre das Bild nicht authentischer, wenn eine Person, die sich selbst nicht (mehr) autistisch fühlt, sich weiterhin als Autistin präsentiert.

Eine Sache möchte ich noch zu bedenken geben: Die Erstunterzeichner des Offenen Briefs unterschrieben anonym. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche als überall geoutete (weil medial bekannte) Autistin herumzulaufen und “den Autismus” zu vertreten, das ist eine Entscheidung, die man für sich treffen kann. Aber nicht für andere.

Fazit: Man darf jeden Tag Wirsing essen, ohne sich autistisch zu fühlen. Genauso darf man, ob autistisch oder nicht, seine Essgewohnheiten ändern, wenn einem danach ist.

Wirsing

Gefällt Dir? Sag's weiter:
TwitterFacebook