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DSM-5: Diagnosekriterien Autismus-Spektrum-Störung

Autismus-Kultur

Inhaltsverzeichnis


  1. Veränderungen durch das DSM-5
  2. Diagnosekriterien Autismus-Spektrum-Störung im DSM-5 mit Beispielen
  3. Schweregrade der Autismus-Spektrum-Störung
  4. Anmerkungen


DSM-5

Veränderungen durch das DSM-5

Im DSM-5 gibt es einige Veränderungen im Vergleich zur Vorgänger-Ausgabe. Ich nenne und kommentiere hier diejenigen, die für den Autismus-Bereich relevant sind.

“Autismus-Spektum-Störung”

Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und atypischer Autismus wurden zu einer einzigen Diagnose “Autismus-Spektrum-Störung” zusammengefasst.

Das ist eine wichtige und sehr positive Entwicklung, die im Einklang mit der wissenschaftlichen Forschung steht.

“Neuronale Entwicklungsstörungen”

Die Gliederung wurde verändert: Autismus ist jetzt unter “Neuronale Entwicklungsstörungen” eingeordnet. In dieser Kategorie sind folgende Unterkategorien zu finden:

  • Intelligenzminderung
  • Kommunikationsstörungen inklusive Sprachstörungen und Störung der sozialen (pragmatischen) Kommunikation
  • Autismus-Spektrum-Störung
  • Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
  • spezifische Lernstörungen
  • Störungen der Motorik inklusive Tic-Störungen und Tourette-Syndrom

Hierunter wurden also Diagnosen gefasst, die ab der Kindheit bzw. ab der Geburt bestehen und auf neurologische Faktoren zurückzuführen sind.

Engere Kriterien

Die Kriterien für die Autismus-Spektrum-Störung wurden etwas enger gefasst. Im Bereich der sozialen Kommunikation müssen drei von drei Kriterien erfüllt sein, statt wie bisher zwei von vier. Allerdings müssen die Kriterien nicht aktuell erfüllt sein, es genügt, wenn das z.B. in der Kindheit der Fall war.

Zwei statt drei Teilbereiche

Früher waren soziale Kommunikation und soziale Interaktion zwei verschiedene Unterpunkte, jetzt wurden sie zusammengefasst werden. Das ist sicherlich sinnvoll, weil sich beides nicht wirklich trennen lässt.

Statt drei Teilbereichen gibt es jetzt also nur noch zwei:

Gute Autismus-Bücher

Unsere Leseempfehlungen

  • Defizite der sozialen Kommunikation und sozialen Interaktion
  • Restriktive, repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten

Schweregrade

Neu ist auch die Bestimmung von Schweregraden. Bei der Diagnosestellung wird bestimmt, wie gravierend die Schwierigkeiten sind. Dadurch will man den großen Unterschieden im Autismus-Spektrum diagnostisch gerecht werden.

“Soziale Kommunikationsstörung”

Fast unbeachtet ist eine neue Diagnose hinzugekommen: Die “Soziale Kommunikationsstörung”. Ähnlich wie das Autismus-Spektrum ist auch diese charakterisiert durch Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation, aber ohne restriktive, repetitive Verhaltensweisen oder Interessen, wie sie für eine Autismus-Spektrum-Diagnose Voraussetzung sind. Die “Soziale Kommunikationsstörung” wurde jedoch nicht in der Kategorie Autismus-Spektrum eingeordnet, sondern unter “Kommunikationsstörungen inklusive Sprachstörungen und Störung der sozialen (pragmatischen) Kommunikation”.

Nun hat das (US-amerikanische) DSM in Deutschland keine offizielle Gültigkeit, (Kassen-)Ärzte sind hierzulande verpflichtet, ihre Diagnosen nach dem ICD zu stellen. In den USA aber kann die Diagnose möglicherweise zu einem großen Problem für manche Menschen werden: Mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum haben Menschen dort Zugang zu bestimmten Formen von Unterstützung und auch zur öffentlicher Krankenversicherung. Menschen mit “Sozialer Kommunikationsstörung” werden unter Umständen genauso viele Probleme haben (z.B. in Schule, Job, sozialen Beziehungen) wie jemand mit Asperger-Syndrom. Welche Unterstützung man mit der Diagnose Soziale Kommunikationsstörung bekommt, scheint jedoch noch nicht ganz klar zu sein.

Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es meiner Meinung nach sinnvoller, die sogenannte “Soziale Kommunikationsstörung” als Teil des Autismus-Spektrums zu betrachten. Dies wird auch von Experten kritisiert. Die Einordnung im DSM-5 macht ein wenig den Eindruck, als wolle man aus politischen Gründen (“Kosten sparen”) einige autistische Menschen aus der Kategorie Autismus ausgliedern. Für Deutschland betrifft das im Moment (noch) nicht, aber Änderungen im DSM bewirken immer einen gewissen Druck auf das ICD, die Diagnosen zu “harmonisieren”. Insofern ist das sicherlich etwas, was man im Auge behalten sollte.

Diagnosekriterien Autismus-Spektrum-Störung mit Beispielen

Anmerkung: Die runden, unnummerierten Listenpunkte sind von mir hinzugefügte Beispiele. Sie sind nicht Teil der offiziellen Kriterien und dienen nur der Erläuterung und Veranschaulichung.

Autismus-Spektrum-Störung (299.00)

  1. Andauernde Defizite der sozialen Kommunikation und sozialen Interaktion, die sich über mehrere Lebensbereiche erstrecken und sich durch folgende Merkmale zeigen (aktuell oder in der Entwicklungsgeschichte):
    1. Defizite der sozial-emotionalen Reziprozität; diese reichen von sozialer Annäherung auf ungewöhnliche Weise und dem Fehlen von normaler, wechselseitiger Konversation über verringertes Teilen von Interessen, Emotionen und Affekt bis hin zu völligem Fehlen der Initiierung oder Erwiderung sozialer Interaktionen.
      • soziale Annäherung auf ungewöhnliche Weise
        • Ungewöhnliche Art, Kontakt aufzunehmen, z.B. aufdringliches Anfassen oder Ablecken anderer Menschen
        • Verwendung anderer Menschen als Werkzeuge
        • erzählt ohne Kontext anderen von seinem/ihrem Spezialinteresse
      • Fehlen von normaler, wechselseitiger Konversation
        • Schlechte Fähigkeiten im pragmatische/sozialen Gebrauch von Sprache, z.B. etwas Erzählen, ohne notwendige Hintergrundinformationen zu liefern; Verstehen, was gesagt wird, aber nicht, was eigentlich gemeint wird
        • Schwierigkeiten zu erkennen, wer wann dran ist mit Sprechen in einem Gespräch
        • keine Reaktion auf eigenen Namen (wenn gerufen oder angesprochen)
          keine Gespräche anfangen
        • einseitige Gespräche/Monologe/Vorträge
      • verringertes Teilen von Interessen, Emotionen und Affekt
        • Kein Zeigen auf Gegenstände (außer um sie zu bekommen)
        • erzählt nicht, was ihn/sie beschäftigt
        • Beeinträchtigung der geteilten (im Sinne von ‘gemeinsamen’) Aufmerksamkeit, sowohl in der Initiierung als auch in der Reaktion
      • völliges Fehlen der Initiierung oder Erwiderung sozialer Interaktionen
        • Initiierung sozialer Kontakte nur, um Hilfe zu bekommen
        • keine Reaktion auf Ansprache
    2. Defizite des nonverbalen kommunikativen Verhaltens in der sozialen Interaktion; diese reichen von schlecht integrierter verbaler und non-verbaler Kommunikation über Abweichungen in Blickkontakt und Körpersprache oder Einschränkungen beim Verstehen und Einsetzen von Gestik und Mimik bis zum völligen Fehlen von Gesichtsausdruck und non-verbaler Kommunikation.
      • Schwierigkeiten, Blickkontakt zur Kommunikation zu verwenden
      • Schwierigkeiten im Verständnis und in der Verwendung von Körperhaltungen (z.B. sich von Zuhörer wegdrehen)
      • Schwierigkeiten im Verständnis und in der Verwendung von Gesten (z.B. auf etwas zeigen, winken, nicken oder den Kopf schütteln)
      • Ungewöhnliche Intonation, Tonfall, Satzrhythmus, Betonung, oder Lautstärke
      • Beeinträchtigung bei der Verwendung von Gesichtsausdrücken (eingeschränkt oder übertrieben)
      • Fehlen von warmen, freudigen Ausdruck andere Menschen gerichtet
        Eingeschränkte Kommunikation der eigenen Gefühle (Schwierigkeiten, verschiedene Gefühle durch Worte, Tonfall oder Gesten auszudrücken)
      • Schwierigkeiten, verbale und non-verbale Kommunikation zu koordinieren (z.B. Schwierigkeiten, Blickkontakt oder Körpersprache und Worte aufeinander abzustimmen)
      • Schwierigkeiten, non-verbale Kommunikation zu koordinieren (z.B. Schwierigkeiten, Blickkontakt und Gesten aufeinander abzustimmen)
    3. Defizite, soziale Beziehungen in einer Weise zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, die dem Entwicklungsstand entspricht (außer denen mit Bezugspersonen); diese reichen von Schwierigkeiten, das Verhalten an den sozialen Rahmen anzupassen über Schwierigkeiten, sich in Rollenspiele mit anderen hineinzuversetzen oder Freundschaften zu schließen bis hin zu einem offensichtlich fehlendem Interesse an Menschen.
      • Schwierigkeiten, Freundschaften zu entwickeln und aufrechtzuerhalten
        • mangelnde “Theory of Mind”; Schwierigkeiten, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen (bei Kindern ab vier Jahren)
      • Schwierigkeiten, das Verhalten an den sozialen Rahmen anzupassen
        • bemerkt es nicht, wenn andere sich nicht für etwas interessieren
          reagiert nicht auf einen “Wink” (z.B. ermahnende Blicke, die mitteilen, dass eine andere Verhaltensweise gefragt ist)
        • sozial unangemessener Ausdruck von Gefühlen (Lachen oder Lächeln ohne erkennbaren Anlass)
        • ist sich sozialen Konventionen/ungeschriebenen Regeln/sozial angemessenem Verhalten nicht bewusst, stellt sozial unangemessene Fragen oder macht sozial unangemessene Bemerkungen
        • bemerkt es nicht, wenn andere traurig oder gestresst sind
          merkt es nicht, wenn er/sie in einem Spiel oder bei einem Gespräch nicht willkommen ist
        • eingeschränktes Erkennen sozialer Emotionen (weiß z.B. nicht, wie sein/ihr Verhalten emotional auf andere wirkt)
      • Schwierigkeiten, sich in Rollenspiele mit anderen hineinzuversetzen (Anmerkung: Von Rollenspiel/Phantasiespiel, das allein gespielt wird, ist nicht die Rede)
        • Mangelndes Rollenspielen/Phantasiespiel mit anderen (ab fünf Jahren)
      • Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen
        • versucht nicht, Freundschaften aufzubauen
        • hat keine bevorzugten Freunde
        • spielt nicht mit anderen zusammen, nur neben ihnen her (ab einem Entwicklungsalter von 24 Monaten)
        • erkennt es nicht, wenn andere sich über ihn/sie lustig machen
          spielt nicht gern in einer Gruppe von Kindern
        • spielt nicht mit Kindern seines/ihres Alters oder Entwicklungsalters (nur ältere oder jüngere)
        • würde gern Freundschaften schließen, versteht aber die Konventionen sozialer Interaktionen nicht (z.B. sehr bestimmend oder rigide; übermäßig passiv)
        • reagiert nicht auf soziale Kontaktversuche anderer Kinder
      • Fehlendes Interesse an anderen Menschen
        • Kein Interesse an Altersgenossen
        • in sich gekehrt, zurückgezogen, in seiner/ihrer eigenen Welt
        • versucht nicht, die Aufmerksamkeit anderer zu erlangen
        • scheint sich der Anwesenheit anderer Kinder oder Erwachsener nicht bewusst
        • eingeschränkte Interaktion mit anderen
        • bevorzugt es, Dinge alleine zu tun
  2. Restriktive, repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten, die sich durch mindestens zwei der folgenden Merkmale zeigen:
    1. Stereotype oder repetitive Sprache, Bewegungen oder Verwendung von Gegenständen (wie einfache motorische Stereotypien, Echolalie, repetitive Verwendung von Gegenständen, oder der Gebrauch idiosynkratischer Phrasen).
      • Stereotype oder repetitive Sprache
        • Pedantische oder ungewöhnlich förmliche Sprache (ein Kind spricht wie ein Erwachsener oder ein “kleiner Professor”)
        • Echolalie (direkte oder spätere Wiederholung von Gehörtem); das kann die Wiederholung von Wörtern, Sätzen oder ganzen Liedern oder Dialogen umfassen
        • Kauderwelsch (selbst erfundener Wortsalat nach einem Entwicklungsalter von 24 Monaten)
        • Sprache klingt wie “auswendig gelernt”
        • Idiosynkratische oder metaphorische Sprache (Sprache, die nur für diejenigen eine Bedeutung hat, die mit dem Kommunikationsstil der Person vertraut sind); Neologismen (Wortneuschöpfungen)
        • Pronomenumkehr (z.B. die Umkehrung von “du” und “ich”, nicht aber die bloße Verwechslung von Geschlechtspronomen)
        • spricht von sich selbst mit dem Namen (verwendet kein “ich”)
        • macht repetitive Laute wie z.B. kehlige Laute, ungewöhnliches Quietschen, eintöniges Summen
      • Stereotype oder repetitive Bewegungen
        • repetitive Handbewegungen (z.B. Klatschen, mit den Fingern schnipsen, mit den Händen wedeln, Hände oder Finger verdrehen)
        • stereotype Bewegungen mit dem ganzen Körper (z.B. von einem Fuß auf den anderen hüpfen, mit dem Oberkörper schaukeln, im Kreis drehen)
        • ungewöhnliche Körperhaltung (z.B. auf Zehenspitzen gehen, die Haltung des ganzen Körpers)
        • starke Verspannung des Körpers
        • ungewöhnliche Grimassen
        • repetitives Spiel/Handlung/anderes Verhalten (Anmerkung: Wenn es zwei oder mehr Bestandteile hat, ist es eine Routine und sollte unter B2 gezählt werden)
      • Stereotyper oder repetitiver Gebrauch von Gegenständen
        • Nichtfunkionales Spiel mit Gegenständen (z.B. mit Stöcken herumwedeln, Sachen fallen lassen)
        • Spielzeuge oder andere Gegenstände aufreihen
        • wiederholt Türen öffnen und wieder schließen
        • wiederholt Licht an- und ausschalten
    2. Übermäßiges Einhalten von Routinen, ritualisierte Muster an verbalem und non-verbalem Verhalten, oder übermäßiger Widerstand gegen Veränderungen (wie Bewegungsrituale, Beharren auf dem selben Weg oder dem gleichen Essen; wiederholtes Fragen oder extremer Distress bei kleinen Veränderungen).
      • Befolgen von Routinen
        • Routine: eine spezifische Aufeinanderfolge von Verhaltensweisen, die aus mehreren aufeinander folgenden Komponenten besteht
        • Beharren auf dem rigiden Befolgen spezifischer Routinen (Anmerkung: Zubettgeh-Routinen sollten nicht gezählt werden, es sei denn, das Ausmaß an rigidem Befolgen ist eindeutig atypisch)
        • Routinen, die in ihrer Art ungewöhnlich ist
      • ritualisierte Muster an verbalen und non-verbalen Verhaltensweisen
        • wiederholtes Fragen zu einem bestimmtes Thema
        • verbale Rituale (sagt bestimmte Dinge auf eine spezifische Art oder verlangt von anderen, dass sie das tun)
        • zwanghaft wirkendes Verhalten (z.B. Beharren darauf, sich drei Mal im Kreis zu drehen, bevor er/sie einen Raum betritt)
      • Widerstand gegen Veränderungen
        • Schwierigkeiten mit Veränderungen (sollte jenseits dessen liegen, was für Kinder des jeweiligen Entwicklungsstands typisch ist)
        • Überreaktion auf triviale Veränderungen (z.B. die Anordnung von Gegenständen auf dem Esstisch verändern oder einen andere Fahrroute wählen)
      • Rigides Denken
        • Schwierigkeiten, Humor und Witze zu verstehen
        • Schwierigkeiten, nicht-wörtliche Bedeutungen von Sprache zu verstehen, wie Ironie oder implizierte Bedeutungen
        • Übermäßig rigide, unflexibel oder regelfixiert im Verhalten oder Denken
    3. Fixierung auf sehr eingeschränkte Interessen, die in Intensität oder Thema ungewöhnlich sind (wie eine starke Bindung an oder Beschäftigung mit ungewöhnlichen Gegenständen; Interessen, die übermäßig eng umgrenzt sind oder denen sehr intensiv nachgegangen wird).
      • Interessen, die in ihrer Intensität ungewöhnlich sin
        eng begrenzte Interessen
      • auf wenige Gegenstände, Themen oder Aktivitäten fokussiert
      • Beschäftigung mit Zahlen, Buchstaben oder Symbolen
      • übermäßig perfektionistisch
      • Interessen, die thematisch ungewöhnlich sind
      • übermäßiger Fokus auf nicht-relevante oder nichtfunktionale Teile von Gegenständen
      • emotionale Verbundenheit zu einem unbelebten Gegenstand (z.B. ein Stück Schnur oder Gummiband)
      • besteht darauf, ungewöhnliche Gegenstände mit sich herumzutragen (dazu zählen keine Gegenstände, zu denen normalerweise eine Bindung aufgebaut wird wie Stofftiere oder Schmusedecken)
      • ungewöhnliche Ängste (z.B. Angst vor Menschen, die Ohrringe tragen)
    4. Über- oder Unterempfindlichkeit auf sensorische Reize oder ungewöhnliches Interesse an sensorischen Aspekten der Umgebung (wie die augenscheinliche Gleichgültigkeit gegenüber Schmerz, Hitze oder Kälte, ablehnende Reaktion auf bestimmte Geräusche oder Texturen, übermäßiges Riechen oder Berühren von Gegenständen, Faszination mit Licht oder sich drehenden Gegenständen).
      • hohe Schmerztoleranz
      • stochert sich in den eigenen Augen herum
      • intensive Beschäftigung mit Oberflächenstrukturen, Konsistenz oder Berührung (schließt sowohl Abneigung als auch Anziehung mit ein)
        • taktile Empfindlichkeit; mag es nicht, berührt zu werden oder mit bestimmte Gegenständen in Kontakt zu kommen
        • große Abneigung dagegen, die Haare oder Nägel geschnitten zu bekommen, oder gegen das Zähneputzen
      • Ungewöhnliche Beschäftigung mit visuellen Reizen
        • Genaue visuelle Untersuchung von Gegenständen oder sich selbst aus keinem erkennbaren Grund (z.B. Gegenstände in ungewöhnlichen Winkeln vor das Gesicht halten) (keine Sehbeeinträchtigung)
        • sieht Gegenstände und Menschen aus dem Augenwinkel an
          ungewöhnliches Blinzeln
        • extremes Interesse oder Faszination, Bewegungen von Gegenständen zu beobachten (z.B. sich drehende Räder am Spielzeug, sich öffnende und schließende Türen, Ventilatoren oder andere sich schnell bewegende Gegenstände)
      • in allen Bereichen sensorischer Reize ist zu berücksichtigen:
        • Ungewöhnliche Reaktionen auf sensorische Reize (z.B. großer Stress durch bestimmte Geräusche)
        • ungewöhnlicher und/oder ständiger Fokus auf sensorische Reize
      • ungewöhnliche sensorische Untersuchung von Objekten (riechen, hören, schmecken)
        • an Gegenständen riechen oder sie ablecken
      • Mehr Informationen zur Wahrnehmung von Menschen im Autismus-Spektrum
  3. Die Symptome müssen in früher Kindheit vorhanden sein, können sich aber erst dann voll manifestieren, wenn die sozialen Anforderungen die beschränkten Fähigkeiten übersteigen, oder später im Leben durch erlernte Strategien versteckt sein.
  4. Die Symptome führen zu klinisch bedeutsamer Beeinträchtigung im sozialen, beruflichen oder anderen aktuell wichtigen Funktionsbereichen.
  5. Die Symptome lassen sich nicht durch intellektuelle Behinderung oder globale Entwicklungsstörung besser erklären. Eine intellektuelle Behinderung und Autismus kommen häufig zusammen vor; um komorbide Diagnosen einer Autismus-Spektrum-Störung und einer intellektuellen Behinderung zu stellen, sollte die soziale Kommunikation unter dem erwarteten Niveau für die allgemeine Entwicklungsstufe sein.

Anmerkung: Individuen mit einer gut etablierten DSM-IV-Diagnose einer autistischen Störung, Asperger-Syndrom oder atypischem Autismus haben, sollte die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung erhalten. Individuen, die deutliche Defizite in sozialer Kommunikation haben, deren Symptome aber nicht die Kriterien für eine Autismus-Spektrum-Störung erfüllen, sollten auf eine Soziale Kommunikationsstörung untersucht werden.

Zusätzliche Spezifizierungen:

  1. mit/ohne intellektuelle Behinderung
  2. mit/ohne Sprachentwicklungsverzögerung
  3. Assoziationen mit bekannten medizinischen, genetischen Krankheiten oder Umweltrisikofaktoren
  4. Assoziationen mit entwicklungsneurologischen, psychologischen oder Verhaltensstörungen
  5. mit Katatonie

In den Bereichen A und B muss außerdem bei der Diagnostik der Schweregrad spezifiziert werden.

Schweregrade der Autismus-Spektrum-Störung

Grad 3: “Benötigt sehr beträchtliche Unterstützung”

Soziale Kommunikation

Schwere Defizite verbaler und non-verbaler Kommunikationsfähigkeiten verursachen schwere Beeinträchtigungen des Funktionierens, sehr begrenzte Anbahnung sozialer Interaktionen, und minimal Reaktion auf soziale Näherungsversuche anderer. Zum Beispiel eine Person mit wenigen Worten verständlicher Sprache, die selten Interaktionen initiiert und, wenn sie es tut, eine ungewöhnliche Herangehensweise wählt und nur auf sehr direkte soziale Näherungsversuche reagiert.

Restriktive, repetitive Verhaltensweisen

Mangelnde Flexibilität im Verhalten, extreme Schwierigkeiten, mit Veränderungen zurechtzukommen, oder andere restriktive/repetitive Verhaltensweisen beeinträchtigen das Funktionieren in allen Lebensbereichen. Die Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu richten oder die Aktivität zu wechseln, verursacht großen Distress und/oder große Schwierigkeiten.

Grad 2: “Benötigt beträchtliche Unterstützung”

Soziale Kommunikation

Ausgeprägte Defizite verbaler und non-verbaler Kommunikationsfähigkeiten; soziale Beeinträchtigungen sind auch mit Unterstützung offensichtlich; begrenzte Anbahnung sozialer Interaktionen; und verminderte oder ungewöhnliche Reaktionen auf soziale Näherungsversucher anderer. Zum Beispiel eine Person, die in einfachen Sätzen spricht, deren Interaktionen auf ein eng gefasstes Spezialinteresse begrenzt sind, und deren non-verbale Kommunikation ausgesprochen eigenartig ist.

Restriktive, repetitive Verhaltensweisen

Mangelnde Flexibilität im Verhalten, Schwierigkeiten, mit Veränderungen zurechtzukommen, oder andere restriktive/repetitive Verhaltensweisen kommen oft genug vor, um für einen zufälligen Beobachter offensichtlich zu sein und beeinträchtigen das Funktionieren in einer Vielzahl von Lebensbereichen. Die Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu richten oder die Aktivität zu wechseln, verursacht Distress und/oder Schwierigkeiten.

Grad 1: “Benötigt Unterstützung”

Soziale Kommunikation

Ohne Unterstützung verursachen die Defizite in der sozialen Kommunikation merkliche Beeinträchtigungen. Schwierigkeiten, soziale Interaktionen zu initiieren, und eindeutige Beispiele atypischer oder nicht erfolgreicher Reaktionen auf soziale Näherungsversuche anderer. Kann den Eindruck machen, kein Interesse an sozialer Interaktion zu haben. Zum Beispiel eine Person, die in ganzen Sätzen sprechen kann und mit anderen kommuniziert, die aber in der reziproken Kommunikation mit anderen scheitert, und deren Versuche, Freundschaften zu schließen, eigenartig sind und normalerweise nicht erfolgreich.

Restriktive, repetitive Verhaltensweisen

Mangelnde Flexibilität im Verhalten verursacht eine wesentliche Beeinträchtigung des Funktionierens in einem oder mehreren Lebensbereichen. Schwierigkeiten zwischen verschiedenen Aktivitäten hin und her zu wechseln. Probleme mit Organisation und Planung können ein unabhängiges Leben erschweren.

Anmerkungen

  • Weil mir die deutschsprachige Version des DSM-5 nicht zugänglich war, habe ich die Kriterien selbst aus dem Englischen übersetzt. Meine Übersetzung ist natürlich nicht offiziell und kann in Details von der offiziellen Version abweichen.
  • Die Diagnosekriterien richten sich an psychiatrische Fachkräfte. Laien wird ausdrücklich davon abgeraten, anhand der DSM-5-Kriterien zu versuchen, Diagnosen zu stellen. Wir zeigen Diagnosekriterien und Beispiele hier lediglich als allgemeine Informationen über Autismus und um verständlich zu machen, wie Autismus diagnostiziert wird.

Zu den Beispielen und Diagnosekriterien

  • Die Beispiele sind nicht erschöpfend; es gibt auch andere Verhaltensweisen, die das jeweilige Kriterium erfüllen.
  • Ein einziges zutreffendes Beispiel ist nicht immer genug, um das Kriterium als erfüllt zu betrachten. Man muss dabei im Blick behalten, ob das Verhalten aus dem Beispiel eindeutig ungewöhnlich ist und ob es in mehreren Lebensbereichen auftritt.
  • Man sollte es vermeiden, durch dasselbe Verhalten zwei Kriterien “abzuhaken”. “Repetitiv die Ohren zuhalten” könnte zum Beispiel Kriterium B1 erfüllen, weil es eine repetitive Bewegung ist, oder B4, weil es eine abwehrende Reaktion auf ein Geräusch ist. Es gibt aber auch facettenreiche Verhaltensweisen, die mehrere Kriterien erfüllen können.
  • Verhaltensweisen, die derzeit nicht präsent sind, können zur Diagnose herangezogen werden. Es reicht, wenn sie in der Vergangenheit vorkamen.
  • Manche der genannten Beispiele sind in einer bestimmen Altersstufe normal. Ein Kriterium sollte nur als erfüllt betrachtet werden, wenn das betreffende Verhalten für das jeweilige Alter und die allgemeine Entwicklungsstufe eindeutig ungewöhnlich ist.

DSM-5: Diagnosekriterien Autismus-Spektrum-Störung (ASS)

Buch: Geniale Störung. Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. Steve Silberman
Buch: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom. Von Kindheit bis Erwachsensein - alles was weiterhilft. Tony Attwood
Buch: Von der Dose bis zur Arbeitsmappe. Ideen und Anregungen für strukturierte Beschäftigungen in Anlehnung an den TEACCH-Ansatz. Heike Salzbacher
Buch: Buntschatten und Fledermäuse. Mein Leben in einer anderen Welt. Axel Brauns
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