Kein Mitleid für Mörder |
| Geschrieben von enfant terrible | |
| Freitag, 07 Dezember 2007 | |
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Normalizing murderous thoughts is not support" (Normalisierung von Mordgedanken ist keine Unterstützung) - so nannte die Autorin des Blogs Ballastexistenz ihren Artikel, der mit den Worten beginnt:
(Meine Mutter schrieb mir vor einigen Wochen, um klarzustellen, dass sie niemals, nicht einmal daran gedacht habe, mich zu töten. Das war einer dieser surrealen Momente, wo ich da saß und dachte: "Wenn ich nicht autistisch, nicht behindert wäre, würde sie vermutlich nie das Bedürfnis verspüren, mich von etwas zu überzeugen, das vorausgesetzt werden sollte. Und ich denke, eine nicht behinderte Person wäre irritiert, aus heiteren Himmel eine solche Nachricht zu bekommen. Ich wünsche mir, ich wäre auch irritiert über dieses Warum.) Dieser Artikel ist eine von vielen Reaktionen auf die Pressemeldungen über Mütter, die ihre autistischen Kinder ermordeten oder dies versuchten. Die merkwürdige Botschaft, die die Pressemeldungen transportierten, ist stets die selbe: die armen Mütter seien überfordert gewesen. Diese Aussage suggeriert, dass Mord eine natürliche Folge darstellt, wenn man ein autistisches bzw. behindertes Kind aufziehen muss und bei diesem "schweren Schicksalsschlag" keine ausreichende "Unterstützung" bekommt. Der Tötungswunsch ist demnach nicht etwas, das von dem Mörder ausgeht, sondern etwas, das "solchen" Kindern per se anhaftet.
(Am 9. Juni [2006 Anm.d.Ü.] Chicago Tribune veröffentlichte einen Artikel des Reporters Meg McSherry Breslin über den Fall McCarron. Der Titel "Mord an der Tochter rückt den Tribut des Autismus ins Blickfeld" macht den Tenor des Artikels nur allzu deutlich. Am meisten Platz in diesem Artikel erhielten anteilnehmende Kommentare für Karen McCarron [Mutter und Mörderin von Katie McCarron, Anm.d.Ü.] und negative Kommentare über Autismus als solches, anstelle von Beschreibungen des Opfers oder Kommentaren der tief trauernden Familienangehörigen, die über die Pressemeldungen und Kommentare sogenannter "Advokaten" entsetzt waren.) Stephen Drake fährt fort in seiner Pressemitteilung "Not Dead Yet":
(Auch sollten die Autism Society of Illinois und die Gruppe ANSWERS ihre Strategie überdenken. Mike McCarron, Großvater von Katie McCarron [Opfer, Anm.d.Ü.], schrieb, dass er sich von "Advokaten" verlassen und verraten fühlt. Diese Vorführung von "Schreckensszenarien" über Autismus ist für ihn und seine Familie beleidigend und schmerzhaft. Diese Gruppen müssen sich fragen, wen genau sie vertreten sollen. Ist es die trauernde McCarron-Familie? Die fühlt sich nicht unterstützt. Sind es Kinder wie Katie? Warum beschuldigen sie dann das Opfer? Oder ist es Karen McCarron, mutmaßliche Mörderin?) Mit seinem Bericht "Sie sorgte sich, sammelte Spenden - dann erstickte sie ihre Söhne" reiht sich nun der Spiegel in diesen entsetzliche Trend ein:
An allerersten Stelle wird ein, wohlgemerkt ermordetes, Kind als Sammelsurium angeborener „Defekte“ (sonst nichts) beschrieben - als tragisches Schicksal und Ursache der "Verzweiflungstat" seiner Mutter. Auch in weiteren Zeilen geht es nur um Liams "Krankheiten" und Bekundungen seiner Eltern, dass sie "um ihn kämpfen". Mir stellt sich die Frage: was hat es mit seiner Ermordung zu tun?
Erst im letzten Abschnitt des Artikels werden "religiöse Phantasien" der Mutter und schließlich "Beziehungsprobleme" und Trennung der Eltern erwähnt. Leider wird im Spiegel-Artikel überhaupt nicht erklärt, warum das eine Verzweiflungstat genannt wird. Ein ermordetes Kind, Liam, wird als Ursache der Tat geschildert, und zwar in einer Weise, die Mitleid für die Mutter und Mörderin wecken soll.
Die Kommentare im Forum von Aspies e.V. unterscheiden sich zu meinem Entsetzen nicht von denen, die in ähnlichen Mord-Fällen (s.o. Fall McCarron) gemacht worden sind. So schrieb Rainer:
Welche Parallelen machen Rainer nachdenklich? Dass noch eine Mutter einen autistischen Sohn mit Herzfehler hat? Dass sie ihn töten könnte?
Rainers Zeilen suggerieren, dass Mord eine Folge von Überforderung sei, die bei Eltern autistischer Kinder vorausgesetzt werden könne, will heißen: autistische Kinder seien so arg anstrengend, dass sie den Wunsch provozieren, sie zu töten. Und wenn die Eltern keine ausreichende Unterstützung erhalten - was immer sich Rainer konkret darunter vorstellt -, könnten sie ja dem Wunsch nachgeben. Es scheint dabei niemandem aufzufallen, dass bei Ermordung oder Misshandlung "normaler" Kinder ganz anders argumentiert wird: Es kommt niemand auf die haarsträubende Idee, die Ursache des Mordes bei dem ermordeten/misshandelten Kind zu suchen. Auch Gerichtsurteile und Presseartikel fallen in solchen Fällen anders aus. Joel Smith schreibt in seinem Artikel "Murder of Autistics"
(In den meisten Fällen befanden die Gerichte die Eltern, Ärzte oder Betreuer, die den Tod dieser Autist_innen herbeiführten, für schuldig. Allerdings nur sehr selten des Mordes schuldig, und die Strafen tendieren dazu, sehr leicht auszufallen.) Zum Vergleich recherchierte Joel Smith zu Mordfällen an nicht-autistischen Kindern und kam zu einem schauderhaften Ergebnis:
(Jemanden, der plante, sein Kind zu töten, oder der betrunken einen Autounfall hatte, erwarten Jahre im Gefängnis, während Eltern, die ihre Kinder vorsätzlich ermordet haben, kommen ohne Haftstrafe davon, und das nur deshalb, weil ihre Kinder zufällig autistisch waren.) Aber was ist mit den Eltern? Das wird gesagt, um den Blickwinkel von dem Kind, das ermordet wurde, auf die Eltern, die angeblich nicht genügend Unterstützung bekamen, zu verschieben. Wenn es um ein "normales" Kind ginge, das von überforderten Eltern ermordet worden wäre, bekäme der Mörder trotz aller Erklärungen seine Haftstrafe, und kaum jemandem würde einfallen, für den Mörder Verständnis und Mitleid zu fordern. Doch sobald in Bezug auf das Opfer das Wort "behindert" fällt, ist der Mord plötzlich kein Mord mehr, sondern eine "Verzweiflungstat". Unterschiedliche Gewichtung der Ermordung "normaler" und "behinderter" Kinder - sowohl in der Presse, im öffentlichen Diskurs wie auch in der Rechtsprechung - macht deutlich, dass dem Leben "behinderter" Menschen ein geringerer Wert beigemessen wird. Und es macht mich sprachlos, wenn ich lese, dass manche Personen aus der Autisten-Community mit ihren Statements selbst noch dazu beitragen.
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