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Zwischen Mitleid, Mord und den Anfängen einer sozialen Bewegung

Geschrieben von Colin   
Sonntag, 07 Dezember 2008
Autismus-Nachrichten: Der Mord an dem zwölfjährigen Kyle Dutter; Autisten protestieren gegen McKinnons Auslieferung; Nicole Schuster diskriminiert Behinderte am Tag der Behinderten und die Zahl der Masern-Fälle steigt, weil viele Eltern ihre Kinder nicht mehr impfen - aus unbegründeter Angst vor Autismus.

In memoriam: Kyle Dutter

Ich fange mit dem schwierigsten Thema an: Am 18. November wurde der zwölfjährige Kyle Dutter erschossen - von seinem eigenen Vater. Kyle Dutter ging in die sechste Klasse der Glacier Creek Middle School in Cross Plains, Wisconsin. Sein Vater steckt ihn ins Auto, fuhr ein Stück, parkte und erschoss seinen Sohn. Kurz darauf erschoss der Vater sich selbst. In den Medien wird der Mord und der Suizid der Überlastung des Vaters durch seinen autistischen Sohn zugeschrieben. Dafür gibt es jedoch keine konkreten Anhaltspunkte. Bekannt ist, dass der Vater, ein Makler, vor kurzem Insolvenz angemeldet hatte, möglicherweise eine Folge der Finanzkrise.

Der Mord reiht sich ein in eine entsetzliche Reihe von Morden an Autist_innen: Erst im September war der dreizehnjährige Jacob Grabe von seinem Vater erschossen worden. Jacob Grabe ging in die achte Klasse der Grand Mesa Middle School, Colorado. Sein Vater wurde inzwischen des Mordes und Kindesmissbrauchs mit Todesfolge angeklagt.
Katie McCarron, Ulysses Stable, Jacob Grabe, Kyle Dutter und viele andere - wie viele noch?

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Kyle Dutter

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Jacob Grabe

Diese Morde wurden wieder dazu benutzt, zu betonen, wie schwer das Leben der Eltern autistischer Kinder sei, dass die Eltern autistischer Kinder mehr staatliche Unterstützung bräuchten und vor allem: dass diese Morde nicht vergleichbar seien mit anderen Morden von Eltern an ihren ("normalen") Kindern.

Antworten auf solche Reaktionen gibt es zum Beispiel von Joel in seinem lesenswerten Artikel "When did respect for life become political?":

Well, yep, we do need better support for autistic people and our families. I’ve never disagreed on that. But it doesn’t justify murder, nor should it keep people from making a strong statement against murder."

Kevin (LeftBrain/RightBrain) schreibt:

There can’t be any excuses for this. None. Kyle’s killer may well have been suffering from financial pressures or other kinds of pressure and the locality may well have had a severe lack of appropriate autism services – so what? That is no excuse – and never should be – for picking up a weapon and taking away someone elses options and life."

Über dieses Thema haben wir auch in den Artikeln Kein Mitleid für Mörder und Täter und Opfer oder Für wen gilt das Grundrecht auf Leben? geschrieben.

Gulli titelt: Autisten protestieren gegen McKinnons Auslieferung

Einerseits: Ja, der Artikel und viele der Zitate darin sind pathologisierend.
Andererseits: Hier treten Autist_innen als soziale Bewegung in Erscheinung - jenseits von der Forderung nach Aufklärung über Autismus und besserer Diagnosekompetenz der Ärzte. Finde ich eine spannende Entwicklung: Autist_innen sind hier einmal nicht (nur) diejenigen, über die gesprochen wird, sondern handelnde Personen, und zwar bei einem Thema, dass weit über den Autismus-Diskurs hinausreicht.

Peinlich... Nicole Schuster diskriminiert Behinderte am Tag der Behinderten

Dass die Berufsautistin Nicole Schuster in den Medien gern den Eindruck erweckt, für alle Autist_innen zu sprechen, ist mir ein Anlass, mich von solchen behindertenfeindlichen Aussagen zu distanzieren:

Zitat von Schuster in der Tagesschau:

Ich fühle mich zwar im Alltag oft behindert und bezeichne Autismus auch als Behinderung, etwas was ich am liebsten loswerden würde. Aber wenn ich auf der anderen Seite sehe, wie groß der Leidensdruck bei Menschen mit schweren Behinderungen ist - Blinde, die nie eine Rose sehen können oder Menschen, die nur im Rollstuhl sitzen - dann denke ich immer, meine Probleme sind so klein. Es ist ein Tag, der mich nachdenklich macht, der mich reflektieren lässt, was für eine leichte Behinderung dieser Asperger-Autismus ist.

Ich war sprachlos, als ich das gelesen habe. Die Aussage zeigt eine sehr unreflektierte Haltung aus einer normativistischen und herablassenden Haltung heraus; Schuster scheint behinderte Menschen lediglich als bemitleidenswerte Objekte, als eine Projektionsfläche ihres Gutmenschentums zu sehen. Offensichtlich hat Schuster sich niemals mit dem Thema Behinderung und der damit verbundenen sozialen Bewegung auseinandergesetzt. Dass diese Aussage von einer Person kommt, die für sich in Anspruch nimmt, für autistische Menschen in der Öffentlichkeit zu sprechen (ohne sich darum zu scheren, dass viele von diesen damit nicht einverstanden sind), ist schlicht skandalös.

Masernepidemie in Großbritannien befürchtet

Die Zahl der Masernfälle in Großbritannien steigt sprunghaft an, weil viele Eltern ihre Kinder nicht mehr impfen lassen - sie befürchten, dass ihre Kinder durch die Impfung autistisch werden könnten. Dass sämtliche wissenschaftlichen Studien dies widerlegten, scheint sie dabei nicht zu stören. Für Deutschland, Österreich, die Schweiz und andere europäische Länder werden ähnliche Anstiege beobachtet.

Masern gelten zu unrecht als harmlos:

  • 1 von 2.500-5.000: Tod
  • 1 von 10: Behandlung im Krankenhaus
  • 1 von 1.000: Meningitis
Mehr darüber bei LeftBrainRightBrain.