Auswirkungen einer gestörten Welt |
| Geschrieben von Dinah KC Murray | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Montag, 07 April 2008 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Autismus ist eine Disposition, die erst im 20. Jahrhundert als Störung definiert wurde. Zwei von den drei Hauptkriterien für eine Autismus-Diagnose drehen sich um soziale Beziehungen – die andere Seite der Gleichung ist dabei die Gesellschaft. Und deshalb untersucht dieses Kapitel, anstatt sich auf die Vorstellung von Autismus als einer den Individuen inhärenten Störung zu konzentrieren, die mögliche Auswirkung der Gesellschaft und gesellschaftlicher Veränderungen auf autistisches Vermögen, im Einundzwanzigsten Jahrhundert gut zurechtzukommen und zum Gemeinwohl beizutragen. Die meisten dieser Veränderungen hatten negative Auswirkungen, doch in einem Wachstumsbereich entstand eine florierende, neue, autismusfreundliche Umgebung: Informationstechnologie und das Internet. Sich auf das Korrigieren einer Störung zu konzentrieren, ist kontraproduktiv. Effektive Kommunikation ist ein zentrales Bedürfnis aller menschlichen Wesen. Umfassende Forschungsergebnisse und persönliche Berichte über Autismus lassen auf eine Vielzahl von Gründen schließen, warum gesprochene Sprache für autistische Menschen eine besondere Herausforderung sein kann. Computer umgehen die meisten dieser Probleme. Nichtsdestotrotz stehen derzeit die Chancen autistischer Erwachsener auf Zugang zu Computern oder zum Internet eher schlecht. In Großbritannien etabliert das neue Behindertengesetz einen Rechtsanspruch auf technische Hilfen für alle, die eine kommunikative Behinderung haben.
Autismus wird gegenwärtig allein durch Störungen definiert (siehe Diagnosekriterien[1]). Diese Fokussierung auf
Sicherlich müssen wir uns mit diesen jungen Menschen, die so leicht ausgeschlossen werden, in Verbindung setzen, und sicherlich müssen wir sie unterstützen und ihnen die Chance geben, mit uns eine geteilte Welt zu erfahren und in ihr zu gedeihen. Aber da gibt es keine Krankheit zu heilen – sondern eine Art zu sein, zu denken und wahrzunehmen, an die man sich anpassen muss. Selbst das, über was man als
Lorna Wing, die seit langem mit der *
Wie schwierig autistische Kinder auch sein mögen, wie hart es für Familien manchmal auch sein mag, zurecht zu kommen – Autismus ist nicht einfach nur schlecht. Dennoch werden Forschungsergebnisse, in denen autistische Stärken entdeckt werden, hartnäckig ignoriert oder negativ interpretiert. Ein typisches Beispiel für diesen Trend wäre die Interpretation der höheren Genauigkeit autistischer Experimentteilnehmender als
Die Diagnosekriterien anzuwenden bedeutet, Annahmen über das Typische und das Wünschenswerte bestimmter Verhaltensmuster zu machen. Als autistisch identifiziert zu sein, bedeutet, als jemand zu gelten, der_die alle möglichen von der Norm abweichenden Dinge in von der Norm abweichender Art und Weise tut. Wie erkennen wir das Typische, von dem diese Verhaltensweisen abweichen? Dafür gibt es zwei Möglichkeiten, eine davon ausdrücklich subjektiv und wertebeladen: Sicherlich, die Diagnosekriterien erschaffen nicht jene Wertvorstellungen, die sie transportieren, aber sie legitimieren diese abwertenden Werte. Der Missachtung des Atypischen auf dem Spielplatz drücken sie den Stempel der Autorität auf: Kinder mobbten und quälten mich unablässig über Jahre hinweg. Sie beschimpften mich, bedrohten mich, ignorierten mich und wiesen alle meine Bemühungen, mich einer Gruppen-Unterhaltung anzuschließen, zurück. Ich fühlte mich wie ein Außerirdischer auf einem Planeten, der nicht meiner war. Oft wurde ich sehr traurig und depressiv, obwohl ich weiterhin hartnäckig meine besten akademischen Leistungen in der Schule zeigte und vorwiegend As (und einige Bs) nach Hause brachte.Scott Robertson[7]
Das Thema der Entfremdung taucht immer wieder in persönlichen Berichten über Autismus auf, siehe zum Beispiel Ooops!...Wrong Planet Syndrome (eine frühe autistische Website, ein Klassiker, jetzt als Archiv verfügbar), O’Neills
In ihrem Buch
Dank der ganzen Fassade der Zivilisiertheit, die ich als[14]hochfunktionaleautistische Person habe, kann ich wenigstens wählen, wann ich „normal“ zu sein habe und wann nicht. Nicht jede_r mit Autismus hat diese Wahl, entweder weil sie nicht normal erscheinen können – ungeachtet welcher auch immer therapeutischen Ziele, die ihnen aufgezwungen wurden – und unabwendbare Folgen der gesellschaftlichen Verdammung erleiden, oder weil sie für ihre Abnormität so rigoros bestraft wurden, dass die Maske [der Normalität] alles ist, was sie kennen. Ich hätte zweifelsohne von diesen beiden der zweite werden können, und möglicherweise bin ich oft gegen meinen Willen auch der erste.
Dieses Muster autistischer Erfahrungen ergibt sich daraus, dass man autistische Kinder als defizitär betrachtet und sich exzessiv darauf konzentriert, ihre Defekte zu reparieren, insbesondere die, die ihre Selbstdarstellung betreffen, und dazu gehört auch gesprochene Sprache (Goffman[15], Murray[16]). Eine derartige Fixierung auf das Negative erscheint kontraproduktiv und kann zumindest manchmal in Bereichen der Stärken eine Verschlechterung bewirken bei schwachem oder keinem Gewinn in Bereichen der Schwächen. Kuschner et al (2006) folgern:
Unten stehen einige Zahlen aus der Dissertation von Lynn Mawhood über die Entwicklungsverläufe Erwachsener[18]. Ich bin nicht qualifiziert, diese unter statistischen Aspekten zu analysieren, aber ich glaube, es gibt einige erkennbare Tendenzen. Tatsächlich passen diese Tendenzen in das gut bekannte Schema: Unter Berücksichtigung, dass WISC und WAIS IQ-Werte nicht wirklich vergleichbar sind, scheint der verbale IQ der einziger Bereich zu sein, in dem sich fast jede_r Teilnehmer_in der Mawhood-Studie verbessert hat (wir wissen nichts über h, und der verbale IQ von a blieb einigermaßen stabil). Wir können annehmen, dass diese Tendenz ein Ergebnis des sozialen Drucks und der Erziehungsziele ist, während diese ihrerseits auf einem natürlichem Verlangen beruhen, mit diesen schwer zugänglichen Kindern erfolgreich zu kommunizieren und ihnen zu helfen, Wege zu finden, ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Die Folge dessen kann allerdings die Forderung sein, Konformität mit sozialen Normen zu erlangen in den Bereichen, in denen autistische Kinder am meisten Schwierigkeiten haben. Vertrauen ist dabei ein wichtiger Punkt. Einzelne psychometrische Daten zur Zeit 1 – kleine Kinder und Zeit 2 – junge Erwachsene (Personen, für die keine Daten nach Raven zur Zeit1 vorliegen, wurden weggelassen) – Zahlen aus der Dissertation von Lynn Mawhood (op. cit)
Laut Wikipedia ist Jeder von diesen jungen Menschen startet im Leben mit einem höheren Raven- als einem Verbal-IQ, in vielen Fällen auffallend höher, siehe zum Beispiel a, b und m. Am wenigsten gilt es für n, die_der als einzige_r einen höheren Handlungs-IQ als Raven zur Zeit 1 aufweist: von einer ziemlich niedrigen allgemeinen Basis ausgehend, ist n in jedem Bereich erfolgreich, verbessert sich um 44 Punkte im Raven-IQ und ist dabei die einzige Person in dieser Gruppe, die einen deutlichen Zuwachs im Bereich des Handlungs-IQ erreichte. L's Raven- und WISC-Werte sind fast gleich, da sie jeweils einer ähnlichen, aber weniger bemerkenswerten Kurve einer leichten gleichmäßigen Verbesserung folgen. In deutlichem Kontrast steht ein steiles Absinken der Raven-IQ Werte bei a, b, h, k und m (Reichweite von –39 bis –78) und die weniger erstaunlichen Abstürze im Handlungs-IQ (Reichweite von –7 bis – 24). Alle fünf Personen hatten in früher Kindheit einen deutlich überdurchschnittlichen Raven-IQ von 117 (m) bis 181 (a) (q mit der ähnlichen aber nicht so extremen Tendenz hatte zur Zeit1 einen Raven-IQ von 103). Es scheint, als sei ein großer Intelligenz- und Potenzial-Bereich dieser jungen Menschen ignoriert und geringschätzig abgetan worden, man könnte sogar schlussfolgern, dass einige ihrer Lebenserfahrungen sie regelrecht in den Stumpfsinn getrieben haben. Das sind meistens Kinder mit ausgeprägten und anhaltenden Interessen, die stereotypen Erwartungen nicht entsprechen, die ihre Interessen nicht konsequent anpassen, selbst wenn ihnen bewusst ist, dass sie ungeeignet sind. Zu wissen, dass mit dir etwas nicht stimmt, reicht weder um zu wissen, was genau dich anomal macht, noch dafür, sich entsprechend anzupassen, falls du es herausfindest.
Nach Ansicht von Kanner et al[19](1972) war das, was als
Wenn wir für diese Kinder nicht nur Anpassung, sondern auch Erfolg wünschen, dann könnten Zeit und Mittel, die wir ihnen geben, damit sie ihre Interessen entwickeln, teilen und erkunden, langfristig erfolgreiche Kommunikation anregen und sich als produktiver erweisen, als wenn wir uns darauf fixieren, ihr Verhalten in Ordnung zu bringen. Kuschner et al (op.cit.) postulieren eine Verbindung zwischen der perzeptuellen und sozialen Entwicklung und sagen: Sowohl Artikulations- als auch Verarbeitungsprobleme sind Faktoren, die gesprochene Sprache für viele autistische Kinder schwieriger machen als grafische Kommunikation. Zusätzlich zu diesen Problemen können viele Kinder Aversion haben gegen eine bestimmte Art, die Sprache zu benutzen, nämlich um Interessen anderer Leute aufdrängen. In einem Online-Interview mit Adam Feinstein von Autism Connect äußert sich Professor Uta Frith bezüglich der Phase der Sprachregression während der Frühentwicklung, die autistische Kinder häufig zeigen (für Diskussion siehe Rapin 2006[21]): Diese Theorie ist noch immer ungeprüft. Die Grundidee ist, dass es zwei Wege gibt, Sprache zu lernen. Ein sehr alter Weg basiert darauf, zwischen Anblick und Klang Assoziationen zu bilden und diese Assoziationen auswendig zu lernen. Dieses System funktioniert im Prinzip bei Kindern mit Autismus und kann im jungen Alter beginnen. Aber das ist nicht die Art, wie normale Kinder Sprache lernen, was etwa im Alter von 18 Monaten losgeht. Bei dem zweiten Weg wird die Intention des Sprechers verfolgt und die Assoziationen nur in bestimmten Situationen gebildet, nämlich wenn das gesagte Wort sich auf der Karte der Welt in den Augen des Sprechers und der Welt in den Augen des Zuhörers abbildet.
Anstatt das als Störung des Kindes anzusehen, bin ich der Ansicht (ebenfalls eine ungeprüfte Theorie), dass es sich aus den Verschiebungen ergibt, wie die Sprache von Betreuenden zu gegebener Zeit gebraucht wird. In der ersten Phase der Sprachförderung von Kleinkindern benutzen wir sie, um mit dem Baby geteiltes Interesse auszudrücken, das heißt wir benutzen Wörter, die sich auf das beziehen, an was das Baby in dem Moment Interesse zeigt. So lernen Babys, was Wörter bedeuten. In der folgenden Phase beginnen wir, vom Baby erlernte Wörter spontan zu benutzen, um die Aufmerksamkeit des Babys umzuleiten. Zum Beispiel werden wir natürlich geneigt sein, Babys Aufmerksamkeit auf, sagen wir, eine Katze zu lenken, die gerade den Raum betritt. Wenn das Baby das Wort für die Katze bereits gelernt hat, werden wir dieses Wort benutzen, um des Babys Aufmerksamkeit von ihrem Fokus auf das von uns gewählte Thema mit der Katze zu verlagern. Das kann eine abstoßende Erfahrung sein, wenn die Aufmerksamkeit auf etwas anderes konzentriert ist[22]. In Begriffen aus meiner Doktorarbeit Language and Interests (PDF) ist es ein Übergang von einer Sprache, die rein zum Ausdruck von Interesse benutzt wird, zu ihrer sozial aufgebauten Rolle als Werkzeug zum Manipulieren (nicht im abwertenden Sinn gemeint, einfach nur als Ich habe also den Verdacht, dass mit einigen dieser Kinder folgendes geschieht: sie nehmen das Projekt Sprache mit Vergnügen in Angriff und haben so lange Freude daran, wie es die Ausrichtung oder den Fokus ihrer Interessen nicht durchkreuzt. Wenn sie realisieren, dass gesprochene Sprache zum Aufdrängen von Themen anderer Leute benutzt werden kann, kann sie tiefe Abneigung erzeugen. Vielen Kindern macht es Spaß, gesagt zu bekommen, dass die Katze gekommen ist, während sie sich auf etwas anderes konzentrieren, andere finden es penetrant. Eine Analogie, die mir hilfreich erscheint, ist die mit dem Kitzeln: manche Kinder mögen es, gekitzelt zu werden, andere finden es verstörend und penetrant. In jedem Fall gibt es passende und unpassende Momente: für empfindliche Kinder wird Kitzeln nur dann angenehm sein, wenn sie entspannt sind und sich zu 100% mit den Menschen, von denen sie gekitzelt werden, wohl fühlen. Ich meine, dass das, was dafür sorgt, dass die_der Empfänger_in von gesprochener Sprache sich wohl fühlt, im Gegensatz zum Kitzeln die Nähe des Themas der_des Sprechenden zu den Interessen betreffender Person ist. Zu erfahren, dass andere Leute die eigenen Interessen teilen, ist von Natur aus lohnend und angenehm. Um zu illustrieren, dass es auf autistische Kinder ebenso wie auf alle anderen zutrifft, betrachten wir folgendes Ereignis:
Eine Sonderschullehrerin und ich besuchen eine Sonderschulklasse für Kinder unter fünf Jahren. Sie beschäftigt sich mit der Klassenlehrerin, ich sehe mich während dessen um. Ich treffe auf einen Jungen, der in ein Spiel versunken vorm Computer sitzt, und setze mich daneben. Ich sehe ihm beim Spielen zu und kommentiere gelegentlich die Ereignisse auf dem Bildschirm. Nachdem er das Spiel beendet hat, dreht sich der Junge zu mir und schaut mir kurz in die Augen. Er beginnt ein weiteres Spiel, und wieder sehe ich zu, gebe passende Kommentare ab, folge die ganze Zeit seinem Fokus (das geht am Computer ganz einfach). Wieder ist das Spiel zu Ende, er dreht sich zu mir und stellt Blickkontakt her, diesmal für deutlich längere Zeit. Das ist ein eindeutig freundlicher Kontakt, und wir gehen freundschaftlich zum dritten Spiel über. Und dann ertönt das Wort Leider hat der kleine Trevor aus seinen Begegnungen mit dieser Lehrerin eine völlig falsche Lektion gelernt (die kontinuierlich verstärkt wurde, nehme ich an) – wenn wir für ihn wollen, dass er andere Menschen als mögliche Kamerad_innen ansieht (wenn Gehorsamkeit alles ist, was bezweckt wird, dann ist die Lehrerin aus meiner Sicht auf dem falschen Weg). Trevor lernt vielleicht, sich mit oberflächlicher Gehorsamkeit diesen schikanösen Umgang vom Leib zu halten, aber dadurch wird er Menschen nicht besser leiden können, das wird ihn nicht einmal dazu bringen, mit Menschen zusammen sein zu wollen, geschweige denn mit ihnen zu interagieren. Alles an dem Austausch, den er mit seiner Lehrerin hatte, ist für ihn befremdlich.
Man könnte sogar sagen, dass diese Kinder lernen, während sie sich dagegen wehren, gelehrt zu werden. Einige Kinder krabbelten immer noch, als ihre Eltern schon meinten, sie könnten laufen! Viel Mühe wurde aufgewendet, um sie aufzurichten und sie zu ermutigen, Schritte zu machen. Ohne Erfolg. Aber eines Tages, plötzlich, als es am wenigsten erwartet wurde, standen die Kinder auf und liefen. Die Eltern von Frederick W. verbrachten täglich Stunden damit, ihm das Sprechen[23]beizubringen. Er bliebstummmit Ausnahme von zwei Wörtern (DaddyundDora), die ihm niemand beigebracht hat. Und eines Tages, im Alter von 2-1/2 Jahren, sprach er und sagteOveralls(Latzhose) – ein Wort, das definitiv nicht zum Repertoire des Unterrichts gehörte.
Es gibt noch mehr Gründe, Gehorsamkeit als führendes Ziel in Frage zu stellen. Das zu tun, was alle anderen tun, ist nicht unbedingt eine gute Sache: wir brauchen Forscher_innen (siehe Allen & McGlade in der Fußnote 5) und wir brauchen Nonkonformist_innen und Persönlichkeiten, die aus der Menge herausragen, weil sie Dinge anders sehen[24]. Zu lernen, immer das zu tun, was einem gesagt wird, kann eine Person unangemessen gehorsam werden lassen und dazu führen, dass sie passives Opfer jeder Art von Missbrauch werden kann (persönliche Berichte autistischer Frauen offenbaren häufig sexuellen Missbrauch).
Zu persönlichen Aspekten von Gehorsamkeit und Schutzlosigkeit kommen noch kulturelle hinzu, die Ungehorsamkeit und abwertende Sprache betreffen. Die selben Eigenschaften, die in einem Kontext
In ihrem Folgebericht über Kinder, die sie diagnostiziert haben, zitieren Kanner und Kollegen am John Hopkins einen Arbeitgeber, der über seinen autistischen Angestellten sagt, er sei
Autistischen Menschen wird häufig vorgeworfen, keine Empathie zu haben. Vor dem Hintergrund der bisherigen Diskussion scheint die fehlende Empathie sehr verbreitet zu sein. Wenn Empathie bedeutet, sich auf die Gefühle des anderen einzustellen, dann ist meine Beobachtung – die auf Tausenden von Stunden, die ich unter vier Augen mit verschiedenen autistischen Erwachsenen jedes vermeintlichen Funktionsniveaus verbracht habe, basiert –, dass Autist_innen das tatsächlich lernen. Das heißt, sie lernen wie wir alle, basale positive oder negative Gefühle zu empfangen, möglicherweise ähnlich schnell, vielleicht früher, vielleicht später. Eine Mutter berichtet:
Außerhalb des therapeutischen Zusammenhangs beschreibt
Das Bruttosozialprodukt und damit korrelierende soziale, kulturelle und sensorische Veränderungen sind im Laufe etwa des letzten Jahrhunderts exponentiell angestiegen, erzählt der Artikel im The Economist zur Begrüssung des neuen Milleniums, zitiert bei Hodgson & White (2001)[31].
Probleme mit Veränderungen spielen eine bedeutende Rolle im dritten wichtigen Diagnosekriterium. Kanner selbst betonte diese autistischen Schwierigkeiten, und davon berichten häufig auch autistische Menschen selbst sowie diejenigen, die mit ihnen arbeiten. Die wachsende Geschwindigkeit der Veränderungen, die wir festgestellt haben, beeinträchtigt die Anpassungsfähigkeit einer Disposition, die gegenüber Veränderungen Aversionen hat. Unter den Veränderungen, die die Chancen autistischer Menschen wohl am meisten beeinträchtigen, sind Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. In
Selbst innerhalb vorgeblich autismusfreundlicher Sektoren wie die Sorte Jobs, die im New Scientist annonciert werden (wo ich darüber informell geforscht habe), sind Teamarbeit und gute Kommunikationsfähigkeit beinahe allgemeine Anforderungen. Soziale Flexibilität ist unmöglich ohne effektive Kommunikation. Alle diese Faktoren sind ungünstig für autistischen Erfolg oder zumindest Akzeptanz. Ein Autist beschreibt die Situation folgendermaßen: Ich bin ein 50-jähriger Erwachsener mit dem so genanntenDieser bedauerlicherweise typische Fall wurde in einem Kommentar auf der außergewöhnlichen Website www.gettingthetruthout.org geschildert, die eine nicht sprechende autistische Frau gemacht hat.hoch-funktionalenAutismus. Ich lebe praktisch in Isolation, obwohl ich mich nach Freunden sehne. Ich bin dauerhaft erwerbsunfähig, obwohl ich fast jeden Job erlernen könnte, egal wie technisch schwierig er auch sein mag. Ich bin einfach aus der heutigenimmer unterwegsMultitasking-Gesellschaft verbannt worden. Wie oben besprochen, haben viele Wesenszüge der Welt, in der wir leben, sie zunehmend autismus-unfreundlicher gemacht: die rapiden Veränderungen brachten einen Verlust von Ritualen und Regeln mit sich, ebenso wie ein zunehmend feindlicher Arbeitsmarkt und eine paranoide und instabile Gesellschaft. In einem Bereich allerdings haben rapide Veränderungen zum Ausgleich eine autismusfreundliche Umgebung geschaffen, nämlich das Wachstum der digitalen Technologie. Wie wir gesehen haben, ist geschriebene Sprache Autist_innen aus verschiedenen Gründen lieber als gesprochene, besonders wenn sie jung sind. Computer bieten die grafische Oberfläche, die bevorzugt wird, und eine Menge anderer Eigenschaften, die autistischen Menschen helfen, wirklich involviert und in der Lage zu sein, ihren Beitrag zu leisten. Computer haben folgende Eigenschaften:
Normale Kommunikation bedeutet, dass man Standard-Formen verwendet (üblicherweise gemeinsame Sprache), so können Leute die Interessen, die andere zum Ausdruck bringen, erkennen und teilen. Wie man den Wunsch erzeugen kann, eine gemeinsame Sprache zu benutzen, ist eine zentrale Herausforderung für diejenigen, die ein autistisches Kind lieben. Die gesprochene Sprache mit allen ihren Ungenauigkeiten und Kontext-Abhängigkeiten zu beherrschen, kann für das Kind eine unüberwindliche Herausforderung sein. Aber jedes Computerprogramm hat seinen eigenen von sich aus begrenzten Kontext und seine eigenen eindeutigen Bedeutungen. Ein Großteil autistischer Menschen finden, dass das Tempo, die Struktur und das Fehlen von zusätzlichen sozialen Signalen elektronische Kommunikation realisierbar machen, wenn Kommunikation mit anderen Mitteln (rezeptive oder produktive) unmöglich ist. Das trifft auch besonders auf Menschen zu, die mündliche Sprache nicht benutzen.[33] Effektiver Einsatz und Verständnis geteilter Bedeutungen lässt sich wesentlich einfacher erreichen innerhalb eines begrenzten Zusammenhangs als in der verschwommenen, schwafeligen Welt der gesprochenen Sprache. Und natürlich sind diese Bedeutungen keine Einbahn-Brücke: nicht-autistische Teilnehmende finden diese Kommunikation auch viel einfacher. Ohne Mühe geht jede_r einen halben Weg, um den anderen abzuholen.
Die Computer haben also das Potenzial, Sprache ohne die Nachteile des Sprechens zu liefern. Sowohl Artikulations- als auch Verarbeitungsprobleme werden reduziert oder überwunden, Kommunikation wird befördert, und die User erhalten die maximale Kontrolle darüber, mit wem sie kommunizieren, über welche Themen und wann. Alle diese Eigenschaften von Computern kommen autistischen Menschen besonders zugute. Bölte (2006)[34] bietet eine brauchbare Übersicht über Studien zum Einsatz von Computern bei Autismus. Die Schlussfolgerung ist: Trotz aller Nachteile, die das Leben im 21. Jahrhundert für autistische Menschen bringt, bieten Computer eine Umgebung, die diese Tendenz umkehrt. Während die Kommunikation zunehmend auf Informationstechnologien angewiesen ist, werden autistische Eigenschaften immer nützlicher. Anbei ein neuerer Kommentar dazu von einer Mutter: Alle meine Kinder haben einen PC 6, 7, 10, 19, 22, die lieben sie. Meine Kinder können stundenlang vorm PC sitzen und etwas machen, denn die Gabe unserer Kondition ist Hyperfokus, und wir lernen viel in einem Zug, eigentlich mag niemand von uns aufhören, bis wir mit dem, was wir machen, fertig sind)... Für meine Familie ist der PC die Leitung zum Wissen, ohne ihn können wir nichts herausfinden. Ist ein Rätsel, mit der NT-Welt zu sprechen. Der PC half meinen Kindern, zu lesen zu lernen und alle möglichen Dinge zu machen, ich habe das Gefühl, wir sind zur richtigen Zeit für den PC auf die Welt gekommen.[35] Zuhause einen Computer zu haben, ist derzeit weit verbreitet und nimmt weiter zu. Laut einer Umfrage in den USA waren im Jahr 1999 fast 90% der Universitätsabsolvent_innen Computer-Benutzer_innen. Es erscheint sinnvoll, von einem allgemeinen Zusammenhang zwischen der Computer-Benutzung und dem Bildungsniveau und/oder Einkommen auszugehen. Sicher besteht ein solcher Zusammenhang für die Internetnutzung in den USA.
Nach diesen Zahlen der US National Telecommunications and Information Administration ist die Internetnutzung, obwohl in allen Bereichen steigend, unter Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und niedrigem Einkommen deutlich geringer.
Ergebnis einer Studie des New York State Health Department war: Zum Glück haben diese Argumente in Großbritannien Anerkennung gefunden, das betrifft auch ihre Auswirkungen auf das Recht behinderter Menschen auf Unterstützung zur Entfaltung ihres vollen Potenzials. Diese Rechte werden derzeit in einem Gesetz festgeschrieben. Überall dort auf der Welt, wo die Rechte behinderter Menschen ernst genommen werden, müssen eines Tages diese Rechte auf Unterstützung in der Kommunikation gesetzlich verankert werden.
Unter dem Titel * Wir haben gesehen, wie schädlich sich die Gesellschaft auf die Chancen autistischer Verwirklichung und Erfolge auswirken kann, und wir haben gesehen, dass digitale Kommunikation diese negative Auswirkung ändern oder sogar umkehren kann. Ich schließe mit einer wahren Geschichte von autistischer Erfüllung und Erfolg:
Im Alter von vier Jahren hat Alex nicht gesprochen ... Die Gutachten aus dieser Zeit berichten von wenig bis fehlendem Blickkontakt, häufigen und signifikanten Wutausbrüchen, Fehlen von expressiver Sprache, kommunikativer Intention oder “angemessener sozialen Interaktion”. Als Alex diagnostiziert wurde, sahen wir ihn nicht als Sammelsurium von Defiziten. Wir akzeptierten, dass wir ein ganz anderes Kind mit einem ganz anderen Weg vor sich haben als seine Geschwister und Gleichaltrige haben. Wir setzten Fähigkeiten voraus. Wir erkannten seine Stärken an und arbeiteten mit diesen.
DanksagungIch möchte im Allgemeinen meinen vielen autistischen Freund_innen für ihre jahrelange Geduld und konstruktive Unterstützung danken. Neben Menschen, deren Arbeit im Text des Artikels gewürdigt wurde, bin ich allen vom Autism Hub für ihren lebendigen Geist, harte Arbeit und effektives Kommunizieren zu Dank verpflichtet. Gesondert muss ich Camille Clark, Jennifer Bardwell und Philip Ashton erwähnen für ihre sehr hilfreichen Forschungsbeiträge insbesondere zu diesem Artikel. Sebastian Dern verdient ebenfalls besonderen Dank. Auf alle URLs wurde zwischen dem 26. September und dem 17. Oktober 2006 zugegriffen. Teile dieses Kapitels erschienen erstmals auf der AWARES Online-Konferenz in einem wesentlich kürzeren Beitrag mit dem Titel Culture and Ignorance. [siehe deutsche Übersetzung: Kultur und Ignoranz – Anm.d.Ü.]
Aus dem Englischen übersetzt von enfant terrible. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Dinah KC Murray. Englischer Originalartikel: Impact of a Dysfunctional World |
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