Äußerst bedenkliche Inhalte auf der Website von Autismus Oberbayern e.V. |
| Geschrieben von Colin | |
| Freitag, 05 September 2008 | |
![]() Vor kurzem habe ich zwei sehr unterschiedliche Texte zu ungefähr demselben Thema gefunden: Amanda Baggs schreibt in dem Artikel
Der Autismus-Regionalverband Oberbayern warnte unter dem Titel Autismus Oberbayern e.V. schreibt:
Das ist an sich nichts Neues – als bedenkliche Inhalte würde ich übrigens die gesamte Website des Regionalverbandes Oberbayern einstufen. Sie organisieren ABA-Fortbildungen, Heimbesichtigungen und Gesprächskreise für
Was der Regionalverband Oberbayern selbst unter Durch die Anonymität solcher Treffen im Internet ist nie sicher, ob ein Teilnehmer wirklich selbst betroffen ist, oder dies nur vorgibt, um Verunsicherung zu verbreiten. Die alte Regel: Wenn ein_e Autist_in etwas über Autismus schreibt, was den Eltern von Autist_innen nicht gefällt, kann er_sie nicht autistisch sein. Amanda Baggs zitiert in ihrem Artikel aus Jim Sinclairs Artikel Jetzt, wo eine gewisse Anerkennung der Existenz autistischer Menschen, die versuchen, sich selbst zu vertreten, aufkam, setzten einige ASA-Vorstandsmitglieder Gerüchte in die Welt, dass ich nicht wirklich autistisch sei. (Dies trotz der Tatsache, dass meine Unterlagen von zwei Psychologen geprüft wurden, die Mitglieder des ASA-Fachbeirats waren, und beide ausgesagt hatten – einer von ihnen unter Eid bei einer Anhörung des Reha-Trägers – dass ich tatsächlich autistisch bin. In einem klaren Versuch, unsere Gruppenbildung zu unterminieren, wurden Kathy und einige andere autistische Erwachsene direktgewarnt, dass ich nicht das sei, was ich vorgäbe zu sein. Inzwischen stieß Donna [Williams – Anm.d.A.] auf ähnliche Denunziationen, als ihr Buch begann, internationale Aufmerksamkeit zu wecken. Damals war diese Strategie in der Autismus-Szene unbekannt – solange Autist_innen die Elternverbände nicht in Frage stellten, war sie nicht angewendet worden. Zu der Zeit, als all das passierte, hat es mich völlig überrumpelt. Fast alle von uns, die an der frühesten Phase von ANI beteiligt waren, hatten viele Eltern autistischer Kinder getroffen, auf Konferenzen und in lokalen Eltern-Selbsthilfegruppen. Beinahe ausnahmslos haben die Eltern sich gefreut und waren begeistert, von uns zu hören. Es stimmt, dass ihr Interesse in erster Linie war, uns als Ressourcen für ihre Kinder zu sehen, statt uns in unseren eigenen Zielen zu unterstützen; aber sie waren nicht feindlich uns gegenüber. Es scheint so, dass eine einzelne autistische Person – und vorzugsweise eine passive – als interessante Neuheit oder als amüsante Ablenkung oder möglicherweise sogar als wertvolle Informationsqelle und Einblick willkommen geheißen wird. Aber autistische Menschen, die sich zusammen organisieren, autistische Menschen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, statt die Interessen von Eltern und Fachleuten voranzubringen – plötzlich wurden wir als Bedrohung gesehen. Ähnliches kann man übrigens auch in Deutschland beobachten: Autist_innen, deren Ansichten mit denen der Elternverbände konform sind, werden von diesen gern mal eingeladen, um eine Lesung oder einen Vortrag zu halten – so können die Elternverbände von sich behaupten, dass sie Autist_innen ja durchaus zu Wort kommen lassen. In Deutschland spielen zum Beispiel die Berufsautistinnen Nicole Schuster und Christine Preißmann dieses Spiel mit, in den USA Temple Grandin. Zugleich versuchen die Elternverbände, Autist_innen, die ihnen widersprechen, zum Schweigen zu bringen oder unglaubwürdig zu machen. Wenngleich diese Strategie früher in der Autismus-Szene unbekannt war, neu war sie nicht: Erst mehrere Jahre später, als ich über die Geschichte der Selbstvertretung behinderter Menschen forschte (Sinclair, 1996), erfuhr ich von der langen Geschichte ähnlichen Widerstands gegenüber der Selbstvertretung und Selbstbestimmung von Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen (Kugelmass, 1951; Putnam, 1979; Williams & Shoultz, 1982; Van Cleve & Crouch, 1989; Lane, 1992; Shapiro, 1993; Christiansen & Barnartt, 1995; Dybwad & Bersani, 1996; Kennedy, 1996). Jeglicher Versuch einer Gruppe entmächtigter Menschen, den Status Quo in Frage zu stellen – die Annahme ihrer Inkompetenz anzufechten, sich selbst neu zu definieren als der ermächtigten Klasse gleichwertig, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung geltend zu machen – wurde mit bemerkenswert ähnlichen Versuchen, sie zu diskreditieren, begegnet. Jim Sinclair beschreibt die diskreditierenden Taktiken, die am häufigsten verwendet werden:
Ich denke, mehr muss man dazu nicht schreiben; wer weiterlesen will, kann Joel Smith's Artikel Um zu verhindern, dass durch solche Taktiken Diskussionen rund um die Selbstvertretung zerstört werden, muss es Räume geben, in denen sie nicht geduldet werden. Solche Räume können zum Beispiel Blogs oder Foren sein – Amanda Baggs schreibt zur Moderation der Kommentare in ihrem Blog unter anderem: This is a blog by a self-advocate who has participated in several aspects of the disability rights movement including autistic liberation, psychiatric survivor, mainstream disability rights, and developmental disability self-advocacy. It is meant largely for discussion of these issues. As such, when I detect any of the above tactics, they will not be allowed, as all they do is hinder the purpose of discussion here, and they add nothing of value or substance. Sie konkretisiert: I will no longer be accepting comments that attempt to divert discussion of the issues raised within this blog into an endless discussion of whether I exist or not, or whether I am autistic or not. [...] I will also not be allowing debate over other autistic people’s existence or authenticity. This kind of gossip is a favorite pastime in the autism community, including among some autistic people, but it is a destructive one. Autistische Selbstvertretungen und AbleismusFrüher dachte ich immer, dass es zu neuen Problemen führen würde, wenn man nicht hinterfragen darf, ob eine Person, die in einem autistischen Projekt aktiv ist, autistisch ist oder nicht: Wenn man autistische Selbstvertretungen aufbaut, sollte man in irgendeiner Weise sicherstellen können, dass die Personen, die dort aktiv waren, auch wirklich autistisch waren. Dachte ich. Das Ganze war nicht aus der Luft gegriffen; die Diskussion begann, als in Autismus-Foren und Vereinen vermehrt Personen auftauchten, die sich absolut nichtautistisch benahmen und nach Meinung anderer auch nichtautistisch waren, die aber von sich behaupteten, autistisch (oder Autistische Selbstvertretungen haben das Problem, dass nicht klar bestimmbar ist, wer autistisch ist und wer nicht. Das ist zum Beispiel bei Psychiatrie-Erfahrenen anders: im Zweifelsfall ist es nachweisbar, wer in der Psychiatrie war und wer nicht. Immer wieder wird versucht, die Frage, wer autistisch ist, über die Diagnose zu beantworten. Damit schafft die autistische Community sich wirklich Probleme, vor allem, dass sie sich in pathologisierende Strukturen begibt und sich von diesen abhängig macht. Dazu kommen praktische Probleme; eine Autismus-Diagnose hat bestimmte Vor- und Nachteile, und es gibt Autist_innen, für die sie entscheidende Nachteile bringt und die deshalb keine wollen. Umgekehrt gibt es Nichtautist_innen, die Vorteile von einer Autismus-Diagnose haben; erfahrungsgemäß bekommen Nichtautist_innen, die eine Autismus-Diagnose haben wollen, auch eine. (Es gibt noch weitere Probleme, aber ich will das Thema hier nicht vertiefen.) Nachdem ich die Artikel von Amanda Baggs und Jim Sinclair gelesen habe, verstehe ich, dass man Autismus-Elternorganisationen, die die Alleinvertretung von Autist_innen für sich beanspruchen, in die Hände spielt, wenn man darüber diskutiert, wer autistisch genug ist. Und dabei stellten sich mir zwei Fragen: Warum ist es eigentlich so wichtig zu wissen, wer autistisch ist und wer nicht? Viele bisherige Organisationen und Projekte, die man mit etwas gutem Willen als autistische Selbstvertretungen bezeichnen könnte, haben nämlich ein Problem: Ihre Grundlage sind nicht gemeinsame Ziele oder gemeinsame Vorstellungen darüber, wie man diese Ziele erreicht. Ihre Grundlage ist darauf beschränkt, dass alle Leute dort autistisch sind. Dies allein reicht nicht aus, um eine gemeinsame Interessenvertretung zu schaffen und bedeutet nicht, dass man gemeinsame Vorstellungen, Wünsche und Ziele hat. Dementsprechend sind die Gedanken darüber, was man machen sollte und was man nicht machen sollte, komplett unterschiedlich und völlig gegensätzlich; es ist unmöglich, gemeinsame Stellungnahmen zu verfassen; die Projekte sind schlicht handlungsunfähig – insbesondere, wenn sie das Prinzip, alle Autist_innen vertreten zu wollen (unabhängig davon, ob diese von ihnen vertreten werden wollen) mit dem Konsensprinzip zu verknüpfen versuchen.
Die zweite Frage, die ich mir stellte, war: Was genau war das Problem an Die erwähnten Leute betrachteten die neurotypische Norm als Ideal und als Ziel; das haben sie mit vielen Autist_innen gemeinsam. Zugleich sind sie der Ansicht, dass sie besser wären als andere, weil sie näher dran sind an der ableistischen Norm (oder an irgendeiner Art von Norm). Oder schlechter als andere, wenn sie stärker von der Norm abweichen.
Ich habe festgestellt, dass Leute, die sich neurotypisch verhalten, sich in autistischen Selbstvertretungen sehr schnell durchsetzen, sehr geschickt intrigieren und gleichzeitig durch ihre Nähe zur ableistischen Norm sehr anerkannt sind. Zugleich projizieren Autist_innen ableistische Erwartungen auf NTs und all jene, die sich neurotypisch verhalten, zum Beispiel indem sie von NTs als
Das sind Probleme, die man nicht einfach ignorieren kann. Ich halte es aber für wenig sinnvoll zu sagen, wer dies und jenes kann, darf nicht mitmachen. Sonst sind wir wieder an dem Punkt, wo Elternverbände sagen,
Zur Zeit sind wir davon noch weit entfernt. Wenn man in einem autistischen Projekt kritisiert, dass bestimmte Strukturen oder Räumlichkeiten für (einige) Autist_innen nicht barrierefrei sind, wird dies oft als Die ableistische Norm wird aber auch und gerade von vielen nichtautistischen Eltern sehr stark vertreten. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir alle zugeben, zumindest ein bisschen Ableismus verinnerlicht zu haben und jetzt umdenken zu müssen. Autismus-Organisationen werden sich der Frage nach ableistischem Denken innerhalb ihrer Organisation stellen müssen. Zurück nach Oberbayern. Der Autismus-Regionalverband schreibt: In weniger gravierenden Fällen werden Teilnehmer massiv angegriffen, welche dergängigenEinschätzung des eigenen Behinderungsbildes widersprechen. DiesegängigeEinschätzung wurde meist geformt vonstarkenAsperger-Persönlichkeiten, die diese Meinung mit äußerstem Nachdruck vertreten und abweichende Ansichten nicht gelten lassen wollen. Das ist genau das, was Jim Sinclair als Strategie Nummer 2 beschreibt: Wenn es einen unwiderlegbaren Beweis gibt, dass die Aktivist_innen zu der betreffenden Gruppe gehören, wird behauptet, dass sie seltene Ausnahmen sind, die so untypisch für die betreffende Gruppe sind, dass das, was sie zu sagen haben, für die Gruppe als ganzes irrelevant ist.Während Autist_innen, die als niedrigfunktionaleingestuft werden, die Fähigkeit abgesprochen wird, für Autist_innen zu sprechen, wird Autist_innen, die als hochfunktionaleingestuft werden, das Recht dazu abgesprochen. Weiter schreibt der Autismus-Regionalverband Oberbayern: In einigen Fällen ist dies radikal eskaliert: So wurden Teilnehmer zur Selbsttötung aufgerufen und dazu sogar eine ausführliche Anleitung gegeben. Wenn Ihr Kind sich an Diskussionen im Internet beteiligt, dann begleiten Sie dies kritisch und besuchen Sie auch selbst diese Foren, um solchen Dingen entgegen wirken zu können. Sprechen Sie mit Ihren Kindern darüber und achten Sie vor allem auf Anzeichen von Depressionen.
Ich will die Probleme, die es in Autismus-Foren gibt, nicht herunterspielen – aber dieselben gibt es ziemlich überall im Internet und auch auf dem Schulhof etc. Die Warnung des Regionalverbands Autismus Oberbayern e.V. bezieht sich zum einen spezifisch auf Anstatt den Text weiter auseinander zu nehmen, möchte ich die Frage stellen: Wie könnte man konstruktiv mit dem Thema umgehen? Spontan fallen mir zwei Punkte ein, die für Autismus-Foren besonders relevant sind. Zum einen gibt es hier einen höheren Anteil von Leuten, die verletzbar sind: weil sie bisher zu viele schlechte und zu wenig gute Erfahrungen im Leben gemacht haben, weil Autismus-Foren für manche der einzige Kommunikationskanal außerhalb pathologisierender Strukturen sind und auch weil sie in Autismus-Foren viele persönliche Informationen über sich preisgeben. Ich möchte hier noch einmal Amanda Baggs zitieren: Als ich neunzehn war, hatte ich eine andere Autismus-Seite. In dem Alter war ich auch sehr verletzbar, und sehr schlecht darin, meine Verletzbarkeit zu verstecken. [...] Sinnvoll wäre es für Eltern, ihrem Kind (egal, ob autistisch oder nicht) erstens ein positives Selbstgefühl und Selbstsicherheit mit auf den Weg zu geben. Zweitens sollte man zusammen mit dem Kind lernen, was das Internet ist – dass man zum Beispiel vorsichtig mit seinen Daten und mit persönlichen Informationen umgehen sollte. Das ist leider etwas, was viele Eltern selbst nicht tun – zumindest nicht, wenn es um die persönlichen Daten ihres autistischen Kindes geht: zusammen mit privatesten Details stellen sie den Namen und/oder ein Bild des Kindes ins Internet. Überwachung oder gar Verbote führen nur dazu, dass sie umgangen werden, und dass das Kind sich dann bei Problemen nicht an die Eltern wendet.
Übrigens halte ich das Internet für eine der besten Erfindungen seit langem und gerade Autist_innen können enorm davon profitieren – aber eben auch nur, wenn sie ungestört auf Entdeckungsreise im Netz gehen können. Die meisten NT-Kinder und Jugendlichen haben eine_n gute_n Freund_in, mit dem sie Dinge besprechen können, von denen die Eltern nichts wissen sollen. Autistische Jugendliche haben das oft nicht. Sie brauchen aber genauso die Möglichkeit, sich austauschen, ohne dass ihre Eltern jedes Wort mitkriegen. Und das kann im Internet sein, das für Autist_innen meist einen höheren Grad an Barrierefreiheit bietet als
Der zweite Punkt, den ich ansprechen will, betrifft sozusagen die andere Seite der
Ich war selbst einige Jahre lang Admin eines Autismus-Forums, und einmal startete ein User einen Thread mit dem Titel
Eine Frage möchte ich dem Regionalverband Autismus Oberbayern und Konsorten deshalb hier stellen: Wie, glaubt ihr, kommen Leute auf die Idee, sich selbst
Im Kinderkanal lief vor einiger Zeit All diese Aussagen liest man ständig im Zusammenhang mit Autismus – oft von Elternorganisationen. Glaubt ihr, das lässt Autist_innen unberührt? Der Regionalverband Autismus Oberbayern zum Beispiel schreibt: Autismus ist eine tiefgreifende angeborene Entwicklungsstörung, die bei circa 60 von 10.000 Kindern auftritt. Sie ist unter anderem gekennzeichnet durch Beziehungs- und Kommunikationsprobleme, sowie Probleme bei der Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen. Betroffene Menschen bedürfen einer dauerhaften, intensiven und an ihren Fähigkeiten orientierten Unterstützung, Förderung und Begleitung. Die Familien Betroffener sind extremen Belastungen ausgesetzt, die auf Dauer nicht alleine zu bewältigen sind. Wenn ich ein Kind hätte, ich würde in der Tat nicht wollen, dass es diese Zeilen liest. Das Kind lernt hier, dass es tiefgreifend gestört ist, dass es anders sein sollte, als es ist, und dass es eine extreme Belastung für seine Familie ist.[2] Ist das nicht ungefähr das schlimmste, was man einem Kind sagen kann? Aus diesem Grund warne ich vor dem Lesen der Website von Autismus Oberbayern e.V.:
Äußerst bedenkliche Inhalte auf der Website von Autismus Oberbayern e.V.!
Wir wurden darauf aufmerksam, dass auf einigen Autismus-Webseiten und auch in so genannten Rundbriefen in letzter Zeit zunehmend sehr bedenkliche
Auf solchen Plattformen schreiben Eltern von Autist_innen in respektloser und herabwürdigender Weise über Themen rund um ihr Leben als In einigen Fällen ist dies radikal eskaliert: So wurden Leser zur Anwendung von ABA aufgerufen und dazu sogar eine ausführliche Anleitung gegeben. Wenn Ihr Kind solche Webseiten liest, dann begleiten Sie dies kritisch und besuchen Sie auch selbst diese Webseiten, um solchen Dingen entgegen wirken zu können. Sprechen Sie mit Ihren Kindern darüber und achten Sie vor allem auf Anzeichen von Depressionen.
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