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Äußerst bedenkliche Inhalte auf der Website von Autismus Oberbayern e.V.

Geschrieben von Colin   
Freitag, 05 September 2008
Auschnitt aus dem Rundbrief des Autismus-Regionalverbands Oberbayern

Vor kurzem habe ich zwei sehr unterschiedliche Texte zu ungefähr demselben Thema gefunden: Amanda Baggs schreibt in dem Artikel Internet Eugenics über Trolle im Internet – über Trolle, die eine einzelne Person angreifen sowie über solche, die durch bestimmte Strategien Diskussionen zur Selbstvertretung zu verhindern oder zerstören versuchen.

Der Autismus-Regionalverband Oberbayern warnte unter dem Titel Äußerst bedenkliche Inhalte in manchen Asperger-Foren im Internet! in ihrem Rundbrief 7/08 (PDF) (gefunden via Christian Köhler). Es lohnt sich, diese beiden Texte näher anzusehen und einander gegenüberzustellen.

Autismus Oberbayern e.V. schreibt: Wir wurden darauf hingewiesen, dass in einigen Asperger-Diskussionsforen und auch in so genannten Chat-Rooms in letzter Zeit zunehmend sehr bedenkliche Beiträge auftauchen.

Das ist an sich nichts Neues – als bedenkliche Inhalte würde ich übrigens die gesamte Website des Regionalverbandes Oberbayern einstufen. Sie organisieren ABA-Fortbildungen, Heimbesichtigungen und Gesprächskreise für sowohl Eltern, deren Kinder bereits im Heim leben, als auch solche, die diesen Schritt erst überlegen (die Autist_innen selbst fragt man wohl lieber gar nicht erst – wer will schon im Heim leben?), Autismus ist für sie eine Hirnschädigung, ein schlimmes Schicksal und muss durch intensiven therapeutischen und erzieherischen Einsatz soweit wie möglich beseitigt werden. Erst im Oktober 2007 hat der Elternverband sich dazu durchgerungen, Autist_innen als Mitglieder aufzunehmen.

Was der Regionalverband Oberbayern selbst unter bedenklichen Beiträgen versteht, bleibt in ihrem kurzen Text vage und unbestimmt. Worum geht es ihnen dabei eigentlich? Lesen wir weiter:

Durch die Anonymität solcher Treffen im Internet ist nie sicher, ob ein Teilnehmer wirklich selbst betroffen ist, oder dies nur vorgibt, um Verunsicherung zu verbreiten.

Die alte Regel: Wenn ein_e Autist_in etwas über Autismus schreibt, was den Eltern von Autist_innen nicht gefällt, kann er_sie nicht autistisch sein. Amanda Baggs zitiert in ihrem Artikel aus Jim Sinclairs Artikel Autism Network International: The Development of a Community and its Culture. Darin beschreibt Jim, wie er_sie[1] zusammen mit anderen das Autism Network International (ANI) gründete, und wie ein amerikanischer Autismus-Elternverband genau diese Strategie anwendete: sie versuchten, Jim zu diskreditieren, indem sie behaupteten, dass er_sie nicht autistisch sei.

Jetzt, wo eine gewisse Anerkennung der Existenz autistischer Menschen, die versuchen, sich selbst zu vertreten, aufkam, setzten einige ASA-Vorstandsmitglieder Gerüchte in die Welt, dass ich nicht wirklich autistisch sei. (Dies trotz der Tatsache, dass meine Unterlagen von zwei Psychologen geprüft wurden, die Mitglieder des ASA-Fachbeirats waren, und beide ausgesagt hatten – einer von ihnen unter Eid bei einer Anhörung des Reha-Trägers – dass ich tatsächlich autistisch bin. In einem klaren Versuch, unsere Gruppenbildung zu unterminieren, wurden Kathy und einige andere autistische Erwachsene direkt gewarnt, dass ich nicht das sei, was ich vorgäbe zu sein. Inzwischen stieß Donna [Williams – Anm.d.A.] auf ähnliche Denunziationen, als ihr Buch begann, internationale Aufmerksamkeit zu wecken.

Damals war diese Strategie in der Autismus-Szene unbekannt – solange Autist_innen die Elternverbände nicht in Frage stellten, war sie nicht angewendet worden.

Zu der Zeit, als all das passierte, hat es mich völlig überrumpelt. Fast alle von uns, die an der frühesten Phase von ANI beteiligt waren, hatten viele Eltern autistischer Kinder getroffen, auf Konferenzen und in lokalen Eltern-Selbsthilfegruppen. Beinahe ausnahmslos haben die Eltern sich gefreut und waren begeistert, von uns zu hören. Es stimmt, dass ihr Interesse in erster Linie war, uns als Ressourcen für ihre Kinder zu sehen, statt uns in unseren eigenen Zielen zu unterstützen; aber sie waren nicht feindlich uns gegenüber. Es scheint so, dass eine einzelne autistische Person – und vorzugsweise eine passive – als interessante Neuheit oder als amüsante Ablenkung oder möglicherweise sogar als wertvolle Informationsqelle und Einblick willkommen geheißen wird. Aber autistische Menschen, die sich zusammen organisieren, autistische Menschen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, statt die Interessen von Eltern und Fachleuten voranzubringen – plötzlich wurden wir als Bedrohung gesehen.

Ähnliches kann man übrigens auch in Deutschland beobachten: Autist_innen, deren Ansichten mit denen der Elternverbände konform sind, werden von diesen gern mal eingeladen, um eine Lesung oder einen Vortrag zu halten – so können die Elternverbände von sich behaupten, dass sie Autist_innen ja durchaus zu Wort kommen lassen. In Deutschland spielen zum Beispiel die Berufsautistinnen Nicole Schuster und Christine Preißmann dieses Spiel mit, in den USA Temple Grandin. Zugleich versuchen die Elternverbände, Autist_innen, die ihnen widersprechen, zum Schweigen zu bringen oder unglaubwürdig zu machen.

Wenngleich diese Strategie früher in der Autismus-Szene unbekannt war, neu war sie nicht:

Erst mehrere Jahre später, als ich über die Geschichte der Selbstvertretung behinderter Menschen forschte (Sinclair, 1996), erfuhr ich von der langen Geschichte ähnlichen Widerstands gegenüber der Selbstvertretung und Selbstbestimmung von Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen (Kugelmass, 1951; Putnam, 1979; Williams & Shoultz, 1982; Van Cleve & Crouch, 1989; Lane, 1992; Shapiro, 1993; Christiansen & Barnartt, 1995; Dybwad & Bersani, 1996; Kennedy, 1996). Jeglicher Versuch einer Gruppe entmächtigter Menschen, den Status Quo in Frage zu stellen – die Annahme ihrer Inkompetenz anzufechten, sich selbst neu zu definieren als der ermächtigten Klasse gleichwertig, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung geltend zu machen – wurde mit bemerkenswert ähnlichen Versuchen, sie zu diskreditieren, begegnet.

Jim Sinclair beschreibt die diskreditierenden Taktiken, die am häufigsten verwendet werden:

  1. Wenn es irgendwie möglich ist, wird bestritten, dass die Personen, die einen herausfordern, wirklich zu der Gruppe gehören, zu der sie behaupten zu gehören. Diese Taktik wurde gegen Behindertenaktivist_innen mit Lernbehinderungen und psychiatrischen Behinderungen sowie gegen autistische Menschen verwendet. Weil Leute mit diesen Behinderungen oft normal aussehen, und die Behinderungen alle über das Verhalten definiert werden statt über empirisch messbare körperliche Unterschiede, wurde vielen von uns gesagt, dass die bloße Tatsache, dass wir in der Lage waren, uns auszudrücken, den Arten, in denen unsere Freiheit eingeschränkt wurde, zu widersprechen und Veränderungen zu verlangen, beweisen würde, dass wir nicht wirklich autistisch sein könnten, oder lernbehindert oder psychiatrisch beeinträchtigt.
  2. Wenn es einen unwiderlegbaren Beweis gibt, dass die Aktivist_innen zu der betreffenden Gruppe gehören, wird behauptet, dass sie seltene Ausnahmen sind, die so untypisch für die betreffende Gruppe sind, dass das, was sie zu sagen haben, für die Gruppe als ganzes irrelevant ist. Michael Kennedy, der offensichtlich und unbestreitbar eine zerebrale Lähmung hat, erklärt die zerstörerische Wirkung dieser Taktik:
    Wenn Menschen mir sagen, dass ich hochfunktionaler sei als die Menschen, über die sie reden, fühle ich mich so, als würden sie mir sagen, dass ich mit anderen Menschen mit Behinderungen nichts gemeinsam hätte. Es ist so, als ob sie mich in eine völlig andere Kategorie stecken und sagen, dass ich kein Recht hätte zu sprechen. Es regt mich auf, weil ich es so verstehe, dass sie niemand anderem die Möglichkeiten geben wollen, die mir gegeben wurden, und dass das, was ich sage, ignoriert werden kann, weil sie mich als fähiger sehen. Es ist eine Art, uns zu entzweien und denjenigen von uns eine Abfuhr zu erteilen, die schwerere Behinderungen haben oder die nicht die Möglichkeiten hatten, verschiedene Situationen im Leben zu erfahren.
    (Kennedy, 1996)
  3. Wenn es nicht möglich ist, zu bestreiten, dass die Aktivist_innen authentische Vertreter_innen der betreffenden Gruppe sind, bezieht man sich auf genau die Vorurteile und Stereotypen, die die Aktivist_innen zu kippen versuchen, und diese Vorurteile und Stereotypen zu verwenden, um zu behaupten, dass die Aktivist_innen nicht fähig sind, ihre Situation vollständig zu verstehen und zu wissen, was das Beste für sie ist. Oft umfasst diese Herangehensweise den Glauben, dass man die Freiheit behinderter Menschen zu ihrem eigenen Besten einschränken müsse, um sie davor zu bewahren, zu Schaden zu kommen durch ihre Unfähigkeit, zu ihrem eigenen Interesse zu handeln.
Diese Strategien, Glaubwürdigkeit zu unterminieren, sind weder neu noch sind sie auf Situationen beschränkt, in denen es um Behinderung geht. Frederick Douglass, ein Afroamerikaner des neunzehnten Jahrhunderts, entkam 1838 aus der Sklaverei und wurde ein bekannter Schriftsteller und Redner gegen die Sklaverei. In seiner Autobiografie von 1855 My Bondage and My Freedom, erinnert er sich daran zurück, dass er, als er zu Beginn seiner Karriere zu einem weißen Publikum über die Übel der Sklaverei sprach, als eine Art Kuriosum vorgestellt wurde. Die meisten Vortragenden gegen die Sklaverei waren weiß; Vortragende, die selbst geflohene Sklaven waren, waren eine Seltenheit. Als der Reiz des Neuen sich abnutzte, fingen die Leute an zu zweifeln, dass er jemals ein Sklave war. Er wurde verdächtigt, ein Schwindler zu sein, weil er zu gebildet und zu eloquent war, um in die vorherrschenden Stereotypen über die Unwissenheit von Sklaven zu passen. Er drückte auch seine Enttäuschung darüber aus, das weiße Sklavereigegner_innen verlangten, dass er seine Reden darauf beschränken sollte, einfach von seinen persönlichen Erlebnissen in der Sklaverei zu berichten und zuzulassen, dass weiße Leute näher ausführten, was er meinte: Gib uns die Fakten, wir kümmern uns um die Philosophie. Schließlich hörte Douglass auf, für weiße Sklavereigegner_innen zu arbeiten und startete seine eigene Publikation gegen Sklaverei.

Ich denke, mehr muss man dazu nicht schreiben; wer weiterlesen will, kann Joel Smith's Artikel You're not Autistic! lesen, in dem er diese Teile und herrsche-Strategie vieler Elternverbände beschreibt.

Um zu verhindern, dass durch solche Taktiken Diskussionen rund um die Selbstvertretung zerstört werden, muss es Räume geben, in denen sie nicht geduldet werden. Solche Räume können zum Beispiel Blogs oder Foren sein – Amanda Baggs schreibt zur Moderation der Kommentare in ihrem Blog unter anderem:

This is a blog by a self-advocate who has participated in several aspects of the disability rights movement including autistic liberation, psychiatric survivor, mainstream disability rights, and developmental disability self-advocacy. It is meant largely for discussion of these issues. As such, when I detect any of the above tactics, they will not be allowed, as all they do is hinder the purpose of discussion here, and they add nothing of value or substance.

Sie konkretisiert:

I will no longer be accepting comments that attempt to divert discussion of the issues raised within this blog into an endless discussion of whether I exist or not, or whether I am autistic or not. [...] I will also not be allowing debate over other autistic people’s existence or authenticity. This kind of gossip is a favorite pastime in the autism community, including among some autistic people, but it is a destructive one.

Autistische Selbstvertretungen und Ableismus

Früher dachte ich immer, dass es zu neuen Problemen führen würde, wenn man nicht hinterfragen darf, ob eine Person, die in einem autistischen Projekt aktiv ist, autistisch ist oder nicht: Wenn man autistische Selbstvertretungen aufbaut, sollte man in irgendeiner Weise sicherstellen können, dass die Personen, die dort aktiv waren, auch wirklich autistisch waren. Dachte ich. Das Ganze war nicht aus der Luft gegriffen; die Diskussion begann, als in Autismus-Foren und Vereinen vermehrt Personen auftauchten, die sich absolut nichtautistisch benahmen und nach Meinung anderer auch nichtautistisch waren, die aber von sich behaupteten, autistisch (oder auch ein bisschen im Autismus-Spektrum) zu sein.

Autistische Selbstvertretungen haben das Problem, dass nicht klar bestimmbar ist, wer autistisch ist und wer nicht. Das ist zum Beispiel bei Psychiatrie-Erfahrenen anders: im Zweifelsfall ist es nachweisbar, wer in der Psychiatrie war und wer nicht. Immer wieder wird versucht, die Frage, wer autistisch ist, über die Diagnose zu beantworten. Damit schafft die autistische Community sich wirklich Probleme, vor allem, dass sie sich in pathologisierende Strukturen begibt und sich von diesen abhängig macht. Dazu kommen praktische Probleme; eine Autismus-Diagnose hat bestimmte Vor- und Nachteile, und es gibt Autist_innen, für die sie entscheidende Nachteile bringt und die deshalb keine wollen. Umgekehrt gibt es Nichtautist_innen, die Vorteile von einer Autismus-Diagnose haben; erfahrungsgemäß bekommen Nichtautist_innen, die eine Autismus-Diagnose haben wollen, auch eine. (Es gibt noch weitere Probleme, aber ich will das Thema hier nicht vertiefen.)

Nachdem ich die Artikel von Amanda Baggs und Jim Sinclair gelesen habe, verstehe ich, dass man Autismus-Elternorganisationen, die die Alleinvertretung von Autist_innen für sich beanspruchen, in die Hände spielt, wenn man darüber diskutiert, wer autistisch genug ist. Und dabei stellten sich mir zwei Fragen:

Warum ist es eigentlich so wichtig zu wissen, wer autistisch ist und wer nicht? Viele bisherige Organisationen und Projekte, die man mit etwas gutem Willen als autistische Selbstvertretungen bezeichnen könnte, haben nämlich ein Problem: Ihre Grundlage sind nicht gemeinsame Ziele oder gemeinsame Vorstellungen darüber, wie man diese Ziele erreicht. Ihre Grundlage ist darauf beschränkt, dass alle Leute dort autistisch sind. Dies allein reicht nicht aus, um eine gemeinsame Interessenvertretung zu schaffen und bedeutet nicht, dass man gemeinsame Vorstellungen, Wünsche und Ziele hat. Dementsprechend sind die Gedanken darüber, was man machen sollte und was man nicht machen sollte, komplett unterschiedlich und völlig gegensätzlich; es ist unmöglich, gemeinsame Stellungnahmen zu verfassen; die Projekte sind schlicht handlungsunfähig – insbesondere, wenn sie das Prinzip, alle Autist_innen vertreten zu wollen (unabhängig davon, ob diese von ihnen vertreten werden wollen) mit dem Konsensprinzip zu verknüpfen versuchen.

Die zweite Frage, die ich mir stellte, war: Was genau war das Problem an Personen, die sich nichtautistisch verhalten in autistischen Gruppen?
Das wesentliche Problem an diesen Personen war nicht ihr nichtautistisches Verhalten, sondern dass sie eine ableistische Grundhaltung hatten. Ableismus ist vom englischen ableism (able-ism) abgeleitet. Eine ableistische Gesellschaft ist eine, die nichtbehinderte Menschen als Norm setzt, was zum Ergebnis hat, dass öffentliche und private Räume und Dienste darauf ausgerichtet sind, normalen Menschen zu nutzen und damit andere Menschen behindern und ausschließen. Für behinderte Leute hat Ableismus zur Folge, dass von ihnen erwartet wird, dass sie sich sich soweit wie möglich der nichtbehinderten Norm angleichen oder dies zumindest anstreben oder gerne tun würden.

Die erwähnten Leute betrachteten die neurotypische Norm als Ideal und als Ziel; das haben sie mit vielen Autist_innen gemeinsam. Zugleich sind sie der Ansicht, dass sie besser wären als andere, weil sie näher dran sind an der ableistischen Norm (oder an irgendeiner Art von Norm). Oder schlechter als andere, wenn sie stärker von der Norm abweichen.

Ich habe festgestellt, dass Leute, die sich neurotypisch verhalten, sich in autistischen Selbstvertretungen sehr schnell durchsetzen, sehr geschickt intrigieren und gleichzeitig durch ihre Nähe zur ableistischen Norm sehr anerkannt sind. Zugleich projizieren Autist_innen ableistische Erwartungen auf NTs und all jene, die sich neurotypisch verhalten, zum Beispiel indem sie von NTs als Helfer_innen sprechen und darüber nachdenken, NTs bestimmte Positionen zuzugestehen, weil sie per Definition dies oder jenes können (müssen).

Das sind Probleme, die man nicht einfach ignorieren kann. Ich halte es aber für wenig sinnvoll zu sagen, wer dies und jenes kann, darf nicht mitmachen. Sonst sind wir wieder an dem Punkt, wo Elternverbände sagen, echte Autist_innen könnten sich nicht selbst vertreten, und alle, die es täten, seien nicht wirklich autistisch. Statt dessen wäre es sinnvoll, autistische Selbstvertretungen als Autistic Space zu begreifen: Die Strukturen sollten so aufgebaut sein, dass sie für Autist_innen optimal sind. Eine weitere Voraussetzung wäre, dass Autist_innen ihren Selbsthass und ihr ableistisches Denken ablegen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Zur Zeit sind wir davon noch weit entfernt. Wenn man in einem autistischen Projekt kritisiert, dass bestimmte Strukturen oder Räumlichkeiten für (einige) Autist_innen nicht barrierefrei sind, wird dies oft als persönliche Empfindlichkeit abgetan. In Teilen der autistischen Community gibt es eine extreme Geringschätzung von Autist_innen, die stärker von der ableistischen Norm abweichen als man selbst. Mit den Begriffen schwerer betroffen oder niedrigfunktional wird ihnen jegliche Kompetenz in der Selbstvertretung abgesprochen. Für bestimmte Funktionen oder Tätigkeiten in autistischen Projekten werden ausdrücklich NTs oder leicht betroffene Asperger gesucht – und nicht etwa Personen, die bestimmte Anforderungen erfüllen, die zum Beispiel telefonieren oder Erfahrungen mit Pressearbeit haben. Teilweise fand ich unter Autist_innen einen wesentlich größeren Druck, ableistische Normen zu erfüllen, als anderswo.

Die ableistische Norm wird aber auch und gerade von vielen nichtautistischen Eltern sehr stark vertreten. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir alle zugeben, zumindest ein bisschen Ableismus verinnerlicht zu haben und jetzt umdenken zu müssen. Autismus-Organisationen werden sich der Frage nach ableistischem Denken innerhalb ihrer Organisation stellen müssen.

Zurück nach Oberbayern. Der Autismus-Regionalverband schreibt:

In weniger gravierenden Fällen werden Teilnehmer massiv angegriffen, welche der gängigen Einschätzung des eigenen Behinderungsbildes widersprechen. Diese gängige Einschätzung wurde meist geformt von starken Asperger-Persönlichkeiten, die diese Meinung mit äußerstem Nachdruck vertreten und abweichende Ansichten nicht gelten lassen wollen.

Das ist genau das, was Jim Sinclair als Strategie Nummer 2 beschreibt:

Wenn es einen unwiderlegbaren Beweis gibt, dass die Aktivist_innen zu der betreffenden Gruppe gehören, wird behauptet, dass sie seltene Ausnahmen sind, die so untypisch für die betreffende Gruppe sind, dass das, was sie zu sagen haben, für die Gruppe als ganzes irrelevant ist. Während Autist_innen, die als niedrigfunktional eingestuft werden, die Fähigkeit abgesprochen wird, für Autist_innen zu sprechen, wird Autist_innen, die als hochfunktional eingestuft werden, das Recht dazu abgesprochen.

Weiter schreibt der Autismus-Regionalverband Oberbayern:

In einigen Fällen ist dies radikal eskaliert: So wurden Teilnehmer zur Selbsttötung aufgerufen und dazu sogar eine ausführliche Anleitung gegeben. Wenn Ihr Kind sich an Diskussionen im Internet beteiligt, dann begleiten Sie dies kritisch und besuchen Sie auch selbst diese Foren, um solchen Dingen entgegen wirken zu können. Sprechen Sie mit Ihren Kindern darüber und achten Sie vor allem auf Anzeichen von Depressionen.

Ich will die Probleme, die es in Autismus-Foren gibt, nicht herunterspielen – aber dieselben gibt es ziemlich überall im Internet und auch auf dem Schulhof etc. Die Warnung des Regionalverbands Autismus Oberbayern e.V. bezieht sich zum einen spezifisch auf Asperger-Diskussionsforen, zugleich bleibt sie pauschal und undifferenziert (manche, in einigen Fällen etc.). Welche Foren denn nun? Eine solche Aussage lässt die Leser_innen verunsichert, aber ohne konkrete Hinweise, zurück. Der Zweck dürfte damit erfüllt sein: Autist_innen, die in Foren diskutieren, pauschal zu diskreditieren – sie könnten ja dem widersprechen, was der Regionalverband Oberbayern so von sich gibt.

Anstatt den Text weiter auseinander zu nehmen, möchte ich die Frage stellen: Wie könnte man konstruktiv mit dem Thema umgehen?

Spontan fallen mir zwei Punkte ein, die für Autismus-Foren besonders relevant sind. Zum einen gibt es hier einen höheren Anteil von Leuten, die verletzbar sind: weil sie bisher zu viele schlechte und zu wenig gute Erfahrungen im Leben gemacht haben, weil Autismus-Foren für manche der einzige Kommunikationskanal außerhalb pathologisierender Strukturen sind und auch weil sie in Autismus-Foren viele persönliche Informationen über sich preisgeben. Ich möchte hier noch einmal Amanda Baggs zitieren:

Als ich neunzehn war, hatte ich eine andere Autismus-Seite. In dem Alter war ich auch sehr verletzbar, und sehr schlecht darin, meine Verletzbarkeit zu verstecken. [...]

Jedenfalls fing ich an, diese merkwürdigen eMails zu bekommen. Eine von ihnen gab mir detaillierte Anweisungen, wie ich mich selbst töten konnte, und sagte, wenn ich es nicht tun würde, würden sie den Job für mich erledigen. Meine Familie war alarmiert und kontaktierte das FBI. Aber damals haben sie nicht einmal so getan, als ob sie sich um Internetmobbing kümmern würden, und sie sagten meinen Eltern, dass es kein Problem wäre, wenn es nur online wäre. (Inzwischen hat die Welt leider aus Erfahrung dazu gelernt.)

Schließlich wurde das Problem gefunden, ich weiß nicht mehr, ob von mir oder von jemand anderem – meine Website-Adresse war auf einer Troll-Seite gepostet worden. [...]

In der darauf folgenden Diskussion gab es viel unverhüllten Hohn. Aber mein hauptsächlicher Grund, dieses Posting zu editieren, um dies hinzuzufügen, ist einer der Kommentare, der auf der Website abgegeben wurde, der, den ich bis heute am unverzeihlichsten finde, und der am deutlichsten zeigt, dass viele Trolle genau wissen, was sie tun. Er las sich ungefähr folgendermaßen:

Sie sieht verletzbar aus. Bringen wir sie um den Verstand.

Sinnvoll wäre es für Eltern, ihrem Kind (egal, ob autistisch oder nicht) erstens ein positives Selbstgefühl und Selbstsicherheit mit auf den Weg zu geben. Zweitens sollte man zusammen mit dem Kind lernen, was das Internet ist – dass man zum Beispiel vorsichtig mit seinen Daten und mit persönlichen Informationen umgehen sollte. Das ist leider etwas, was viele Eltern selbst nicht tun – zumindest nicht, wenn es um die persönlichen Daten ihres autistischen Kindes geht: zusammen mit privatesten Details stellen sie den Namen und/oder ein Bild des Kindes ins Internet. Überwachung oder gar Verbote führen nur dazu, dass sie umgangen werden, und dass das Kind sich dann bei Problemen nicht an die Eltern wendet.

Übrigens halte ich das Internet für eine der besten Erfindungen seit langem und gerade Autist_innen können enorm davon profitieren – aber eben auch nur, wenn sie ungestört auf Entdeckungsreise im Netz gehen können. Die meisten NT-Kinder und Jugendlichen haben eine_n gute_n Freund_in, mit dem sie Dinge besprechen können, von denen die Eltern nichts wissen sollen. Autistische Jugendliche haben das oft nicht. Sie brauchen aber genauso die Möglichkeit, sich austauschen, ohne dass ihre Eltern jedes Wort mitkriegen. Und das kann im Internet sein, das für Autist_innen meist einen höheren Grad an Barrierefreiheit bietet als Face-to-Face-Treffen.

Der zweite Punkt, den ich ansprechen will, betrifft sozusagen die andere Seite der bedenklichen Beiträge, nämlich diejenigen, die sie schreiben.

Ich war selbst einige Jahre lang Admin eines Autismus-Forums, und einmal startete ein User einen Thread mit dem Titel Freiwillige Euthanasie, in dem er zur Diskussion stellte, ob Autist_innen sich selbst freiwillig euthanasieren sollten. Der Thread war nur eine Dreiviertelstunde online; nachdem wir ihn entdeckt hatten, war er schnell gelöscht und der User ebenfalls.

Eine Frage möchte ich dem Regionalverband Autismus Oberbayern und Konsorten deshalb hier stellen: Wie, glaubt ihr, kommen Leute auf die Idee, sich selbst euthanasieren zu wollen? Könnte es eventuell damit zusammenhängen, dass sie überall lesen müssen, dass sie defekt sind, dass sie eine Belastung für ihre Familie sind, dass sie Kosten verursachen, ohne der Gesellschaft Nutzen zu bringen, dass versucht wird, sie pränatal zu diagnostizieren und selektiv abzutreiben? Damit, dass ihnen ihr Leben zur Hölle gemacht wird, sei es von Mitschüler_innen, Lehrer_innen, Kolleg_innen, Chef_innen, Sachbearbeiter_innen, Nachbarn, Verwandten etc., und ihnen dann gesagt wird, dass das Leben mit Autismus nun mal aus Leiden und Schwierigkeiten besteht?

Im Kinderkanal lief vor einiger Zeit Hendriks Welt, eine Sendung, die den Anspruch hat, Kinder über Asperger-Autismus aufzuklären. Darin sagte der dreizehnjährige Hendrik: "Ich möchte lieber tot sein als als Asperger-Autist leben." Ich halte es für unverantwortlich, eine solche Aussage in einer Kindersendung zu bringen. Dass es Hendrik nicht gut geht, liegt meiner Ansicht nach daran, dass er gemobbt wird, dass seine Aussagen, Wünsche und Gefühle ignoriert werden - auch vor der Kamera. All das wird in der Sendung nicht thematisiert - Autismus gilt als ein Schicksal schlimmer als der Tod.

All diese Aussagen liest man ständig im Zusammenhang mit Autismus – oft von Elternorganisationen. Glaubt ihr, das lässt Autist_innen unberührt?

Der Regionalverband Autismus Oberbayern zum Beispiel schreibt:

Autismus ist eine tiefgreifende angeborene Entwicklungsstörung, die bei circa 60 von 10.000 Kindern auftritt. Sie ist unter anderem gekennzeichnet durch Beziehungs- und Kommunikationsprobleme, sowie Probleme bei der Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen. Betroffene Menschen bedürfen einer dauerhaften, intensiven und an ihren Fähigkeiten orientierten Unterstützung, Förderung und Begleitung. Die Familien Betroffener sind extremen Belastungen ausgesetzt, die auf Dauer nicht alleine zu bewältigen sind.

Wenn ich ein Kind hätte, ich würde in der Tat nicht wollen, dass es diese Zeilen liest. Das Kind lernt hier, dass es tiefgreifend gestört ist, dass es anders sein sollte, als es ist, und dass es eine extreme Belastung für seine Familie ist.[2] Ist das nicht ungefähr das schlimmste, was man einem Kind sagen kann?

Aus diesem Grund warne ich vor dem Lesen der Website von Autismus Oberbayern e.V.:

Äußerst bedenkliche Inhalte auf der Website von Autismus Oberbayern e.V.!

Wir wurden darauf aufmerksam, dass auf einigen Autismus-Webseiten und auch in so genannten Rundbriefen in letzter Zeit zunehmend sehr bedenkliche Beiträge auftauchen.

Auf solchen Plattformen schreiben Eltern von Autist_innen in respektloser und herabwürdigender Weise über Themen rund um ihr Leben als betroffene Eltern. Sie vertreten dabei die gängige Einschätzung von Autismus als einer Störung, die therapiert werden sollte, als einem Defekt, der kompensiert werden sollte, als furchtbaren Schicksal, als etwas, dass es nicht geben sollte; von Autist_innen als Menschen, die es besser nicht geben sollte. Diese gängige Einschätzung wurde meist geformt von Nichtautist_innen, die diese Meinung mit äußerstem Nachdruck vertreten und abweichende Ansichten nicht gelten lassen wollen.

In einigen Fällen ist dies radikal eskaliert: So wurden Leser zur Anwendung von ABA aufgerufen und dazu sogar eine ausführliche Anleitung gegeben. Wenn Ihr Kind solche Webseiten liest, dann begleiten Sie dies kritisch und besuchen Sie auch selbst diese Webseiten, um solchen Dingen entgegen wirken zu können. Sprechen Sie mit Ihren Kindern darüber und achten Sie vor allem auf Anzeichen von Depressionen.

  1. Das englische geschlechtneutrale Pronomen xe übersetze ich hier provisorisch (und sicherlich nicht optimal) mit er_sie.
  2. Zum Weiterlesen zum Beispiel: Worte können verletzen von Stefan Göthling, Geschäftsführer von Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. über den Begriff familienentlastenden Dienst.