Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Vorschlag für Regeln für Nicht-Autist_innen, die über Autist_innen oder Autismus schreiben

Fabian Dehmel

Autismus für JournalistenDieser Text basiert auf „Suggested Rules for Non-Transsexuals Writing about Transsexuals, Transsexuality, Transsexualism, or Trans ____.“ geschrieben von Jacob Hale, die uns so gut gefallen haben, dass wir sie für Autismus umgeschrieben haben.

  1. Nähern Sie sich Ihrem Thema mit einem Gefühl der Demut: Sie sind nicht die Experten für Autist_innen oder Autismus. Autist_innen sind es.
  2. Hinterfragen Sie Ihre subjektive Position: welche Macht haben Sie, die wir nicht haben (inkl. Zugangschancen, rechtliche Macht, institutionelle Macht, materielle Macht, Macht der lesbaren Subjektivität), welchen Einfluss hat sie auf das, was Sie sehen und was Sie sagen, und wie prägt es Ihre Interessen und ihren Einsatz in Ihrer Arbeit.
  3. Hüten Sie sich davor, folgenden diskursiven Ablauf zu wiederholen (der an koloniale Diskurse erinnert): Am Anfang steht eine Faszination fürs Exotische; Subjektivität wird negiert und erhält keinen Zugang zum dominierenden Diskurs; später folgt eine Art Rehabilitation.
  4. Ersticken Sie unsere Stimmen nicht, indem Sie ignorieren, was wir sagen und schreiben, durch grobe Missinterpretation, durch Bestreiten unserer akademischen Qualifikation, wenn wir diese haben, oder im Bestehen darauf, dass wir akademische Abschlüsse haben müssen (“Fachkräfte“), wenn wir ernst genommen werden wollen.
  5. Beachten Sie, dass unsere Worte des öfteren Teil unserer Diskurse sind, die wir innerhalb unserer Communities führen, und dass wir möglicherweise in den sich überschneidenden Diskursen innerhalb mehrerer Communities beteiligt sind, z.B. unserer autistischen Communities, unserer akademischen Communities (sowohl der interdisziplinären als auch an eine Disziplin gebundenen), queerer Communities, Disability Communities. Beachten Sie diese Diskurse, unseren Platz darin sowie unseren Platz in der Community und in den Machtstrukturen. Andernfalls werden Sie unsere Worte nicht verstehen.
  6. Werfen Sie uns nicht alle in einen Topf, stellen Sie uns oder unsere Gespräche nicht so dar als seien sie aus einem Guss oder einstimmig; erwägen Sie jeden Gebrauch von “die” und jeden Gebrauch des Plurals sorgfältig.
  7. Zitieren Sie nicht-autistische “Experten” (wie Tony Attwood, Simon Baron-Cohen, Helmut Remschmidt, Fritz Poustka, Uta Frith, Bernard Rimland usw.) nicht kritiklos. Wenden Sie denselben kritischen Scharfsinn auf ihre Schriften an, wie Sie ihn auf andere Schriften auch anwenden würden.
  8. Beginnen Sie mit dem folgenden als, wenigstens, einer Arbeitshypothese, die Sie nur mit Widerwillen aufgeben: “Autistische Leben werden gelebt, folglich sind sie lebenswert”.
  9. Bedenken Sie, dass wenn Sie uns aufgrund Ihrer politischen Einstellung(en), welche Sie als das Maß oder den Standard betrachten, beurteilen, ohne zu fragen, ob Ihre Einstellung(en) mit den unseren kollidieren könnten und vor unseren nicht automatisch den Vortritt haben, dass es für uns genauso legitim (oder illegitim, je nachdem) ist, Sie und Ihre Arbeit gemäß unseren politischen Einstellung(en) zu beurteilen.
  10. Konzentrieren Sie sich darauf, was der Blick auf Autist_innen oder Autismus Ihnen über *Sie selbst* sagt, und nicht, was er Ihnen über Autist_innen sagt.
  11. Fragen Sie sich, ob Sie in unseren autistischen Welten reisen können. Wenn nicht, verstehen Sie wahrscheinlich nicht, worüber wir sprechen. Erinnern Sie sich, dass wir meistens in nicht-autistischen Welten leben, deshalb verstehen wir sehr wohl worüber Sie sprechen.
  12. Glauben Sie nicht, dass Sie über die Gruppe von Autist_innen, die Zahl der Autist_innen, autistische Diskurse oder autistische Positionen schreiben können, ohne über autistische Subjektivität, Leben, Erfahrungen, Verkörperungen zu schreiben. Fragen Sie sich: Welche Beziehungen gibt es zwischen diesen Kategorie-Konstrukten, und was bedeutet es, was Sie über das eine schreiben und über das andere nicht schreiben.
  13. Glauben Sie nicht, dass es nur eine Erscheinung von Autismus, nur eine Gestalt “des” Autisten, oder nur einen autistischen Diskurs an irgendeinem zeitlichen und kulturellen Ort gibt.
  14. Wenn wir uns Ihrer Arbeit intensiv genug widmen, so dass wir wütende und detaillierte Kritik üben, verstehen Sie das nicht als Zurückweisung, Verschrobenheit, wildes Herumschimpfen und Wahnsinn, Kommunikationsstörung, Empathielosigkeit, mangelnde Abstraktionsfähigkeit, fehlende Zentralkohärenz oder Effekt der angeblichen Quecksilber-Vergiftung. Es ist ein *Geschenk*. Und es ist ein Lob: es muss etwas in Ihnen geben, dass wir schätzen, da wir uns damit aufhalten, uns mit Ihnen zu beschäftigen, denn solche Beschäftigungen sind für uns häufig schmerzhaft sowie zeitraubend.

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