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Postmoderne Intersexualität – postmoderner Autismus?

Fabian Dehmel

IntersexualitätAlice Domurat Dreger schreibt in ihrem lesenswerten Buch Hermaphrodites and the Medical Invention of Sex (Harvard University Press 1998) über das Phänomen, das sie postmoderne Intersexualität genannt hat: Im Laufe des 19. Jhs. gewann die Medizin in Europa an Macht und Autorität und usurpierte die Entscheidungsmacht, die ihre Patient_innen sonst gehabt hätten, bzw. brachte sie zum Schweigen. Doch am Ende des 20. Jhs. erhoben sich die Stimmen und Forderungen nach Autonomie und Einfluss seitens der Patient_innen. Sie begannen, ihre Geschichten aufzuschreiben und sie bekannt zu machen.

Warum erscheinen plötzlich solche personal Stories? Warum werden sie in großen Mengen geschrieben, veröffentlicht und gelesen?

Dreger nennt hierzu einige Anhaltspunkte, die ich hier vorstellen möchte, weil sie mir in Bezug auf Autismus sehr interessant erscheinen.

Erstens: das Internet, aber auch die ständige Präsenz anderer Medien wie z.B. Fernsehen haben Intersexuelle bekannt gemacht – auch untereinander. Auf diesem Weg haben sich Intersexuelle gegenseitig inspiriert, gemeinsame Probleme auszumachen und ihre individuellen Geschichten zu erzählen. Doch die Technologie allein genügt noch lange nicht als Erklärung dieses Phänomens; es ist den Impulsen der Postmoderne zu verdanken.

Fünf Aspekte der Postmoderne haben laut Dreger das Aufkommen von Autobiografien Intersexueller ermöglicht:

  1. Die Postmoderne ließ diejenigen zu Wort kommen, deren Stimmen vorher als unmaßgeblich abgetan wurden. Erfahrungsberichte von Patient_innen erscheinen jetzt in medizinischen Fachzeitschriften, die früher kaum einen Text von einem Laien abgedruckt hätten. Als subjektive Berichte etikettiert, als wollte man damit suggerieren, dass ein rein objektiver Bericht möglich sei, werden sie dennoch für wertvoll genug erachtet, um aufgeschrieben und vervielfältigt zu werden. Wenn solche Quellen früher höchstens zu einer selektiven Betrachtung einiger Medizintheoretiker_innen oder -historiker_innen herangezogen worden wären, haben heute die Menschen, die mit AIDS, Schizophrenie oder Krebs leben, oder Intersexuelle so viel an Wichtigkeit gewonnen, dass sie sprechen und gehört werden und immer mehr Einfluss erlangen.
  2. Ferner brachte die Postmoderne die Erkenntnis mit sich, dass es niemals eine einzige, selbsterklärende, wahre Geschichte über ein Leben, ein Leiden oder einen Zustand geben kann. In der Vergangenheit wurde, wenn die Geschichte einer entmachteten Person mit der dominanten Version kollidierte, der Bericht des sozial schwachen Individuums entweder außer Acht gelassen oder gering geschätzt. Hingegen erkennt die Postmoderne an, dass die Entscheidung, eine Geschichte für wahr zu halten, eine komplizierte ist und viele Werte-Abwägungen bedeutet. Diese Anerkennung macht möglich, dass Intersexuelle Erfahrungsberichte erzählen und hören können, die mit dem klassischen medizinischen Mythos über den attackierenden Eindringling Krankheit und die heroische, abwehrende Heilung widersprechen. Postmoderne Intersexuelle weigern sich, Mediziner_innen für sich sprechen zu lassen und deren Geschichten als Primärquellen zu akzeptieren, sie bauen stattdessen diese Geschichten in ihre Diskurse ein und machen ihre eigenen Schilderungen zu Primärquellen – zumindest in ihrem eigenen Leben.
  3. Postmoderne Patient_innen teilen häufig das Gefühl, von der Medizin kolonisiert worden zu sein, und zwar in einer Art und Weise, die sie antreibt, sich zu widersetzen und zu protestieren. Opfer der Medizin ist ein wiederkehrender Topos in postmodernen Erfahrungsberichten über Krankheiten und Leiden. Ärzt_innen werden als administratives System empfunden, das Körper kolonisiert und aus ihnen Fälle macht. Menschen fühlen sich als Opfer, wenn Entscheidungen über sie von anderen getroffen werden. Die Rolle des Kranken steht nicht mehr für Erlösung von normalen Anforderungen, sondern für eine Ungeschütztheit gegenüber institutioneller Kolonisation. In den letzten Jahrzehnten sind viele Proteste laut geworden gegenüber Ärzt_innen und Forscher_innen, die sich ihrer Objekte bemächtigen und sie demontieren, anstatt ihnen Stärke zurück zu geben.
  4. Das Konzept der Moderne von einem aktiven Arzt-Helden – einem strikt rationalen, mutigen und selbstlosen Retter -, der einen stillen, passiven und stets dankbaren Patient_innen behandelt, trat hinter die postmoderne Herausforderung der Arzt-Patient Macht-Balance zurück. Wenn Patient_innen früher kein aktiver Part zukam und an ihnen gedoktert wurde, werden sie heute immer öfter Konsumenten medizinischer Dienstleitstungen benannt, wodurch eine aktive Rolle impliziert wird. Diese Verschiebung zugunsten aktiverer Patient_innen ist teilweise darauf zurück zu führen, dass sie mehr Selbstbestimmung und Einfluss eingefordert haben. Intersexuelle sind nicht die einzigen, die mit wachsendem Selbstvertrauen schwierige Fragen stellen und das Recht einfordern, hinsichtlich ihrer Behandlung zentrale Entscheidungen zu treffen. Das Image der Götter in Weiß wird von allen Seiten hinterfragt.
  5. Schließlich hat die Postmoderne durch das Bewusstsein dafür, dass Konzepte wie Geschlechtsidentität und Normalität soziale Konstrukte sind, Intersexuellen die Chance geboten, ihre bedrängte Lage als sozial erzeugt zu begreifen und ihre Erfahrungen kulturspezifisch und historisch zu betrachten – und nicht mehr als einen Umstand, der ihren Körpern inhärent oder obligatorisch wäre. Kulturgeschichte demonstriert die kulturelle Abhängigkeit der Kategorisierungen in Männer, Frauen und Hermaphroditen. Ein Bewusstsein für soziale Konstruiertheit dieser Kategorien ermöglichte den Intersexuellen einen Widerstand gegen ihre Behandlung als Monstrositäten oder Probleme. Ferner haben Intersexuelle bei historischer Betrachtung der medizinischen Behandlung von Homosexualität festgestellt, dass Lesben und Schwule vor kurzem ebenso als reparaturbedürftige Monstrositäten behandelt wurden, und die Geschichte der biomedizinisch konstruierten Weiblichkeit liest sich ganz ähnlich. Intersexuelle haben realisiert, dass sie es ebenso wenig nötig haben, als per se inakzeptabel oder defizitär behandelt zu werden – es sind nicht ihre Körper, die ihnen das Leben erschweren, sondern kulturelle Ansprüche, die an sie gestellt werden. Viele von ihnen hoffen und glauben an die Möglichkeit einer Welt, die sie nicht ablehnt oder medizinische Behandlung von ihnen verlangt.

In der sogenannten Autisten-Community wird gelegentlich über das Fehlen von Vorbildern lamentiert. Das hier ist ein Vorbild.

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