Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Was ist Autismus?

Nick Walker

Autismus ist eine genetisch bedingte neurologische Variante bei Menschen. Die komplexen und miteinander zusammenhängenden Charakteristika, die die autistische Neurologie von der nicht-autistischen Neurologie unterscheiden, werden noch nicht vollständig verstanden, aber aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der wesentliche Unterschied ist, dass autistische Gehirne durch einen besonders hohen Grad an synaptischer Konnektivität und Reaktionsvermögen gekennzeichnet sind. Das führt dazu, dass die subjektive Erfahrung der autistischen Person intensiver und chaotischer ist als die nicht-autistischer Personen: Sowohl auf sensorisch-motorischer als auch auf kognitiver Ebene neigt der autistische Geist dazu, mehr Informationen aufzunehmen, und die Auswirkung von jedem bisschen Information ist sowohl stärker als auch weniger vorhersehbar.

Autismus ist ein Entwicklungsphänomen, d.h. er beginnt bereits im Uterus und hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung, auf verschiedenen Ebenen, das ganze Leben lang. Autismus verursacht charakteristische, atypische Arten des Denkens, der Bewegung, der Interaktion und der sensorischen und kognitiven Verarbeitung. Eine Analogie, die oft gezogen wird, ist, dass autistische Menschen ein anderes neurologisches “Betriebssystem” haben als nicht-autistische Menschen.

Nach derzeitigen Schätzungen sind ungefähr ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung autistisch. Die Anzahl der Menschen, die als autistisch diagnostiziert wurden, ist während der letzten Jahrzehnte kontinuierlich gestiegen ist – es ist jedoch erwiesen, dass dieser Anstieg an Diagnosen das Ergebnis des gestiegenen Bewusstseins um Autismus in der Öffentlichkeit und bei Fachkräften ist, und kein tatsächlicher Anstieg der Autismus-Rate.

Trotz der zugrunde liegenden neurologischen Gemeinsamkeiten unterscheiden sich autistische Menschen sehr stark voneinander. Einige autistische Menschen haben außergewöhnliche kognitive Talente. Aber im Kontext einer Gesellschaft, die gestaltet ist für die sensorischen, kognitiven, entwicklungsbezogenen und sozialen Bedürfnisse nicht-autistischer Menschen sind autistische Menschen fast immer zu einem gewissen Grad behindert – manchmal offensichtlich, und manchmal eher subtil.

Der Bereich sozialer Interaktion ist ein Kontext, in dem autistische Menschen durchgängig behindert sind. Die sensorische Erfahrung eines autistischen Kindes ist intensiver und chaotischer als die eines nicht-autistischen Kindes, und die ständige Aufgabe, diese Erfahrung zu steuern und zu verarbeiten beansprucht deshalb mehr von der Aufmerksamkeit und Energie des autistischen Kindes. Das bedeutet, dass das Kind weniger Aufmerksamkeit und Energie zur Verfügung hat, um sich auf die Feinheiten der sozialen Interaktion zu konzentrieren. Schwierigkeiten, die sozialen Erwartungen nicht-autistischer Menschen zu erfüllen, führen oft zu Zurückweisung, was die sozialen Schwierigkeiten noch verstärkt und die soziale Entwicklung behindert. Aus diesem Grund wurde Autismus oft missdeutet als eine Reihe “sozialer und kommunikativer Defizite” gefasst, von Menschen, die sich nicht bewusst sind, dass die sozialen Herausforderungen, vor denen autistische Menschen stehen, nur Nebenprodukte der intensiven und chaotischen Natur der sensorischen und kognitiven Erfahrung autistischer Menschen sind.

Autismus wird immer noch weithin als “Störung” gesehen, aber diese Sichtweise wurde in den letzten Jahren in Frage gestellt – von Befürwortern des Neurodiversitäts-Modells, dass Autismus und andere neurokognitive Varianten einfach Teil des natürlichen Spektrums menschlicher Biodiversität sind, wie Variationen wie Ethnizität oder sexuelle Orientierung (die in der Vergangenheit auch pathologisiert wurden). Autismus als Störung zu beschreiben ist letztlich eine Wertung, keine wissenschaftliche Tatsache.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors Nick Walker (Original hier). Übersetzt von Colin Müller. Mehr von Nick Walker kann man in seinem Blog Neurocosmopolitanism lesen.

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