Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Besuche in der Welt der Anderen

Julia S.

Dampflok„Sie sind von wo angereist?“ Der Arzt kann es gar nicht fassen.

Dabei ist er es doch, der mich zwei Tage zuvor angerufen hat. Was hätte ich denn anderes tun können? Dortbleiben? Unmöglich. In dieser Situation gibt es nur eine einzige Handlungsoption. Alles andere ist unvorstellbar.

„Wissen Sie, manche Leute kommen nicht einmal aus einem anderen Bundesland.“

Und ich bin aus dem Ausland extra hergekommen, weil meine Mutter auf der Intensivstation liegt.

Ich kann mir nicht vorstellen, was das für seltsame Leute sind, die da nicht anreisen würden. Wo das doch die einzig mögliche Handlung ist.

Selbstverständlich wäre ich viel lieber dortgeblieben. Selbstverständlich würde ich viel lieber in meiner gewohnten Umgebung meinen gewohnten Routinen nachgehen, statt hier herumzusitzen und dem wichtigsten Menschen in meinem Leben beim Sterben zuzugucken. Aber es ist die einzig mögliche Handlung.

***

Ich will zurück nach Hause. Zurück in meine kleine, vollgestopfte Wohnung. Zurück zur Arbeit, wo ich mir ein kleines Büro ganz am Ende des Flures mit Miroslaw teile, direkt neben dem Serverraum. Ab und zu kommt Ari auf einen Plausch vorbei. Ich mag ihn, so wie ich eigentlich alle Systemverwalter mag, mit denen ich je zu tun hatte; sie sind genauso verschroben wie ich, nur daß es bei ihnen nicht „verschroben“ genannt wird, weil jeder weiß, daß Systemverwalter nun mal so sind. Und weil sie so sind, wie sie sind, verstehen sie mich und ich verstehe sie.

Miroslaw ist den halben Tag damit beschäftigt, mit unserer russischen Filiale alle möglichen Sachen auszuhandeln, zu organisieren und koordinieren. Fast nach jedem einzelnen Telefonat entschuldigt er sich wortreich für den ganzen Lärm, den er dabei zu machen meint. Wie oft muß ich ihm noch erklären, daß ERSTENS Russisch eine sehr klangvolle Sprache ist, die ich auf keinen Fall als „Lärm“ betrachte, und er ZWEITENS sowieso eine sehr angenehme Stimme hat, so daß ich DRITTENS seine Telefonate noch nie als störend empfunden habe, sondern VIERTENS bisweilen sogar als angenehm?

Außerdem lerne ich auf diese Weise so nach und nach das Fachvokabular für unser Projekt auch auf russisch. Für den rein hypothetischen Fall, daß ich das mal brauche. Aber hauptsächlich einfach nur so. Ich mag Wörter.

Den ganzen Tag arbeite ich an meiner Fachterminologie für das Projekt. Das ist schön; Wörter suchen und Definitionen ausformulieren. Und überlegen, ob ich dieses oder jenes Wort vielleicht auch in anderen Sprachen als nur Deutsch und Englisch kenne und dadurch dem Übersetzungsteam ein wenig Arbeit abnehmen kann.

Ab und zu exportiere ich die Wörter der Master-Liste aus der Datenbank in ein Spreadsheet. Das kann ich dann noch hübsch formatieren, bevor ich es den technischen Experten zur Revision schicke. Die schicken mir dann Korrekturen; und noch viel spannendere Sachen: Welche neuen Konzepte sie entwickelt haben, die ich nun benennen darf. Was für andere Wörter man womöglich noch gebrauchen könnte. Wo ich noch nach neuen Wörtern suchen könnte.

Mein Chef weiß nicht, daß ich diese Arbeit als „ich darf den ganzen Tag mit Wörterbüchern spielen und werde dafür auch noch bezahlt“ beschreibe; zumindest habe ich es ihm nie gesagt. Aber vielleicht hätte er für diese Beschreibung sogar Verständnis; immerhin ist er es, der sofort an mich dachte, als er hörte, daß für dieses Projekt jemand gesucht wird, der Terminologiearbeit machen kann. Anscheinend eilt mein Ruf mir voraus. Ich habe mir aber bis jetzt immer die Frage verkniffen, worin dieser Ruf nun genau besteht: „Julia führt klaglos und anscheinend sogar mit Freude langweilige, monotone Arbeiten aus“? Oder eher „Julia liebt Wörter über alles, kennt sich mit Sprachen aus und schreibt ausgezeichnete Definitionen“?

Letzteres wäre mir lieber, aber eigentlich ist es ja egal. Ich bin in einem Projekt, das mir Spaß macht, und in regelmäßigen Abständen drückt irgendjemand seine Freude über meine Arbeit aus und gibt mir neue Denkanstöße und ansonsten läßt man mich größtenteils in Ruhe. Was will man mehr?

Irgendwann am Nachmittag habe ich dann mein tägliches Pensum erledigt und gehe noch in die Stadt, falls ich etwas einkaufen muß. Oder ich gehe direkt nach Hause. Den Busfahrplan kann ich auswendig, daher komme ich immer genau zur richtigen Zeit an die Haltestelle.

Um Punkt acht Uhr fange ich mit den Vorbereitungen für die Nacht an: Rechner herunterfahren, Geschirr vom Abendessen spülen, duschen und Haare waschen und so weiter. So komme ich auf jeden Fall spätestens um neun ins Bett. Das ist wichtig, denn ich stehe um fünf Uhr auf, damit ich mit dem allerersten Bus zur Arbeit fahren kann. Meistens bin ich morgens als Erste im Büro. Zum Glück haben wir gleitende Arbeitszeit. So kann ich von meinem Schreibtisch aus den Sonnenaufgang genießen und auch die morgendliche Stille im ganzen Stockwerk – und danach das allmähliche Aufwachen des gesamten Gebäudes.

Nach und nach treffen dann, meist in derselben Reihenfolge wie am Vortag, die Kollegen ein. Um zehn Uhr ist unsere tägliche Mini-Projektbesprechung; Amina und Mikko, die Textredakteure, unsere Koordinatorin Marjaana sowie ich, die Terminologin, Herrin über Wortbedeutungen und über Dativ und Akkusativ. Eine Viertelstunde lang informieren wir uns gegenseitig über den Fortschritt unserer Arbeit und planen gemeinsam die nächsten Schritte.

Es ist gut, wenn man jeden Tag eine Gelegenheit hat, auf etwas zu zeigen und zu sagen: das habe ich seit gestern fertiggebracht. Und sich mit den anderen über die Dinge zu freuen, die sie seit gestern fertiggebracht haben.

Diese Routinen sind gut für mich. Routinen geben Struktur und Sicherheit. Routinen beruhigen.

***

Hier habe ich keine Routinen. Aber während aus Tagen Wochen werden, entwickeln sich nach und nach welche: Besuchszeit im Krankenhaus ist von vier bis sechs. Im Warteraum vor den Toren der Intensivstation sitzen immer dieselben Leute. Mittags gegen zwölf ruft Irmgard an, abends um acht ruft Rita an.

Dazwischen weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich wünschte, ich hätte hier einen Internetanschluß; dann könnte ich wenigstens stundenweise an meiner Terminologie weiterarbeiten.

Terminologie hat Struktur. Struktur gibt Sicherheit. Struktur beruhigt.

Im Fernsehen laufen Serien, die ich nicht mehr kenne. Alle reden deutsch. Das verwirrt mich; bin ich doch seit Jahren an Originalton mit Untertiteln gewöhnt. Das einzige, was mich nicht verwirrt, ist „Bernd das Brot“.

Neuer Zusatz zur Routine: Abends „Bernd das Brot“ ansehen.

Das Wetter ist ungewohnt warm. Ich habe seit über zehn Jahren keinen Sommer mehr in Deutschland verbracht.

Und die Busse haben seltsame Nummern und fahren zu seltsamen Zeiten.

Und das Roggenbrot, das es hier gibt, ist zu stark gewölbt und die Butter ist ungesalzen und nirgends gibt es vernünftigen Grießbrei. Aber von irgendwas muß ich mich schließlich ernähren.

***

Aus purer Verzweiflung fange ich an, eine neue Sprache zu lernen. Mal wieder eine, von der meine Mutter sagen würde, die habe doch gar keinen praktischen Nährwert. Vielleicht würde sie es aber auch nicht sagen, denn sie weiß genau, wieviel Spaß mir Sprachen machen und daß es mir neben diesem ganzen Spaß völlig egal ist, ob ich meine Sprachkenntnisse irgendwann irgendwo womöglich mal anwenden kann.

Also: Nāhuatl (Aztekisch, Mexikanisch), Lektion 1: Schreibung und Aussprache.

Das ist schnell gelernt. Die Sprache wird fast genauso ausgesprochen, wie sie geschrieben wird, und umgekehrt.

Also weiter zu Lektion 2: Grundwortschatz und einfache Wortableitungen.

Das ist schon besser! Ich mag Sprachen mit interessanten Wortableitungsmöglichkeiten.

Calpixqui. Hausmeister. „Der (-qui) sich um das Haus (cal) kümmert (pix).“

Tlacualchīhualōyān. Küche. „Ort, wo (-yān) irgendwelche nicht näher bezeichneten Leute (-lō) etwas (tla-) zu essen (cua) zubereiten (chīhua).“

So fülle ich die leeren Flecken zwischen Krankenhaus, Telefon und Kastenbrot mit Grammatik.

Auch die Zahlwörter machen mir Spaß. Nāhuatl hat ein Zwanzigersystem, das heißt, man muß zum Umrechnen aus unserem Zehnersystem immer durch 20 teilen und dann mit dem Rest weiterrechnen.

Ich fange an, die Zahlen auf den Nummernschildern vorbeifahrender Autos umzurechnen:

1383. Das ist 3 mal 400 – yētzon – Rest 183; 9 mal 20 – chiucnāuhpōhual – Rest 3; äh; also alles in allem yētzontli onchiucnāuhpōhualli omēyi.

2907. Das ist 7 mal 400 – chicōntzon – Rest 107; 5 mal 20 – mācuīlpōhual – Rest 7; also insgesamt chicōntzontli ommācuīlpōhualli onchicōme.

Habe ich schon erwähnt, daß ich außer Wörtern auch Zahlen mag?

596. 1 mal 400 (centzon) Rest 196; 9 mal 20 (chiucnāuhpōhual) Rest 16; also centzontli onchiucnāuhpōhualli oncaxtōloncē.

8478. 1 mal 8000 (cenxiquipil) Rest 478; 1 mal 400 (centzon) Rest 78; 3 mal 20 (yēpohual) Rest 18; also cenxiquipilli oncentzontli omēpohualli oncaxtōlomēyi.

Mit der Übung wird es einfacher.

3914. Chiucnāuhtzontli oncaxtōlpōhualli ommahtlactli onnāhui.

Ab Lektion 3 erlaubt mir das Lehrbuch dann, einfache Sätze zu bilden.

Xuan īpan xōchipilli. Johannes ist im Garten.

Inīn īāmox in Malina. Dieses Buch gehört Marina.

Cōconeh īpan tēmachtīlōyān. Die Kinder sind in der Schule.

Cāmpa nichcameh? Wo sind meine Schafe?

Nonāntzin īpan cocoxcalli. Mami ist im Krankenhaus.

Mir steigen Tränen in die Augen.

Ahmō niccualitta. Das gefällt mir gar nicht.

Die Buchstaben verschwimmen in den Tränen.

Dennoch tut mir die Wortstruktur gut. Struktur gibt Sicherheit. Struktur beruhigt.

***

Alle paar Tage telefoniere ich mit Jyrki, dem Projektleiter, und Risto, dem Abteilungsleiter. Als ich ihnen damals (wann eigentlich? Mein ohnehin schon unzuverlässiges Zeitgefühl ist mir vollkommen abhanden gekommen) sagte, daß meine Mutter auf der Intensivstation liegt, sagten beide nur: „Geh! Geh! Wir werden schon irgendwie eine Weile ohne dich klarkommen.“ Ich habe immer noch nichts Neues zu berichten. Es geht ihr von Tag zu Tag etwas schlechter; wie schon beim letzten Telefonat. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich noch hierbleiben muß; wie schon beim letzten Telefonat. Sie versuchen mich zu trösten, aber niemand von uns findet die rechten Worte. Ich fühle mich dennoch getröstet. Als Finnen können die beiden auch mit Schweigen viel ausdrücken.

***

Es tut mir gut, im Ausland zu leben. Die finnische Mentalität ist mir angenehm; niemand will mich ständig zur Begrüßung und zum Abschied umarmen oder küssen, und man muß auch nicht ständig reden, wenn man mit jemandem zusammen ist.

War es Bertolt Brecht, der gesagt hat, daß die Finnen in zwei verschiedenen Sprachen schweigen können? Finnland hat zwei offizielle Landessprachen, die ich inzwischen beide sprechen kann. Aber wohler als beim Sprechen fühle ich mich, wenn ich mit Freunden oder Nachbarn schweigend zusammensitze. Ihr Schweigen umhüllt mich freundlich und meins umhüllt sie.

***

Manche Leute – Nachbarn oder auch Bekannte, die anrufen – machen sich Sorgen um mich. Wie ich es denn so ganz allein im Haus aushalte?

Ich verstehe, wie sie auf diese Gedanken kommen, auch wenn ich sie nur theoretisch nachvollziehen kann. In diesem Haus bin ich aufgewachsen. Es ist mir vertraut. Ich war doch auch schon früher ab und zu mal allein zu Hause, ohne daß man sich gleich Sorgen um mich machte!

Das Problem ist nicht, daß meine Mutter nicht hier, im Haus, ist. Das Problem ist, daß sie stattdessen dort, im Krankenhaus, ist.

Aber das hat doch nichts mit dem Haus zu tun. Oder mit mir.

***

Die Nachbarin hat mir über Nacht zwei Blumenstöcke vor die Haustür gestellt. Einen links, einen rechts.

Ich fühle mich für einen Moment glücklich. Geborgen—

Soll ich jetzt gleich noch vor dem Frühstück rübergehen und mich bedanken? Oder soll ich warten, bis sie von der Arbeit zurückkommt? Oder mich vielleicht telefonisch bedanken?

Wenn meine Mutter hier wäre, könnte sie mir einen Rat geben. Allein bin ich ratlos. Ich kann komplizierte Algorithmen entwickeln, aber den Algorithmus zum Bedanken für Blumenstöcke kenne ich nicht.

***

In lichten Momenten öffnet sie die Augen. Wenn sie mich anschaut, schaue ich zurück.

„Ich hab dich lieb“, sage ich und stelle mir vor, daß sie antwortet: Ich dich auch.

Wenn sie ihren Freund anschaut, merke ich, daß zwischen ihren und seinen Augen etwas vor sich geht. Information fließt hin und her. Ein Datenstrom, den ich zwar wahrnehmen, nicht aber dekodieren kann.

Ich frage mich, ob das vielleicht der Grund ist, warum ich ausgerechnet Sprachwissenschaften studiert habe. Daß ich irgendwie unbewußt gemerkt habe, daß zwischen den anderen Kommunikation auf noch viel mehr Ebenen abläuft als nur auf den wenigen, die ich benutze. Und daß ich lernen wollte, wie das alles funktioniert.

Meine Mutter würde vehement abstreiten, daß ich auch nur einen autistischen Knochen im Leibe hätte. Aber hier in diesem Krankenzimmer ist es offensichtlich, daß sie ganz genau weiß, daß ich mit meinen Augen keine Datenströme aussenden oder empfangen kann. Deshalb verzichtet sie darauf, mir mit ihren Augen Datenpakete zuzuwerfen. Stattdessen schaut sie mich einfach nur liebevoll an.

Aber ihr Freund ist nicht autistisch. Er bekommt einen Datenstrom aus ihren Augen und sie aus seinen.

Fasziniert beobachte ich, wie vor meinen Augen Kommunikation geschieht.

***

Auch wenn sie bewußtlos ist (was eigentlich die allermeiste Zeit ist), möchte ich mit ihr reden. Vielleicht hört sie mich ja.

Also plappere ich über Bernd das Brot und komme mir so furchtbar tolpatschig vor. Aber mir fällt nichts ein, worüber ich sonst reden könnte. Ich möchte sie in ihrem Zustand nicht überfordern, also kommen Erklärungen über diesen oder jenen Aspekt der Nāhuatl-Grammatik schon mal nicht in Frage. So komme ich immer wieder auf das zynische Kastenbrot und seine zwei verrückten Freunde, das Stunt-Schaf und den geekigen Busch, zurück.

Ich wünschte, ich hätte so einen schönen Rückzugsort wie Bernd. Der kann es sich bei Bedarf in seinem schalldicht gepolsterten Zimmer mit den beruhigend-eintönig weißen Wänden gemütlich machen. Im Krankenzimmer sieht es dagegen aus wie im Labor von Briegel, dem verrückten Busch: alles voller Kabel und blinkender und piepsender Maschinchen.

Ich bin froh, daß ich ebenfalls ziemlich geekig bin. So kann ich mich, wenn ich eine Pause brauche, auf die Maschinen konzentrieren, die Atemluft und Nahrung und Medikamente in meine Mutter hineinpumpen und Meßwerte anzeigen. Körpertemperatur. Blutdruck. Herzfrequenz. Sauerstoffgehalt des Blutes. Luftdruck in der Lunge. Die Kürzel und Symbole sind mir schon bald vertraut.

Ich stelle mir vor, statt in einem Krankenzimmer in einem Serverraum zu sitzen.

Die bunten Lämpchen an den Maschinen blinken mich freundlich an.

Wenn in der Infusionsmaschine ein neues Medikament hinzukommt oder auf dem Krankenblatt oder in den Gesprächen der Ärzte ein neuer Fachbegriff auftaucht, mache ich mir eine Notiz und schlage die Wörter am Abend nach. Meine Mutter hat im Lauf der Jahre ein ganzes Regalbrett voller medizinischer Nachschlagewerke zusammengekauft. Voller Spannung suche ich die Medikamentennamen in der „Roten Liste“ und schlage die Wirkstoffe, Wirkmechanismen und so weiter dann im „Pschyrembel“ nach oder in einem der Bücher über Biochemie.

Assistierte Spontanatmung.

Sufentanil.

Ringer-Lösung.

GABA-Agonist.

Auf diese Weise kann ich wenigstens erahnen, was genau passiert und warum. Warum ausgerechnet dieses Schmerzmittel verabreicht wird und nicht ein anderes. Wieviel von der Nährflüssigkeit ihr Körper annimmt und metabolisiert, und wieviel unverdaut ausgeschieden wird.

So merke ich auch immer wieder, daß das hier tatsächlich ein Krankenzimmer und kein Serverraum ist. In einem Serverraum hätte ich die Möglichkeit, von einem Terminal aus auf eine Liste der laufenden Prozesse zuzugreifen und jeden davon einzeln abzufragen und mir auf diese Weise ganz genau anzusehen, was da vor sich geht. Aber in diesem Krankenzimmer bleibt mir nur mein Notizblock. Und dann die Fachwörterbücher daheim.

Die Informationen und die schöne naturwissenschaftliche Fachterminologie nehmen mir einen Teil des Schmerzes, der meine Seele füllt. Für den Rest wünsche ich mir dieselben Medikamente, die sie bekommt, allerdings in einer geringeren Dosierung, denn statt des gesamten Ich schmerzt ja nur die Seele.

Ein alter Freund besorgt mir einen Termin bei seiner Hausärztin, die mir ein Beruhigungsmittel verschreibt, das einen weiteren Teil des Schmerzes in meiner Seele betäubt, für den ich einfach keine Worte finde.

***

Der Arzt, der mir die Todesnachricht überbringt, will wissen, ob ich sie noch einmal angucken kommen will.

Angucken?

Er erklärt es mir. Manche Leute wollen ihre verstorbenen Angehörigen anscheinend noch einmal sehen.

Aber ich lehne das Angebot ab. Was soll ich denn da? Das ist nicht meine Mutter. Meine Mutter ist Wörter und Erinnerungen und Geschichten und Kochrezepte und Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen und Strickmuster und der Klang ihrer Stimme. Das ist jetzt alles irgendwo anders. Das, was da noch im Krankenhaus liegt, ist bloß ein Körper.

Weil meine Mutter evangelisch war, ihr Freund aber katholisch, erklärt die Pfarrerin uns den Unterschied zwischen dem evangelischen und dem katholischen Verständnis des Trauergottesdienstes. Aus katholischer Sicht dient dieser Gottesdienst dem Verstorbenen beziehungsweise seiner Seele, aus evangelischer Sicht ist der Gottesdienst vor allem für die Hinterbliebenen.

Das kann ich zumindest theoretisch nachvollziehen.

Die Blumen sind schön und die Pfarrerin hält eine gute Rede. Aber ich habe mich schon vor Tagen von meiner Mutter verabschiedet. Ich brauche diesen Gottesdienst nicht. Einen katholischen Trauergottesdienst fände ich sinnvoller, denn der würde offenbar immerhin ihr nützen.

In meinem Leben ist ein mamiförmiges Loch.

***

In Gegenwart anderer Menschen kann ich nicht weinen. Das hat nichts damit zu tun, daß es mir vielleicht peinlich wäre; es geht ganz einfach nicht. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, es kommen keine Tränen.

Die Tränen kommen erst, wenn ich allein bin.

Ich stehe am offenen Grab umringt von weinenden Menschen. Einige kommen zu mir und umarmen mich; das ist mir unangenehm, aber ich lasse sie gewähren, denn ich weiß, daß solcher Körperkontakt für die anderen Trost bedeutet.

Ich hoffe, daß die Trauerfeier bald vorbei ist, damit ich endlich weinen kann.

***

Irmgard ruft immer noch jeden Mittag an, um mir Halt und Trost zu geben; genau wie ich ihr auch schon in ihren Krisenzeiten Halt und Trost gegeben habe.

Man hat mich schon oft gefragt, wie es denn möglich ist, eine beste Freundin zu haben, die in einem anderen Land wohnt, über tausend Kilometer von mir entfernt. Ich weiß nie, was ich antworten soll außer „warum sollte das denn nicht möglich sein?“.

Schließlich gibt es Briefe und Telefone und das Internet.

Müssen wir uns wirklich ständig gegenseitig auf der Pelle sitzen, nur um einander klarzumachen, daß wir immer noch befreundet sind?

Die anderen verstehen mich oft nicht, aber ich verstehe sie oft auch nicht. Unterm Strich gleicht sich das alles wohl aus.

***

Als ich ins Büro zurückkomme, steht auf meinem Schreibtisch ein Blumenstrauß.

„Willst du wirklich schon wieder arbeiten?“ fragt Jyrki. „Wir sind natürlich froh, daß du wieder da bist, aber niemand wäre dir böse, wenn du dich noch eine Weile krankschreiben lassen würdest.“

Ich brauche eine Weile, um ihm klarzumachen, daß die Arbeit für mich jetzt die beste Therapie ist. Im Büro darf ich den ganzen Tag mit Wörterbüchern spielen und zwischendurch mit Ingenieuren reden. Gibt es etwas Schöneres? Zu Hause müßte ich mir selber eine Aufgabe suchen, die mich so fasziniert wie die Terminologiearbeit.

Außerdem ist Hochsommer und ich sehe nicht ein, warum ich die heißeste Zeit des Jahres irgendwo anders verbringen sollte als im vollklimatisierten Büro.

Während meiner Abwesenheit sind neue Dokumente entstanden, die ich jetzt korrekturlesen soll. Und neue Funktionen, für die ich Namen finden muß.

Die Terminologiedatenbank begrüßt mich wie einen alten Freund. Ich lege mir die Wörterbücher zurecht und öffne ein paar Browserfenster. Bevor ich anfange zu recherchieren, koche ich mir noch eine Tasse Tee.

In einer Stunde wird Miroslaw ins Büro kommen. In zwei Stunden ist unsere tägliche Projektbesprechung. Ist heute Dienstag? Nein. Schade; dann würde um die Mittagszeit eine große Kiste Obst geliefert. Wenn ich Glück habe, ist eine Ananas dabei, die ich mir mit mehreren Kollegen teilen kann.

Während mehrere Suchmaschinen meine Anfragen bearbeiten, nuckle ich an meinem Tee.

Routinen sind gut. Routinen geben Struktur und Sicherheit. Routinen beruhigen.

 

Mit diesem Text gewann Julia S. den fünften Platz unseres Autismus-Kultur Schreibwettbewerbs 2011.

Foto von Black Photo Studio, Creative-Commons-Lizenz.

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