Für ein glückliches Leben im Autismus‑Spektrum

Asperger-Syndrom bei Erwachsenen

Autismus-Kultur

Zusammenfassung

Menschen mit Asperger-Syndrom haben oft Schwierigkeiten, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen. Subtile Botschaften, die durch Mimik, Blickkontakt und Körpersprache kommuniziert werden, bekommen sie oft nicht mit.


Oft fällt es ihnen schwer, Freundschaften zu schließen, und sie haben Schwierigkeiten, ungeschriebene soziale Regeln und Körpersprache zu verstehen. Oft sind ihre sprachlichen Fähigkeiten sehr gut, aber sie haben spezifische Probleme mit den sozialen Aspekten von Sprache: sie neigen dazu, Dinge wörtlich zu nehmen und Anspielungen und implizierte Bedeutungen nicht zu verstehen.

Menschen mit Asperger-Syndrom haben Stärken und Schwächen, Fähigkeiten und Schwierigkeiten.

Das Asperger-Syndrom war wahrscheinlich über die ganze Evolution hinweg eine wichtige und wertvolle Eigenschaft unserer Spezies.

Tony Attwood

Fakten zum Asperger-Syndrom

  • Das Asperger-Syndrom gilt als “leichte” Form von Autismus. “Leicht” meint aber nicht, dass Menschen mit Asperger-Syndrom im Alltag keine Schwierigkeiten hätten – die haben sie. Ihre Schwierigkeiten sind nur von außen oft nicht unmittelbar ersichtlich.
  • Es ist neurologisch bedingt – das Gehirn einer Person mit Asperger-Syndrom verarbeitet Informationen anders. Das Asperger-Syndrom besteht von Geburt an – es hat keine psychologischen Ursache.
  • Das Asperger-Syndrom hat vermutlich eine genetische Ursache – es ist jedoch kein einzelnes Gen, welches das Asperger-Syndrom verursacht, sondern wahrscheinlich Kombinationen “normaler” Gene, von denen alle Menschen einen Teil in sich tragen. Möglicherweise spielen auch weitere, unbekannte Faktoren eine Rolle.
  • Das Asperger-Syndrom ist keine Krankheit, nur eine andere Verteilung von Stärken und Schwächen. Deshalb kann es auch nicht “geheilt” werden.
  • Das Asperger-Syndrom ist unsichtbar. Man sieht es einer Person nicht an, ob sie das Asperger-Syndrom hat oder nicht.
  • Das Asperger-Syndrom ist angeboren. Erkennbar ist es aber erst, wenn die sozialen Anforderungen die Fähigkeiten übersteigen. Eine Diagnose kann meistens ab zwei Jahren gestellt werden; viele Menschen mit Asperger-Syndrom werden aber bis ins Erwachsenenalter hinein nicht diagnostiziert, weil das Asperger-Syndrom bis vor einigen Jahren weitgehend unbekannt war.
  • Häufigkeit: Ungefähr 1-2% der Menschen sind im Autismus-Spektrum, viele davon in dem Bereich des Spektrums, dass man Asperger-Syndrom nennt.
  • Geschlechterverhältnis: Das Asperger-Syndrom ist scheinbar bei Jungen und Männern häufiger als bei Mädchen und Frauen. Inzwischen werfen Forscher und Organisationen allerdings die Frage auf, ob das zumindest zum Teil daran liegt, dass das Asperger-Syndrom bei Mädchen und Frauen seltener erkannt wird. Mädchen und Frauen mit Asperger-Syndrom sind oft unauffälliger, haben aber deshalb nicht weniger Schwierigkeiten.

Merkmale des Asperger-Syndroms

Jede Person mit Asperger-Syndrom ist anders, aber es gibt charakteristische Merkmale, die alle Menschen mit Asperger-Syndrom zu einem gewissen Grad haben:

  • Sie sind intelligent und haben gute sprachliche Fähigkeiten.
  • Sie haben Schwierigkeiten, Sprache in sozialen Kontexten zu verwenden und zu verstehen.
  • Soziale Regeln, die andere intuitiv verstehen, müssen sie erst lernen.
  • Sie haben Schwierigkeiten, non-verbale Hinweise wie Gesichtsausdrücke, Gesten oder der Tonfall zu verstehen. Vielleicht erkennen sie sehr offensichtliche Mimik, subtile jedoch nicht.
  • Sie haben Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen, deren Gefühle zu erkennen und ihre Perspektive zu verstehen. Dadurch wirken sie manchmal egoistisch oder arrogant – eine ungerechte Einschätzung, denn Menschen mit Asperger-Syndrom können oft nicht erkennen, wie es anderen Menschen geht. Sie sind meistens überrascht, wenn man ihnen sagt, dass ihr Verhalten verletzend oder unangemessen war.
  • Sie haben Schwierigkeiten mit “Smalltalk” und ähnlichen sozialen Anforderungen.
  • Sie konzentrieren sich eher auf Details als auf das Gesamtbild.
  • Oft haben sie intensive Interessen (“Spezialinteressen”). Die Interessengebiete können von sehr unterschiedlich sein (z.B. Computer, Katzen, die französische Revolution, Autos, Lichtschalter). Sie können von Zeit zu Zeit wechseln.
  • Sie bevorzugen oft bestimmte Routinen und Abläufe und geraten in Stress, wenn diese unterbrochen werden.
  • Die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom haben Über- oder Unterempfindlichkeiten in Bezug auf Licht, Geräusche, Berührung, Geschmack oder Gerüche. In einer Umgebung mit vielen Reizen (z.B. Schule, Supermarkt) können sie sich schnell überlastet fühlen. Siehe dazu Autismus und Wahrnehmung.

Andere Charakteristika und Züge, die viele Menschen mit Asperger-Syndrom haben:

  • Blickkontakt kann schwierig sein (muss aber nicht), manchmal unangenehm, oft ablenkend. Allgemein haben Menschen mit Asperger-Syndrom Schwierigkeiten, Blickkontakt zur sozialen Kommunikation zu nutzen: Sie erkennen die Informationen oft nicht, die ihr Gesprächspartner ihnen damit gibt, und haben meistens Schwierigkeiten, selbst solche Signale zu geben.
  • Manche Menschen mit Asperger-Syndrom sind ungelenkt, haben zum Beispiel eine schlechte Handschrift oder eine merkwürdige Haltung. Auf einzelne Sportarten muss sich das jedoch nicht auswirken.
  • Manche Menschen mit Asperger-Syndrom haben weitere Diagnosen wie z.B. ADHS, eine Zwangsstörung, Depression oder soziale Ängste.
  • Manche Menschen mit Asperger-Syndrom haben auf einem bestimmten Gebiet besondere Fähigkeiten oder Kenntnisse, z.B. Zeichnen, Schreiben, Mathe, Musik, Geschichte oder Computer. Viele sind gut darin, sich Fakten und Daten zu merken.
  • Menschen mit Asperger-Syndrom haben oft Schwierigkeiten in Gruppen zu arbeiten. Aber das kommt auch sehr auf die Gruppe an.

Mehr zum Asperger-Syndrom findest Du hier.

Die Entdeckung von AspieEin sehr lesenswerter Artikel ist auch “Die Entdeckung von Aspie“. Darin stellen Carol Gray und Tony Attowod die Frage: “Was wäre, wenn das Asperger-Syndrom anhand seiner Stärken definiert wäre?” (‘Aspies’ ist eine gängige Bezeichnung für Menschen mit Asperger-Syndrom.)

Online-Test auf Asperger-Syndrom

Autismus-TestDer Autismus-Quotient-Test kann Dir sagen, ob eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum (einschließlich Asperger-Syndrom) bei Dir wahrscheinlich ist oder nicht. Bitte beachte aber, dass ein Online-Test keine Diagnose stellen kann.

Gute Autismus-Bücher

Unsere Leseempfehlungen

Diagnose Asperger-Syndrom

Viele Erwachsene mit Asperger-Syndrom haben keine Diagnose (oder eine falsche Diagnose), oft haben sie noch nicht einmal etwas vom Asperger-Syndrom gehört. Aspies gab es zwar schon immer, aber erst in den 90er Jahren wurde das Asperger-Syndrom in die offiziellen Diagnosehandbücher aufgenommen; vorher war es kaum bekannt. Früher galt Autismus als sehr selten, und bei Kindern, die sprechen konnten, wurde kaum einmal Autismus diagnostiziert. Die vielen Schwierigkeiten von Menschen mit Asperger-Syndrom blieben unsichtbar und unverstanden. All das sind Gründe, warum viele Erwachsene noch nie vom Asperger-Syndrom gehört haben. Manche stoßen auf die Diagnose, wenn ihre Kinder die selben Schwierigkeiten haben wie sie, und dann eine Asperger-Diagnose gestellt wird. Andere lesen zufällig davon und suchen dann eine diagnostische Abklärung.

Die Diagnose bei Erwachsenen kann schwieriger sein als bei Kindern, weil Erwachsene oft vielfältige Strategien entwickelt haben, um ihre Schwierigkeiten zu verstecken und zu überspielen. Aber auch bei Erwachsenen kann eine Diagnose gestellt werden.

Das Asperger-Syndrom kann nicht durch einen medizinischen Test festgestellt werden (z.B. Bluttest, Gentest, MRT-Scan). Die Diagnose wird deshalb anhand des Verhaltens gestellt. Dazu wurden Diagnosekriterien und Tests entwickelt.

Offiziell gültig sind in Deutschland die Kriterien im ICD. Hier kannst Du die ICD-Diagnosekriterien für das Asperger-Syndrom lesen.

Ebenfalls weit verbreitet sind die Kriterien des amerikanischen DSM. In der neuesten Auflage des DSM wurde das Asperger-Syndrom mit anderen Formen von Autismus zusammengefasst. Hier findest Du die Diagnosekriterien für die “Autismus-Spektrum-Störung” mit vielen Beispielen für Verhaltensweisen und Charakteristika.

Hier findest Du weitere Informationen zum Ablauf der Autismus-Diagnostik (diese schließt das Asperger-Syndrom mit ein).

Unterstützung

Das Asperger-Syndrom ist keine Krankheit, nur eine andere Verteilung von Stärken und Schwächen. Deshalb kann es auch nicht “geheilt” werden.

Menschen mit Asperger-Syndrom können aber Strategien lernen, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren und neue Fähigkeiten zu lernen.

Spezifische Unterstützung mit bestimmten Aspekten ihres Lebens, zum Beispiel Ausbildung und Beruf, ist oft sehr hilfreich.

Einige Dinge, die hilfreich sein können für Menschen mit Asperger-Syndrom:

  • das Asperger-Syndrom zu akzeptieren und sich selbst besser zu verstehen
  • zu lernen, wann und wie man anderen erzählen kann, dass man das Asperger-Syndrom hat
  • organisatorische und lebenspraktische Fähigkeiten zu entwickeln (z.B. Haushalt, Budgetplanung, “Papierkram”), zum Beispiel mit Unterstützung durch Einzelfallhilfe
  • sich eine angenehmere Umgebung auszusuchen oder zu schaffen, um Reizüberflutung zu vermeiden
  • Strategien zu lernen, um mit sozialen Situationen umzugehen. Dabei kann zum Beispiel ein soziales Kompetenztraining helfen.
  • ihre Fähigkeiten und Interessengebiete zu nutzen
  • bei der Berufsfindung oder einer beruflichen Neuorientierung ihre Stärken und Schwächen besser zu verstehen
  • hilfreiche Routinen zu schaffen und sich auf Veränderungen vorzubereiten
  • Stress-Situationen minimieren (z.B. soziale Anlässe mit vielen unbekannten Menschen, Veränderungen)
  • Manchen Menschen tut es gut, negative Erfahrungen mit sozialen Situationen aufzuarbeiten und zu erkennen, dass sie nicht “zu dumm” oder ähnliches sind, sondern einfach durch das Asperger-Syndrom spezifische Schwierigkeiten haben.
  • Menschen mit Asperger-Syndrom, die große Schwierigkeiten mit Über- oder Unterempfindlichkeiten in ihrer Wahrnehmungsverarbeitung haben, kann es helfen, ihre Umgebung (z.B. zuhause) sensorisch angenehmer zu gestalten (soweit das möglich ist) und in anderen Situationen Kopfhörer, Ohrstöpsel, Sonnenbrillen oder andere Hilfsmittel zu verwenden. Möglicherweise kann auch eine Sensorische Integrationstherapie helfen.
  • Manchen Menschen mit Asperger-Syndrom helfen Assistenzhunde (sogenannte Autismushunde), Gefahren zu vermeiden und soziale Kontakte aufzubauen.

Ein Leben mit dem Asperger-SyndromVielen Aspies hilft es, mehr über das Asperger-Syndrom (bzw. Autismus) zu erfahren, um sich selbst besser zu verstehen. Ein Buch, dass viele als hilfreich empfinden, ist zum Beispiel Tony Attwoods Ratgeber “Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom“. Auch andere Bücher, besonders Erfahrungsberichte anderer Menschen im Autismus-Spektrum sind sehr empfehlenswert.

Asperger und Beruf

Viele Menschen mit Asperger-Syndrom haben Schwierigkeiten im Beruf, obwohl sie fachlich kompetent sind. Meist sind es die sozialen Aspekte, die sie überfordern. Und ohne gewisse soziale Fähigkeiten kommt man im Allgemeinen nicht mal durch das Vorstellungsgespräch.

Manche finden ihre Nische, entweder weil sie Spezialisten auf ihrem Gebiet sind, oder weil sie eine Arbeitsumgebung finden, mit der sie zurechtkommen.

Es scheint, dass für Erfolg in der Wissenschaft oder in der Kunst ein Schuss Autismus erforderlich ist.

Hans Asperger

Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Asperger-Syndrom ist sehr hoch – geschätzt wird, dass nur ca. 15% der Menschen mit Asperger-Syndrom eine Vollzeitstelle haben. Und weil in unserer Gesellschaft Wertschätzung und Teilhabe an der Gesellschaft sehr daran hängen, ob man einen Arbeitsplatz hat oder nicht, und auch materieller Wohlstand und finanzielle Sicherheit daran gekoppelt sind, ist das eins der größten Probleme von Menschen mit Asperger-Syndrom.

Soziale Beziehungen und Partnerschaft

Menschen mit Asperger-Syndrom fällt es oft schwer, Bekanntschaften zu machen und Freundschaften zu schließen. Sie wissen oft nicht, wie sie auf andere zugehen sollen oder wie sie reagieren sollen, wenn andere den Kontakt zu ihnen suchen. Am ehesten finden sie Freunde über ähnliche Interessen oder vergleichbare Zusammenhänge. Auch bestehende Freundschaften und soziale Kontakte zu pflegen fällt vielen Menschen mit Asperger-Syndrom schwer.

Auch Partnerschaften sind schwierig. Dating und Flirten sind Minenfelder sozialer Konventionen, Anspielungen und nonverbalen Signalen. Eine Partnerschaft erfordert Kommunikation und ein gewisses Einfühlungsvermögen. Das alles sind nicht die Stärken von Menschen mit Asperger-Syndrom.

Trotzdem gibt es Aspies, die eine glückliche Partnerschaft haben. Und auch Aspies können eine Familie gründen und Eltern werden.

Glücklich Aspie?

Man kann als Aspie glücklich sein. Die Probleme wirken sich zwar in vielen Bereichen aus, aber sie sind nicht unüberwindbar. Man kann sich Unterstützung suchen und Strategien entwickeln, um mit Schwierigkeiten umzugehen. Und man kann als Aspie selbstbestimmt leben.

Erwachsene mit Asperger-Syndrom

Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom

Anders sein: Asperger-Syndrom und Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter – Ein Ratgeber

Asperger: Leben in zwei Welten: Betroffene berichten: Das hilft mir in Beruf, Partnerschaft & Alltag

Ich liebe einen Asperger!: Unsere Ehe, unsere Kinder - und das Asperger-Syndrom

Über Autismus-Kultur

Autismus-Kultur hilft Menschen im Autismus-Spektrum und ihren Familien, glücklicher zu leben: Lösungen, Tipps und Praxiswissen für die Herausforderungen des Alltags, von autistischen Menschen erprobt.
» Mehr über Autismus-Kultur