Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Hochbegabt und introvertiert

Lesley Sword, Ph.D.

Autismus & IntelligenzDie westliche Zivilisation wird heute vom extravertierten Standpunkt beherrscht. Das liegt daran, dass Extravertierte Introvertierte an Zahl um drei zu eins übertreffen, lauter sind als Introvertierte und leichter verständlich sind als Introvertierte.

Während Introvertierte in der Gesellschaft jedoch eine Minderheit darstellen, bilden sie die Mehrzahl der hochbegabten Menschen. Überdies scheint es so zu sein, dass Introversion mit der Intelligenz ansteigt, so dass mehr als 75% der Menschen mit einem IQ von über 160 introvertiert sind.

Introversion und Extraversion sind Persönlichkeitstypen: zwei sich ergänzende Wege, in der Welt zu agieren. Menschen haben sowohl Introversion als auch Extraversion in ihren Persönlichkeiten und sind deshalb nicht beschränkt auf entweder die innere Welt oder die äußere Welt. Aber sie haben eine natürliche Vorliebe für entweder Introversion oder Extraversion, so wie eine Vorliebe für Rechts- oder Linkshändigkeit. Zum Beispiel werden einige von euch, die das lesen, es kaum erwarten können, zu den praktischen Anwendungen zu kommen: ihr betrachtet es vom extravertierten Standpunkt. Andere Lesende sind eher an den Einblicken interessiert, die ihnen helfen, sich selbst und die menschliche Natur im allgemeinen zu verstehen: ihr seht es von der introvertierten Perspektive aus.


Wesentliche Unterschiede zwischen Introvertierten und Extravertierten

Introvertierte
Extravertierte
Bekommen Energie von innen heraus. Bekommen Energie von der Interaktion nach außen.
Die wahre Welt ist eine innere Welt von Ideen, Verstehen und Bedeutung. Die wahre Welt ist die äußere Welt von Menschen und Dingen.
Menschen voller Ideen und abstrakten Erfindungen, schwierig zu verstehen, oft schüchtern. Menschen voller Handlung und praktischer Leistung, leicht zu verstehen, oft gesellig.
Haben ein öffentliches und ein privates Selbst. Sind öffentlich und privat die Selben.
Intensiv und leidenschaftlich, neigen dazu, Gefühle zu unterdrücken. Mitteilsam und weniger leidenschaftlich, lassen Gefühle heraus, wenn sie weitergehen.
Fühlen sich durch andere Menschen ausgelaugt, brauchen Zurückgezogenheit. Fühlen sich durch andere Menschen mit Energie gefüllt, fühlen sich durch Alleinsein ausgelaugt.
Haben wenige enge Freunde. Freunden sich leicht mit vielen Menschen an.
Still in größeren Gruppen, befürchten Demütigungen. Freimütig in Gruppen, gehen Risiken ein.
Können sich sehr stark konzentrieren. Können einfach abgelenkt werden.
Proben im Geiste, bevor sie sprechen, brauchen Zeit, um Entscheidungen zu treffen. Denken laut, treffen schnelle Entscheidungen.
Lernen durch Beobachtung, leben das Leben erst, wenn sie es verstanden haben. Lernen durch Tun, verstehen das Leben, nachdem sie es gelebt haben.
Gehen vom Überlegen zum Tun und zurück zum Überlegen. Gehen vom Tun zum Überlegen und zurück zum Tun.

Silverman (1993)

Die Hauptinteressen der Extravertierten liegen bei der äußeren Welt der Ideen und Dinge, während Introvertierte mehr in die innere Welt von Konzepten und Ideen verwickelt sind. Menschen haben eine Vorliebe für die Welt, in der sie am besten funktionieren, ihre innere Welt oder die äußere Welt. Die Vorliebe kann schwach sein oder ziemlich ausgeprägt. Dieses alltägliche Verhalten kann nicht als richtig oder falsch eingestuft werden, genauso wenig kann ein Weg als besser oder schlechter als der andere angesehen werden.

Der Hauptunterschied zwischen Introvertierten und Extravertierten ist ihre Energiequelle. Extravertierte bekommen Energie von Menschen und Gegenständen außerhalb von ihnen selbst, während Introvertierte Energie aus sich selbst heraus gewinnen. Extravertierte werden dir erzählen, dass sie nicht nur Energie aus der Interaktion mit der Außenwelt bekommen, sondern es auch sehr schwierig und erschöpfend finden, zu sehr auf ihre innere Welt zurückgeworfen zu werden. Introvertierte werden dir erzählen, wie schwierig und auslaugend es sein kann, ständig der Außenwelt ausgesetzt zu sein, sieh dir z.B. mal an, wie lange Introvertierte auf einer fröhlichen, geselligen Party bleiben können: sie können sich eine Weile zu gutem Willen zusammenraffen, fangen aber bald an zu “welken” und können dann still für sich allein sitzend gefunden werden.

Ein zweiter großer Unterschied ist, dass Extravertierte eine einschichtige Persönlichkeit haben, sie neigen dazu, in der Öffentlichkeit und im Privaten dieselben zu sein, während Introvertierte ein öffentliches Selbst und ein privates Selbst haben.

Introversion ist eine Art des Agierens, bei der eine Person sich in ihrer eigenen inneren Welt besser fühlt und Kraft daraus zieht. Gut entwickelte Introvertierte können kompetent mit der Welt um sie herum umgehen, aber ihre beste Arbeit leisten sie innerhalb ihrer Köpfe, beim Nachdenken. Ähnlich können gut entwickelte Extravertierte wirksam mit Ideen umgehen, aber sie leisten ihre beste Arbeit im äußeren Handeln. Die Einstellung von Introvertierten ist eine der Vorsicht, Zurückhaltung und Reflexion. Für Introvertierte kommt Bedeutung von innen und verankert ihren Realitätssinn. Im Gegensatz dazu ist die Einstellung von Extravertierten geprägt der unmittelbaren Reaktion, Anpassungsfähigkeit und Mitwirkung. Für Extravertierte kommt Bedeutung von außen und wird verstärkt durch das Engagement bei Aktivitäten, Beziehungen und Veranstaltungen. Die Verankerung ihres Realitätssinns ist äußerlich und ihre Lebensfreude ist direkt proportional zu ihrer Teilhabe an der äußeren Welt.

Weil Introvertierte sich auf ihre innere Welt konzentrieren, neigen sie dazu, nicht durch Versuch und Irrtum zu lernen. Sie verstehen durch Beobachtung und ziehen es vor, nicht ohne bedachte Überlegung zu handeln oder zu antworten. Introvertierte werden Informationen aufnehmen und vielleicht ein paar klärende Fragen stellen. Sie werden einen nicht häufig unterbrechen und Kommentare abgeben, wie die meisten Extravertierten geneigt sind zu tun. Introvertierte brauchen Zeit, um Informationen “zu verdauen”, bevor sie darauf reagieren. Üblicherweise schätzen sie es, etwas Zeit zu haben, um die Information abzuwägen, bevor Fragen dazu gestellt werden oder die persönliche Bedeutung der Informationen diskutiert wird. Charakteristischerweise halten sie inne, bevor sie handeln. Dieses Innehalten, von anderen oft Zögern genannt, gibt ihnen Zeit, eine neue Situation zu studieren und zu klassifizieren, so dass die Handlung auf lange Sicht hin Sinn macht.

Introvertierte Menschen ziehen es vor, mit Menschen lieber individuell zusammenzuarbeiten als in großen Gruppen. Sie haben eine wunderbare Konzentrationsfähigkeit und sind in der Lage, viele der Ablenkungen der Außenwelt zu ignorieren. Oft knien sie sich tief in ihre Arbeit und es widerstrebt ihnen, sie für beendet zu erklären. Wenn sie ihre Arbeit präsentieren, neigen sie dazu, nur ihre Schlussfolgerungen zu nennen, ohne die Details dessen, was sie getan haben. Diese kurzgefasste Kommunikation erspart ihnen potentiell überwältigende Ansprüche von außen an ihre Zeit und Energie und erlaubt es ihnen, schnell zu einer weiteren ununterbrochenen Spanne von Arbeit zurückzukehren.

Introvertierte lesen mehr als Extravertierte, teilweise, weil das eine gesellschaftlich akzeptierte Art ist, um etwas der benötigten Zeit des Alleinseins zu gewinnen. Introvertierte brauchen Zeit zu reflektieren, Zeit, mögliche Lösungen für Probleme zu erwägen und Zeit, ihre Emotionen sich beruhigen zu lassen, bevor sie über sie sprechen können. Wenn du eine Angelegenheit mit einem Introvertierten besprechen musst, bring das Thema auf und schiebe es dann mindestens 24 Stunden auf, um dem Introvertierten Zeit zu geben, darüber nachzudenken.

Spannungen können sich entwickeln, wenn der oder die Introvertierte in der Minderheit ist in einer Gruppe wie im Klassenzimmer, wo das vorherrschende Klima von überwiegend Extravertierten hergestellt/kontrolliert wird. Wenn zu viel Gemeinsamkeit verlangt wird, ist die Entwicklung von Ideen gehemmt. Auch brauchen Introvertierte Zeit, um eine Frage zu reflektieren, bevor sie antworten – und bei der Analyse einer Unterrichtsdiskussion hat man herausgefunden, dass Lehrkräfte weniger als eine Sekunde darauf warten, dass die Schülerin oder der Schüler auf ihre Fragen antwortet (Rowe, 1974, zitiert nach VanTassel – Baska, 1998).

Im der Allgemeinbevölkerung kommen ungefähr drei Extravertierte auf einen Introvertierten. Das kann zu der Annahme führen, dass Extraversion besser ist: eine Annahme, die ein Hindernis für die Entwicklung von Introvertierten sein kann. Introvertierte müssen sehr skeptisch sein gegenüber der Annahme, dass Seltenheit oder Anderssein Unterlegenheit bedeuten würde. Wenn sie keinen gesunden Skeptizismus haben, werden sie nicht auf ihre Introversion vertrauen und sie nicht ausüben und so wird sie nicht genug entwickelt, um im Leben nützlich zu sein.

Die fähigsten Introvertierten nutzen ihre Extraversion klug, aber sie werden nie Extravertierte sein. Sie lernen, kompetent mit der Außenwelt umzugehen, ohne sie zu wichtig zu nehmen. Sie schätzen ihre eigene Art zu sein und ziehen daraus eine unerschütterliche Orientierung zum Leben daraus. Introvertierte haben eine ihnen innewohnende Stetigkeit in sich, eine Unabhängigkeit von der momentanen äußeren Situation. Äußere Bedingungen und Situationen ändern sich immerwährend, aber das innere Selbst ist weitaus beständiger.

Da Introvertierte sich auf das Innere konzentrieren, scheinen sie oft losgelöst von äußeren Ereignissen. Ein nützlicher Aspekt dieses Losgelöstseins ist, dass das Fehlen von Ermutigung keine große Auswirkung auf sie hat. Wenn sie an das glauben, was sie tun, können sie ohne Rückversicherung lange Zeit daran arbeiten. Ein solches Verhalten ergibt für die meisten Extravertierten keinen Sinn; diese sind sich nur dann sicher, ob ihre Arbeit gut ist oder nicht, wenn sie wissen, was andere Leute davon denken.

Extravertierte richten ihre meiste Energie und Aufmerksamkeit auf die Außenwelt. Sie verstehen die Welt, indem sie darin agieren und darauf reagieren; sie müssen Dinge offen legen, um sie zu verstehen. Sie lernen durch Versuch und Irrtum und mögen im allgemeinen ein schnelleres Tempo als Introvertierte: Extravertierte neigen auch dazu, Arbeit zu mögen, die zahlreiche Kontakte mit Menschen mit sich bringt und schnelle Tätigkeiten von Angesicht zu Angesicht.

Es scheint einfacher zu sein, eine introvertierte Person mit Informationen zu überfluten als eine extravertierte. Introvertierte mögen eine langsamer geführte Diskussion vorziehen und man sollte darauf achten, von sehr introvertierten Personen eine Rückmeldung zu erbitten, um sicherzustellen, dass die Information verstanden wurde.

Introvertierte wählen im allgemeinen Arbeit, bei der sie selbständig oder in Eins-zu-Eins-Situationen arbeiten können, mit genug Zeit, um gründlich nachzudenken, bevor sie handeln. Extravertierte ziehen ein hohes Maß an sozialer Interaktion mit einer Vielzahl an Menschen vor. Sie haben oft viele Freunde und Bekannte. Introvertierte sind genauso fähig, Freundschaften zu genießen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, obwohl sie dazu neigen, ihre Freunde sorgfältiger auszuwählen und und sie es vorziehen, mit Menschen einzeln zu arbeiten anstatt in großen Gruppen.

Extravertierte lösen ihre Probleme, indem sie mit anderen Menschen darüber sprechen. Das ist Teil des Offenlegens ihrer Denkprozesse. Sie ordnen ihre Gedanken, indem sie diese verbalisieren. Introvertierte andererseits sprechen selten mit anderen über ihre Probleme. Sie gehen sie in Gedanken wieder und wieder durch, oft bis sie das Gefühl haben zu explodieren. Wenn sie schließlich Rat suchen, ist es genau das, was sie wollen: Rat. Sie wollen nicht darüber sprechen oder mehr darüber nachdenken, sie wollen nur Lösungen.

Es ist wahrscheinlich, dass Familienmitglieder unterschiedliche Präferenzen für Introversion und Extraversion haben. Spannungen können sich entwickeln, wenn die introvertierte Person in der Familie in der Minderheit ist; wo das vorherrschende Familienklima von überwiegend Extravertierten bestimmt wird. Die introvertierte Tochter oder der Sohn in einer Familie von Extravertierten zum Beispiel lernt vielleicht, extravertierter zu sein, um mit dem Rest der Familie Schritt zu halten, muss aber auch Zeit für sich allein finden, vielleicht durch Lesen in ihrem oder seinem Zimmer. Jedoch können Autofahrten oder andere Situationen, in denen sie/er nicht körperlich entkommen kann, weiterhin schwierig bleiben. Familienmitglieder können lernen, ihre Unterschiede zu schätzen und einander Entgegenkommen zu zeigen. Die Familie kann lernen, die Bedürfnisse ihres introvertierten Sohnes oder ihrer Tochter zu hören, und vielleicht auch ihre eigenen, um das Tempo ein wenig zu drosseln.

Familienurlaube sind oft eine ermüdende Zeit, da sie Unterschiede in persönlichen Präferenzen vergrößern können. Es ist sinnvoll, diese Präferenzen bei der Planung des Urlaubs in Betracht zu ziehen, so dass jedes Familienmitglied sich wohl fühlen kann. Um sich voll zu entfalten, brauchen Kinder sowohl individuelle als auch mit anderen geteilte Freizeitinteressen. Eine Art, wie Kinder ihre eigene Persönlichkeit entwickeln können ist, frei einige Freizeitinteressen für sich allein wählen zu können. Familien, die zu viel Gemeinsamkeit verlangen, erlauben nicht, dass dieser Entwicklungsprozess stattfindet.

Die Gesellschaft, Eltern und Lehrkräfte versuchen tatsächlich, Introvertierte in Extravertierte zu verwandeln. Sie müssen jedoch verstehen, dass es keine richtigen oder falschen Arten des Funktionierens gibt, sondern einfach Unterschiede. Introversion ist völlig normal und braucht keine “Heilung”.

Weil Introversion eine Persönlichkeitstyp ist, ist es zwecklos, darauf zu warten, dass dein Kind daraus herauswächst oder von deinem Partner/deiner Partnerin oder dir selbst zu erwarten, sich in eine extravertierte Person zu verwandeln. Das mag gesellschaftlich akzeptierter sein, aber es ist eine unmögliche Aufgabe.

Eltern müssen Unterschiede der Persönlichkeiten schätzen und verstehen, dass sie zu Unterschieden in den Sichtweisen führen. Wenn sie dieses Verständnis nutzen, können sie Kommunikation fördern, so dass Erklärungen der Persönlichkeit ihre Kinder sowohl bestätigen als auch herausfordern. Eltern müssen ihren introvertierten Kindern Möglichkeiten bieten, sich zu entfalten und ihnen Frieden und Alleinsein zu geben. Es ist auch entscheidend, zu verstehen, wie wichtig es ist, ihnen eine geschützte Privatsphäre zu gewähren. Introvertierte haben ein tiefes, inhärentes Bedürfnis nach Alleinsein, sie werden leicht verlegen bei öffentlichem Tadel oder Lob und sie brauchen Zeit, um nachzudenken und zu reflektieren.

Wenn Eltern die Introversion ihrer Kinder verstehen und akzeptieren, haben die Kinder ein Stück festen Boden unter den Füßen und einen Ort, wo sie sie selbst sein können. Aber wenn Kinder vermuten, dass ihre Eltern sie anders haben wollen – sich gegen ihre Introversion wenden – dann verlieren die Kinder das Vertrauen in sich selbst. Wenn Eltern die Introversion ihrer Kinder akzeptieren, werden ihre Kinder in der Lage sein zu lernen, wie sie extravertiert sein können, wenn es nötig ist, weil sie wissen, dass es ihnen immer freisteht, introvertiert zu sein. Obwohl Kinder viel verletzlicher sind, kann es auch bei Erwachsenen sein, dass ihr Glaube an ihre Introversion unterminiert wird von einem geliebten Menschen, der sie nicht versteht oder akzeptiert.

Mehr als alles andere brauchen Introvertierte Respekt für ihre Introversion, sie brauchen Respekt von anderen, um sich selbst zu respektieren und zu akzeptieren.

Bücher zu Introversion und Hochsensibilität:

Copyright Lesley Sword, 2002.
www.giftedservices.com.au

Übersetzung aus dem Englischen von Colin Müller.

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