Autistisch gut leben.

Vielleicht hast du schon länger das Gefühl, dass irgendwas anders ist, dass du irgendwie nicht ganz ins Raster passt. Vielleicht hast du was im Internet gelesen, vielleicht bist du einfach müde vom ständigen „Reiß dich doch mal zusammen“. Und jetzt fragst du dich: Bin ich vielleicht autistisch/Asperger? Oder habe ich ADHS? Oder… beides?

Diese Frage stellen sich viele – mehr, als du denkst. Und das liegt nicht daran, dass plötzlich alle »Diagnosen wollen«, sondern daran, dass wir endlich anfangen, genauer hinzuschauen. Vor allem bei Erwachsenen, bei Frauen, bei Menschen, die früher einfach durchgerutscht sind.

In diesem Artikel geht’s genau darum: Autismus und ADHS – wo sie sich ähneln, wo sie sich unterscheiden, und wie du für dich selbst besser einschätzen kannst, was wirklich los ist. Ohne Schubladen, ohne Schnellurteile, ohne „das sieht man doch“.

Vielleicht findest du dich in Teilen wieder. Vielleicht auch nicht. Beides ist okay.

Warum Autismus und ADHS manchmal verwechselt werden

Autismus und ADHS haben ein paar Sachen gemeinsam: In beiden Fällen überfordert das Leben oft. Und es geht oft um Reizverarbeitung und soziale Schwierigkeiten. Und da ist ein Anderssein, das man schwer in Worte fassen kann.

Viele Menschen mit ADHS oder im Autismus-Spektrum haben Probleme mit Konzentration, mit Überforderung in sozialen Situationen oder mit einem inneren Chaos, das niemand sieht. Manche sind extrem sensibel auf Geräusche oder Gerüche, manche wirken „verträumt“ oder „zu laut“, andere als „Kontrollfreak“ oder „nicht belastbar“.

Weil die Symptome sich teilweise ähneln, kommt es oft zu Fehldiagnosen oder zu dem Gefühl: Ich passe in keine Kategorie so richtig.

Noch komplizierter wird’s dadurch, dass viele Fachleute lange Zeit nur den „klassischen“ Autisten oder das „hyperaktive Kind“ im Kopf hatten – meist Jungs, meist mit sehr auffälligem Verhalten. Dass Autismus und ADHS sich bei Mädchen, Frauen oder stilleren Menschen ganz anders zeigen können, wurde (und wird) oft übersehen.

Die Folge: Menschen, die eigentlich Unterstützung gebraucht hätten, wurden einfach als faul, überempfindlich oder schwierig abgestempelt.

Aber das ändert sich. Immer mehr Erwachsene bekommen späte Diagnosen, oder finden sich selbst wieder, manchmal zum ersten Mal.

Autismus und ADHS: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Hier ist eine Tabelle mit den wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Autismus und ADHS – so, wie sie sich oft im Alltag zeigen. Sie ist bewusst vereinfacht, weil die Grenzen fließend sein können. Menschen sind verschieden, und kein Kästchen erklärt alles, aber die Tabelle kann dir beim Sortieren helfen.

BereichAutismusADHSGemeinsamkeiten
ReizverarbeitungHäufig Über- oder Unterempfindlichkeit auf Reize (z.B. Geräusche, Licht, Berührungen)Reize werden oft nicht gefiltert, alles kommt gleichzeitig reinReizüberflutung, schnelle Überforderung, Schwierigkeiten mit lauter oder chaotischer Umgebung
Soziale InteraktionOft Schwierigkeiten mit nonverbaler Kommunikation, Missverständnisse, Wunsch nach Tiefe statt SmalltalkOft impulsiv, unterbricht andere, übersieht soziale Signale im EiferSoziale Erschöpfung, Gefühl von „nicht dazugehören“
Aufmerksamkeit / FokusSehr starker Fokus auf Spezialinteressen, schwer umschaltbarAufmerksamkeitsprobleme, oft Ablenkung durch alles Mögliche, aber auch HyperfokusKonzentration kann je nach Interesse stark schwanken
ImpulsivitätMeist eher geplant, kontrollierend, braucht VorhersehbarkeitHäufig impulsiv, handelt bevor gedacht wird, redet dazwischenSchwierigkeiten mit Selbstregulation
Struktur & RoutinenBraucht oft feste Abläufe, Schwierigkeiten mit VeränderungenMöchte Struktur, kann sie aber schlecht selbst haltenChaos im Alltag möglich, Schwierigkeiten mit Organisation
Stimming / BewegungsdrangWiederholende Bewegungen (z B. wippen, mit den Händen spielen) zur SelbstregulationKörperliche Unruhe, Zappeln, ständig in BewegungBewegungsdrang zur Beruhigung oder aus innerer Anspannung
Gefühle / EmotionenGefühle werden oft stark, aber innerlich erlebt; Schwierigkeiten beim Ausdrücken oder Verstehen andererGefühle kommen oft plötzlich und intensiv raus, z.B. WutausbrücheEmotionale Überforderung, Reizbarkeit, schnelle Stimmungswechsel
Zeitgefühl / PlanungOft Schwierigkeiten mit Flexibilität, braucht lange VorbereitungHäufig Probleme mit Zeitmanagement, vergisst Termine, verplant sichAlltag kann überwältigend wirken, Aufschieben ist häufig
SelbstbildHäufig Gefühl, „anders“ zu sein, Identitätsfragen, MaskingHäufig Selbstkritik wegen Chaos, Vergesslichkeit, ÜberforderungViele späte Diagnosen, Gefühl „irgendwas stimmt nicht mit mir“

Wie man besser unterscheiden kann

Es gibt keine einfache Checkliste, mit der man mal eben sagen kann: Du hast Autismus oder Du hast ADHS. Beide sind Spektren, und jeder Mensch zeigt andere Ausprägungen. Aber es gibt bestimmte Fragen, die beim Nachdenken helfen können – vor allem, wenn man sie ehrlich beantwortet, ohne sich zu bewerten.

Was passiert bei Reizüberflutung?
Menschen mit ADHS werden oft abgelenkt: Sie springen von einem Reiz zum nächsten. Bei Autismus ist es eher so, dass ein Reiz zu viel wird (ein Geräusch, ein Licht, ein Geruch) und das Nervensystem spürt eine Reizüberflutung.

Wie gehst du mit Veränderungen um?
Autistische Menschen brauchen oft Vorhersehbarkeit und klare Abläufe. Spontane Änderungen können echten Stress auslösen. Bei ADHS ist zwar oft der Wunsch nach Struktur da, aber es fällt schwer, sie einzuhalten. Veränderungen sind nicht unbedingt schlimm, aber oft chaotisch.

Wie erlebst du soziale Situationen?
Autistische Menschen berichten häufig, dass sie soziale Regeln nicht intuitiv verstehen: Sie beobachten, analysieren, „maskieren“. Bei ADHS ist das Grundverständnis meist da, aber es mangelt an Impulskontrolle oder Aufmerksamkeit: Man redet dazwischen, schweift ab, wirkt unhöflich, ohne es zu wollen.

Wie zeigt sich dein Fokus?
ADHS bedeutet oft: kein Fokus da, wo man ihn gerade braucht. Autismus bedeutet oft: extremer Fokus auf bestimmte Themen, dafür wenig Interesse an anderem, und es ist schwer, davon wegzukommen.

Wie bewusst sind dir deine Routinen und Rituale?
Bei Autismus geben Rituale Sicherheit, sie sind gewollt, notwendig, manchmal fast heilig. Bei ADHS passiert vieles spontan oder chaotisch, Routinen sind eher ein Ziel, das man selten erreicht.

Natürlich können diese Dinge auch gleichzeitig auftreten, und das ist gar nicht selten. Aber wenn du dich beim Lesen eher auf einer Seite wiederfindest, kann das ein Hinweis sein. Kein Beweis, aber ein Anfang.

Und wenn es beides ist?

Ja, das geht. Es ist sogar ziemlich häufig. Studien zeigen, dass viele Menschen mit Autismus auch ADHS haben, und umgekehrt. Lange Zeit wurde das ausgeschlossen, weil man dachte: Das eine ist zu viel Struktur, das andere zu wenig, das passt doch nicht zusammen.

Aber das war ein Denkfehler. Die beiden Zustände schließen sich nicht aus, sie überlappen. Und wenn du das Gefühl hast, du erkennst dich in beiden Beschreibungen wieder, dann könnte genau das der Fall sein.

In der Praxis bedeutet das oft:

  • Extremer Fokus, aber keine Kontrolle über Zeit und Energie
  • Das Bedürfnis nach Struktur, und gleichzeitig die Unfähigkeit, sie aufrechtzuerhalten
  • Starke Reizempfindlichkeit, und trotzdem ständige Ablenkung
  • Gleichzeitig zu viel und zu wenig Input

Manchmal fühlt sich das an wie innere Widersprüche. Du willst Ruhe, aber dein Kopf ist laut. Du brauchst Abläufe, aber vergisst ständig, wo du warst. Du möchtest dich mitteilen, aber die Worte kommen nicht.

Wenn beides da ist, kann das das Leben nicht nur herausfordernder machen, sondern auch die Diagnostik schwieriger. Manche Fachleute sehen nur ADHS. Andere nur Autismus. Und manchmal wird eins vom anderen „verdeckt“.

Aber: Beides zu haben heißt nicht, doppelt kaputt zu sein. Es heißt, dass dein Gehirn auf zwei verschiedene Weisen anders funktioniert, und das kann auch bedeuten, dass du besondere Stärken und besondere Bedürfnisse hast.

Warum es wichtig ist, genau hinzusehen

Viele Menschen leben jahrelang mit dem Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt, ohne zu wissen, was es ist. Sie geben sich selbst die Schuld: Ich bin einfach zu faul. Zu unorganisiert. Zu empfindlich. Zu anstrengend.

Aber das Problem ist nicht, dass du falsch bist. Das Problem ist oft, dass du dich mit Maßstäben misst, die nie für dich gemacht waren.

Eine richtige (oder zumindest passende) Diagnose kann ein Gamechanger sein. Nicht, weil sie dich in eine Schublade steckt, sondern weil sie dir den Schlüssel geben kann, endlich aus der falschen rauszukommen.

Wenn man nur die halbe Wahrheit sieht, z.B. nur ADHS, aber nicht den Autismus dahinter, kann das dazu führen, dass Unterstützungsangebote nicht wirken. Oder dass man sich selbst nicht versteht, weil vieles irgendwie nicht passt.

Auch Masking spielt hier eine große Rolle. Viele autistische Menschen, vor allem Frauen und queere Personen, haben gelernt, sich anzupassen. So gut, dass selbst Fachleute es übersehen. Aber das Masking kostet Kraft. Es kann zu Burnout, Depressionen, Angststörungen führen.

Und auch ADHS bleibt oft jahrelang unerkannt, besonders wenn jemand nicht „hyperaktiv“ ist, sondern eher verträumt, innerlich unruhig, emotional überfordert.

Je klarer du weißt, was bei dir los ist, desto besser kannst du für dich sorgen. Nicht perfekt, nicht immer, aber Schritt für Schritt, mit weniger Selbstvorwürfen und mehr Verständnis.

Was dir jetzt helfen kann

Wenn du dich in vielem wiedererkennst – in Autismus, in ADHS oder in beidem – dann ist das kein Grund zur Panik. Es ist auch kein Etikett, das du dir aufkleben musst. Aber es kann ein Anfang sein: für Verständnis, für Entlastung, für Veränderung.

Du musst nicht sofort eine offizielle Diagnose haben.
Viele Menschen finden erstmal im Selbstverständnis Klarheit: durch Lesen, Austausch mit anderen, Podcasts, Foren. Manche nennen das Selbstdiagnose, andere lieber Selbstwahrnehmung. Wichtig ist nicht das Label, wichtig ist, dass du dir glaubst.

Und wenn du mehr Klarheit willst:
Dann kann eine offizielle Diagnostik hilfreich sein, vor allem, wenn du Unterstützung brauchst, z.B. im Job, in der Familie oder für dein seelisches Wohlbefinden. Aber: Es ist leider nicht immer leicht, eine gute Diagnostiker:*n zu finden, besonders als Erwachsene*r, besonders als Frau oder als migrantische oder queere Person. Lass dich davon nicht entmutigen. Du darfst hartnäckig sein.

Was dir jetzt konkret helfen kann:

  • Sprich mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben
  • Lies Erfahrungsberichte, Blogs, Bücher von neurodivergenten Menschen selbst, nicht nur Fachleuten
  • Fang an, Muster in deinem Alltag zu beobachten: Was stresst dich? Was gibt dir Kraft?
  • Überlege, was du dir erlauben kannst: Pausen? Kopfhörer? To-do-Listen ohne Druck?
  • Und vor allem: Lass dich nicht von „Aber das sieht man dir doch gar nicht an“ verunsichern.

Du musst nicht erst zusammenbrechen, um dir Hilfe zu holen.
Du darfst dich ernst nehmen. Auch jetzt schon.

FAQ: Häufige Fragen zu Autismus und ADHS

Kann man autistisch sein und ADHS haben?
Ja, das ist möglich, und gar nicht selten. Autismus und ADHS schließen sich nicht aus, sondern können gleichzeitig auftreten. Das nennt man auch Komorbidität. Viele Menschen zeigen Merkmale von beidem. Wichtig ist, dass beides erkannt und verstanden wird, denn die Unterstützung, die jemand mit nur einer Diagnose bekommt, reicht oft nicht aus, wenn beides eine Rolle spielt.

Wie viel Prozent der Autisten haben ADHS?
Studien zeigen, dass etwa 30–80 % der autistischen Menschen auch ADHS-Merkmale haben – je nachdem, welche Kriterien man zugrunde legt. Umgekehrt zeigen auch viele Menschen mit ADHS autistische Züge. Weil es ein breites Spektrum ist und oft spät erkannt wird, ist die Dunkelziffer wahrscheinlich hoch.

Was ist hochfunktionaler Autismus mit ADHS?
Mit „hochfunktionaler Autismus“ sind autistische Menschen gemeint, die sprachlich oder intellektuell durchschnittliche oder überdurchschnittliche Fähigkeiten haben, aber trotzdem Schwierigkeiten im Alltag haben. In Kombination mit ADHS kann das dazu führen, dass die Herausforderungen nach außen weniger sichtbar sind, aber innerlich umso größer.

Man „funktioniert“ nach außen, aber der Preis ist oft hoch. Viele Menschen mit ADHS und Autismus erleben Erschöpfung, Burnout oder Selbstzweifel.

Können Menschen mit ADHS und Autismus arbeiten?
Ja, aber oft brauchen sie bestimmte Bedingungen, um gut arbeiten zu können. Viele Betroffene berichten, dass sie mit klassischen 9-to-5-Jobs, Großraumbüros oder starren Strukturen Probleme haben. Andere blühen in Nischen auf, arbeiten kreativ oder selbstständig, oder brauchen klare Aufgaben und Rückzugsmöglichkeiten.

Mit der richtigen Umgebung, Verständnis vom Arbeitgeber und genug Selbstkenntnis können Menschen mit ADHS und/oder Autismus sehr erfolgreich arbeiten, aber der Weg dorthin ist oft nicht leicht.

Kann man sich gleichzeitig auf Autismus und ADHS testen lassen?
Das hängt von der Fachstelle oder dem Diagnostiker ab. Theoretisch ist es möglich, und auch sinnvoll, wenn beide Themen im Raum stehen. In der Praxis läuft es aber oft getrennt, z.B. durch unterschiedliche Tests oder Spezialisten. Wichtig ist, dass die Person, die dich diagnostiziert, Erfahrung mit beiden Bereichen hat, sonst wird oft nur das eine gesehen, und das andere übersehen.

Wenn du beides im Verdacht hast, sag das frühzeitig, und lass dich nicht abwimmeln.



Zuletzt bearbeitet am 09.07.2025.

Linus Mueller
Linus Mueller, M.A.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.