
Differentialdiagnosen und Co-Diagnosen Partnerschaft
Autismus oder Narzissmus? Warum die Verwechslung so gefährlich ist
Du hast so vieles gelesen. Autismus. Asperger. Hochsensibilität. Vielleicht auch Narzissmus. Und irgendwie… fühlt es sich an, als würde überall ein bisschen was passen. Aber nichts so richtig.
Vielleicht hast du gegoogelt, weil du mit jemandem zusammen bist, der dir emotional immer wieder entgleitet. Der Gespräche schnell abbricht, sich zurückzieht, kalt wirkt, aber gleichzeitig behauptet, sehr sensibel zu sein. Oder weil du selbst ständig aneckst, dich überfordert fühlst, aber nicht recht sagen kannst, warum.
Du willst keine Schublade aufmachen. Und du willst niemandem Unrecht tun. Aber irgendwas stimmt nicht, das spürst du ganz deutlich.
Nur: Was genau ist es?
Es ist ein Gefühl, das schwer zu greifen ist. So, als würdest du durch Nebel laufen. Immer wieder versuchst du, Licht reinzubringen, Muster zu erkennen, zu verstehen.
Und jedes Mal, wenn du denkst, du hast was gefunden – Autismus vielleicht? – dann schiebt sich gleich die nächste Unsicherheit nach.
„Oder ist das doch eher… narzisstisch?“
Und mit dieser Frage kommt oft auch die Angst.
Weil das eine so technisch klingt – und das andere so… beunruhigend.
Ich will dir gleich sagen: Wenn du an diesem Punkt stehst, dann bist du nicht naiv. Du bist auch nicht „zu sensibel“. Du bist aufmerksam. Und du versuchst, etwas zu erkennen, was viele jahrelang übersehen.
Dieser Artikel ist für dich. Für die Menschen, die sich jahrelang gefragt haben: „Was ist mit ihm/ihr (oder mit mir) eigentlich los?“
Und die endlich ehrlich hinschauen wollen, nicht um zu verurteilen, sondern um zu verstehen, was real ist.
Auf dieser Seite:
- Warum diese Unterscheidung so schwierig ist
- Autismus oder Narzissmus: Die wichtigsten Unterschiede
- Warum viele Narzissten nicht wie Narzissten wirken – und gerade deshalb so schwer zu erkennen sind
- Was ist Narzissmus überhaupt?
- Warum es so leicht ist, einem Narzissten zu glauben – und was dich anfällig macht
- Warum eine Verwechslung echte Schäden anrichten kann
- Was du tun kannst – wenn du nicht mehr weißt, woran du bist
Warum diese Unterscheidung so schwierig ist
Auf den ersten Blick wirken Autismus und Narzissmus wie völlig verschiedene Welten.
Autismus: das Kind, das allein mit Bauklötzen spielt. Narzissmus: der Chef, der nur über sich selbst redet.
So die Klischees.
Aber bei Erwachsenen gibt es einen Bereich, wo sie schwer zu unterscheiden sind.
Da ist jemand, der nicht gut mit Nähe umgehen kann. Der manchmal merkwürdig oder kalt wirkt, Gespräche plötzlich abbricht, nicht auf Gefühle eingeht, alles immer kontrollieren will oder sich komplett entzieht. Jemand, der schwer Kritik annehmen kann. Der sich entweder für genial oder für komplett missverstanden hält. Der sich zurückzieht, wenn es schwierig wird, oder der laut wird und alle Schuld von sich weist.
Und dann sitzt du da, und fragst dich: Ist das Autismus – oder Narzissmus? Oder einfach nur „so ein Typ Mensch“?
Das Problem ist: Manche Verhaltensweisen ähneln sich. Was dahinter steckt, ist aber ganz anders.
Beispiel: Jemand zieht sich in Diskussionen zurück.
- Ein Autist macht das, weil er überfordert ist und Reizfilter fehlen.
- Ein Narzisst macht das, weil er nicht verlieren will – oder dich bestrafen will.
Und genau da liegt die Schwierigkeit: Du siehst nur das Verhalten, nicht die Motivation dahinter, die ist oft schwer zu erkennen.
Und wenn du selbst emotional involviert bist, ist alles noch schwieriger. Dann schwankst du zwischen Verständnis und Selbstzweifeln. Zwischen „Vielleicht war ich einfach zu fordernd“ und „Warum laufen unsere Konflikte immer so ünel ab?“
Viele Menschen entscheiden sich in diesem Dilemma intuitiv für die harmlosere Erklärung: „Vielleicht ist er halt einfach neurodivergent.“
Weil das Mitgefühl auslöst – und weil es dir erlaubt, bei der Person zu bleiben. Weil es Hoffnung macht: Man kann doch lernen, wie man besser kommuniziert. Man kann doch Unterstützung finden.
Und ja: Wenn es wirklich Autismus ist – dann stimmt das.
Aber wenn es in Wahrheit Narzissmus ist… dann funktioniert genau dieser Ansatz nicht.
Dann wird Nähe mit Kontrolle verwechselt. Und Empathie wird nur vorgespielt – solange du so funktionierst, wie die narzisstische Person es will.
Die Verwechslung ist verständlich. Aber sie kann sehr teuer werden. Emotional, psychisch, manchmal auch finanziell.
Eine Beziehung mit einer narzisstischen Person ist in der Regel von psychischem Missbrauch geprägt.
Die Unterscheidung ist also nicht nur akademisch, sondern emotional & praktisch entscheidend.
Das ist ein Punkt, an dem du Klarheit brauchst. Und die fängt damit an, zu verstehen, warum du so verwirrt bist, und warum das kein Zufall ist.
Autismus oder Narzissmus: Die wichtigsten Unterschiede
Wenn man nur auf das äußere Verhalten schaut, kann man sich schnell täuschen. Deshalb ist es so wichtig, nicht nur zu fragen: „Was tut diese Person?“ Sondern: „Warum tut sie das?“ Und wie fühlt es sich für mich an?
Hier eine Übersicht, die dir helfen kann, erste Klarheit zu bekommen:
| Thema | Autismus | Narzissmus (v.a. vulnerabel) |
|---|---|---|
| Nähe & Distanz | Oft unsicher, aber Nähe ist grundsätzlich gewünscht. Rückzug bei Überforderung. | Nähe wird oft als Mittel zur Selbstbestätigung genutzt. Rückzug als Bestrafung oder Kontrolle. |
| Empathie | Häufig vorhanden, aber schwer ausdrückbar oder sozial »ungeschickt«. | Kognitive Empathie ist normal, aber affektive Empathie wird nur selten verwendet. Gefühle anderer werden eher funktional oder manipulativ genutzt. |
| Umgang mit Kritik | Seltener Angriff, häufiger Rückzug, Grübeln, Überforderung. | Reagiert schnell gekränkt, mit Abwehr, Abwertung oder emotionaler Eskalation. |
| Selbstbild | Häufig unsicher, mit echtem Zweifel an sich selbst. | Oberflächlich selbstkritisch, tief innen aber überzeugt: „Die anderen sind das Problem.“ |
| Kommunikation | Manchmal holprig, ehrlich, direkt – kann verletzen, ohne es zu merken. | Oft scheinbar reflektiert, aber mit doppeltem Boden – Themawechsel, Schuldumkehr, Gaslighting möglich. |
| Verantwortung | Hat oft das Gefühl, „falsch“ zu sein und übernimmt zu viel Verantwortung. | Weicht Verantwortung aus, sucht Schuld bei anderen, Opferrolle möglich. |
| Veränderungsbereitschaft | Oft hoch, sobald Muster verstanden werden. Wunsch nach echtem Verstehen. | Veränderung nur, wenn es Vorteile bringt oder die Selbstwahrnehmung nicht verletzt wird. |
| Wie es sich für dich anfühlt | Verwirrend, manchmal einsam – aber selten gezielt verletzend. | Anstrengend, zermürbend, oft manipulativ. Schuld- und Schamgefühle häufen sich. |
Natürlich ist niemand ein reines Klischee. Menschen sind komplex, und es gibt Mischformen und Ausnahmen. Aber wenn du über einen längeren Zeitraum immer wieder dieselben Dynamiken erlebst –
emotionales Katz-und-Maus-Spiel, Schuldumkehr, das Gefühl, nie gut genug zu sein –
dann lohnt es sich, sehr genau hinzuschauen.
Warum viele Narzissten nicht wie Narzissten wirken – und gerade deshalb so schwer zu erkennen sind
Wenn du an einen Narzissten denkst, was kommt dir in den Kopf?
Ein dominanter Mann in Anzug, der sich für den Mittelpunkt der Welt hält? Laut, selbstverliebt, kalt?
Ja, diese Sorte gibt es. Aber das ist vielleicht gar nicht der Typ Mensch, mit dem du vermutlich gerade emotional festhängst.
Die schwierigen Fälle, die, die dich innerlich verwirren, zermürben, die du gleichzeitig schützen und verlassen willst, sind oft ganz andere.
Vulnerabler Narzissmus heißt das in der Fachsprache. Und der sieht ganz anders aus.
Manche dieser Menschen wirken zerbrechlich, tiefgründig, unsicher. Sie erzählen von ihrer schwierigen Kindheit, von früheren Enttäuschungen, davon, dass sie „zu sensibel“ sind für diese Welt. Sie zeigen Schmerz – und brauchen ständig deine Rücksicht.
Und du gibst sie. Immer wieder.
Denn du willst niemandem Unrecht tun. Du glaubst an das Gute im Menschen. Du hoffst, dass es „besser wird“, wenn du nur genug erklärst, genug gibst, genug aushältst.
Was du oft nicht merkst: Du gibst nicht aus Liebe, sondern aus einem stillen inneren Druck. Aus Angst vor ihrer Reaktion, wenn du etwas Falsches sagst. Oder aus Schuldgefühl, wenn sie dich traurig anschauen, dir vorwerfen, egoistisch zu sein, zu kritisch, zu fordernd.
Sie benehmen sich manchmal wie ein verletztes Tier. Aber wehe, du ziehst dich zurück – dann giltst du plötzlich als Täter.
Vulnerabler Narzissmus tarnt sich oft als Verletzlichkeit.
Aber die emotionale Logik dahinter ist: „Ich bin das wahre Opfer, und du bist dafür verantwortlich, dass ich leide.“
Und das macht es so schwer, diese Menschen zu erkennen: Sie weinen, zweifeln, geben sich selbstkritisch, aber sobald du beginnst, dich abzugrenzen, wird es ungemütlich. Dann bringen sie unterschwellige Schuldgefühle auf, Vorwürfe, emotionale Erpressung. Manchmal subtil, manchmal offen. Aber immer mit dem gleichen Ergebnis:
Du fängst an, an dir selbst zu zweifeln.
Und vielleicht hast du auch deshalb irgendwann gedacht: „Vielleicht ist er einfach autistisch?“ Weil das erklären würde, warum er sich empathielos verhält. Warum Kommunikation so schwierig ist. Warum er sich so oft zurückzieht.
Aber die Wahrheit ist: Narzissten wollen oft gar nicht verstanden werden. Sie wollen gewinnen. Recht behalten. Nicht fühlen müssen, was sie selbst nicht aushalten.
Autistische Menschen dagegen wollen wirklich verstehen. Sie scheitern an der Umsetzung – nicht am Interesse. Und sie machen sich Vorwürfe, wenn sie andere verletzt haben – auch wenn sie es nicht zeigen können.
Was ist Narzissmus überhaupt?
Im Kern beschreibt Narzissmus ein tiefes inneres Ungleichgewicht zwischen Selbstwert und Außenbild.
Ein narzisstischer Mensch ist oft stark damit beschäftigt, sich selbst zu inszenieren, zu rechtfertigen, sich überlegen zu fühlen – weil er oder sie im Innersten extrem instabil ist. Diese Unsicherheit wird aber nicht gezeigt, sondern mit verschiedenen Strategien „verdeckt“:
- durch Abwertung anderer,
- durch ständiges Recht haben wollen,
- durch Manipulation, Schuldumkehr, oder das systematische Ignorieren von Grenzen.
Es gibt zwei Hauptformen: den grandiosen und den vulnerablen Narzissmus.
Während der grandiose Narzisst sich über andere erhebt und sehr deutlich kontrolliert oder entwertet, tritt der vulnerable Narzisst oft leise, gebrochen oder hilfsbedürftig auf – aber die emotionalen Muster dahinter sind ähnlich.
Beispiel:
Dein Partner zieht sich beleidigt zurück, weil du ihn an etwas erinnert hast, was er vergessen hat. Du entschuldigst dich, obwohl du gar nichts falsch gemacht hast. Später spricht er wieder mit dir, als sei nichts gewesen. Du bist verwirrt, fühlst dich schuldig und überlegst, wie du es das nächste Mal anders machen kannst.
Das ist keine gewöhnliche Meinungsverschiedenheit. Das ist emotionale Dysbalance – und typisches Verhalten bei vulnerablem Narzissmus.
Und was ist dann einfach ein „schwieriger Charakter“?
Nicht alle »schwierigen« Menschen sind automatisch narzisstisch.
Ein schwieriger Charakter kann zum Beispiel
- konfliktscheu,
- reizbar,
- launisch oder
- eigensinnig sein –
aber: Er ist in der Lage, sich selbst zu reflektieren.
Der entscheidende Unterschied liegt oft in der Verantwortungsübernahme und der Beziehungsfähigkeit.
Ein schwieriger, aber gesunder Mensch kann sagen: „Stimmt, das war blöd von mir. Ich verstehe, dass dich das verletzt hat.“
Ein Narzisst wird sich eher herausreden, dir subtil die Schuld geben oder das Gespräch so drehen, dass du dich am Ende erklären musst – obwohl du ursprünglich nur eine Grenze ziehen wolltest.
Was Narzissmus so schwer erkennbar macht:
- Die Fassade. Viele Narzisst*innen wirken auf Außenstehende charismatisch, intelligent oder verletzlich. Nur enge Bezugspersonen erleben die toxischen Seiten.
- Die Schuldumkehr. Du zweifelst oft an deiner Wahrnehmung, weil dir (offen oder verdeckt) das Gefühl gegeben wird, dass du das Problem seist.
- Die Unberechenbarkeit. Die Beziehung ist emotional instabil: Mal ist alles gut, mal bekommst du die kalte Schulter. Du passt dich immer mehr an.
Und was ist, wenn jemand beides ist – narzisstisch und autistisch?
Das kommt vor. Es gibt Menschen mit einer Autismus-Diagnose, die zusätzlich narzisstische Züge zeigen – und es gibt welche, bei denen die Autismusdiagnose als Erklärung dient, obwohl die Beziehungsmuster eher narzisstisch geprägt sind.
Besonders bei vulnerablen Typen verschwimmen die Grenzen schnell – zum Beispiel, wenn jemand regelmäßig Rückzug, „Reizüberflutung“ oder „fehlende Impulskontrolle“ als Begründung für verletzendes Verhalten anführt, ohne jemals echtes Interesse an der Wirkung auf andere zu zeigen.
Hier lohnt sich ein ehrlicher Blick: Geht es dieser Person wirklich um gegenseitiges Verständnis? Oder nur darum, weiterhin keine Verantwortung übernehmen zu müssen?
Wichtig: Wenn eine Partnerperson narzisstisch und autistisch ist, ist Autismus keine rettende Eigenschaft, und Mitleid kann gefährlich sein. Weil du auf dich selbst aufpassen musst.
Wird es besser, wenn man sich Mühe gibt? Ein Wort zu Veränderung
Viele Menschen glauben, dass eine Persönlichkeitsstörung wie Narzissmus einfach „wegtherapiert“ werden kann – im Gegensatz zu Autismus, der angeboren und dauerhaft ist. Aber so einfach ist es nicht.
Auch Narzissmus bleibt.
Er kann sich verändern – zumindest theoretisch. Mit viel Reflexion, harter therapeutischer Arbeit und echtem Leidensdruck kann jemand lernen, besser mit anderen umzugehen. Aber der grundlegende Persönlichkeitsstil bleibt in der Regel bestehen.
Und: Diese Veränderung bräuchte den tiefen Wunsch nach Veränderung – und jahrelange Therapie.
Narzisstischen Menschen wollen ihr Verhalten nicht wirklich verändern – weil sie damit bekommen, was sie wollen.
Du kannst diesen Wunsch nicht stellvertretend fühlen.
Du kannst ihn nicht „auslösen“, wenn du nur genug Verständnis, Geduld oder Liebe zeigst.
Wenn jemand sich verweigert, abwehrt, alles umdreht – dann liegt es nicht an dir. Dann liegt es nicht an einem Mangel an Empathie auf deiner Seite, sondern an einem Mangel an Einsicht auf der anderen.
Warum es so leicht ist, einem Narzissten zu glauben – und was dich anfällig macht
Wenn du gerade zweifelst, ob du übertreibst. Wenn du dich fragst, ob du „zu empfindlich“ bist oder zu viel erwartest – dann bist du nicht allein.
Narzisstische Beziehungsmuster entfalten ihre Wirkung oft schleichend. Nicht, weil du naiv bist, sondern, weil du das Beste im anderen sehen willst. Weil du wahrscheinlich jemand bist, der versucht zu verstehen, statt zu verurteilen. Der Gründe sucht, nicht Schuldige. Und genau das macht dich (leider) besonders empfänglich.
Ein Narzisst kommt nicht mit einem Warnschild um den Hals. Er zeigt sich oft charmant, klug, reflektiert. Gerade vulnerable Narzissten erzählen dir früh, wie tief sie fühlen, wie oft sie verletzt wurden, wie schwer sie es hatten.
Was sie selten erzählen: Wie oft andere unter ihrem Verhalten gelitten haben.
Und du? Du hörst zu. Du gibst Raum. Du denkst: Wow, jemand, der so offen ist. So sensibel.
Vielleicht ist das der Moment, wo du anfängst, zu geben: Aufmerksamkeit, Geduld, Rücksicht, Erklärung. Und immer dann, wenn du müde wirst oder dich abgrenzen willst, kommt wieder dieser kurze Lichtblick: eine schöne Nachricht, ein offenes Gespräch, ein Anflug von Verständnis. Du hoffst, dass es diesmal anders bleibt.
Und genau das ist das Bindungsmuster: unberechenbare Belohnung.
Warum du geblieben bist (obwohl es weh tut)
Es gibt einige typische Dynamiken, die viele Betroffene in solchen Beziehungen erleben:
- Du willst helfen. Du erkennst emotionale Wunden beim anderen und hoffst, mit genug Liebe könne sich etwas heilen.
- Du zweifelst an dir selbst. Die Realität wird subtil umgedeutet („Das hast du falsch verstanden.“ „Du übertreibst.“), und du verlierst allmählich das Vertrauen in deine Wahrnehmung.
- Du hast gelernt, dich selbst zurückzunehmen. Vielleicht warst du als Kind schon in der Rolle, auf andere Rücksicht zu nehmen. Vielleicht hast du gelernt: Nur wenn ich „unkompliziert“ bin, bleibe ich sicher.
Das Problem ist: Narzissten erkennen das. Und sie nutzen es.
Nicht unbedingt bewusst und geplant – aber sie spüren, dass du dich verbiegst, und testen deine Grenzen immer weiter aus.
Und oft brauchst du lange, um zu merken, wie schief das Gleichgewicht geworden ist.
Was dich schützt: Klarheit, Rückverbindung, Selbstmitgefühl
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, ist der erste Schritt nicht: „Wie beende ich das?“
Sondern: „Was ist hier eigentlich los?“
- Geh zurück zu deinem Gefühl.
- Schreib auf, was wirklich passiert ist – nicht nur, was du fühlen solltest.
- Sprich mit jemandem, der deine Realität spiegelt, nicht deine Schuldgefühle verstärkt.
- Und gib dir selbst Mitgefühl: Nicht weil du „alles mit dir machen lässt“, sondern weil du gute Gründe hattest, zu hoffen.
Du musst nicht alles sofort wissen.
Aber du darfst dir erlauben, dir selbst wieder zu glauben.
Warum eine Verwechslung echte Schäden anrichten kann
Auf den ersten Blick mag es harmlos wirken.
Jemand sagt: „Ich glaube, er ist halt autistisch.“
Oder: „Vielleicht bin ich einfach im Autismus-Spektrum.“
Und manchmal stimmt das.
Aber manchmal stimmt es eben nicht. Und dann kann genau diese Erklärung – gut gemeint, entlastend, vielleicht sogar logisch erscheinend – echten Schaden anrichten. Für alle Beteiligten.
Für Partner*innen: Wenn der Begriff „Autismus“ Gewalt verschleiert
Wenn du jahrelang mit einem Menschen zusammenlebst, der dich emotional auf Abstand hält, kaum Empathie zeigt, ständig auf sich selbst fokussiert ist, dann fragst du dich irgendwann: Was stimmt hier nicht?
Viele suchen dann nach Erklärungen, die nicht verletzen. Und Autismus scheint erstmal plausibel: Reizempfindlichkeit, soziale Unsicherheit, Schwierigkeiten mit Perspektivwechsel – das könnte doch passen?
Und ja, bei echtem Autismus kann das vieles erklären.
Aber: Wenn jemand dich systematisch kleinmacht, deine Grenzen missachtet, Schuldgefühle erzeugt oder sich nie wirklich für dein Erleben interessiert, dann ist das keine soziale Unsicherheit. Das ist emotionale Gewalt.
Der Begriff „Autismus“ kann dann wie ein Schutzschild wirken, aber nicht für dich, sondern für die destruktiven Verhaltensmuster des anderen. Du denkst: Er kann halt nicht anders. Und bleibst vielleicht viel zu lange in einer Beziehung, die dich zermürbt.
Für Betroffene: Wenn Narzissmus hinter dem Autismus-Label verschwindet
Auch für denjenigen, der selbst glaubt, autistisch zu sein, kann die Verwechslung Konsequenzen haben.
Wenn jemand eigentlich narzisstisch geprägt ist, also tief verunsichert, konfliktscheu, aber gleichzeitig stark auf Selbstschutz und Schuldabwehr ausgerichtet, und sich dann als „neurodivergent“ versteht, dann fehlen die passenden Strategien.
Statt an Selbstreflexion, Beziehungsverantwortung und emotionaler Regulation zu arbeiten, landet die Person bei Reizfilter-Übungen oder sozialen Trainings. Das passt nicht, und es hilft nicht.
Und noch schwieriger: Wer narzisstisch ist, hat oft ohnehin wenig Zugang zu echter Selbstkritik. Wenn dann das Label „Autismus“ als Erklärung für jedes Beziehungsproblem herhalten muss, bleibt echte Veränderung unmöglich. Und das Umfeld leidet weiter unter jemandem, der sich hinter einer vermeintlichen Diagnose verschanzt.
Für Autist*innen: Wenn Aufklärung durch Verwechslung leidet
Auch aus Perspektive echter Autist*innen ist die Verwechslung ein Problem.
Denn viele autistische Menschen kämpfen ohnehin mit dem Vorurteil, sie seien unempathisch, egozentrisch oder sozial unzugänglich. Wenn nun Menschen, die eigentlich narzisstische Züge tragen, sich selbst öffentlich als Autisten bezeichnen (oder von anderen so gelesen werden) dann vermischt sich das Bild in der Öffentlichkeit.
Die Folge: Autistische Menschen werden zu Unrecht mit emotionaler Kälte oder manipulativen Mustern in Verbindung gebracht. Das erschwert nicht nur soziale Teilhabe, sondern auch den Zugang zu Verständnis, Diagnostik und passender Unterstützung.
Kurz gesagt:
Diese Unterscheidung ist nicht nur akademisch. Sie ist persönlich. Sie schützt. Und sie entscheidet mit darüber, ob Menschen Heilung finden, oder sich in einem System von falschen Erklärungen weiter verlieren.
Was du tun kannst – wenn du nicht mehr weißt, woran du bist
Vielleicht fühlst du dich gerade leer. Erschöpft von ewigen Schleifen. Verwirrt von widersprüchlichem Verhalten. Vielleicht spürst du: Da stimmt was nicht – aber du kannst es nicht greifen.
Und genau da beginnt Veränderung. Nicht bei einer Diagnose. Nicht beim Etikett. Sondern bei deinem Gefühl, das dir sagt: So wie es ist, tut es mir nicht gut.
Was jetzt hilft:
Hol dir einen echten Realitätsabgleich.
Sprich mit jemandem, der nicht Teil eures Systems ist. Jemand, der dich ernst nimmt, nicht beschwichtigt oder sofort Diagnosen verteilt. Oft hilft es schon, das eigene Erleben laut auszusprechen, um klarer zu sehen.
Fang an, deine Geschichte aufzuschreiben.
Nicht für andere – für dich. Was genau ist passiert? Was fühlst du? Was hast du erklärt, verdrängt, geschluckt? Oft siehst du beim Schreiben, wie lange du dich angepasst hast.
Beobachte, wie du dich in der Beziehung fühlst – nicht nur, wie der andere sich verhält.
Hast du Angst vor Gesprächen? Fühlst du dich klein, falsch, zu viel? Das sind wichtige Signale, egal, welches Label im Raum steht.
Erlaub dir, vorsichtig zu zweifeln.
Du musst dich nicht sofort festlegen, ob dein Partner narzisstisch oder autistisch ist. Aber du darfst sagen: Ich will mich in einer Beziehung nicht dauerhaft schlecht fühlen. Punkt.
Zuletzt bearbeitet am 07.07.2025.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.