Für ein glückliches Leben im Autismus‑Spektrum

Manche Autist*innen sind schwul, lesbisch, bi oder transgender. In einer hauptsächlich neurotypischen, heterosexuellen Welt stehen sie vor besonderen Herausforderungen.

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Jede*r Patient*in kommt mit einer einzigartigen Kombination von Bedürfnissen in die ärztliche Praxis.

Einfache Beschwerden oder Bedenken können je nach den Umständen einer Person eine zusätzliche Komplexität annehmen. Die Suche nach einer Ohrinfektion oberflächlich betrachtet einfach. Wenn das betreffende Ohr jedoch einem autistischen Kind gehört, braucht es besonderer Aufmerksamkeit, um diese Begegnung so beruhigend und angenehm wie möglich zu gestalten. Für Patient*innen einer geschlechtlichen oder sexuellen Minderheit eine sichere Umgebung zu schaffen, in der sie Informationen offenlegen, die sie woanders nicht teilen würden, ist von entscheidender Bedeutung für alle Ärzt*innen, die sie gut behandeln möchten.

Autismus, eine Diagnose, die sich auf verschiedene Arten zeigen kann, ist ein Spektrum. Autistische Menschen verarbeiten sensorische Erfahrungen oft anders, soziale Interaktion kann für sie schwierig sein, vielleicht bewegen sie sich auf ungewöhnliche Weise, neben anderen häufigen Merkmalen. Einige dieser Merkmale können bei einer autistischen Person deutlicher und bei einer anderen weniger deutlich ausgeprägt sein, und unterschiedliche Situationen können einige autistische Menschen vor größere Schwierigkeiten stellen als andere.

Um die Bedürfnisse von autistischen LGBTQ-Patienten zu erfüllen, braucht es vielleicht noch mehr Kenntnisse und Aufmerksamkeit. Leider fehlt es daran oft.

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Als Arzt ist es nie angenehm, über einen Bereich zu stolpern, in dem du nicht so viel weißt, wie du solltest. Das wurde mir unlängst klar, als ich mit einem jungen schwulen Patienten sprach, der auch autistisch war. Während des Gesprächs kam es mir in den Sinn, ihn zu fragen, wie sein Autismus seine Fähigkeit beeinträchtigte, mögliche Partner zu treffen, und ob er es schwierig fand, mit nicht-autistischen (oder neurotypischen) schwulen Männern zu interagieren. Dass Menschen, die sowohl autistisch als auch LGBTQ sind, in einer vornehmlich heterosexuellen, neurotypischen Welt vor besonderen Herausforderungen stehen, war mir bis dahin einfach nicht in den Sinn gekommen.

Wie sich gezeigt hat, können diese Herausforderungen lange vor dem Erwachsenenalter beginnen. Autistischen Jugendlichen fehlen oft Informationen, die ihre nicht-autistischen Altersgenossen ganz selbstverständlich erfahren, besonders wenn sie LGBTQ sind.

Autistische Menschen und Menschen mit anderen angeborenen Behinderungen haben in der Schule häufig keinen Zugang zu grundlegender sexueller Aufklärung, insbesondere wenn sie auf eine Förderschule gehen, sagte Julia Bascom, Geschäftsführerin des Autistic Self Advocacy Network. Verhaltensweisen, die als gender-nonkonform gelten, können Ziel einer Verhaltensmodifikation werden oder als Mangel an sozialen Kompetenzen missverstanden werden, der dann korrigiert werden soll. Die meisten Sozialen Kompetenztrainings oder Gruppen für autistische Jugendliche und Erwachsene nehmen an, dass alle Teilnehmenden cisgender und heterosexuell sind.

Steve Silberman, Autor von NeuroTribes (dt: Geniale Störung, einem Bestseller über die Geschichte von Autismus und über die wachsende Neurodiversitätsbewegung, bestätigte diese Bedenken:

Es gibt den schädlichen Irrglauben, dass Menschen mit Lernbehinderung keine sexuelle Anziehungskraft verspüren können, sagte mir Silberman. Die Mutter eines autistischen Teenagers, den ich kenne, der_die ganz offensichtlich transgender ist, sagte, dass sie es überhaupt nicht in Betracht ziehen würde, ihren Teenager sexuell aufzuklären, weil er_sie das mentale Alter eines Kindes habe. Das ist eine sehr gefährliche Art zu denken, weil dieser junge Mensch im Gefängnis landen könnte, wenn er_sie nicht über die Grenzen angemessenen sexuellen Verhaltens unterrichtet wird. Teenager sind Teenager, egal wie was sie für eine Diagnose haben.

Dass die Lehrpläne von Förderschulen keine Sexualaufklärung enthalten, ist eines dieser Dinge, die mich leider nicht überraschen. (Die Probleme, die daraus entstehen können, betreffen natürlich nicht nur autistische LGBTQ-Jugendliche, und von jetzt an werde ich daran denken zu fragen, ob alle meine Patient*innen im Autismus-Spektrum eine umfassende Aufklärung erhalten.) Aber selbst wenn man annimmt, dass autistische Jugendliche Zugang zu der gleichen sexuellen Aufklärung haben wie ihre neurotypischen Altersgenossen, ist es leider viel zu wahrscheinlich, dass diese Aufklärung LGBTQ-Personen nicht einbezieht.

Es ist aber nicht nur das Bildungssystem, das die Fähigkeit autistischer Menschen, sich selbst zu verstehen, nicht erkennt oder sie nicht als Personen mit ihrem eigenen, voll entwickelten Verständnis ihres Geschlechts und ihrer Sexualität erkennt. Als ich mit autistischen Menschen gesprochen habe, die zu geschlechtlichen oder sexuellen Minderheiten gehörten, drückten sie den starken Wunsch aus, von medizinischem Fachpersonal sowohl als autistisch als auch als LGBTQ-Personen gehört und respektiert zu werden.

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, dass Geschlecht und Sexualität für autistische Menschen irrelevant sind, oder dass unsere Sexualität und unsere Geschlechtsidentitäten Symptome unseres Autismus sind, sagte Bascom. Diese Überzeugungen sind nicht nur falsch, sondern für autistische Menschen auch zutiefst schädlich. Sie werden häufig verwendet, um zu verhindern, dass autistische LGBT-Personen Zugang zu LGBT-Räumen, authentischen Beziehungen und transitionsbezogener Gesundheitsversorgung erhalten. Die Realität ist, dass autistische Menschen eine wunderschöne Vielfalt an Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten haben und wir das gleiche Recht auf Selbstbestimmung haben wie alle anderen.

Für Patient*innen, die sowohl autistisch als auch LGBTQ sind, ist es wichtig, Ärzt*innen zu finden, die alle Aspekte ihrer Identität respektieren. Leider kann es schwierig sein, diese zu finden.

Ja, es gibt einige, die verstehen, dass meine medizinischen und psychischen Bedürfnisse direkt mit meinem Geschlecht und meiner sexuellen Identität zusammenhängen, aber sie sind nicht leicht zu finden, sagte Rox Herrington, ein autistischer Transmann. Ich habe Jahre gebraucht, um Ärzte zu finden, die verstanden haben, wie man mit mir umgeht, und es gibt immer noch viele Fälle, in denen ich erwähne, dass ich autistisch und transgender bin, und ich sofort zum Schweigen gebracht werde.

Als genderqueere, nicht-binäre Transperson habe ich festgestellt, dass es möglich ist, Gesundheitsdienstleister*innen zu finden, die sehr kompetent mit Transgendern oder gender-nonkonformen Menschen sind, aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass sie auch kompetent arin sind, mit autistischen Menschen auf eine nicht-pathologisierende Weise zu arbeiten, sagte Lydia X.Z. Brown, Vorsitzende des Massachusetts Developmental Disabilities Council. Und genauso haben die meisten Gesundheitsdienstleister*innen, gegenüber denen ich mich damit wohlfühle, ihnen mitzuteilen, dass ich autistisch bin, und die wahrscheinlich respektvoller und nicht ableistisch wären, scheinen nicht viel Erfahrung damit zu haben, mit Transmenschen und gender-nonkonformen Personen zu arbeiten.

Leider muss ich zugeben, dass dieser tief greifende Ableismus zu oft beeinflusst hat, wie ich mit autistischen Patienten, LGBTQ oder nicht, umgegangen bin. Unabhängig von ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität haben autistische und andere behinderte Patient*innen das Recht, dass diese Identitäten vom ärztlichen Fachpersonal anerkannt werden. Jeder, der autistische Patient*innen versorgt, sollte sicher sein, die gesamte Person wahrzunehmen und keine vorgefasste Vorstellung davon, was sie über sich verstehen oder nicht.

Es war auch erschreckend zu sehen, wie viele Leute mir sagten, sie würden den Ärzt*innen nicht sagen, dass sie autistisch sind, weil sie befürchten, bevormundet oder abgewiesen zu werden. So wie LGBTQ-Menschen keine Hemmungen spüren sollten, Informationen über sich selbst mit ihren Ärzt*innen zu teilen, sollten Menschen mit jeglichen Behinderungen in eine Arztpraxis gehen können, voller Zuversicht, dass sie eine Versorgung erhalten, die respektvoll ist und ihren Bedürfnissen entspricht. Zweifellos hat die medizinische Community noch einiges zu tun, wenn es darum geht, wie wir unsere autistischen Patient*innen versorgen.

Es sind jedoch nicht nur Ärzt*innen, die es nicht schaffen, dafür zu sorgen, dass autistische Menschen sich uneingeschränkt wohlfühlen. Viele sagten mir, sie hätten auch nicht das Gefühl, dass die LGBTQ-Community Raum für sie schafft.

Es gibt leider eine lange Geschichte eklatanten Ableismus unter schwulen Männern, sagte Silberman, der schwul, aber nicht autistisch ist. Teile der urbanen schwulen Subkultur haben sich so darin verfangen, jung und fantastisch auszusehen, viel zu trainieren und als sexy und superkompetent rüberzukommen, dass behinderte Menschen um Sichtbarkeit und Respekt kämpfen müssen.

Veranstaltungen, die sich an ein schwules Mainstream-Publikum richten, sind für autistische Menschen oftmals nicht einladend. Wenn ich zu LGBT-Veranstaltungen gehe, werde ich immer noch von Leuten beschimpft, die Wörter wie retardiert nach Belieben benutzen, sagte mir Emmanuel, ein autistischer, trans-schwuler Mann. Viele LGBT-Veranstaltungen sind für autistische Menschen nicht zugänglich. LGBT-Veranstaltungen sind oft überfüllt, haben Live-Musik und/oder sehr laute Musik, Essstände, und Clubs haben oft helle Blinklichter. Alles davon sind sensorische Reize, gegenüber denen die die große Mehrheit autistischer Menschen hypersensibel ist. Es gibt oft keine Ruhezone, in die wir uns zurückziehen können, wenn wir einen sensorischen Overload haben.

Ich würde mir wünschen, dass mehr neurotypische LGBTQ-Leute verstehen, dass sie viele Autist*innen ausschließen, wenn sie alle Räume zu Partys oder Cruising-Areas ohne Ruheräume machen und keine Räume schaffen, die mehr auf ruhige und stille Diskussionen ausgerichtet sind, sagte auch Herrington.

Ich habe mich in der allgemeinen LGBTQ-Community nie wirklich zugehörig gefühlt, sagte mir eine autistische Lesbe, die mich bat, ihren Namen nicht zu verwenden. Ich fühle mich als Lesbe in der autistischen Community sehr unterstützt, weil unter den autistischen Menschen, die ich kenne, viele queere Frauen sind. Sie fuhr fort, Ich glaube sogar, behinderte Heteros können einige Aspekte des Queer-Seins nachvollziehen, weil behinderte Sexualität so oft getilgt oder als pervers abgehandelt wird.

Viele Menschen, von denen ich hörte, äußerten ähnliche Gedanken. Auch sie fühlten sich als LGBTQ-Personen unter anderen Autist*innen eher akzeptiert als umgekehrt. Eines der ersten Dinge, die ich sah, als ich die Website des Autistic Self Advocacy Network besuchte, war eine Erklärung, die die Bedürfnisse autistischer Transmenschen unterstützte. Wenn LGBTQ-Communities autistische Mitglieder willkommen heißen wollen, ist es ein notwendiger Schritt, direkt von ihnen zu hören, was sie brauchen.

Autistische Menschen und LGBTQ-Menschen haben beide eine Geschichte der Marginalisierung. Beide wurden Behandlungen unterzogen, um zu versuchen, sie an eine bestimmte Vorstellung von Normalität anzupassen. Ärzt*innen sind verpflichtet, die tatsächlichen Bedürfnisse aller ihrer Patienten zu erkennen, unabhängig von ihrer Sexualität, Geschlechtsidentität oder Neurologie. Für autistische LGTBQ-Menschen ist diese Verpflichtung umso dringlicher.

Die Verpflichtung geht aber noch weiter. Es sind nicht nur Ärzt*innen, die autistischen Menschen Rücksicht und Respekt schulden. Es sind alle, besonders wir, die schwul, lesbisch, bi oder trans sind und nur allzu gut wissen, wie es sich anfühlt, ausgeschlossen zu sein.

Schließlich heißt es in einer E-Mail, die ich von Luke Aylward, einem schwulen Autisten aus Leeds, England, erhalten habe: Ich bin sehr stolz darauf, autistisch zu sein und verstehe nicht, warum sich jemand schämen würde, das anderen mitzuteilen. Wer ein Problem mit Autismus hat, ist meine Zeit wirklich nicht wert.

 

Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Magazins Slate.

Zuletzt bearbeitet am 24.06.2020.

Dr. Daniel Summers

Daniel Summers ist Kinderarzt. Er schloss sein Medizinstudium 1999 an der Universität von Missouri ab. 2002 absolvierte er seine kinderärztliche Facharztausbildung in New York, gefolgt von einer Zusatzausbildung in der Jugendmedizin. Daniel Summers schreibt über Gesundheit und LGBT-Themen.  Er lebt mit seinem Ehemann und vier Kindern in Maine.

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