Autistisch gut leben.

Social Stories können autistischen Kindern dabei helfen, ein besseres soziales Verständnis zu entwickeln und sich in neuen Situationen sicher zu fühlen. Sie helfen ihnen zu verstehen, was von ihnen erwartet wird, bereiten sie auf Veränderungen vor oder zeigen Möglichkeiten, wie man sich anders verhalten kann.

Social Stories können nützlich sein, haben aber ihre Grenzen: Sie geben im Wesentlichen Informationen und manchmal braucht es etwas anderes. In diesem Artikel geht es darum, was Social Stories sind und wie man sie sinnvoll einsetzen kann.

Was sind Social Stories?

Social Stories wurden 1991 von Carol Gray entwickelt. Sie sind kurze Beschreibungen einer bestimmten sozialen Situation, eines Ereignisses oder einer Aktivität, die genaue Informationen darüber enthalten, was in dieser Situation zu erwarten ist und warum. Sie können auch beschreiben, welches Verhalten erwartet wird.

Auf Deutsch verwende ich auch den Begriff »soziale Lerngeschichten«, um Geschichten zu bezeichnen, die das Lernen über soziale Situationen fördern sollen.

Für wen sind Social Stories gedacht?

Soziale Lerngeschichten wurden für die Arbeit mit Kindern im Autismus-Spektrum entwickelt. Manchmal werden sie auch zur Unterstützung anderer Kinder mit Lernbehinderungen eingesetzt.

Meistens werden sie für jüngere Kinder eingesetzt, im Alter von ca. 2 bis 6 Jahren. Je nach Entwicklungsstand können sie grundsätzlich auch für ältere Kinder, Jugendliche oder Erwachsene genutzt werden. In vielen Fällen sind dann aber andere Formate geeigneter, zum Beispiel ein Artikel.

Social Stories sind weniger effektiv für Kinder, die Schwierigkeiten im Sprachverständnis haben.

Wozu dienen Social Stories?

Social Stories können in verschiedener Weise helfen:

  • Verstehen alltäglicher Tätigkeiten und Abläufe (Warum putzen wir uns die Zähne?)
  • Verstehen sozialer Gepflogenheiten (Warum sagen wir Danke? Wie kann man um Hilfe bitten?)
  • Verstehen schulischer Erwartungen (z. B. eine Aufgabe in einer bestimmten Weise zu machen)
  • Verstehen, was in einer unbekannten Situation passieren könnte (z.B. in der Arztpraxis, beim Schuhe kaufen, am Flughafen)
  • Verstehen, wie andere Menschen in einer Situation reagieren könnten und warum
  • Umgang mit Veränderungen (z. B. Abwesenheit des Lehrers, Umzug, Gewitter)
  • positive Rückmeldung an eine Person über ihre Stärken oder Erfolge, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken
  • als Verhaltensstrategie (z. B. was man tun kann, wenn man wütend ist, oder wie man mit Ängsten umgeht).

Wie helfen Social Stories?

Soziale Lerngeschichten stellen Informationen in einer wörtlichen, »konkreten« Weise dar, die das Verständnis einer Person für eine zuvor schwierige oder zweideutige Situation oder Aktivität verbessern kann.

Die Darstellung und der Inhalt können an die Bedürfnisse der verschiedenen Personen angepasst werden.

Soziale Lerngeschichten können auch bei Schwierigkeiten mit Abläufen (was kommt als Nächstes in einer Reihe von Aktivitäten) und exekutiven Funktionen (Planung und Organisation) helfen.    

Indem du Informationen darüber gibst, was in einer bestimmten Situation passieren könnte, und wie man sich darin verhalten kann, kannst du Ängste abbauen und der Person neue Handlungsoptionen geben.

Wie sieht eine Social Story aus?

Hier ist ein Beispiel für eine einfache Social Story:

Meine Spielsachen

Meine Spielsachen gehören mir. Sie gehören mir.

Viele meiner Spielsachen wurden mir geschenkt.

Auf einigen meiner Spielsachen steht mein Name.

Ich kann mit meinen Spielsachen spielen oder sie mit jemandem teilen.

Ich habe Spielzeug, das mir gehört.

Aus: Carol Gray (2015). The New Social Story Book.

Social Stories: Mutter und Tochter lesen ein Buch (Symbolbild)

Wie man eine Social Story schreibt

Carol Gray sagt, dass du dir zuerst überlegen musst, was das Ziel der Geschichte sein soll, das Ziel vorstellen musst, dann Informationen sammelst und den Text schreibst.

Benenne ein Ziel

Überlege, was das Ziel der sozialen Lerngeschichte ist. Das Ziel könnte zum Beispiel sein, einem Kind beizubringen, sich beim Husten den Mund zuzuhalten.

Überlege jetzt, was das Kind verstehen muss, um dieses Ziel zu erreichen. Es muss zum Beispiel verstehen, warum es wichtig ist, sich beim Husten den Mund zuzuhalten, weil es dadurch verhindert, dass Keime verbreitet werden, die andere Menschen krank machen können.

Sammle Informationen

Sammle Informationen über die Situation, die du in deiner sozialen Lerngeschichte beschreiben willst: Wo findet die Situation statt? Mit welchen Personen ist sie verbunden? Wie beginnt und endet sie? Wie lange dauert sie? Was geschieht tatsächlich in der Situation und warum? Wenn es sich um eine Situation handelt, in der ein bestimmter Ausgang nicht garantiert ist, verwende in der Geschichte Wörter wie »manchmal« und »normalerweise«.

Die Geschichten sollten die Interessen der Person ansprechen, für die sie geschrieben werden, und Wörter vermeiden, die der Person Angst oder Sorgen bereiten könnten. Der Inhalt und die Darstellung der sozialen Lerngeschichten sollten dem Alter und dem Verständnis der Person angemessen sein.

Du kannst Fotos, Bildsymbole oder Zeichnungen zusammen mit dem Text verwenden, um Menschen mit Leseschwierigkeiten oder jüngeren Kindern zu helfen. Fotos können auch gut geeignet sein, um einen Eindruck eines unbekannten Ortes oder einer Person zu geben, zum Beispiel dem Bahnhof oder der Arztpraxis.

Wenn es du eine Geschichte für eine Person schreibst, die du nicht gut kennst, informiere dich über ihr Alter, ihre Interessen, ihre Aufmerksamkeitsspanne, ihre Fähigkeiten und ihr Verständnis.

Schreibe die Geschichte

Eine soziale Lerngeschichte muss einen Titel, eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss haben.

Sie sollte eine sanfte und unterstützende Sprache verwenden.

Sie sollte sechs Fragen beantworten: Wo, wann, wer, was, wie und warum?

Sie sollte aus beschreibenden Sätzen bestehen und kann auch Coaching-Sätze enthalten. Ein beschreibender Satz beschreibt genau den Kontext, z. B. wo die Situation stattfindet, wer anwesend ist, was passiert und warum, zum Beispiel:

Der 25. Dezember ist der erste Weihnachtstag.

Manchmal werde ich krank.

Mein Körper braucht mehrmals am Tag Nahrung, so wie ein Dampfzug Kohle braucht, um am Laufen zu bleiben.

Ein Coaching-Satz lenkt sanft das Verhalten, zum Beispiel:

Ich werde versuchen, die Hand eines Erwachsenen zu halten, wenn ich die Straße überquere.

Es ist in Ordnung, einen Erwachsenen um Hilfe zu bitten, wenn ich Albträume habe.

Wenn ich wütend bin, kann ich dreimal tief durchatmen, spazieren gehen oder auf dem Trampolin springen.

(Aus: Carol Gray: The New Social Story Book, 2015)

Wie man Social Stories einsetzt

Carol Gray hat einen Leitfaden für den effektiven Einsatz sozialer Lerngeschichten entwickelt.

  • Denke darüber nach, wie du das Verständnis fördern kannst würde es helfen, Fragen hinzuzufügen oder einen Teil des Textes durch Lücken zu ersetzen, die die Person ausfüllen muss?
  • Finde Möglichkeiten, die Geschichte zu unterstützen, z. B. ein Poster mit einem Schlüsselsatz aus der Geschichte.
  • Plane, wie oft und wo die Geschichte erzählt werden soll.
  • Plane, wie oft und wo die Geschichte mit der Person geteilt werden soll.
  • Stelle der Person die soziale Geschichte zu einem Zeitpunkt vor, an dem alle ruhig und entspannt sind, und verwende einen einfachen Ansatz, z. B. Ich habe diese Geschichte für dich geschrieben. Sie handelt von einem Gewitter. Lass sie uns jetzt gemeinsam lesen.
  • Beobachte, wie gut die Geschichte ankommt und ob sie wie beabsichtigt funktioniert.
  • Bewahre deine Geschichten in einem Ringbuch oder Computerordner auf. So kannst du sie leichter finden, überprüfen und mit neuen Informationen erweitern.

(Aus: Carol Gray: The New Social Story Book, 2015)

Die Grenzen von Social Stories

Social Stories, oder soziale Lerngeschichten, sind grundsätzlich eine nützliche Methode, um Kinder im Autismus-Spektrum zu unterstützen, mit für sie schwierigen Situationen umzugehen.

Es kann aber verschiedene Gründe geben, warum eine Social Story nicht funktioniert oder in dieser Situation oder für diese Person überhaupt nicht geeignet ist.

Vielleicht hast du eine wunderbare Geschichte geschrieben, perfekte Bilder dafür gefunden, sie für alle Fälle laminiert, dem Kind mehrmals vorgelesen, aber … zu deiner großen Enttäuschung gab es keine Wirkung. Nichts hat sich geändert.

Was jetzt? Es gibt viele Artikel über, wie man eine soziale Lerngeschichte schreibt, aber kaum Tipps dazu, was man tun kann, wenn sich herausstellt, dass die Geschichte nicht wie durch Zauberhand alle Probleme löst.

Sehen wir uns also mögliche Gründe an, warum eine soziale Lerngeschichte nicht die erwünschte Wirkung hat.

Das Ziel der Social Story

Sehr oft funktioniert die soziale Lerngeschichte nicht, weil du versuchst, ein Verhalten zu verändern, ohne an den Ursachen oder Bedingungen zu arbeiten, die es unterstützen. Kinder lehnen oft soziale Geschichten ab, wenn sie „das schon alles wissen“. Und auch wenn es für dich nicht so aussieht, kann das der Fall sein. Das bedeutet nicht, dass es das gewünschte Verhalten zeigen kann es fehlt ihm irgendeine Unterstützung dafür.

Meiner Erfahrung nach funktionieren soziale Lerngeschichten am besten, wenn das Ziel darin besteht, dem Kind Informationen über eine neue Situation zu geben zum Beispiel, weil die Familien eine Zugreise nach Hamburg plant, oder einen Kinobesuch.

Die soziale Lerngeschichte kann dem Kind helfen, besser zu verstehen, was von ihm erwartet wird. Es kann aber trotzdem viele Gründe geben, warum es dazu nicht in der Lage ist.

Stell dir vor, jemand will, dass du die Entfernung zwischen Erde und Sonne selbst berechnest, ohne irgendetwas nachzuschlagen. Du bekommst eine Anleitung, die aus 5 Sätzen besteht. Ich weiß nicht, wie fit du in Physik bist, aber ich bin mir sicher, dass ich nichts Brauchbares zustande bringen würde. Es wäre zu schwierig.

Vielleicht denkst du, dass es in der sozialen Lerngeschichte um ein einfaches Problem geht das Kind will mit anderen Kindern mitspielen. Also schreibst du eine Geschichte, die darauf fokussiert ist, dass das Kind »Darf ich mitspielen sagt?« sagt.

Das Kind weiß das möglicherweise schon. Aber soziale Situationen sind für autistische Kinder schwierig. Das Kind spricht vielleicht zu leise, um gehört zu werden, und weiß nicht, wie es die Aufmerksamkeit der anderen bekommen soll. Oder es hat bereits gefragt, und die anderen haben nein gesagt. Oder sie haben ja gesagt und weitergespielt, und das Kind wusste nicht, wie es mitspielen soll. Oder oder oder.

Eine soziale Lerngeschichte kann diese Probleme nicht lösen. Sie führt nur zu mehr Frustration beim Kind, weil niemand versteht, wie schwierig das Ganze ist. Hier braucht es mehr und andere Unterstützung.

Ist es möglich, dass du etwas verlangst, dass das Kind nicht kontrollieren kann?

Oft sehe ich soziale Lerngeschichten mit Sätzen wie »Schreien hilft mir nicht, das zu erreichen, was ich will.« Oft ist das Verhalten ein Meltdown, eine unfreiwillige physiologische Reaktion, die das Kind nicht nach Belieben stoppen kann. In diesem Fall wird die soziale Lerngeschichte völlig ineffektiv sein, wenn es darum geht, das Verhalten zu ändern.

(Falls das Kind in der Lage ist zu spüren, dass es nahe am Meltdown ist, kann eine soziale Lerngeschichte zeigen, was es tun kann z.B. einer vertrauten Person eine zuvor vereinbarte Karte zeigen. Diese Person muss dann reagieren, um das Kind zügig und ohne Diskussionen aus der Situation heraus und in eine geeignetere Umgebung zu bringen.

Versuchst du, ein Problem zu lösen, indem du eine unmögliche Lösung anbietest?

Ein typisches Beispiel hierfür ist ein weiterer häufig verwendeter Ausdruck in sozialen Geschichten: »Wenn ich wütend bin, verwende ich Wörter.«

Für viele autistische Kinder ist das keine Option, weil ihre sprachlichen Fähigkeiten stark reduziert sein können, wenn sie starke Emotionen verspüren oder nahe am Meltdown sind. In diesem Fall ist es nicht nur unwahrscheinlich, dass die Geschichte erfolgreich ist, sie wird auch zusätzlichen Druck auf das Kind ausüben und das wird die Situation verschlechtern und nicht verbessern.

Ist es möglich, dass dieses Problem für die Social Story zu kompliziert ist?

Soziale Geschichten sind nicht die Lösung für alle Probleme. Viele Situationen sind zu komplex, um auf diese Weise bearbeitet zu werden, insbesondere bei älteren Kindern. Wenn ein Problem mehr als eine Ursache hat oder es viele Lösungen gibt, ist eine Social Story wahrscheinlich nicht das beste Werkzeug.

Versuchst du zu viel in eine Geschichte zu stecken?

Die effektivsten sozialen Lerngeschichten sind die mit einfachen Erklärungen. Wenn eine Geschichte länger als 5-6 Sätze ist, wenn viele Schritte darin enthalten sind und mehr als ein Thema besprochen wird, ist es unwahrscheinlich, dass das Kindern hilft, die Probleme mit Reihenfolgen, Konzentration oder Sprachverständnis haben.

Sagst du dem Kind, was es fühlen soll?

Ich sehe viele soziale Lerngeschichten, die mit einem Hinweis darauf enden, wie sich das Kind fühlen soll, wenn es den Regeln oder dem gewünschten Verhalten folgt. »Ich bin glücklich, wenn ich saubere Hände habe.«

Mach das nicht. Du legst damit fest, was das Kind sich fühlen soll und nimmst dir das Recht, seine angeblichen Gefühle auszudrücken. Das ist psychologisch schädlich (Stichwort Gaslighting) und kann beim Kind zu Verwirrung darüber führen, was es denn gerade fühlt.

Außerdem fügst du der Geschichte eine unnötige Bedingung hinzu. Wenn ein Kind hört, dass ich glücklich bin, wenn ich saubere Hände habe, klingt das Glück wie ein weiterer Schritt beim Händewaschen. Wenn es darüber nicht glücklich ist, bedeutet dies, dass die Aufgabe nicht abgeschlossen ist? Hat das Kind versagt, wenn es es äußerst unangenehm findet, seine Hände zu befeuchten? Für ein Kind mag dies nach einer zusätzlichen und unklaren Anforderung klingen.

Hast du genügend Daten gesammelt?

Du musst viele Informationen sammeln, bevor du eine soziale Lerngeschichte schreiben und anwenden kannst. Wenn es in der Geschichte um Verhalten geht, musst du verstehen, warum das Verhalten passiert und welche Bedingungen damit einhergehen wirklich verstehen und nicht darüber spekulieren.

Du musst beobachten, wo und wie oft das Verhalten auftritt, und diese Daten notieren. Erfahrungsgemäß vergisst man solche Details nämlich schnell. Ich empfehle dafür ein Verhaltenstagebuch.

Du musst auch wissen, inwieweit das Kind Sprache versteht und auf welchen Lernstil es am besten reagiert.

Wenn es eine Geschichte über ein bevorstehendes Ereignis oder eine Änderung ist, brauchst du Informationen darüber, was genau passieren wird, und du musst sorgfältig abwägen, welche möglichen Änderungen es geben könnte, um das Kind darauf vorzubereiten. Es macht keinen Sinn, die sozial Lerngeschichte zu verwenden, bevor du das alles getan haben.

Die Inhalte der Social Story

Eines der Probleme mit sozialen Lerngeschichten besteht darin, dass diese Methode scheinbar einfach ist, es jedoch tatsächlich schwieriger ist, sie zu formulieren, als es scheint.

Ist die Sprache für das Verständnis des Kindes angemessen?

Offensichtlich muss das Kind in der Lage sein, die Geschichte zu verstehen, damit sie wirksam ist. Die Länge der Sätze, der Wortschatz und die grammatikalische Struktur müssen dem Sprachverständnis des Kindes entsprechen.

Das bedeutet übrigens auch, dass die Sprache nicht zu einfach sein sollte. »Babysprache« kann dazu führen, dass ältere Kinder und Jugendliche die Geschichte ablehnen.

Achte außerdem darauf, dass du keine bildliche Sprache verwendest Euphemismen, Redewendungen, Metaphern und Übertreibungen, die das Kind verwirren könnten.

Wurde die Geschichte für ein bestimmtes Kind angepasst?

In einigen Fällen kannst du die fertige Social Story verwenden. Manche Geschichten beschreiben Situationen, in denen es mehrere universelle Schritte gibt, und diese Situationen variieren praktisch nicht. Das bezieht sich beispielsweise auf das Händewaschen und Zähneputzen.

In vielen Fällen musst du jedoch die Geschichte für ein bestimmtes Kind anpassen, um darin Konzepte und Wörter zu verwenden, die in direktem Zusammenhang mit dem Leben des Kindes stehen.

Beschreibst du Ursachen und Belohnungen, denen das Kind gleichgültig gegenübersteht?

Oft werden soziale Lerngeschichten mit dem Ziel eingesetzt, ein bestimmtes Verhalten zu ändern zum Beispiel, wenn ein autistischer Junge seinen Bruder mit Spielzeug bewirft. Verhalten hat aber in der Regel eine Bedeutung und einen Zweck für das Kind. Wenn der Junge seinen Bruder mit Spielzeug bewirft, kann das für ihn eine effektive Möglichkeit sein, seinen Bruder zum Schweigen zu bringen, wenn er es nicht mag, wenn sein Bruder spricht.

In diesem Fall ist der Satz »Der Bruder mag es nicht, wenn ich Spielzeug nach ihm werfe« nur eine zusätzliche Information und kein Grund, damit aufzuhören. Damit die Geschichte ihr Ziel erreichen kann, musst du die Bedeutung und den Zweck des Verhaltens in Betracht ziehen und eine alternative Verhaltensweise anbieten, die dem gerecht wird.

Erzählt die Geschichte dem Kind nur, was es nicht tun soll?

»Ich werde meinen Bruder nicht mit Spielzeug bewerfen« hilft nicht, mit Stress umzugehen, wenn ein Bruder zu viel redet. Du musst deinem Kind spezifische Handlungsmöglichkeiten anbieten, die es anstelle von unerwünschtem Verhalten ergreifen kann und die der beste Weg sind, um den Bedürfnissen beider Kinder gerecht zu werden.

Vielleicht ist die Beschreibung in der Geschichte zu spezifisch?

Eine soziale Lerngeschichte kann so etwas wie »Ich werde meine Hand heben, wenn ich im Unterricht eine Frage stellen möchte.« Ziemlich einfach, oder? Aber was ist, wenn ein Kind eine Frage hat, wenn es nicht im Unterricht ist? Was ist, wenn es eine Frage stellen muss, aber nicht möchte? Und wenn es nur leicht die Hand hebt? All dies kann auf eine zu wörtliche Interpretation der Geschichte zurückzuführen sein. Wenn es so aussieht, als würde die Geschichte nicht funktionieren, überprüfe, was das Kind für empfohlen hält.

Gibt es zu viele Schritte in der Geschichte? Oder werden einige Schritte übersprungen?

Viele Kinder im Autismus-Spektrum haben Schwierigkeiten, eine Abfolge von Schritten zu erstellen, und es ist schwierig, einzelne Teile in der richtigen Reihenfolge zu verbinden und ihnen zu folgen. Wenn du jemandem beibringst, etwas zu tun, in dem du sehr gut bist, passiert es leicht, dass du wichtige Schritte vergisst, ohne es zu bemerken. Das bedeutet, dass das Kind die Lücken selbst füllen muss, und das kann eine zu schwierige gedankliche Aufgabe sein. Infolgedessen ergibt die Geschichte für das Kind keinen Sinn, oder es versteht nicht, was du von ihm willst.

Klingt die Geschichte belehrend?

Ich habe viele soziale Lerngeschichten gesehen, die mir die Laune verderben würden, wenn ich sie mir selbst anhören müsste, besonders mehrmals. Dazu gehören Geschichten, die predigend oder belehrend klingen, die ein Kind für die negativen Folgen seines Verhaltens beschämen oder es für die Gefühle anderer verantwortlich machen.

Soziale Geschichten dürfen positiv und inspirierend sein, oder sachlich und informativ. Aber sie sollten keine negativen Gefühle benutzen, um Verhaltensänderungen zu bewirken.

Bilder in Social Stories

Die Nutzung von Bildern

Das Hinzufügen von Bildern zu einer sozialen Lerngeschichte ist eine hervorragende visuelle Unterstützung, die dem Kind hilft, den Text zu verstehen, aber es birgt auch Risiken.

Könnten die Bilder zu spezifisch sein? Oder nicht spezifisch genug?

Die Bilder müssen leicht zu erkennen sein, sollten jedoch nicht zu spezifisch sein, da sie sonst an eine bestimmte Farbe, Marke oder einen bestimmten Ort gebunden sind. Andererseits erlauben zu allgemeine und symbolische Bilder dem Kind nicht, die Geschichte auf sein eigenes Leben anzuwenden. Hier einen Mittelweg zu finden, kann schwierig sein.

Gibt es eine Diskrepanz zwischen Bildern und Wörtern?

Bedenke, dass viele autistische Kinder visuelle Informationen leichter wahrnehmen, als Worte zu hören sind. Sie sehen sich die Bilder an, bevor du den relevanten Teil der Geschichte erreichst. Sie ignorieren möglicherweise sogar, was du sagst (oder haben Schwierigkeiten, es zu verstehen), und denken nur an die Bilder. Wenn die Bilder also etwas anderes sagen als die Worte, ist das ein großes Problem.

Das habe ich zum Beispiel in einer sozialen Lerngeschichte gesehen, die eine Freundin von mir verwendet hat: Der Text lautete: »Es ist normal zu weinen, wenn du traurig bist. Das Weinen wird vorübergehen.« Gleichzeitig lautete die Botschaft auf den Bildern eher: „Hör auf, traurig zu sein“.

Wie nutzt du die Geschichte?

Vielleicht hast du die Geschichte zur falschen Zeit gelesen?

Manche autistische Kinder sind nach der Schule sehr müde und müssen sich erst erholen. Du musst eine Zeit finden, in der das Kind aufnahmefähig und nicht abgelenkt ist. Lies die Geschichte nicht während oder nach einem Meltdown.

In welcher Umgebung liest du die Geschichte?

Das Geräusch von Stühlen, die wegbewegt werden, helles fluoreszierendes Licht, lautes Rufen der Kinder im Klassenzimmer nebenan es ist sehr schwierig, sich auf die Geschichte zu konzentrieren, wenn man gleichzeitig von sensorischen Reizen überfordert wird und diese gerne ausblenden würde.

Lies die Geschichte in einer Umgebung, in der das Kind sich wohlfühlt und nicht abgelenkt ist.

Verwendest du die Geschichte ohne weitere Unterstützung?

Soziale Geschichten sind an sich oft wirkungslos, besonders wenn es um komplexe Themen geht. Zu wissen, wie man etwas macht, ist nicht gleichbedeutend damit, es zu können. Es kann zielführender sein, die Geschichten zusammen mit anderen Methoden zum Erlernen sozialer Kompetenzen zu nutzen.

Benutzt du viele Social Stories gleichzeitig?

Ich habe einmal eine Lehrerin kennengelernt, die sich sehr für soziale Lerngeschichten begeisterte und nicht verstand, warum ihr Schüler die für ihn angepassten Geschichten nicht anwandte sie waren gut geschrieben, die Sätze waren einfach, die Illustrationen waren klar.

Es stellte sich jedoch heraus, dass sie einem Kind jeden Tag eine neue soziale Lerngeschichte vorlas. Natürlich konnte sich der Schüler nicht an all das erinnern oder verwechselte die Regeln. Die Geschichten müssen oft genug wiederholt werden, damit ein Kind sie verstehen und anwenden kann. Also nimm dir lieber etwas mehr Zeit.

Was empfindet das Kind für die soziale Lerngeschichte?

Hat das Kind das Vertrauen in soziale Lerngeschichten verloren?

Dies passiert oft mit Geschichten, die Kinder auf Veränderungen oder Ereignisse vorbereiten. Die Geschichte wird verstanden, aber in Wirklichkeit passiert dann etwas anderes als die Erwartungen, die du mit der Geschichte aufgebaut hast. Zum Beispiel konntest du die versprochene Belohnung nicht im Geschäft kaufen, der Weihnachtsmann ist anders gekleidet und der Bus kommt zu spät. In diesem Fall ist es für das Kind schwierig, der nächsten Geschichte, die du erzählst, zu vertrauen.

Findet das Kind die Geschichte langweilig?

Kinder sind heute oft an bunte und actionreiche Apps, Videospiele und YouTube gewöhnt. Diese sind deutlich unterhaltsamer als deine soziale Lerngeschichte, und manchmal wird deshalb empfohlen, die Geschichte mit Medien aufzupeppen – bessere Bilder, Comics, Verwendung von Powerpoint etc.

Tatsächlich sprechen Kinder oft besser auf die Geschichten an, wenn ihnen die Bilder gefallen. Es gibt aber auch einen anderen Grund, warum ein Kind die Geschichten langweilig findet: der Inhalt.

Oft gibt es keine intrinsische Motivation für das Kind, sich für Geschichte zu interessieren. Das passiert oft, wenn Erwachsene an einer Verhaltensänderung interessiert sind, die das Kind (aus welchen Gründen auch immer) nicht möchte.

Möglicherweise ist das Kind auch einfach (alters- bzw. entwicklungsmäßig) aus den simplen sozialen Lerngeschichten herausgewachsen.

Veränderst du deine soziale Lerngeschichte, während sich die Fähigkeiten des Kindes weiterentwickeln?

Jeder mag es, wenn sich seine Fähigkeiten verbessern, und es ist wichtig, wenn andere es auch bemerken. Wenn du dieselbe Geschichte immer wieder liest, kannst du ignorieren, womit das Kind bereits zurechtkommt. Wenn das Kind beispielsweise beim Händewaschen selbstständig den Wasserhahn anmacht, kannst dem Kind positives Feedback dafür geben und diesen Schritt in der Geschichte ändern, um zu zeigen, dass du seine Fortschritte bemerkst.

Das kann die Motivation stärken und die Langeweile verringern.

Versteht das Kind, dass dies keine erfundene Geschichte ist?

Wie machst du dem Kind klar, dass die soziale Lerngeschichte etwas beschreibt, das passieren wird oder das es tun soll? Und nicht nur eine fiktive Geschichte, die einem Charakter wie ihm widerfährt?

Das Kind ist wahrscheinlich daran gewöhnt, fiktive Geschichten vorgelesen zu bekommen, und assoziiert auch das Wort »Geschichte« damit. Überlege dir, wie du den Unterschied deutlich machen kannst.

Wie beurteilst du den Erfolg des Kindes?

Hast du objektive Kriterien dafür, wie wirksam eine Geschichte ist?

Sammelst du Daten darüber, wann, wo und wie oft du eine soziale Lerngeschichte liest? Sammelst du Daten über das Verhalten des Kindes? Vergleichst du die Daten über das Verhalten vor und nach dem Lesen der Geschichte?

Für Lehrer*innen ist das einfacher, wenn die soziale Lerngeschichte mit einem explizit benannten Ziel im Förderplan des Kindes zusammenhängt und du Daten sammelst, um die Ergebnisse deiner Arbeit zu bewerten.

Aber es ist möglich, dass du ein Elternteil bist, und du dich ärgerst, dass eine schöne mehrfarbige Geschichte über das Zähneputzen überhaupt nicht hilft. Möglicherweise ist es sinnvoll, die Daten zu sammeln, um kleine Fortschritte zu bemerken oder eben auch ehrlich festzustellen, dass die soziale Lerngeschichte (zumindest in dieser Form) nicht funktioniert.

Es hängt viel davon ab, zu welchem ​​Zweck du die Geschichte benutzt. Bei bestimmten Verhaltensweisen ist es leichter, Fortschritte zu bemerken, bei anderen werden Verbesserungen manchmal übersehen. Wenn du dir Aufzeichnungen machst und Daten sammelst, fällt es dir leichter, Muster und Zusammenhänge zwischen dem Lesen der Geschichte und dem Verhalten zu erkennen.

Sind deine Erwartungen realistisch?

Lehrkräfte und Eltern versuchen manchmal, alle Probleme mit Social Stories zu lösen, als wären sie ein Zauberspruch, den man nur oft genug sagen muss. Aber so ist das nicht.

Die Verwendung von Social Stories ist eine von mehreren Methoden, die in einem bestimmten Rahmen nützlich sein können. Sie sind definitiv nicht für jeden und nicht für alle Situationen geeignet.

Quellen und Studien

Zuletzt bearbeitet am 21.04.2023.

Linus Mueller
Linus Mueller, M.A.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.