Der Besuch von Lehrveranstaltungen an der Universität oder Hochschule unterscheidet sich deutlich vom Schulunterricht. Und auch verschiedene Arten von Lehrveranstaltungen unterscheiden sich deutlich voneinander.
Das gilt sowohl für die Größe der Vorlesung (es können manchmal Hunderte von Studierenden an einer Vorlesung teilnehmen) als auch für das Maß an Beteiligung, das von dir in einem Laborpraktikum oder einem Tutorium erwartet wird, in dem es eher darum geht, das Fach praktisch zu lernen der zu üben.
Diese Informationen sind sehr wichtig für den Übergang zur Hochschule und helfen dir dabei, zu verstehen, was eine Vorlesung oder ein Tutorium beinhaltet.
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Vorlesungen
Es kann schwierig sein, dir eine Vorlesung vorzustellen, bevor du nicht selbst an einer teilgenommen hast. Die Erfahrung kann eine ganz andere sein, als in der Schule in eine Klasse zu gehen oder einen öffentlichen Vortrag zu besuchen, da sich die Menschen in diesen Umgebungen anders verhalten.
In Vorlesungen an Hochschulen werden ganz andere Erwartungen gestellt, und in vielen Fällen wird die Dozent*in nicht nachfragen, ob du die vorgeschriebenen Kursarbeiten erledigt oder im Unterricht aufgepasst hast.
Vorlesungen sind unterschiedlich aufgebaut, je nachdem, welche Art von Kurs du belegst und was der Inhalt des Kurses ist. In vielen Vorlesungen steht die Dozent*in vorne im Hörsaal und hält einen Vortrag, oft unter Verwendung einer PowerPoint- oder Videopräsentation, und gibt einen Einblick, wie sie das Thema sieht. In diesem Rahmen gibt es wenig bis gar keine Beiträge von den Studierenden selbst, es sei denn, die Dozent*in fragt aktiv danach.
In manchen Vorlesungen benutzt die Dozent*in auch ein Whiteboard oder eine Kreidetafel, auf der Informationen stehen, die nicht auf den Folien zu finden sind. Dann musst du versuchen, mit dem Stil der Dozent*in Schritt zu halten und entscheiden, welche Informationen du dir notieren musst.
Es kann sein, dass deine Dozent*innen nicht darauf hinweist, dass die Studierenden sich Notizen machen sollst, wenn sie etwas Wichtiges sagen, und dass sie die Vorlesung nicht unterbrechen, um euch die Möglichkeit zu geben, Informationen von den Folien abzuschreiben oder zusätzliche Notizen zu machen.
Laborpraktika, Übungen und Tutorien
Im Gegensatz dazu sind Laborpraktika und Tutorien Kurse, die dir helfen können, dein Verständnis für ein bestimmtes Thema zu vertiefen. Sie können dir die Möglichkeit geben, das in der Vorlesung Gelernte zu diskutieren oder das erworbene Wissen praktisch anzuwenden.
Diese Kurse können dir auch die Möglichkeit geben, dich in ein Thema, das dich interessiert, weiter einzuarbeiten, dich mit dem Kursmaterial auseinanderzusetzen oder Teile der Vorlesung zu klären, die dich vielleicht verwirrt haben. Sie können dir auch helfen, deine Mitstudierenden besser kennen zu lernen.
Tutorien werden in der Regel von Studierender älterer Semester oder von Promotionsstudierenden geleitet. In vielen Fächern beziehen sich Tutorien direkt auf eine Vorlesung, das muss aber nicht immer der Fall sein.
Die Struktur und der Inhalt eines Tutoriums hängen davon ab, wie weit du im Modul fortgeschritten bist, und auch von der Tutor*in, aber es kann Folgendes beinhalten:
- Eine Diskussion über die Themen, die in der letzten Vorlesung oder in der Vorlesungslektüre angesprochen wurden;
- Aktivitäten, die darauf abzielen, dein Verständnis für das in der Vorlesung angesprochene Thema zu verbessern;
- Arbeit an praktischen Problemen oder Gruppendiskussionen über das Thema;
- Unterstützung und Anleitung bei der Bewältigung von Aufgaben oder Prüfungen;
- Gesprächspunkte aus der letzten Aufgabe (wie die Aufgabe aussieht oder welche Fragen sie aufwirft)
- Unterschiedliche Methoden zum Lernen des Kursmaterials
- eine Möglichkeit, sich informell mit Mitstudierenden und Tutor*innen auszutauschen, wenn du dich dabei wohl fühlst.
Die Einteilung der Studierenden zu Übungen und Tutorien kann sich je nach Kurs und Universität ändern. In einigen Modulen wird dir nach dem Zufallsprinzip eine Gruppe zugewiesen, mit der du die Tutorien während des Semesters belegst, in anderen musst du dich für das Tutorium anmelden und kannst dir möglicherweise das Tutorium aussuchen, das zeitlich am besten passt.
Was bedeutet es für mich, zu den Vorlesungen zu gehen?
Mit der Dozent*in mitzuhalten, sich Notizen zu machen, in einer großen Gruppe von Studierenden zu sein und mit all den sensorischen Reizen im Hörsaal umzugehen, kann eine herausfordernde – und manchmal auch lohnende – Erfahrung sein. Viele Studierende gehen gerne zu Vorlesungen, weil sie dort die Gelegenheit haben, von einer Expert*in etwas über ein Thema zu erfahren, das sie interessiert, und ihre Sichtweise zu hören.
Die Größe und Kapazität der Hörsäle ist unterschiedlich und hängt davon ab, wo sich der Saal befindet und wie viele Studierende das Fach belegen. Es kann sein, dass sich im Hörsaal Studierende befinden, die einen anderen Studiengang oder eine andere Fachrichtung studieren, aber das gleiche Modul belegen.
Wie läuft ein Tutorium ab?
Im Gegensatz dazu finden Tutorien in der Regel in kleinen Gruppen und kleineren Räumen statt. Das kann zu anderen Barrieren führen, weil man sich an Gruppendiskussionen über den Stoff beteiligen soll.
Viele Menschen empfinden den Besuch von Tutorien als sehr positive Erfahrung, aber einer der Nachteile ist, dass es schwieriger sein kann, um Anpassungen zu bitten, wenn du weißt, dass es sich um einen Raum voller bekannter Gesichter handelt und nicht um einen Hörsaal mit Hunderten von Menschen. Es kann sinnvoll sein, sich persönlich oder per E-Mail mit deiner Tutor*in in Verbindung zu setzen, wenn du mit irgendeinem Aspekt des Tutoriums Schwierigkeiten hast.
Praktische Tipps für Vorlesungen
Mach dir Notizen
- Es ist unmöglich, alles aufzuschreiben, was der Dozent gesagt hat. Es kann aber eine gute Idee sein, eine eigene Methode zu entwickeln, um so viele Informationen wie möglich aufzuschreiben, zum Beispiel durch Kurzschrift und Abkürzungen, wo es angebracht ist.
- Alles zu kopieren, was auf den einzelnen Folien steht, ist vielleicht nicht so hilfreich, denn oft werden die Folien vor der Vorlesung in virtuellen Lernumgebungen wie Sharepoint, Blackboard oder Moodle zur Verfügung gestellt oder als Handout für dich bereitgestellt. Es kann eine gute Idee sein, die Folien vor der Vorlesung auszudrucken und zusätzliche Notizen zu machen, die du für wichtig hältst.
- Wenn du Schwierigkeiten hast, dir Notizen zu machen, kannst du mit der Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung deiner Hochschule besprechen, ob du Unterstützung bekommen kannst, zum Beispiel die Notizen der Dozent*in, oder ein Mitstudierende*r, der für dich Notizen macht.
- Einige Vorlesungen können aufgezeichnet werden, und eine Audioaufzeichnung der Vorlesung und alle dazugehörigen Materialien wie PowerPoint-Folien können als Podcast über eine Plattform wie Moodle, Blackboard, SharePoint oder eine andere virtuelle Lernumgebung zur Verfügung gestellt werden. Sie können auch Zugang zu einer Videoaufzeichnung der Vorlesung bieten, wenn diese aus der Ferne gehalten wird. Das kann hilfreich sein, wenn du dir die Vorlesung noch einmal anhören willst, um dir zusätzliche Notizen zu machen, die du vielleicht in der Vorlesung verpasst hast, oder um dein Verständnis eines bestimmten Teils der Vorlesung zu klären.
- Wenn du eine Vorlesung aufzeichnen möchtest, die der Dozent nicht selbst aufzeichnet, kannst du dein Smartphone benutzen oder ein Diktiergerät über die Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung ausleihen, um die Vorlesung aufzunehmen. Vergewissere dich, dass du die Erlaubnis der Dozent*in hast, die Vorlesung aufzuzeichnen, entweder indem du sie*ihn fragst oder indem du dich an die Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung wendest. In vielen Fällen werden die Dozent*innen dieser Bitte gerne nachkommen.
- Versuche, deine Gedanken über den Inhalt der Vorlesung und die wichtigsten Punkte des Vortrags aufzuschreiben. Das kann dir helfen, das Thema besser zu verstehen und dir Ideen für Aufgaben und Prüfungen zu geben.
- Mind Mapping, entweder per Hand oder mit Hilfe einer Software, ist eine gute Möglichkeit, um die Zusammenhänge visuell darzustellen, anders als mit Aufzählungspunkten oder Notizen. Es kann eine gute Möglichkeit sein, sich auf Aufgaben oder Prüfungen vorzubereiten.
- In der Regel ist es nicht nötig, sich während eines Tutoriums Notizen zu machen, es sei denn, du hast das Gefühl, dass es später wichtig sein könnte. Es kann sinnvoll sein, deine Studienunterlagen sowie Stift, Papier oder Taschenrechner mitzubringen, wenn dein Modul dies erfordert.
- Wenn du für das Tutorium eine bestimmte Lektüre zugewiesen bekommen hast, solltest du diese unbedingt lesen (vor allem, wenn es sich dabei um Pflichtlektüre handelt) und dir Notizen machen, denn das Thema wird wahrscheinlich im Tutorium besprochen werden. Wenn du die Zeit hast, solltest du auch die zusätzliche Lektüre lesen, die dir für den Kurs zugewiesen wurde, um das Thema der Woche besser zu verstehen. Die Lektüre zu lesen, bevor das Thema in der Vorlesung behandelt wird, hilft auch, die Vorlesung besser zu verstehen.
Zeitplanung
- Die Vorlesungen beginnen nicht immer pünktlich, aber es ist immer gut, davon auszugehen, dass sie pünktlich beginnen werden. Früh anzukommen kann hilfreich sein, weil du dann Zeit hast, dich einzurichten, dich vorzubereiten und deinen Platz im Vorlesungssaal zu wählen. Das Gleiche gilt für das Tutorium: Wenn du früher kommst, kannst du noch einmal deine Unterlagen durchsehen, deine Notizen durchgehen oder mit deinen Mitstudierenden reden, wenn du dich dabei wohl fühlst.
- Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass du zu spät zu einer Vorlesung oder einem Tutorium kommst – du hast vielleicht mehrere Vorlesungen hintereinander und brauchst Zeit, um von einer zur nächsten zu kommen. Auch wenn manche Dozent*innen es nicht gerne sehen, wenn Studierende zu spät zur Vorlesung kommen, haben die meisten Verständnis dafür. Wenn sie keine Zuspätkommenden dulden, werden sie es dich wissen lassen. Komm so leise wie möglich in den Hörsaal – auch wenn du dich vielleicht eingeschüchtert fühlst, werden die meisten Leute es nicht bemerken und es ist besser, wenn du so wenig wie möglichst von der Vorlesung verpasst.
- Wenn du vor Ende der Vorlesung gehen musst, oder wenn du mitten in der Vorlesung auf die Toilette musst, tu das ebenfalls möglichst leise und unauffällig, um niemanden zu stören.
- Auch andere Studierende kommen vielleicht zu spät zur Vorlesung oder müssen die Vorlesung früher verlassen. Das kann zwar störend sein, ist aber an der Uni weitgehend akzeptiert, denn jeder hat auch andere Verpflichtungen, die dazu führen können, dass man Vorlesungen oder einen Teil davon verpasst.
- Wenn du sehr früh zu einer Vorlesung oder einem Tutorium kommst, kann es sein, dass die vorherige Vorlesung oder das Tutorium noch läuft oder dass du in eine Menschenmenge gerätst, die den Hörsaal oder das Klassenzimmer verlässt.
- Wenn du vor der Vorlesungszeit etwas Zeit hast, kann es vor allem in den ersten Wochen sinnvoll sein, dich mit dem Stundenplan der Veranstaltungen vertraut zu machen und herauszufinden, wo sich die verschiedenen Ein- und Ausgänge, Toiletten u.ä. in den einzelnen Gebäuden befinden, falls es dir zu unübersichtlich werden sollte.
- Wenn du etwas Zeit hast, solltest du vielleicht vor Beginn der Vorlesung oder des Tutoriums auf die Toilette zu gehen. Da Vorlesungen und Tutorien oft eine Stunde, wenn nicht länger, dauern und manchmal keine Pausen dazwischen liegen, kann dies eine gute Möglichkeit sein, um zu vermeiden, dass du während der Vorlesung oder des Tutoriums auf die Toilette musst oder daran denkst, zu gehen, wenn du dich lieber auf die Vorlesung oder das Tutorium konzentrieren würdest.
- Wenn du früh zu einer Vorlesung kommst, hast du mehr Möglichkeiten, wo du im Hörsaal sitzen kannst und kannst dir deinen Platz aussuchen, anstatt nur einen freien Platz zu nehmen.
Der Sitzplatz
Die meisten Plätze im Hörsaal haben eine gute Sicht, egal wo du sitzt. Wenn du Probleme mit der auditiven Wahrnehmungsverarbeitung hast, ist es meist besser, vorn zu sitzen. Das gleiche gilt, wenn du denkst, dass du dich so besser konzentrieren kannst.
Oder du kannst einen Platz in der Nähe der Tür wählen, wenn du das Gefühl hast, dass du irgendwann schnell gehen musst. Vielleicht ist es dir allgemein lieber, am Rand zu sitzen.
Vielleicht möchtest du auch den Einfallswinkel des Sonnenlichts beachten, damit es dich nicht blendet.
Das Recht auf einen speziellen Sitzplatz kann ein Nachteilsausgleich sein.
Fragen stellen
Die Dozent*in kann den Studierenden Zeit geben, um Fragen zu stellen: Sie kann während der Vorlesung fragen, ob es Fragen gibt, oder am Ende der Vorlesung eine bestimmte Zeit dafür vorsehen. Wenn du eine Frage hast, ist es eine gute Idee, sie aufzuschreiben und die Frage zu stellen, wenn sich die Gelegenheit ergibt.
Wenn du eine Frage in der Vorlesung öffentlich stellen willst, solltest du das tun, wenn es eine Frage ist, deren Antwort für alle Teilnehmenden der Vorlesung nützlich sein könnte. Wenn die Dozent*in nach der Vorlesung noch etwas Zeit hat, eine E-Mail-Adresse angibt oder dir die Möglichkeit gibt, einen Termin in ihrem Büro zu vereinbaren, gibt es vielleicht die Möglichkeit, eine Frage unter vier Augen zu stellen, wenn das besser passt oder wenn du denkst, dass du eine ausführlichere Antwort bekommen könntest.
Eine sehr gute Gelegenheit, Fragen zu stellen, ist auch das Tutorium.
Offenlegung deiner Autismus-Diagnose
Es kann auch hilfreich sein, deinem Dozenten oder Tutor persönlich oder per E-Mail mitzuteilen, dass du autistisch bist und wie sich das auf deine Teilnahme am Kurs auswirken könnte. Wenn du dich dafür entscheidest, die Dozent*in über deine Autismus-Diagnose zu informieren, kannst du ihr auch mitteilen, welche Teile des Kurses du besonders schwierig findest (Aufgaben, Gruppenpräsentationen) und welche Vorkehrungen dir helfen könnten.
In einigen Fällen kann deine Dozent*in oder Tutor*in Strategien entwickeln, die dir bei bestimmten Aspekten des Moduls helfen, oder dir abwandelte oder alternative Aufgaben geben, z. B. einen schriftlichen Aufsatz statt einer mündlichen Präsentation.
Zuletzt bearbeitet am 01.06.2025.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.
