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Ziele des Projekts Autismus-Kultur

Geschrieben von Autismus-Kultur   
Samstag, 22 Dezember 2007

Das Projekt Autismus-Kultur hat sich aus einer Initiative heraus entwickelt, die sich für konsequentes Infragestellen pathologisierender und defizitorientierter Autismus-Konzepte, Abbau von Diskriminierung von Autist_innen und für Selbstbestimmung und Autonomie fern von Bevormundung und Vereinnahmung engagiert.

Autistische Menschen sind im alltäglichen Leben unserer Gesellschaft so gut wie unsichtbar. An ihre Stelle treten Eltern und Professionelle, die über Autismus als Phänomen sprechen, von dem man betroffen sein kann. Sie definieren, was Autismus ist und wie Autist_innen sind, was sie brauchen und wie mit ihnen umzugehen sei. Hierbei werden Autist_innen selbst am wenigsten gefragt.

Autismus-Kultur ist für Selbstvertretung autistischer Menschen

Wir treten für uns selbst ein – NTs sprechen nicht für uns. Nichts über uns ohne uns – an allem, was über Autismus gesagt, geschrieben, geforscht wird, was an bzw. für Autist_innen gemacht wird, sollen Autist_innen wirksam beteiligt werden.

Emanzipation, Selbstbestimmung und Empowerment

  • Wir unterstützen Initiativen, die Abschaffung von Heimen fordern.
  • Wir treten gegen Zwangsmedikation mit Psychopharmaka, Zwangsbetreuung und Zwangstherapien ein.
  • Wir fordern selbstbestimmte Unterstützung und Empowerment statt Pathologisierung und systematischer Verunfähigung.

Autistic Pride, Autistische Kultur, autistische Lebensräume

  • Autistic Pride ist die Grundlage unseres Projektes. Unter Autistic Pride verstehen wir eine autistische Identität als Ausdruck einer Minderheitenkultur und Lebensart. Als solche definieren wir sie nicht nur über neurologische Besonderheiten oder Diagnosen, sondern Erfahrungen, Werte und kulturelle Praktiken der Mitglieder. Autistic Pride beinhaltet Gleichwertigkeit aller Menschen. Wir distanzieren uns nicht nur von defizitorientierten Konzepten, sondern auch von elitären, die Autist_innen bzw. Menschen mit bestimmten diagnostischen Labels oder Eigenschaften für überlegen erklären.
  • Wir begreifen Autismus als Kultur und stellen ihre verschiedenen Aspekte auf unseren Seiten dar.
  • Wir finden, dass es autistische Lebens- und Schutzräume geben muss: Räume für Kultur, Bildung, Peer-to-Peer-Beratung und Freizeitgestaltung, die frei von NTs bzw. NT-Dominanz sind. Grund dafür ist, dass Autist_innen derzeit eine marginalisierte Minderheit darstellen, die unter einem ständigen Anpassungs- und Assimilationsdruck steht. Das Verhältnis zwischen Autist_innen und NTs ist ein Dominanzverhältnis, in dem NTs die unsichtbare Norm verkörpern, und Autist_innen eine defizitäre Abweichung davon. Beides führt dazu, dass Kontakte als stressig erlebt werden oder gänzlich auf sie verzichtet wird. Aus dieser Situation heraus ist der Wunsch nach eigenen Schutzräumen entstanden und berechtigt.
  • Wir begrüßen selbstorganisierte Wohnprojekte von und für autistische Menschen, die sich im Alltag gegenseitig unterstützen können und wollen; die je nach Bedarf entsprechende Dienste (z.B. Persönliches Budget) in Anspruch nehmen. Solchen Initiativen fehlt es derzeit an Räumen bzw. Finanzierung.
  • Wir finden, dass Autist_innen sehr gut von Autist_innen lernen können (siehe Learning communication skills from autistic people.). Das sollte bei Bildungsangeboten berücksichtigt werden.
  • Jegliche Hierarchien oder Trennungen innerhalb des Spektrum lehnen wir ab. Diagnostische Labels, bestimmte Eigenschaften oder soziale Positionen begründen keinen Führungsanspruch und machen Aussagen betreffender Personen nicht besser oder schlechter als die der anderen.

Unterstützung

  • Alle Menschen brauchen und bekommen Unterstützung. Unterstützung zu bekommen, bedeutet nicht krank oder defizitär zu sein. Die künstliche Trennung in normale (ungenannte) Unterstützung und in spezielle Unterstützung lehnen wir ab. Wir sind der Ansicht, dass jeder Mensch die Unterstützung bekommen soll, die er braucht.
  • In Diskussionen über Autismus und über Lebenssituationen autistischer Menschen taucht regelmäßig der Begriff Hilfe auf. Hilfe ist nicht selbstverständlich, sie ist ein Gefallen. Hilfe suggeriert, dass man etwas bekommt, worauf man keinen Anspruch hat, und was einen im Gegenzug zur Dankbarkeit verpflichtet. Unterstützung von Autist_innen bzw. von behinderten Menschen allgemein Hilfe zu nennen, macht sie zu Bittsteller_innen und erniedrigt sie. Es ist keine Hilfe, wenn Rollstuhlfahrer_innen Zugänge zu öffentlichen Gebäuden, Arztpraxen und Supermärkten nicht versperrt werden, sondern Enthinderung – als Gegensatz von Behinderung, die Treppen und Drehkreuze für diese Personengruppe darstellen. Enthinderung ist kein Almosen, sie sollte selbstverständlich sein. Wir sprechen daher nicht von Hilfe – wir fordern Enthinderung.
  • Unterstützung bzw. auch Hilfe werden oft Maßnahmen bzw. Handlungen genannt, über deren Sinn und Nutzen andere entscheiden – Eltern, Pädagog_innen, Betreuer_innen, Ärzt_innen usw., ohne die Person, die sie zum Objekt ihrer Wohltätigkeit machen, zu fragen, ob sie das will bzw. was sie will. Unterstützung macht nur dann Sinn, wenn sie sich danach richtet, was der zu unterstützende Mensch erreichen will – und nicht was andere von ihm wollen. Wir betrachten daher die gängigen Unterstützungsangebote sorgfältig und kritisch, denn: Nur wenn die Initiative von autistischen Menschen selbst ausgeht und sie bis ins kleinste Details selbst entscheiden, wie sie wobei unterstützt werden möchten, kann man von einer realen Unterstützung sprechen.
  • Das Arbeitergebermodell ermöglicht eine solche Unterstützung, deswegen klären wir auf unseren Seiten über das persönliche Budget auf.

Medizinische Versorgung

  • Autismus ist keine Krankheit und bedarf keine Therapie. Behandlungen, die zum Ziel haben, Autismus zu beseitigen, zu heilen bzw. unsichtbar zu machen etc., lehnen wir ab.
    Natürlich können auch Autist_innen – wie alle anderen Menschen auch – krank werden. Wir engagieren uns dafür, dass Autist_innen korrekte und seriöse Behandlung bekommen, und dass Barrieren, die oftmals den Zugang zu medizinischen Leistungen versperren, abgebaut werden.
  • Alle Menschen können schwierige Lebenslagen und Krisen durchleben. Angebote, die auch Autist_innen angemessen sind (Krisendienste, Sozialberatungen, Coaching etc.), fehlen weitgehend. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Lücke geschlossen wird. Da einige Autist_innen psychotherapeutische Begleitung oder Behandlung in Anspruch nehmen, wollen wir zur Vorbeugung von Fehlbehandlungen Aufklärungsarbeit auf beiden Seiten leisten.

Barrierefreiheit

  • Wir informieren über Bedürfnisse autistischer Menschen in Bildung, Berufsleben, Wohnen, medizinischer Versorgung, Behörden, Gestaltung öffentlicher Räume, Supermärkte, bei Veranstaltungen etc., damit sie im Sinne von Barrierefreiheit eine Berücksichtigung finden. So wie es für Rollstuhlfahrer_innen Rampen und Aufzüge gibt, sollte es für autistische Menschen Möglichkeiten geben, sich durch Reizbombardement und Kontaktterror unbehindert im Alltag zu bewegen, zu leben, zu lernen, zu studieren, zu arbeiten, zu wohnen, einkaufen zu gehen. Es ist keine Frage von Therapie oder Hilfe, sondern von Chancengleichheit, Nachteilsausgleich und Enthinderung. Dazu gehören:
    • Technische Kommunikationsmittel
      Um am Leben der Gesellschaft teilzuhaben, soziale Kontakte zu haben und eigene Interessen selbst zu vertreten, müssen autistischen Menschen technische Kommunikationsmittel (Computer, Internetanschluss) im Rahmen des Nachteilsausgleichs zur Verfügung gestellt werden.
    • Schriftliche Kommunikation
      Die Möglichkeiten, Behördengänge, Terminvereinbarungen und Besprechungen mit Ärzt_innen etc. schriftlich zu erledigen, müssen ausgebaut bzw. geschaffen werden, denn: Die Anforderung, insbesondere sehr konzentrationsintensive Kommunikation wie etwa mit Behörden, Ärzt_innen, Banken, Vermieter_innen etc. stets mündlich zu führen, hindert viele Autist_innen daran, ihr Alltagsleben selbstbestimmt, effektiv und eigenständig zu gestalten.
    • Personal
      Es fehlt an Personal, das mit autistischen Menschen arbeiten kann. Vielen Menschen fällt der Umgang mit ihnen schwer. Besonders gravierend ist dieser Mangel im Gesundheitswesen, Behörden und Polizei.
      Fachkräfte (Rechtsanwält_innen, Lehrer_innen und Professor_innen, Ärzt_innen, diverse Beratungsstellen etc.) sind des öfteren nicht in der Lage, mit autistischen Menschen zu kommunizieren und umzugehen, geschweige denn ihnen zu helfen – selbst dann, wenn ihnen die Diagnose bekannt ist. Es ist daher dringend notwendig, ihnen beizubringen, mit Autist_innen erfolgreich (für beide Seiten!) zu kommunizieren.
    • Arbeit
      Viele autistische Menschen können arbeiten, jedoch nicht unter den sogenannten üblichen Bedingungen des Arbeitsmarktes. Sie für erwerbsunfähig zu erklären, entzieht ihnen oft die einzige Chance auf Selbstverwirklichung durch Anerkennung und Würdigung ihrer Fähigkeiten und Leistungen und verstärkt die Ausgrenzung aufgrund von Armut, die zu weiteren Diskriminierungen führt.
      Es bedarf kompetenter Beratung und Unterstützung und Förderung z.B. hinsichtlich Existenzgründung und anderer Modelle jenseits geläufiger Arbeiternehmerverhältnisse oder Behindertenwerkstätten.

Wissenschaft und Forschung

  • Definitionsmacht über Autismus sollen Autist_innen haben, nicht Fachkräfte oder Eltern. Wir üben Kritik an dem Medizinischen Modell und halten es für notwendig, Autismus nicht pathologisierend/defizitorientiert zu erforschen.
  • Autistische Menschen sollen an der Autismus-Forschung wirksam beteiligt werden: Forschungsthemen und Anregungen, Ideen und Qualitätskontrollen sollen von uns kommen.
  • Es gibt nichts zu therapieren bzgl. Autismus: wir sprechen uns gegen Forschungsvorhaben aus, die die Entwicklung von Therapien gegen Autismus bzw. Normalisierung von Autist_innen zum Ziel haben. Autist_innen sollen so akzeptiert werden, wie sie sind.
  • Wir kritisieren medizinische Erforschung von Autismus, da Autismus kein medizinisches Problem ist. Wir begrüßen hingegen z.B. sozialwissenschaftliche Forschung unter anderem darüber, wie Lebensbedingungen autistischer Menschen und deren Akzeptanz in der Gesellschaft verbessert werden können.
  • Genforschung stoppen! Wir protestieren gegen die Genforschung und Entwicklung pränataler Autismus-Diagnostik, da deren Ziel darin besteht, die Geburt autistischer Menschen zu verhindern.

Darstellung von Autist_innen/Autismus

  • Pathologisierung abschaffen: Pathologisierung wirkt sich negativ auf Selbstbewusstsein, Zukunftserwartungen und -perspektiven und Gesundheit autistischer Menschen aus.
  • Keine Exotisierung: Wir fordern menschenwürdige Präsentation autistischer Menschen in den Medien und in der Wissenschaft.
  • Respekt statt Mitleid!
  • Medien-Watch: wir beobachten die Darstellung von Autist_innen und Autismus in den Medien sowie den Gebrauch und Missbrauch des Autismus-Begriffs in Presse und Politik. Entgleisungen werden auf unseren Seiten dokumentiert, kommentiert bzw. kritisiert.

Sprache

  • Wir lehnen pathologisierende, defizitorientierte Sprache in Bezug auf Autismus ab und distanzieren uns von solchen Formulierungen.
  • Wir bemühen uns, stets Eigenbezeichnungen anderer (Gruppen oder Einzelpersonen) zur Bezeichnung zu verwenden. Entsprechende Hinweise werden dankbar angenommen.

Kooperation

  • Wir kooperation nur mit Personen und Organisationen, deren Ziele mit unseren vereinbar sind. Dabei spielt es keine Rolle, ob unsere Kooperationspartner im Autismus-Bereich tätig sind oder nicht, das heißt: der Umstand, dass eine Organisation im Autismus-Bereich arbeitet, stellt allein keinen Grund zur Kooperation dar.

Vorgehensweise

  • Wir vertreten unsere Interessen und unsere Meinungen. Wir sind nicht da, um uns beliebt zu machen.
  • Wir sehen das Verhältnis zwischen Autismus und Mainstream vor dem Hintergrund anderer gesellschaftlicher Dominanzverhältnisse wie zum Beispiel Heteronormativität, Rassismus, Klassenunterschiede und andere strukturelle Ungleichheiten. Auch Autist_innen leben darin, auch auf Autist_innen haben sie Einfluß. Deshalb ist uns wichtig, uns mit diesen Themen zu befassen und deutlich zu machen, dass das, was als autistisch gelabelten Menschen passiert, auch mit anderen geschehen ist bzw. geschieht. Beispiele aus anderen Zusammenhängen helfen dabei, eigene Lebenssituationen zu reflektieren und in einen größeren Kontext einzuordnen, sie zeigen Handlungs- und Bündnismöglichkeiten auf.

Wir begrüßen es, wenn andere unsere Ziele teilen. Ein bloßes Ab- oder Umschreiben unserer Ziele ohne eigenständige tiefgehende und kritische Auseinandersetzung mit ihnen lehnen wir allerdings entschieden ab. Ein solches Vorgehen betrachten wir als geistiges Armutszeugnis für betreffende Organisation/en und/oder Personen/en.

 

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