Hans Asperger - selbst ein "Asperger"? |
| Geschrieben von Colin | |
| Mittwoch, 28 Juni 2006 | |
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Das Jahr 2006 wurde von einigen Organisationen zum "Internationalen Asperger Jahr" erklärt. Denn vor hundert Jahren wurde Hans Asperger geboren, der Arzt, nach dem das Asperger-Syndrom benannt ist. Grund genug, einmal zu fragen: wer war eigentlich dieser Mensch? Hans Asperger wurde am 18. Februar 1906 auf einem Bauernhof in Hausbrunn bei Wien als der ältere von zwei Söhnen geboren. Seine Eltern stammten aus Bauernfamilien, Asperger wuchs aber in Wien auf. Früh zeigte sich, dass er ein Sprachtalent besaß und schon in den ersten Schuljahren fiel Asperger auf, weil er seinen Klassenkameraden häufig Grillparzer zitierte - obwohl diese wenig Interesse daran zeigten. Auch in späteren Jahren führte Asperger in Gesprächen häufig Zitate an; auch sich selbst zitierte er gern. Außer seinem Interesse an der deutschen Sprache behält Asperger eine andere Freizeitbeschäftigung sein Leben lang bei: obwohl er motorisch extrem ungeschickt war, wanderte er gern in den österreichischen Bergern und Wäldern. Asperger hatte in seiner Kindheit Schwierigkeiten, Freunde zu finden und schien auch kein Interesse daran zu haben. Er war gern für sich und wurde als "distanziert" angesehen. In der Jugendbewegung der 20er Jahre fand Asperger jedoch einige Freunde, mit denen er sein Leben lang Kontakt hielt. Asperger studierte in Wien Medizin. 1931 promovierte er dort als Kinderarzt und und arbeitete anschließend als Assistenzarzt in der Universitätskinderklinik Wien. Schon nach einem Jahr übernahm Asperger als Nachfolger von Erwin Lazar die Leitung der heilpädagogischen Station der Universitätskinderklinik Wien, wo "er bald einsah, das werde ab jetzt sein Leben erfüllen" (dieses Zitat stammt von Asperger selbst; er sprach von sich selbst häufig in der dritten Person). Mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung 1934, als Asperger der psychiatrischen Klinik in Leipzig angehörte, blieb er lange Jahre in Wien an der heilpädagogischen Station. Dort arbeitete Asperger zusammen mit der Krankenpflegerin Viktorine Zak, die Unterricht und Spiel leitete. Asperger hatte Zak als Genie bezeichnet und Uta Frith schreibt über sie: "Ihre intuitiven diagnostischen Fähigkeiten und therapeutischen Wirkungen als Lehrerin waren legendär." Zak starb später im Krieg bei einem Bombenangriff. Um Asperger zu verstehen, muss man verstehen, was der Begriff Heilpädagogik meint, zumal er in verschiedenen Ländern unterschiedlich verwendet wird; in Österreich ist der Begriff enger mit der Medizin verbunden als in Deutschland. Asperger legte großen Wert auf die Interdisziplinarität der Heilpädagogik, so auf einer Tagung 1978: "Vor Jahrzehnten schon habe ich, in dem Bestreben, die Gegebenheiten durch ein Bild deutlich zu machen, das Wort von den Quellströmen gebraucht, die zusammenfließen, sich integrieren müssen, damit 'Heilpädagogik' wird: die medizinischen Quellen der Pädiatrie und der Psychiatrie, die Psychologie, die Sozialwissenschaften und vor allem die Pädagogik, insonderheit die Sonderpädagogik". 1935 heiratete er und hatte mit seiner Frau fünf Kinder, von denen zwei Töchter später selbst auch Ärztinnen wurden (die eine davon wurde Kinderpsychiaterin und ist in Zürich tätig). Zwei Tochter und ein Sohn von Asperger wurden Landwirte. Asperger entwickelte ein spezielles Interesse an "psychisch abnormen" Kindern - vielleicht um sich selbst besser zu verstehen. Er habilitierte in Kinderheilkunde über „Die autistischen Psychopathen im Kindesalter“ und reichte im Oktober 1943 einen Artikel mit eben diesem Titel bei der wissenschaftlichen Zeitschrift "Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten" ein, der 1944 veröffentlicht wurde. Wie war Asperger auf den Begriff „autistische Psychopathie“ gekommen? Der Begriff "Autismus" wurde von Eugen Bleuler geschaffen, er bezeichnete damit ein Merkmal der Schizophrenie. Insofern ist es sicherlich kein Zufall, dass sowohl Asperger und Kanner diesen Begriff verwendeten, Asperger bezieht sich ausdrücklich auf Bleuler. Mit dem Begriff "Psychopathie" wollte man damals "die vererbten Charakter- und Triebbesonderheiten herausheben, die zu subjektivem Leiden oder zu sozialen Konflikten führen." (Bleuler). Denn dass die "autistischen Psychopathien" vererbt wurden, daran zweifelte Asperger nicht. Aspergers Veröffentlichung enthielt die Beschreibung von vier Jungen, Fritz, Harro, Ernst und Hellmuth, bei denen er einen Mangel an Empathie, die Unfähigkeit, Freundschaften zu schließen, Störungen in Blickkontakt, Gestik, Mimik und Sprachgebrauch, intensive Beschäftigung mit einem Interessensgebiet sowie motorische Störungen beschrieb. Asperger nannte diese Kinder „kleine Professoren“, da sie über ihre Interessensgebiete detailliert und präzise sprechen konnten. Fast zur selben Zeit, 1943, veröffentlichte Leo Kanner, zehn Jahre älter als Asperger, in den USA seinen Artikel "Autistic Disturbances of Affective Contact", der zum meistzitierten in der gesamten Autismus-Literatur wurde. Häufig wird darauf hingewiesen, dass Asperger Kanners Artikel nicht kannte, was sicher auch richtig ist. Den umgekehrten Fall scheint (fast) niemand in Betracht zu ziehen. Brita Schirmer weist jedoch darauf hin, dass Asperger schon im Oktober 1938 in der Heilpädagogischen Abteilung der Universitätsklinik Wien einen Vortrag gehalten hatte, in dem er anhand eines Fallbeispiels die Charakteristika der »autistischen Psychopathen« darstellte. Der Vortrag wurde unter dem Titel "Das psychisch abnorme Kind" im selben Jahr in der Wiener Klinischen Wochenzeitschrift abgedruckt. Schirmer wirft die Frage auf, ob Kanner Aspergers Vortrag kannte, weil er seinen Artikel "Autistic Disturbances of Affective Contact" mit den Worten einleitet: "Since 1938, there have come to our attention a number of children whose condition differs so markedly and uniquely from anything reported so far, that each case merits – and, I hope, will eventually receive – a detailed consideration of its fascinating peculiarities." Schirmer schreibt dazu: "Leo Kanner erklärte diese Jahreszahl in seinem Text nicht weiter, es sollte aber zumindest in Betracht gezogen werden, dass der Österreicher fachwissenschaftlichen Publikationen seines Herkunftslandes verfolgt und von Hans Aspergers Aufsatz Kenntnis hatte." Ich selbst halte das für sehr unwahrscheinlich: meiner Interpretation nach bezieht Kanner die Jahreszahl 1938 auf die erste Begegnung mit Donald T. (einem der elf Kinder, die Kanner in seinem Artikel beschreibt - für Kanner war dies wohl der entscheidende Schlüssel zur Entwicklung eines Konzepts von "Autismus". Asperger betonte die vielen positiven Seiten der "autistischen Psychopathen": Er bewunderte ihr unabhängiges Denken und ihre speziellen Fähigkeiten und Kenntnisse, beschrieb aber auch Lernprobleme und Verhaltensauffälligkeiten. Dass Asperger die positiven Eigenschaften immer wieder hervorhob und bezüglich der Zukunftsperspektiven optimistisch war, mag zwei Gründe haben: zum einen erkannte er möglicherweise viele Schwierigkeiten als seine eigenen wieder, und er hatte seinen Weg gefunden und war ein anerkannter Kinderarzt geworden. Zum anderen sah Asperger möglicherweise die Notwendigkeit, die Kinder vor den Nazis zu beschützen, die Behinderte und Geisteskranke ermordeten. Zu der Frage, wie Asperger sich im Dritten Reich verhielt, enthielt die aufgefundene Literatur nur spärliche Informationen. Nur Schirmer beschäftigt sich in ihrem bereits erwähnten Artikel, auf den ich mich in den folgenden Absätzen im wesentlichen beziehe, damit. Sie untersucht darin den Vortrag von Jahr 1938, in dem Asperger für die Förderung der "autistischen Psychopathen" argumentierte - zu dieser Zeit keine selbstverständliche Vorstellung, denn die Vorstellungen der Nazis von "Rassenhygiene" und "Volksgesundheit" waren auch in Österreich tief eingedrungen. 1938 wurde Österreich Teil des Deutschen Reiches, und Asperger musste befürchten, dass das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" auch in Österreich in Kraft treten würde. Dazu schrieb Asperger viel später, 1971, dass damals „einzelne hellhörige Menschen schon ahnten, bis zu welchen schrecklichen Konsequenzen die Zeit fortschreiten würde, Folgerungen, die jeglicher Hilfe für die Behinderten als sinnlos erscheinen lassen mußten“. In der Tat trat das Nazi-Gesetz 1940 auch in Österreich in Kraft und legalisierte die Zwangssterilierung von sogenannten "Erbkranken". In den darauffolgenden Jahren wurden ca. 120.000-200.000 Menschen als "lebensunwert" ermordet. Asperger hatte also durchaus Grund, sich um "seine" Kinder Sorgen zu machen. Die Notwendigkeit der Förderung der "autistischen Psychopathen" begründete Asperger in seinem Vortrag mit dem Ziel, "... daß sie als arbeitende Menschen ihren Platz in dem lebendigen Organismus des Volkes ausfüllen." Dies richtete sich gegen die Propaganda der Nazis bezüglich "nutzloser Esser", die nur "Fürsorgekosten" verursachen würden. Die ärztliche Beurteilung der "Arbeitsfähigkeit" wurde bald für das Überleben der betreffenden Person entscheidend. Asperger verwendete also in seiner Argumentation Kategorien und Begriffe der Nazis - wohl in der Hoffnung, diese damit eher überzeugen zu können - auch wenn er diese eigentlich ablehnte: Asperger argumentierte z.B., dass nicht alles "abnorme" zugleich "minderwertig" sein muss, lehnte aber dabei den Begriff "minderwertig", auf Menschen bezogen, offensichtlich ab, was er noch verdeutlichte, indem er das Wort in Anführungszeichen setzte.
Asperger beschränkte sich jedoch nicht darauf, autistische Kinder zu verteidigen, deren Intelligenz er hervorhob, sondern nahm in seinem Vortrag auch geistig behinderte Kinder in Schutz: "Diese Kinder sind intellektuell unterdurchschnittlich entwickelt (bis zur Debilität), wobei hier unter Intelligenz die abstrakte Intelligenz verstanden ist, während der praktische Verstand, kurz gesagt, alles was mit dem Instinkt zusammenhängt, darum auch die praktische Brauchbarkeit, aber auch die Werte des Gemütes relativ viel besser entwickelt sind. Diese letzten Fälle sind wichtig – oder werden es bei uns werden, wenn das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" auch bei uns in Kraft tritt. Wird der Arzt als Begutachter in solchen Fällen vor eine Entscheidung gestellt, so wird er diese nicht allein nach dem Ergebnis der Beantwortung eines Fragebogens oder nach der Ziffer des Intelligenzquotienten treffen dürfen, sondern in erster Linie nach seiner Kenntnis der kindlichen Persönlichkeit, eine Kenntnis, die alle Fähigkeiten des Kindes, nicht nur die abstrakte Intelligenz in Rechnung stellt." In der späten Zeit des Zweiten Weltkriegs wurde Asperger als Soldat einberufen und in Kroatien stationiert. Er überlebte den Krieg und war dafür sein Leben lang dankbar, ebenso darüber, dass er niemanden hatte töten müssen. Der jüngere Bruder von Asperger starb in Stalingrad. Möglicherweise interessierte sich Asperger wegen diesen Erfahrungen im Krieg für ein weiteres Thema vieler seiner Publikationen: den Tod. Nach dem Krieg wurde Asperger Dozent an der Universität Wien und 1946 interimistischer Leiter der bombengeschädigten Kinderklinik. Als Dozent hielt Asperger nur eine Vorlesung: „Heilpädagogik, Wege zur Menschenerkenntnis“. Unter den Schülern von Hans Asperger war Andreas Rett, der aber wahrscheinlich nicht näher mit Asperger zusammenarbeitete. 1948 war Asperger Mitbegründer der „Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Heilpädagogik“, die heute „Heilpädagogische Gesellschaft Österreichs“ heißt, und blieb bis zu seinem Tod deren Präsident. Einige Jahre später schrieb Asperger sein Buch „Heilpädagogik. Einführung in die Psychopathologie des Kindes für Ärzte, Lehrer, Psychologen, Richter und Fürsorgerinnen“, das in mehreren Auflagen erschien. 1957 wurde Asperger ordentlicher Professor für Pädiatrie (Kinderheilkunde) an der Universitäts-Kinderklinik Innsbruck (seine Familie blieb in Wien), und von 1962 an hatte Professor Asperger dieselbe Position in Wien inne. 1963 ging unter Leitung von Asperger die heilpädagogisch-therapeutische Station der SOS-Kinderdörfer in Hinterbrühl in Betrieb. 1964 wurde Asperger Präsident der Internationalen Gesellschaft für Heilpädagogik. 1977 wurde Asperger Professor emeritus. Er arbeitete bis zuletzt und zitierte auch im Alter noch Grillparzer. Lutz Jakob, ein Kollege von Asperger, erzählt über Asperger: "In unbelasteten Ferienzeiten, auf Autofahrten, konnte er zu singen anfangen, Volkslieder, Spottliedchen mit einem Dutzend oder mehr Strophen, von seiner ihn im besten Sinne ergänzenden Gattin wohlwollend zur Aufmerksamkeit auf die Straße ermahnt." 1980 starben Hans Asperger und Leo Kanner innerhalb eines halben Jahres, also etwa in dem gleichem Zeitabstand, in dem ihre Erstbeschreibungen von Autismus erschienen waren. Asperger hielt noch sechs Tage vor seinem Tod einen Vortrag. Er starb überraschend am 21. Oktober 1980 in seinem 75. Lebensjahr in Wien. Innerhalb der österreichischen Heilpädagogik war Asperger von den 40er Jahren bis zu seinem Tod eine sehr zentrale Figur und beeinflusste Generationen von Studierenden durch seine Vorlesungen. Asperger hatte weit über 300 Publikationen verfasst, darunter das bereits erwähnte, vielgelesene Buch "Heilpädagogik", international jedoch war er nicht allzu bekannt. Asperger dachte nicht daran, zu verreisen und schien nicht im geringsten daran interessiert, seine Forschungsergebnisse einem weiteren Personenkreis bekannt zu machen, also verließen seine Arbeiten Wien kaum. Da Asperger fast alle seine Veröffentlichungen auf deutsch verfasste und sie kaum übersetzt wurden, fanden sie relativ wenig Verbreitung. In den 80er Jahren führte die englische Psychologin Lorna Wing die Forschungen von Asperger fort, definierte das Syndrom und benannte es nach seinem Erstbeschreiber als Asperger-Syndrom. Erst in den 90er Jahren, nachdem Uta Frith 1991 den Artikel, den Asperger 1944 verfasst hatte, ins Englische übersetzt hatte, erlangte das Asperger-Syndrom allmählich internationale Bekanntheit in Fachkreisen. Aspergers sprachliche Begabung und seine anschauliche und sorgfältige Wortwahl werden immer wieder hervorgehoben, ebenso wie seine umfassenden Kenntnisse der (deutschsprachigen) Literatur. Asperger brachte dieses Interesse auch in seine Arbeit mit ein, er las den Jugendlichen auf der heilpädagogischen Station viel Adalbert Stifter vor. 1989 führte Uta Frith in Zürich ein Interview mit einer der Töchter von Hans Asperger, Maria Asperger-Felder. Diese beschrieb Asperger als distanziert, unnahbar und schweigsam; als isoliert von der Familie, aber eigentlich interessiert an Gesellschaft. Seine Interessen an der deutschen Sprache und seine ständige Beschäftigung mit Zitaten fand sie "merkwürdig und intensiv". Auch dass Asperger motorisch sehr ungeschickt war, erwähnt sie. Kennen wir das nicht irgendwo her? Und so kommt auch Christopher Gillberg zu dem Schluss: "Wenn man dem Glauben schenkt, was die Tocher beschrieb, muss Hans Asperger offensichtlich den Problemtyp auch persönlich gut gekannt haben und man kann annehmen, dass er selbst im Autismus-Spektrum in einem weit gefassten Sinne lag." {mos_smf_discuss:Autistische Kultur & Autistic Pride} Literatur:
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