Wenn du diesen Artikel liest, hast du wahrscheinlich schon öfter das Wort ABA gehört. Vielleicht von einer Therapeutin, vielleicht in einem Elternforum, vielleicht auch erst hier gerade eben. Und vielleicht bist du unsicher, was das eigentlich ist – und ob es für dein Kind das Richtige sein könnte.
Ich sage es gleich am Anfang: Ich stehe ABA sehr kritisch gegenüber. Das ist eine Position, die viele autistische Menschen teilen – auch Menschen, die selbst ABA erlebt haben, als sie Kinder waren.
Aber genau darum soll es hier nicht gehen: dich mit einem pauschalen »ABA ist schlecht« allein zu lassen. Das würde dir nämlich gar nicht helfen.
Denn im deutschsprachigen Raum heißt es selten »ABA-Therapie« auf dem Praxisschild. Es steckt oft in Begriffen, die viel harmloser klingen. Und dann stehst du vor der Entscheidung, ob du eine bestimmte Therapie für dein Kind buchst, und weißt gar nicht so genau, was du eigentlich vor dir hast.
Deshalb will ich mit dir zusammen genauer hinschauen: Was ist ABA wirklich? Was ist daran problematisch – und warum? Und wie erkennst du diese Punkte auch dann, wenn eine Therapie ganz anders heißt?
Am Ende geht es uns nicht darum, dir Angst zu machen. Es geht darum, dass du eine Entscheidung triffst, hinter der du stehen kannst, weil du weißt, worauf es ankommt.
Auf dieser Seite:
- Was ist ABA überhaupt?
- Warum ABA im deutschsprachigen Raum so schwer zu erkennen ist
- Die Kritik im Detail: Was genau ist an ABA problematisch?
- Ethik-Forschung: ABA verstößt gegen ethische Prinzipien
- Welche Aspekte von ABA nicht grundsätzlich schlecht sind
- Woran erkennst du problematische Ansätze – unabhängig vom Namen?
- Was stattdessen? Ein kurzer Ausblick
- Häufige Fragen zu ABA und Autismus
Was ist ABA überhaupt?
ABA steht für Applied Behavior Analysis, auf Deutsch: angewandte Verhaltensanalyse. Die Grundidee dahinter: Verhalten lässt sich durch äußere Reize formen. Zeigt ein Kind ein »erwünschtes« Verhalten, folgt eine Belohnung. Zeigt es ein »unerwünschtes« Verhalten, bleibt die Belohnung aus, oder es folgt eine andere Reaktion, die dieses Verhalten seltener werden lässt.
Entwickelt wurde ABA in den 1960er-Jahren von dem Psychologen Ole Ivar Lovaas. Seine Methode – die sogenannte Lovaas-Methode – gilt bis heute als eine der bekanntesten Ausprägungen von ABA bei Autismus, auch wenn sich seitdem einiges verändert hat. Lovaas wollte Autist:innen »unauffällig« machen.
Wörtlich hat er einmal gesagt, sein Ziel sei es, autistische Kinder so zu formen, dass sie »nicht mehr von anderen Kindern zu unterscheiden« sind. Diese Denkweise ist wichtig, um zu verstehen, warum viele Autist:innen ABA ablehnen – dazu gleich mehr.
Ein zentrales Element von ABA ist außerdem, komplexe Fähigkeiten in ganz kleine, einzeln trainierbare Schritte zu zerlegen. Ein Kind lernt nicht »sich anziehen«, sondern erst »Arm in Ärmel stecken«, dann »Reißverschluss greifen«, und so weiter, Schritt für Schritt, oft mit vielen Wiederholungen. Diese Grundtechnik – das Zerlegen in kleine Einheiten – ist an sich nicht das Problem.
Das Problem liegt woanders, und genau da schauen wir gleich gemeinsam hin.
Heute wird ABA nicht mehr überall in seiner ursprünglichen, sehr strengen Form angewendet. Es gibt modernere Varianten, die freundlicher wirken, mehr Spiel einbauen, weniger mit Bestrafung arbeiten. Der Kern bleibt aber oft derselbe: Verhalten von außen so zu formen, wie es Erwachsene für richtig halten. Und genau dieser Kern ist es, den wir uns im nächsten Abschnitt genauer ansehen.
Warum ABA im deutschsprachigen Raum so schwer zu erkennen ist
Hier liegt eines der größten Probleme, wenn du auf der Suche nach einer passenden Therapie für dein Kind bist: ABA tritt bei uns selten unter seinem eigenen Namen auf. In den USA ist ABA ein fester, bekannter Begriff, oft sogar von Krankenkassen vorgeschrieben. Im deutschsprachigen Raum sieht das anders aus. Hier findest du ABA-Elemente häufig versteckt hinter Begriffen wie:
- Verhaltenstherapie für Kinder mit Autismus
- Autismus-Therapie oder Autismusspezifische Frühförderung
- Verhaltensorientierte Frühförderung
- Intensive Frühintervention
Das bedeutet nicht, dass hinter jedem dieser Begriffe ABA steckt. Manche Anbieter arbeiten unter diesem Namen tatsächlich autismus-affirmativ, also mit Respekt vor der Autonomie des Kindes. Andere setzen fast eins zu eins klassische ABA-Prinzipien um, nennen es aber anders, entweder weil der Begriff ABA in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen schlechten Ruf hat, oder weil sie selbst gar nicht wissen, dass ihre Methode auf ABA basiert.
Für dich als Elternteil heißt das leider: Du kannst dich nicht auf den Namen der Therapie verlassen. Du müsstest eigentlich nachfragen, genau hinschauen, dir die Methode erklären lassen. Nur, wonach fragst du, wenn du gar nicht weißt, worauf du achten sollst?
Genau da will ich ansetzen. Statt dir nur zu sagen »ABA ist schlecht, meide es«, zeigen ich dir, welche konkreten Aspekte problematisch sind – und warum. So kannst du sie erkennen, egal welchen Namen eine Therapie trägt.
Die Kritik im Detail: Was genau ist an ABA problematisch?
Fangen wir mit dem Wichtigsten an: Kritik an ABA bedeutet nicht, dass Struktur, Wiederholung oder das Erlernen neuer Fähigkeiten grundsätzlich schädlich wären. Es geht um etwas anderes. Es geht darum, wessen Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, und mit welchen Mitteln ein Ziel erreicht wird.
Der Fokus liegt auf »unauffälligem« Verhalten statt auf Wohlbefinden
Viele klassische ABA-Programme messen ihren Erfolg daran, wie »normal« ein Kind wirkt. Blickkontakt halten, still sitzen, nicht mit den Händen flattern – solche Ziele stehen oft ganz oben auf der Liste.
Die Frage, die dabei selten gestellt wird: Braucht das Kind dieses Verhalten wirklich, oder macht es nur die Erwachsenen um es herum zufriedener? Ein Kind lernt so, sich anzupassen, statt dass sein tatsächliches Erleben ernst genommen wird.
Stimming wird abtrainiert, oft ohne Ersatz
Handflattern, Wippen, bestimmte Laute – das sind für viele autistische Kinder wichtige Wege, um sich selbst zu regulieren, Reize zu verarbeiten oder Freude auszudrücken. In klassischen ABA-Programmen gilt Stimming oft als »störendes Verhalten«, das reduziert werden soll.
Wird es einem Kind abtrainiert, ohne dass es eine andere Möglichkeit zur Selbstregulation bekommt, fehlt ihm plötzlich ein wichtiges Werkzeug. Das kann zu mehr Stress führen, nicht zu weniger, auch wenn es von außen ruhiger aussieht.
Das Kind lernt, eigene Signale zu ignorieren
Ein Beispiel, das oft berichtet wird: Ein Kind soll für eine Belohnung eine Aufgabe zu Ende bringen, auch wenn es eigentlich überreizt ist oder eine Pause bräuchte. Mit der Zeit lernt das Kind, sein eigenes Empfinden zurückzustellen und stattdessen zu tun, was von außen erwartet wird. Das betrifft nicht nur einzelne Situationen.
Wenn das über Jahre eingeübt wird, kann es dazu führen, dass ein Mensch als Erwachsener eigene Grenzen schlechter wahrnimmt, etwa in Beziehungen oder am Arbeitsplatz.
Belohnung als Mittel zur Anpassung statt zum Verstehen
Belohnungssysteme sind an sich nichts Ungewöhnliches, auch andere pädagogische Ansätze arbeiten mit positiver Verstärkung. Der Unterschied liegt im Zweck. Bei ABA geht es häufig darum, ein Verhalten zu erzeugen, ohne dass das Kind versteht oder mitentscheidet, warum. Das Kind funktioniert dann in bestimmten Situationen »richtig«, ohne dass es einen inneren Zusammenhang dazu aufgebaut hat.
Ein Beispiel macht den Unterschied deutlicher. Stell dir vor, ein Kind bekommt ein Gummibärchen, jedes Mal, wenn es beim Sprechen Blickkontakt hält. Mit der Zeit hält es tatsächlich häufiger Blickkontakt, aber nicht, weil es das selbst als angenehm empfindet, sondern weil es die Belohnung will oder eine negative Reaktion vermeiden möchte.
Was das Kind dabei lernt, ist nicht »Blickkontakt fühlt sich gut an«, sondern »ich muss etwas tun, das sich unangenehm anfühlt, damit ich bekomme, was ich will«. Das ist eine Form von Belohnung, die auf Anpassung um jeden Preis abzielt, unabhängig davon, was im Kind selbst vorgeht.
Anders sieht es aus, wenn ein Kind zum Beispiel eine kleine Anerkennung bekommt, weil es sich getraut hat, in der Gruppe etwas zu sagen, das ihm wichtig war, obwohl das für dieses Kind schwierig ist. Hier unterstützt die Belohnung etwas, das dem Kind selbst weiterhilft und das es aus eigenem Antrieb versucht hat.
Der Unterschied liegt also nicht in der Belohnung selbst, ob es nun Süßigkeiten, Lob oder ein Sticker ist, sondern darin, wofür sie gegeben wird: Für etwas, das von außen erzwungen werden soll, oder für etwas, das das Kind selbst erreichen wollte.
Autistische Kommunikation wird oft nicht mitgedacht
Viele ABA-Programme gehen von einem bestimmten Bild aus, wie Kommunikation auszusehen hat: Blickkontakt, Sprache, bestimmte Gesten. Autistische Kommunikation kann aber ganz anders aussehen, zum Beispiel über Bewegung, Objekte oder eben nicht-sprachliche Wege.
Wird das nicht anerkannt, lernt ein Kind womöglich, seine eigene, für es funktionierende Art zu kommunizieren, zu unterdrücken, um sich der erwarteten Norm anzupassen.
Viele autistischen Menschen, auch sprechende, machen die Erfahrung, dass ihre tatsächliche Kommunikation kritisiert, verlacht oder korrigiert wird – auch außerhalb von ABA. Viele versuchen sich daraufhin anzupassen und sagen etwas, wovon sie denken, dass es erwartet wird – das nennt man auch Scripting.
Ich kannte mal einen autistischen Jungen, der auf die Frage »Wie geht es dir?« ehrlich und direkt antwortete: »Äh… so normal halt.« Er wurde dann von Erwachsenen darauf hingewiesen, dass er doch bitte »gut« sagen sollte – und von da an sagte er »gut« – egal wie es ihm gerade ging. Auch wenn es gerade gar nicht mehr ging.
Von außen sah das erst mal aus wie Fortschritt, aber in Wirklichkeit hatte man ihm ein Stück authentische Kommunikation genommen und durch ein Script ersetzt.
Und weil die Frage »wie geht es dir?« nicht nur oberflächlicher Smalltalk, sondern auch eine ernsthafte, manchmal sogar medizinische Frage sein kann, ist das nicht egal.
Und ich weiß, dass es Eltern gibt, die das lesen und denken, »ich wäre froh, wenn mein Kind überhaupt sprechen würde«. Und ich verstehe es. Wirklich. Eine eingeschränkte Kommunikation macht das Leben für beide Seiten schwieriger.
Aber behalte im Kopf, dass das Ziel echte, authentische Kommunikation ist (wie auch immer sie gerade aussieht) und keine antrainierten Phrasen, die in keiner Verbindung dazu stehen, was das Kind denkt oder wie es sich fühlt.
Aber darf ein Kind dann einfach alles selbst entscheiden?
An dieser Stelle kommt oft eine Gegenfrage, die auf den ersten Blick einleuchtend klingt: Soll man ein Kind dann auch einfach auf die Straße rennen lassen, wenn es das gerade will? Natürlich nicht. Aber diese Frage vermischt zwei ganz unterschiedliche Dinge.
Wenn ein Kind auf eine Straße rennen will, kann es die Gefahr nicht einschätzen, es geht um Sekunden, um eine Situation mit potenziell schweren Folgen, die dem Kind gar nicht bewusst sind. Da greifen Erwachsene ein, das hat nichts mit ABA-Kritik zu tun, das würde jeder so machen.
Bei den Dingen, um die es bei ABA geht, wie Stimming, Blickkontakt, Pausen, sieht die Situation ganz anders aus. Hier geht es nicht um akute Gefahr, sondern darum, wie ein Kind sich selbst reguliert, kommuniziert oder ausdrückt.
Ein hilfreicher Unterschied ist der zwischen dem, was gerade unmittelbar getan werden soll, und dem, was ein Kind selbst langfristig erreichen möchte. Nimm zum Beispiel eine Situation, in der ein Kind keine Lust hat, Mathe zu üben, aber unbedingt in der Schule mitkommen möchte, weil es sie stört, wenn es etwas nicht versteht, das die anderen können. Hier übt das Kind zwar etwas, das im Moment keinen Spaß macht, aber es dient einem Ziel, das dem Kind selbst wichtig ist, das es sich also in gewissem Sinn selbst gesetzt hat. Das ist etwas ganz anderes, als ein Kind zu trainieren, den Blickkontakt zu halten, weil Erwachsene das für wichtig halten, ohne dass es dem Kind selbst etwas bringt.
Der entscheidende Unterschied liegt also nicht darin, ob eine Übung im Moment angenehm ist oder nicht. Er liegt darin, wessen Ziel dahintersteht, und ob dieses Ziel dem Kind selbst tatsächlich dient.
Damit hängt noch eine andere Frage zusammen, die oft unausgesprochen mitschwingt: Ist es nicht einfach notwendig, für ein gutes Leben möglichst unauffällig, also möglichst wenig autistisch zu wirken, so wie es notwendig ist, in die Schule zu gehen? Diese Annahme lohnt sich, genauer anzuschauen. Der Schulbesuch dient einem Zweck, der dem Kind selbst etwas bringt: Wissen, Fähigkeiten, Teilhabe. Sich möglichst unauffällig zu verhalten, hat dagegen selbst keinen Nutzen für das Kind, es dient höchstens dazu, dass sich die Umgebung wohler fühlt.
Und es hat einen Preis: Viele autistische Erwachsene, die früh gelernt haben, sich anzupassen, berichten von großer Erschöpfung, manchmal von einem regelrechten Zusammenbruch nach Jahren des Funktionierens. Ein gutes Leben hängt also nicht davon ab, möglichst wenig autistisch zu wirken. Es hängt eher davon ab, wie gut die eigenen Bedürfnisse erkannt und respektiert werden, von einem selbst und von der Umgebung.
Was erwachsene Autist:innen berichten, die ABA erlebt haben
Es gibt mittlerweile viele Erfahrungsberichte von erwachsenen Autist:innen, die als Kinder ABA-Therapie bekommen haben. Ein Teil davon berichtet, jahrelang gelernt zu haben, die eigenen Bedürfnisse zu verstecken. Manche beschreiben es rückblickend als belastend oder sogar traumatisierend, gerade wenn Belohnung und das Ausbleiben von Zuwendung eng mit Anpassung verknüpft waren. Diese Stimmen sind ein wesentlicher Grund, warum die Kritik an ABA nicht nur eine theoretische Debatte ist, sondern auf gelebter Erfahrung beruht.
Hier findest du die Erfahrungen einiger autistischer Menschen, die ein ABA-Programm durchlaufen haben:
Es war wirklich schlimm. Ich lernte, mich selbst zu hassen und meine Eigenschaften aus Angst und Scham zu verbergen… Ich erhole mich immer noch von dem Erlebten und bin wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung in Therapie.
—Anonym, zitiert aus Marshall, 2025
Belohnungen (z. B. Süßigkeiten, Token, Sticker-Charts usw.) und Bestrafungen (Auszeiten, Schreien in Ruheräumen) bringen Kindern keine Fähigkeiten bei. Sie beschämen sie, verfehlen die eigentliche Ursache des Problems und traumatisieren autistische Menschen ein Leben lang… Ich fühlte mich schrecklich, traurig, ängstlich, depressiv, wie eine Versagerin. Ja, ich spreche vom ‚neuen ABA‘. Es hat meine psychische Gesundheit sehr negativ beeinflusst.
—Anonym, zitiert aus Marshall, 2025
Ich leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit Flashbacks und Albträumen aus dieser Zeit und dissoziiere oft, wenn mich etwas daran erinnert oder daran, wie es mir angeblich „geholfen“ hat… Jede Hilfe war mit viel Schmerz und Angst verbunden. Ich bin sicher, ich hätte es so oder so gelernt.
—Anonym, zitiert aus Marshall, 2025
Ethik-Forschung: ABA verstößt gegen ethische Prinzipien
Bereits 2004 schrieb die autistische Autismus-Forscherin Michelle Dawson »Das Fehlverhalten der Verhaltensanalytiker: Eine ethische Kritik an der Autismus-ABA-Industrie», in dem sie zeigt, warum ABA aus ethischen Gründen abzulehnen ist.
Inzwischen mehren sich die Wissenschaftler:innen, die die Ansicht teilen, dass ABA aus ethischen Gründen abzulehnen ist.
In einer wissenschaftlichen Zeitschrift über Ethik, dem Kennedy Institute of Ethics Journal, erschien ein kritischer Artikel, der ethische Bedenken in Bezug auf ABA benennt: »Ethical Concerns with Applied Behavior Analysis for Autism Spectrum ›Disorder‹», von Daniel A. Wilkenfeld und Allison M. McCarthy.
Die Kernaussage bezüglich ABA: »Der Einsatz von ABA verstößt gegen die Prinzipien von Gerechtigkeit und Schadensvermeidung und, was am kritischsten ist, verletzt die Autonomie der Kinder und (wenn sie aggressiv gedrängt werden) auch die der Eltern.«
Die Autor:innen zeigen ein Dilemma auf: Wenn ABA die »zugrundeliegenden Denkstrukturen oder Werte der Kinder verändert, dann verletzt es die Autonomie, indem es bestimmte Wege der Identitätsbildung zwangsweise verschließt.«
Wenn die Veränderung jedoch nur oberflächlich ist, dann verletzt ABA »die Autonomie, indem es Verhaltensmuster zwangsweise so verändert, dass sie in Relation zu ihren Vorlieben, Leidenschaften und Bestrebungen falsch ausgerichtet sind.«
Shkedy et al. schreiben in ihrem Artikel »Long-term ABA Therapy Is Abusive: A Response to Gorycki, Ruppel, and Zane»:
»Die ABA-Forschung vernachlässigt weiterhin die Struktur des autistischen Gehirns, dessen Reizüberflutung, den Verlauf der kindlichen Entwicklung sowie die komplexe Natur der menschlichen Psychologie; all diese Faktoren […] werden […] in der ABA-Praxis […] ignoriert. Eine Behandlung anzubieten, die Schmerzen verursacht, ohne einen Nutzen zu bringen – selbst wenn dies unwissentlich geschieht –, kommt Folter gleich und verstößt gegen das grundlegendste Gebot jeder Therapie: keinen Schaden anzurichten.«
Welche Aspekte von ABA nicht grundsätzlich schlecht sind
Jetzt kommt ein Teil, der ebenfalls wichtig ist, weil er oft untergeht: Nicht jede Methode, die innerhalb von ABA verwendet wird, ist automatisch schädlich. Es gibt Elemente, die für sich genommen sinnvoll sein können, wenn sie in einem anderen Rahmen stattfinden.
Kleine Schritte und klare Struktur
Eine komplexe Aufgabe in kleinere, überschaubare Teile zu zerlegen, ist keine Erfindung von ABA, sondern eine ganz allgemeine pädagogische Technik. Für viele autistische Kinder ist Struktur sogar besonders hilfreich, weil sie Orientierung gibt und Überforderung vermeidet. Ob diese Technik gut oder schädlich ist, hängt nicht von der Technik selbst ab, sondern davon, wozu sie eingesetzt wird.
Ich habe vor Jahren an einem Modern Sports Karate Kurs teilgenommen. Modernes Sport-Karate ist eine Version von Karate, die sich vom traditionellen Karate vor allem dadurch unterscheidet, wie es gelehrt wird: Im traditionellen Karate macht die Lehrer:in ein komplettes Kata vor (eine Abfolge aus einer Vielzahl zusammengehörender Bewegungen) – im Modern Sports Karate dagegen lernst du jede Haltung, jede Bewegung, jedes kleine Detail einzeln.
Für mich war das die einzige Möglichkeit, Karate zu lernen.
Ich finde es nämlich schwierig, eine Bewegung durch Ansehen zu verstehen und mir zu merken, so dass ich sie nachmachen kann. Das hängt mit meiner Art der Reizverarbeitung zusammen und ist nichts, was ich einfach ändern könnte.
Versteh mich nicht falsch: Ich will damit nicht sagen, dass das bei allen autistischen Menschen so ist – natürlich nicht! Aber: Es gibt Menschen, denen in bestimmten Situationen das Zerlegen einer komplexen Handlung in einzelne Schritte helfen kann.
Wiederholung als Lernhilfe
Auch das Prinzip, etwas mehrfach zu üben, bis es sitzt, ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Kinder, autistisch oder nicht, lernen oft durch Wiederholung. Problematisch wird es erst, wenn die Wiederholung dazu dient, ein Kind gegen seinen eigenen Widerstand in eine bestimmte Form zu pressen, statt ihm zu helfen, etwas zu können, das es selbst können möchte.
Der entscheidende Unterschied: Ziel und Gesamtkontext
Der Punkt, auf den es wirklich ankommt, ist nicht die einzelne Technik. Es ist die Frage: Wofür wird sie eingesetzt, und wer entscheidet mit? Wird ein Kind darin unterstützt, eine Fähigkeit zu entwickeln, die es selbst als hilfreich erlebt, in seinem eigenen Tempo, mit Rücksicht auf seine Grenzen, dann kann das mit denselben Bausteinen arbeiten, die ABA ebenfalls verwendet und trotzdem etwas völlig anderes sein.
Ein Beispiel: Ein Kind möchte lernen, sich selbst die Schuhe zu binden, weil es das gern selbstständig können will. Man zerlegt das in kleine Schritte, übt gemeinsam, das Kind entscheidet mit, wann eine Pause nötig ist, es gibt keinen Druck, keine Belohnung, die an Fügsamkeit gekoppelt ist. Das ist ein anderer Ansatz als ein Programm, das ein Kind trainiert, weil ein Erwachsener entschieden hat, dass Schuhebinden jetzt »dran« ist, unabhängig davon, ob das Kind das will oder überhaupt bereit dafür ist.
Woran erkennst du problematische Ansätze – unabhängig vom Namen?
Weil du dich, wie gesagt, nicht auf den Namen einer Therapie verlassen kannst, habe ich dir Fragen zusammengestellt, die du stellen kannst, wenn du eine Therapie für dein Kind in Betracht ziehst. Sie können dir helfen, helfen, den tatsächlichen Ansatz hinter einer Therapie zu verstehen, egal wie sie sich nennt. Du musst nicht alle auf einmal stellen, und du brauchst auch keine Angst zu haben, »lästig« zu wirken. Es ist dein gutes Recht als Elternteil, genau zu wissen, was mit deinem Kind gemacht wird.
Frage nach dem Ziel der Therapie
Was genau soll erreicht werden? Geht es darum, dass dein Kind eine Fähigkeit entwickelt, die es selbst als sinnvoll erlebt? Oder geht es darum, bestimmtes Verhalten zu reduzieren, weil es andere stört oder »auffällig« wirkt? Eine ehrliche Antwort auf diese Frage sagt oft schon sehr viel.
Frag, wie mit Stimming umgegangen wird
Wird Stimming grundsätzlich als Problem gesehen, das reduziert werden soll? Oder wird unterschieden: Stört das Verhalten das Kind selbst, zum Beispiel weil es sich verletzt? Dann kann man gemeinsam schauen. Dient es der Selbstregulation und stört niemanden wirklich? Dann sollte es einfach sein dürfen.
Frag, was passiert, wenn dein Kind eine Pause braucht oder Nein sagt
Wird das respektiert? Oder gibt es Druck, »trotzdem noch kurz durchzuhalten«, weil eine Belohnung wartet oder eine Einheit »fertig gemacht« werden muss? Wie mit dem Nein eines Kindes umgegangen wird, verrät sehr viel über den grundsätzlichen Umgang mit seiner Autonomie.
Frag nach der Rolle von Belohnung
Wird Belohnung eingesetzt, um Verhalten zu formen, das dein Kind selbst nicht will? Oder unterstützt sie etwas, das dein Kind ohnehin lernen möchte? Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.
Achte darauf, ob dein Kind mitentscheiden darf
Wird dein Kind, je nach Alter und Möglichkeiten, in Entscheidungen einbezogen? Oder wird ausschließlich von außen festgelegt, was »dran« ist?
Frag nach der Haltung zu Autismus generell
Wird Autismus als etwas beschrieben, das reduziert oder »überwunden« werden soll? Oder als eine andere Art zu sein, mit eigenen Bedürfnissen, die es zu verstehen gilt? Diese Grundhaltung prägt fast automatisch die gesamte Arbeit mit deinem Kind, auch wenn sie nicht immer offen ausgesprochen wird.
Ein einfacher Test für zwischendurch
Wenn du unsicher bist, kannst du dir bei jeder Übung, jeder Methode diese eine Frage stellen: Würde diese Methode auch bei einem nicht-autistischen Kind als respektvoll gelten? Oder wird hier etwas gemacht, das man bei einem nicht-autistischen Kind niemals akzeptieren würde? Diese Überlegung hilft oft mehr als jede Liste von Fachbegriffen.
Ein Wort zur Vorsicht
Die autistische Autorin, Musikerin und Filmemacherin Jennifer Msumba, die im berüchtigten Judge Rottenberg Center mit ABA »therapiert« wurde (einschließlich Elektroschocks), beschreibt in ihrer lesenswerten Autobiografie »Shouting at Leaves«, wie beeindruckend die Räumlichkeiten aussahen, was die Frau, die sie herumführte, ihr und ihrer Mutter verschwiegen hat und wo sie direkt gelogen hat.
Im deutschsprachigen Raum gibt es solche Extreme (meines Wissens) nicht. Trotzdem zeigt Jennifers Geschichte, dass es wichtig ist, dass Eltern auch während der Therapie darauf achten, was da passiert, und im Zweifelsfall Konsequenzen ziehen.
Es ist völlig in Ordnung, eine Therapie abzubrechen oder die Therapeut:in zu wechseln, wenn es nicht passt – auch dann, wenn man lange dafür gekämpft hat, diese Therapie bezahlt zu bekommen.
Was stattdessen? Ein kurzer Ausblick
Die gute Nachricht: Es gibt Ansätze, die nicht darauf abzielen, dein Kind »unauffälliger« zu machen, sondern die tatsächliche Lebensqualität deines Kindes in den Mittelpunkt stellen. Man nennt das oft autismus-affirmative Ansätze. Der Grundgedanke: Autismus ist keine Abweichung, die man wegtrainieren muss, sondern eine andere Art, die Welt wahrzunehmen und mit ihr in Kontakt zu treten.
Statt Verhalten von außen zu formen, geht es dabei darum, dein Kind zu unterstützen, seine eigenen Stärken zu nutzen, seine Grenzen zu kommunizieren und in seinem eigenen Tempo Fähigkeiten zu entwickeln, die es selbst als hilfreich empfindet. Ergotherapie mit sensorischem Schwerpunkt, unterstützte Kommunikation, oder Förderung, die sich eng an den Interessen deines Kindes orientiert, können hier Bausteine sein. Wie genau das für dein Kind aussehen kann, ist ein eigenes, großes Thema, dem ich einen eigenen Artikel widmen werde.
An dieser Stelle ist mir vor allem wichtig, dass du weißt: Es gibt Alternativen, und du musst dich nicht zwischen »gar keine Unterstützung« und ABA entscheiden.
Häufige Fragen zu ABA und Autismus
Was ist ABA bei Autismus?
ABA steht für Applied Behavior Analysis, angewandte Verhaltensanalyse. Es ist ein Ansatz, bei dem Verhalten durch gezielte Belohnung oder das Ausbleiben von Belohnung geformt wird. Bei Autismus wird ABA häufig eingesetzt, um bestimmte Fähigkeiten aufzubauen oder um Verhalten zu reduzieren, das als störend oder auffällig gilt.
Ist ABA das Gleiche wie Verhaltenstherapie bei Autismus?
Nicht zwangsläufig, aber oft steckt ABA dahinter. Im deutschsprachigen Raum wird selten mit dem Begriff ABA geworben. Stattdessen findest du häufig Bezeichnungen wie Verhaltenstherapie, Autismus-Therapie oder Frühförderung. Ob dahinter tatsächlich ABA-Prinzipien stecken, lässt sich nur durch Nachfragen herausfinden, nicht am Namen allein.
Ist eine Wirksamkeit von ABA wissenschaftlich nachgewiesen?
ABA-Befürworter:innen behaupten zwar oft, die Wirksamkeit von ABA sei wissenschaftlich nachgewiesen – in dem Sinne, dass fast die Hälfte der ABA-therapierten Kinder nicht mehr von nicht autistischen Kindern unterscheidbar seien. Diese Behauptung hält jedoch einer genauen Prüfung nicht stand.
Die oft genannte Studie hat mehrere große Schwachstellen, und die Ergebnisse fallen in besser durchgeführten Untersuchungen sehr bescheiden aus – Details dazu findest du in diesem Artikel von Prof. Morton Ann Gernsbacher: »Heilt ABA Autismus?»
Warum wird ABA kritisiert?
Die Kritik richtet sich vor allem gegen den Fokus auf äußerlich »unauffälliges« Verhalten statt auf das Wohlbefinden des Kindes, gegen das Abtrainieren von Stimming ohne Ersatz, und gegen Belohnungssysteme, die Kinder dazu bringen, eigene Bedürfnisse und Grenzen zu ignorieren. Viele erwachsene Autist:innen, die als Kinder ABA erlebt haben, berichten, dass sie gelernt haben, sich selbst zu verstecken, statt sich selbst zu verstehen.
Wer war Lovaas, und was hat er mit ABA zu tun?
Ole Ivar Lovaas war ein Psychologe, der in den 1960er-Jahren die sogenannte Lovaas-Methode entwickelte, eine sehr bekannte Ausprägung von ABA bei Autismus. Sein erklärtes Ziel war, autistische Kinder so zu formen, dass sie äußerlich nicht mehr von nicht-autistischen Kindern zu unterscheiden sind. Diese Grundhaltung prägt bis heute die Kritik an klassischer ABA-Therapie.
Ist jede Methode, die kleine Schritte oder Wiederholung nutzt, automatisch ABA?
Nein. Kleine Lernschritte und Wiederholung sind allgemeine pädagogische Techniken, die auch in vielen anderen, autismus-affirmativen Ansätzen vorkommen. Entscheidend ist nicht die Technik selbst, sondern der Gesamtkontext: Wird das Kind einbezogen, respektiert man sein Nein, orientiert sich das Ziel an seinen eigenen Bedürfnissen? Dann kann dieselbe Technik in einem völlig anderen, unproblematischen Rahmen stattfinden.
Was kann ich als Elternteil konkret tun, um problematische Ansätze zu erkennen?
Frag nach dem Ziel der Therapie, danach, wie mit Stimming umgegangen wird, was passiert, wenn dein Kind eine Pause braucht, und ob dein Kind in Entscheidungen einbezogen wird. Eine einfache Orientierung: Würde eine Methode auch bei einem nicht-autistischen Kind als respektvoll gelten? Wenn nicht, ist Vorsicht angebracht.
Quellen und Studien
- Dawson, M. (2004). The misbehaviour of behaviourists. Ethical challenges to the autism-ABA industry, 18. Hier in deutscher Übersetzung: Das Fehlverhalten der Verhaltensanalytiker: Eine ethische Kritik an der Autismus-ABA-Industrie.
- Gernsbacher, M. A. (2006). Is one style of early behavioral treatment for autism’Scientifically proven?‹. The journal of developmental processes, 7, 19. Hier in deutscher Übersetzung: Heilt ABA Autismus?
- Graf‐Kurtulus, S., & Gelo, O. C. (2025). Rethinking psychological interventions in autism: Toward a neurodiversity‐affirming approach. Counselling and Psychotherapy Research, 25(1), e12874.
- Marshall, N. S., Russel, Clara, Damon, & Kendra. (2025). Autistic Experiences of Applied Behavior Analysis (ABA): Toward Improved Autistic‐Centered Supports: For the Special Issue: Neurodiversity‐Affirming Intersectional Approaches That Target Public Policy: Moving the Focus From Changing Individuals to Changing Systems of Power. Journal of Social Issues, 81(4), e70037.
- Shkedy, G., Shkedy, D., & Sandoval-Norton, A. H. (2021). Long-term ABA therapy is abusive: A response to Gorycki, Ruppel, and Zane. Advances in Neurodevelopmental Disorders, 5(2), 126-134.
- Wilkenfeld, D. A., & McCarthy, A. M. (2020). Ethical concerns with applied behavior analysis for autism spectrum« disorder«. Kennedy Institute of Ethics Journal, 30(1), 31-69.
Zuletzt bearbeitet am 08.07.2026.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.
