Für ein glückliches Leben im Autismus‑Spektrum

Die Kommunikation von Asperger-Kindern und Erwachsenen wird oft als auffällig beschrieben. Hier sehe ich mir an, worin die Schwierigkeiten liegen, und wie die Kommunikation zwischen Aspergern und neurotypischen Menschen besser gelingen kann.

Nicht-autistische Menschen wissen scheinbar intuitiv, wie sie mit anderen (nicht-autistischen) Menschen kommunizieren und interagieren können. Menschen mit Asperger-Syndrom finden es schwierig, Signale zu erkennen, die nicht-autistische Menschen für selbstverständlich halten. Weil die meisten Menschen nicht-autistisch sind, haben Asperger im Alltag oft große Schwierigkeiten mit der Kommunikation.

Kommunikation in einer sozialen Situation ist mehr, als nur die Worte des Gegenübers zu verstehen und selbst sprechen zu können. Es gibt ungeschriebene Regeln, die die Interaktionen regeln. Diese können sich je nach den Umständen und Gesprächspartner ändern.

Womit Asperger Schwierigkeiten haben, sind vor allem die sozialen Aspekte der Kommunikation.

Etwas, was mich sehr frustriert, ist die Fähigkeit anderer Menschen, über einfache Dinge zu kommunizieren. Kommunikation hat so viele ungeschriebene Regeln, und für mich ist es Schwerstarbeit, sie zu verstehen.

Gute Autismus-Bücher

Meine Leseempfehlungen

➤ alle Autismus-Bücher

Eric

Ich liste hier Merkmale der Asperger-Kommunikation – aber bitte bedenke, dass bei weitem nicht alle Punkte auf eine bestimmte Person zutreffen müssen. Die Liste dient nicht zur Diagnose, sie soll nur einen Eindruck vermitteln und es einfacher machen, bestehende Kommunikationsschwierigkeiten zu identifizieren.

Gesprochene Sprache

Viele Menschen mit Asperger-Syndrom

  • haben einen großen Wortschatz und drücken sich grammatisch sehr korrekt aus.
  • haben aber Schwierigkeiten, Sprache zur Kommunikation im sozialen Kontext zu verwenden.
  • kommunizieren direkt: Sie sagen, was sie meinen, und sie meinen, was sie sagen.
  • haben Schwierigkeiten, indirekte Kommunikation zu verstehen. Wenn jemand sagt: Mir ist kalt, dann verstehen sie eine darin enthaltene Aufforderung, das Fenster zu schließen, oft nicht.
  • haben Schwierigkeiten, mündliche Äußerungen zu verstehen und darauf zu antworten, wenn sie gestresst, aufgeregt oder sensorisch überladen sind.
  • haben Schwierigkeiten, die Gesprächssituation und die soziale Rolle des anderen in Betracht zu ziehen und das Thema, den Wortschatz, die Grammatik und den Gesprächston entsprechend anzupassen. Vielleicht sprechen sie ihren Lehrer genauso an wie einen Gleichaltrigen, oder einen langjährigen Freund wie einen Fremden.
  • fragen vielleicht nicht nach, wenn sie Äußerungen ihres Gegenübers nicht verstehen.
  • lügen zwar manchmal, damit Leute sie in Ruhe lassen – aber nur sehr selten mit der Absicht zu täuschen oder zu manipulieren. Sie sind nicht gut im Lügen. (Selbst wenn sie die Wahrheit sagen, wird ihnen oft unterstellt zu lügen, weil sie ihrem Gegenüber nicht in die Augen sehen.)
  • haben wenig geeignete soziale Kommunikationsstrategien für alltägliche Situationen (oder finden es schwierig, die richtige auszuwählen).
  • wissen oft nicht, wie sie in einer emotionalen Situation reagieren können.
  • haben Schwierigkeiten beim Multitasking. Deshalb fällt es ihnen vielleicht schwer, zu sprechen oder zuzuhören, während sie gleichzeitig etwas anderes tun.
  • benutzen vielleicht auch komplette Sätze, die sie früher gehört haben, zum Beispiel im Fernsehen oder im Gespräch mit anderen. Das nennt man Echolalie. Manche Menschen verwenden echolalische Äußerungen im passenden Zusammenhang, so dass die Echolalie nicht als solche auffällt. Einige Autist*innen bauen sich so ein Repertoire sozialer Floskeln auf.
  • Im Zusammenhang mit Echolalie kann es vorkommen, dass die autistische Person ihre Äußerungen selbst nicht vollständig versteht oder auf eine andere Weise versteht als neurotypische Menschen.
  • Es kann auch vorkommen, dass die Person so sehr darauf fokussiert ist, sozial angemessen zu reagieren, dass sie ihre eigenen Interessen nicht mehr im Blick hat (und zum Beispiel zustimmt, eine unangenehme Arbeit zu übernehmen, obwohl sie das nicht wollte). Das kommt besonders bei gut angepassten Asperger-Frauen und -Mädchen vor.

Soziales Verständnis

Viele Menschen mit Asperger-Syndrom

  • haben manchmal Schwierigkeiten, die Perspektive einer anderen (nicht-autistischen) Person zu sehen. Das kann dazu führen, dass sie Filme oder Romane nicht gut verstehen.
  • haben manchmal Schwierigkeiten zu verstehen, dass andere Menschen ganz andere Gedanken oder Vorstellungen haben als sie – und vor allem, welche das sein könnten. Oft ist es schwer zu verstehen, dass andere Menschen persönliche Motive und Interessen haben, die sie nicht offenlegen, die aber ihr Handeln bestimmen.
  • haben oft Schwierigkeiten, aus dem Kontext heraus zu erschließen, was gemeint ist. Eine Antwort auf die Frage Wo kommst du her? könnte sein Ich bin in Stuttgart geboren. oder Ich komme gerade vom Supermarkt. Auch Wörter mit mehreren Bedeutungen können Probleme machen.
  • nehmen Vorschläge, Anweisungen und Informationen oft wörtlich.
  • finden es manchmal schwierig, aus einem längeren Gespräch, Text oder Film den Hauptgedanken wiederzugeben.
  • haben häufig Schwierigkeiten, Anspielungen, Witze und Scherze zu verstehen. (Das heißt nicht, dass wir keinen Humor haben.)
  • haben manchmal Schwierigkeiten, bildhafte Sprache zu verstehen, zum Beispiel Redewendungen, Metaphern und Ironie.
  • haben manchmal Schwierigkeiten, verschachtelte Sätze zu verstehen, vor allem bei gesprochener Sprache.
  • haben manchmal eine Tendenz, Sätze nicht in Beziehung zueinander zu setzen. Sie interpretieren den Inhalt eines Satzes, ohne eine Verbindung zum Satz zuvor zu sehen.
  • haben Schwierigkeiten einzuschätzen, was in einer sozialen Situation als nächstes passieren könnte und welche Folgen aus der Situation entstehen könnten.
  • finden es schwierig zu erkennen, ob jemand lügt, sie täuschen will, oder sich über sie lustig macht.
  • wissen manchmal nicht, dass sie dafür zuständig sind, ihrem Gegenüber die notwendigen Informationen zu geben, um zu verstehen, was sie mitteilen wollen. Außerdem kann es schwierig sein zu erraten, welche Informationen das Gegenüber bereits hat und welche nicht.

Gespräche führen

Viele Menschen mit Asperger-Syndrom

  • wissen nicht genau, wie sie in einem Gespräch ein bestimmtes Thema auf sozial angemessene Weise aufbringen oder beenden, oder wie sie das Thema wechseln können.
  • finden es oft einfacher, einen langen Monolog zu halten, als ein Gespräch, bei dem sich mehrere Personen mit Sprechen abwechseln. In einem Dialog kann es schwierig sein, den richtigen Moment zum Sprechen zu finden und spontan darauf einzugehen, was das Gegenüber gesagt hat.
  • sagen manchmal Dinge, die sachlich korrekt sind, aber sozial unangemessen, weil sie sich der sozialen Implikationen nicht bewusst sind.
  • wählen manchmal Gesprächsthemen, die für die Gesprächssituation unangemessen sind.
  • kennen oft keine Strategien, um ein Gespräch zu initiieren oder zu beenden.
  • sprechen vielleicht über ungewöhnliche Themen wie Möbelrestauration oder tropische Ökosysteme, weil sie das jeweilige Thema faszinierend finden. Subtile Hinweise ihres Gegenübers, dass er oder sie das Thema nicht ganz so interessant findet, übersehen sie.
  • wünschen sich soziale Interaktion, haben aber Schwierigkeiten damit, eine Freundschaft aufzubauen und aufrecht zu erhalten.

Nonverbale Kommunikation

Viele Menschen mit Asperger-Syndrom

  • machen im Gespräch oft keinen oder nur wenig Blickkontakt. Blickkontakt kann ablenken oder mehr sensorische Informationen liefern, als von der Asperger-Person verarbeitet werden können.
  • sprechen zu laut oder zu leise, zu langsam oder zu schnell.
  • erkennen nonverbale Hinweise nicht gut (zum Beispiel Gesichtsausdruck, Gesten, Körperhaltung).
  • erkennen grundlegende Emotionen bei anderen und sich selbst (wütend, glücklich, traurig), haben jedoch Schwierigkeiten, subtilere Ausdrücke dieser Emotionen zu erkennen.

Wie gesagt: Diese Merkmale sind nicht universal. Vielen Aspergern gelingt mit etwas Mühe ein einigermaßen unaufälliger Blickkontakt – zumindest zeitweise. Viele verstehen Witze und Scherze, auch wenn das von außen nicht immer erkennbar ist, wie die folgende Geschichte von Brian Theobald zeigt:

Im ersten Studienjahr aß ich einmal mit meinem Mitbewohner zu Mittag und er machte einen subtilen Scherz.

Ich wünschte, ich könnte mich erinnern, was er gesagt hat, nur um ein anschaulicheres Beispiel geben zu können. Es war aber ein spaßiger Kommentar. Seine Stimme hatte eine leichte Schärfe, aber keine Bosheit darin. Als Antwort darauf saß ich einfach da, unbeweglich und mit steinernem Gesichter.

Eines Tages, sagte er zu mir, wirst du endlich merken, dass ich scherze.

In einer bekannteren Version dieser Art von Geschichte wäre das die Stelle, wo ich dem Leser erkläre, dass der Humor meines Mitbewohners völlig an mir vorbei ging. Denn wie jeder weiß, können Menschen mit Asperger keine sozialen Hinweise lesen. Sie können Mimik oder Tonfall nicht verstehen und wissen nicht immer, was jemand anderes zu kommunizieren versucht. Sie neigen dazu, die Dinge wörtlich zu nehmen und haben Schwierigkeiten, Ironie, Witz, Späße und Sarkasmus zu verstehen.

Nur, in meinem Fall stimmte nichts davon. Ich konnte den schiefen Ausdruck auf dem Gesicht meines Mitbewohners erkennen. Ich hörte den sarkastischen Tonfall seiner Stimme. Ich erkannte die Ironie hinter der wörtlichen Bedeutung seiner Worte. All dies kam für mich automatisch und ohne Bedenken, wie es für die meisten Menschen der Fall war. Er scherzte. Ich wusste das.

Was ich nicht wusste, zumindest nicht in diesem Moment, war, wie ich reagieren sollte.

Brian Theobald

Die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten von Aspergern sind also sehr unterschiedlich, und man sollte sich nicht von Klischees blenden lassen.

Kommunikative Fähigkeiten variieren je nach Situation

Wenn ich gestresst bin, beeinträchtigt das meine sensorischen Probleme, meine exekutiven Funktionen und meine Kommunikation.

Dies führt zu Depressionen, weil ich die Anforderungen nicht bewältigen kann. Ich habe Schwierigkeiten zu kommunizieren und habe streite mich mehr. Die Arbeit scheint immer schwieriger zu werden, weil ich mit jeglichem Lärm nicht mehr zurechtkomme und meine ohnehin schon schwachen organisatorischen Fähigkeiten schlechter werden.

Wenn ich dann keine Pause machen kann, werde ich noch ängstlicher und gestresster, die Welt wird noch lauter und die Kommunikation noch schwieriger.

Das kann bis zu einem kompletten Meltdown führen, einem Punkt, an dem Kommunikation nicht mehr möglich ist.

Ich schreibe das, damit neurotypische Menschen besser verstehen können, warum es Aspergern manchmal nicht möglich ist, etwas zu kommunizieren, obwohl sie das sonst können und am Tag zuvor noch getan haben.

Linda

Warum es so schwierig ist, ein einfaches Gespräch führen

Ja, warum eigentlich? Sehen wir uns ein Gespräch einmal an. Dabei muss man 100 Dinge gleichzeitig tun:

  • eine Körperhaltung einnehmen,
  • einen Gesichtsausdruck haben,
  • zumindest in und wieder Blickkontakt machen (oder so tun als ob),
  • zuhören,
  • den Hintergrundlärm ausblenden,
  • verstehen, was das Gegenüber meint, was seine Intentionen und Ziele einer bestimmten Äußerung sind (unter Einbeziehung nonverbaler und paraverbaler Hinweise), und was seine Intentionen und Ziele im Gesamtgespräch sind (wiederum unter Einbeziehung nonverbaler und paraverbaler Hinweise)
  • überlegen, wie ich dazu stehe,
  • überlegen, wie ich mich dazu verhalten möchte,
  • überlegen, wie meine Beziehung mit dieser Person ist, wie diese weiter entwickeln soll, und welches Verhalten dementsprechend sowohl angemessen als auch in meinem Interesse ist,
  • Gedanken im Kopf sortieren,
  • inhaltlich eine Antwort finden,
  • den richtigen Moment finden, um selbst etwas zu sagen (ohne zu unterbrechen, aber auch ohne längere Pause),
  • Stimme finden, nicht zu leise reden, den richtigen Tonfall finden,
  • Worte finden (Formulierung),
  • das Gesagte mit Körpersprache, Gesichtsausdruck und Blickkontakt passend begleiten,
  • und je nach Situation noch einiges mehr.

Das ist anstrengend.

Einige dieser Sachen sind für sich genommen schon schwierig. Alles zusammen ist unmöglich.

Ein autistisches Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, so viele Dinge gleichzeitig zu tun.

Natürlich ist nicht jedes Gespräch gleich schwierig, auch für Asperger nicht. Aber es sind gerade die Gespräche, die neurotypische Menschen einfach finden, die für uns schwierig sind, sprich: Smalltalk. Gespräche über ein Sachthema sind meistens einfacher, weil dabei der Fokus stärker auf dem Inhalt liegt.

Zur Kommunikation gehören (mindestens) zwei.

Kommunikation ist ein sozialer Akt. Wenn man nicht gerade ein Selbstgespräch führt, ist mindestens eine weitere Person daran beteiligt.

Können neurotypische Menschen besser kommunizieren als Aspies? Nur wenn sie mit anderen neurotypischen Menschen kommunizieren. Die meisten neurotypischen Menschen sind nicht besonders gut darin, mit Aspergern zu kommunizieren. Zwei Aspies verstehen sich untereinander oft besser.

Allerdings sind 99% der Bevölkerung nicht-autistisch. Neurotypische Menschen treffen daher ständig auf Menschen, die einen ähnlichen Kommunikationsstil haben wie sie.

Aspies fast nie.

Stell dir vor, du lebst in einer Welt, in der jeder eine andere Sprache spricht als du. Und egal wie du gestikulierst, egal welche Wörter du versuchst auszusprechen, oder wie du sonst versuchst zu kommunizieren, du wirst missverstanden. So kann das Leben von Menschen im Autismus-Spektrum sein.

Wie kann die Kommunikation zwischen Aspergern und neurotypischen Menschen besser laufen?

Natürlich müssen sich beide Seite in der Kommunikation Mühe geben, damit man sich irgendwo in der Mitte treffen kann. Und, glaub mir, Asperger strengen sich bereits so sehr an, wie sie können.

Deshalb ist das ein kleiner Leitfaden für neurotypische Menschen zur Kommunikation mit Aspergern:

  • Wähle eine ruhige Umgebung für das Gespräch (oder lass die Asperger-Person wählen).
  • Wenn möglich, wähle eine entspannte Situation für das Gespräch. Zwischen Tür und Angel oder kurz vor einem stressigen Termin sind keine gute Zeit für ein konzentriertes Gespräch.
  • Stell keine Erwartungen an Blickkontakt, Körpersprache und Mimik. Das alles lenkt uns nur vom Inhalt des Gesprächs ab.
  • Versuche am besten gar nicht, unser nonverbales Verhalten zu interpretieren. (Ausnahme: Wenn du die jeweilige Person und ihre persönliche Körpersprache sehr gut kennst.)
  • Sag möglichst direkt und ehrlich, was du meinst.
  • Vermeide blumiges Drumherumreden – es ist verwirrend und macht es schwierig zu erkennen, was du eigentlich sagen willst.
  • Drücke sprachlich aus, was du sonst ausschließlich nonverbal kommunizierst (Ich bin sauer, weil…)
  • Kommuniziere wichtige Dinge schriftlich.
  • Smalltalk dient dem besseren Kennenlernen, und hat insofern einen Sinn. Aber Asperger kannst du vielleicht besser kennenlernen, wenn ihr über ein interessantes Sachthema redet.
  • Ich weiß, dass wir auf neurotypische Menschen manchmal ein bisschen merkwürdig wirken. Ich glaube, da gibt es sogar Studien dazu. Lass dich nicht abschrecken – so anders sind wir letztlich gar nicht.

Asperger, Kommunikation und Sprache

Zuletzt bearbeitet am 22.07.2020.

ich mit Kind
Linus Müller

Linus Müller ist der Gründer von Autismus-Kultur. Er hilft Menschen im Autismus-Spektrum und ihren Familien, Autismus zu verstehen und ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum zu finden – auch wenn das in einer vorwiegend nicht-autistischen Welt nicht immer einfach ist.

Als Linus erfuhr, dass er autistisch ist; wurde Autismus eines seiner Forschungsinteressen. Sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin hat er mit einer Masterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen. Er hat in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur zu dem machte, was es heute ist. Linus ist auch der Vater eines fabelhaften Kindes.

Auf sozialen Netzwerken teilen: