Für ein fabelhaftes Leben im Autismus‑Spektrum

Hans Aspergers Beschreibung der autistischen Psychopathen wurde weltweit bekannt – allerdings erst nach seinem Tod. Was für ein Mensch Hans Asperger war und wie sein Leben aussah, dem versuche ich hier nachzuspüren.

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Hans Asperger (1906-1980) war ein österreichischer Kinderarzt und Heilpädagoge. Er gilt heute als einer der Erstbeschreiber von Autismus.

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Im Nazi-Regime funktionierte er als Rädchen im Apparat: Er legitimierte öffentlich die Politik der Rassenhygiene einschließlich Zwangssterilisationen und kooperierte bei mehreren Anlässen aktiv mit dem Kinder-Euthanasie-Programm.

Aspergers Arbeit zu Autismus blieb zu seinen Lebzeiten international weitgehend unbekannt. Erst in den 80er Jahren entdeckte Lorna Wing sie, benannte einen Teil des Autismus-Spektrums als Asperger-Syndrom und definierte dessen Merkmale.

War Hans Asperger ein Nazi? Über tödliche Gutachten und eine steile KarriereIch sammle und sortiere hier die bekannten Fakten über Hans Asperger und gebe auch Experten-Einschätzungen dieser Fakten wieder. Insbesondere was Hans Aspergers Verhalten während der Nazi-Zeit angeht, beziehe ich mich im Wesentlichen auf die Arbeit von Herwig Czech, die 2018 in Molecular Autism erschienen ist.

Czechs wissenschaftlicher Schwerpunkt ist die Rolle der Medizin in der Nazi-Zeit. Er fördert regelmäßig zutage, wie stark sich die Selbstdarstellungen der Mediziner nach der Nazi-Zeit davon unterscheiden, wie sie sich damals tatsächlich verhalten haben. Meiner Ansicht nach ist seine Darstellung die nuancierteste und ehrlichste in Bezug darauf, was man aus dem Quellen schließen kann und was nicht.

Der Artikel ist lang geworden. Das liegt daran, dass ich mir aus den sehr verkürzten Darstellungen in Zeitungen nie wirklich ein Bild machen konnte. Ich habe diesen Artikel so geschrieben, dass du danach die wesentlichen bekannten Fakten kennst und dir deine eigene Meinung bilden kannst.

Leben

Hans AspergerJohann Hans Friedrich Karl Asperger kam am 18. Februar 1906 in Hausbrunn bei Wien zur Welt. Sein Vater Johann Asperger war Buchhalter, seine Mutter Sofie Asperger, geb. Messinger, kam aus einer Bauernfamilie.

Über sein Elternhaus schrieb er:

Ich war das erste von drei Kindern, das mittlere ist gestorben, mein jüngerer Bruder war vier Jahre jünger, ist in Russland gefallen. Wie bin ich erzogen worden? Mit viel Liebe, ja Selbstentäußerung von meiner Mutter, mit großer Strenge von meinem Vater. Mein Vater hat immer daran gelitten, dass ihm eine höhere Bildung versagt worden war, und nun musste der Sohn das erreichen, was er nicht erreichen konnte.

Hans Asperger war katholisch. Seine Tochter Maria Asperger beschrieb ihren Vater in einem Interview mit Uta Frith als ruhigen und distanzierten Mann. Als Junge soll er ungewöhnlich und introvertiert gewesen sein und Schwierigkeiten gehabt haben, Freunde zu finden. Zu seinen Hobbys zählten Wandern und Bergsteigen sowie österreichische Literatur. Schon in den ersten Schuljahren zitierte Asperger häufig Grillparzer.

Von den ersten Volksschuljahren an, aber dann in ständig steigendem Maß, war ich ein wilder Leser. Ich liebe heute solche Kinder sehr, weil ich mich erinnere, was man von so einem leidenschaftlichen Lesen haben kann. Ich habe die Nachmittage durchgelesen und bin dann mit Erschrecken am Abend drauf gekommen, dass es Aufgaben gibt, und die musste man doch machen.

Hans Asperger

Er besuchte das Bundesgymnasium in Wien VII und bestand am 20. Mai 1925 die Reifeprüfung mit Auszeichnung. In sämtlichen Fächern erhielt er die Note sehr gut. Anschließend studierte er Medizin an der Universität Wien und wurde promoviert.

Danach arbeitete er als Assistenzarzt in der Universitätskinderklinik Wien. Schon nach einem Jahr übernahm er die Leitung der heilpädagogischen Station, wo er bald einsah, das werde ab jetzt sein Leben erfüllen (dieses Zitat stammt von Asperger selbst; er sprach von sich selbst häufig in der dritten Person).

1935 heiratete Hans Asperger Hanna Kalmon aus Hiddingsel (Westphalen). Sie hatten fünf Kinder: Gertrud (*1936), Hans (*1938), Hedwig (*1940), Maria (*1946, heute Kinder- und Jugendpsychiaterin in Zürich) und Brigitte (*1948).

Aspergers Karriere bis 1938

Asperger studierte Medizin an der Universität in Wien. 1931 folgte die Promotion. Im Mai 1931 begann er unter Franz Hamburger, einem fanatischen Nazi, an der Universitäts-Kinderklinik in Wien zu arbeiten, fast gleichzeitig mit Erwin Jekelius, dem späteren Leiter der Tötungsanstalt Am Spiegelgrund.

Hans Asperger und seine Kollegen 1933

1931; Hans Asperger rechts unten

1932 wurde er Hilfsarzt in der heilpädagogischen Abteilung, 1935 wurde er Assistenzarzt und bekam er die Leitung der heilpädagogischen Station übertragen. Zu dieser Zeit war Asperger noch kein Facharzt für Kinderheilkunde und hatte nur eine einzige wissenschaftliche Veröffentlichung in der Heilpädagogik (über das Bettnässen).

Czech merkt an, dass Aspergers jüdischer Kollege Georg Frankl nicht auf diesen Posten befördert wurde, obwohl Frankl neun Jahre älter war und bereits seit 1927 in der Abteilung arbeitete. Frankl emigrierte zwei Jahre später in die USA. Anni Weiss, eine andere hoch qualifizierte jüdische Kollegin Aspergers, emigrierte noch 1935 in die USA.

Österreichische Universitäten waren damals voll von antijüdischer Hetze. Das war mit relativer Sicherheit ein Grund, warum Frankl und Weiss sich für die Emigration entschieden. Für jüdische Ärzt*innen wurde es zunehmend schwieriger, Stellen an Universitäten zu bekommen; an einigen Kliniken und Abteilungen war es praktisch unmöglich. Die Kinderklinik wurde mit Hamburgers Ernennung zum Vorstand ein Beispiel dafür, wie antijüdische Politik bereits lange vor dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland betrieben wurde.

Für Anni Weiss (und Valerie Bruck, Aspergers direkte Vorgängerin als Leiterin der Heilpädagogischen Abteilung) spielte wahrscheinlich auch eine Rolle, dass die Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt schwieriger wurde. Das damalige österreichische Regime versuchte, Frauen aus dem Arbeitsmarkt zu drängen – eine Haltung, die Nazis wie Franz Hamburger teilten.

Hans Aspergers Karriere hat davon zweifellos profitiert.

Was auch immer die genaue Motivation für Hamburgers Entscheidung war, Asperger 1935 zum Leiter der heilpädagogischen Station zu ernennen, Aspergers Beförderung wurde unterstützt durch die antijüdischen und misogynen Tendenzen, die damals das gesellschaftliche und politische Leben Österreichs bestimmt haben. Obwohl Asperger sich nicht den Nazis anschloss, teilte er aufgrund seiner gesamtdeutschen, völkischen Orientierung beträchtliche ideologische Gemeinsamkeiten mit Hamburger und seinem Netzwerk, was es ihm erlaubte, sich ohne offensichtliche Reibungen zu integrieren.

Herwig Czech

An der Heilpädagogischen Station

Anfang des 20. Jahrhunderts, als der damalige Leiter der neu gegründeten Kinderklinik, Prof. Clemens von Pirquet, und der Leiter der psychiatrischen Abteilung, Prof. Julius Wagner-Jauregg, die erste Heilpädagogische Abteilung ins Leben riefen.

Damit lenkten sie die Behandlung von psychisch kranken und neurodiversen Kindern in eine international beispiellose Richtung: weg von der bisherigen überwiegend psychiatrisch geprägten Versorgung und hin zu einem multidisziplinären Ansatz, der neben der medizinisch-psychiatrischen Zugangsweise auch heilpädagogische, psychologische und sozialpsychiatrische Theorien und Modelle berücksichtigte.

Erster Leiter dieser Einrichtung war, bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1932, Dr. Erwin Lazar, der mit seiner sowohl psychiatrischen als auch pädiatrischen Ausbildung der Interdisziplinarität dieses Arbeitsbereichs Genüge tat.

Aber es ist auch gar nicht das allein Wesentliche, was im einzelnen Fall geschieht: Ob man mit einem Kind spielt, ob man ihm Mathematiknachhilfe gibt, ob man über seine philosophischen oder seine Sammlerinteressen mit ihm redet. Viel wesentlicher ist die lautere persönliche Hingabe des Erziehers, der volle persönliche Einsatz […] mehr ein schlichtes Sein als ein kompliziertes Tun.

Hans Asperger

In der Praxis sah das so aus, dass Asperger an der Heilpädagogischen Abteilung einen Lern- und Spielhort geschaffen hat: Im Lernhort wurden intelligente, aber lernschwierige Kinder gefördert; im Spielhort schwierige, oft in beträchtlichem Grad psychopathische Kinder durch Jahre hindurch betreut, durch persönliche Bindung an die Abteilung gehalten (Hans Asperger).

Die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die als Kind in der Nachkriegszeit seine Patientin war, erinnert sich daran, dass er immer anwesend war und den Kindern vorlas.

Hans Asperger mit Kindern auf der Heilpädagogischen Station

Die Entdeckung von Autismus

Bereits 1938 hielt Asperger in der Heilpädagogischen Abteilung der Universitätsklinik Wien den Vortrag Das psychisch abnorme Kind, in dem er anhand eines Fallbeispiels die Charakteristika der autistischen Psychopathen darstellte.

1943 reichte er seine Habilitationsschrift ein, die ein Jahr später veröffentlicht wurde: 1944 erscheint Die Autistischen Psychopathen im Kindesalter”.

Lange nahm man an, dass es ein großer Zufall war, dass Leo Kanner 1943 und Hans Asperger 1944 Autismus unabhängig voneinander erstmals beschrieben.

Erst Steve Silberman forschte nach – und stellte fest, dass das so unabhängig nicht war: Es gab eine Verbindung zwischen beiden. Georg Frankl, Chef-Diagnostiker an Aspergers Heilpädagogischer Station, floh 1938 vor den Nazis in die USA und arbeitete an der John-Hopkins-Universität mit Leo Kanner zusammen. Er brachte auch das Konzept Autismus mit über den Atlantik.

Die gesamte Entdeckungsgeschichte von Autismus ist aber noch komplexer: Welchen Anteil hatten Anni Weiss und Georg Frankl? Kannte Asperger die Arbeit von Gruja Sucharewa, in der sie eine Gruppe von Kindern beschreibt, die den autistischen Psychopathen sehr ähnlich sind? Ich werde darüber einen getrennten Artikel schreiben.

Während Kanner als Erstbeschreiber von Autismus bekannt wurde, geriet Aspergers Arbeit lange in Vergessenheit. Erst in den 1980er Jahren entdeckte Lorna Wing sie wieder und benannte einen Teil des Autismus-Spektrums nach ihm: das Asperger-Syndrom.

So wurde Hans Asperger posthum berühmt. Ob diese Benennung eine kluge Entscheidung war, ist eine andere Frage – denn einige Jahre später kamen Fragen zu Aspergers Verhalten zur Nazi-Zeit auf.

War Hans Asperger ein Nazi?

Aspergers politischer Hintergrund bis 1938

Um mehr über Aspergers politische Haltung zu erfahren, wirft Czech einen Blick in Aspergers politischen Hintergrund vor dem Anschluss Österreichs. Das ist aufschlussreich, weil damals noch ein wesentlich größeres Spektrum politischer Meinungen möglich war.

Explizite politische Meinungsäußerungen Aspergers aus dieser Zeit sind nicht bekannt, aber es ist belegt, dass er Mitglied in mehreren Organisationen war: dem Bund Neuland, der St. Lukas Gilde, dem Deutschen Schulverein Südmark, der Vaterländischen Front und dem Verein deutscher Ärzte in Österreich.

Bund Neuland

Hans Asperger sagte selbst, dass der Bund Neuland einen prägenden Einfluss auf ihn hatte. Er war in den 30er Jahren dort Mitglied.

Geprägt weiß ich mich vom Geist der Deutschen Jugendbewegung, die eine der edelsten Blüten des deutschen Geistes war.

Hans Asperger

Der Bund Neuland

  • war eine katholische Jugendorganisation, die schwerpunktmäßig Aktivitäten im Freien organisierte, zum Beispiel Wandern.
  • hat seine Wurzeln in der überwiegend völkisch-nationalen Wandervogel-Bewegung.
  • war Teil des rechten deutschnationalen Randes des österreichischen politischen Katholizismus.
  • hatte deutlich antisemitische Tendenzen. Der Bund Neuland veröffentlichte mehrere Artikel, welche die antijüdischen Verfolgungen in Nazi-Deutschland befürworteten. Die Vereinszeitung des Bunds bezeichnete die Wiener “jüdische Presse” als zersetzenden Einfluss im öffentlichen Leben Österreichs, attakierte Juden als fremde Elemente innerahlb der katholisch-deutschen Bevölkerung Österreichs, und warnte vor den Gefahren inter”rassischer” und interreligiöser Ehen.
  • war von Nazis infiltriert. 1935/36 schätzten Presseberichte, dass 20% der Neuland-Mitglieder (illegale) Nazis waren. Auch der Bundesführer Anton Böhm war ein Nazi. Er trat 1933 der NSDAP bei und blieb illegales Mitglied, als die Partei in Österreich verboten wurde.
  • lehnte den demokratischen Parteienstaat ab und befürwortete die ständische Organisationsform.
  • Die große Mehrheit der Mitglieder befürworteten eine Vereinigung Österreichs mit Deutschlands und waren bestenfalls gleichgültig gegenüber dem Nationalsozialismus.

Insgesamt hatte der Bund Neuland wesentliche Konfliktlinien zum Nationalsozialismus, vor allem bezüglich der Rolle der Kirche und der öffentlichen Funktion von Religion. Aber es gab auch Gemeinsamkeiten.

Der Bund Neuland war ideologisch nicht homogen. Innerhalb der Organisation gehörte Hans Asperger zu den Fahrenden Scholaren, die zum eindeutig völkischen rechten Flügel des Bund Neulands gehörten. Er lernte darüber auch Anton Böhm kennen.

Der zentrale Bezugspunkt des Bund Neulands war aber der Katholizismus, und die NSDAP wurde hauptsächlich nach ihrer Kirchenpolitik beurteilt.

St. Lukas Gilde

Die Ärzte im Bund Neuland entsandten Hans Asperger als Delegierten zur St. Lukas Gilde, wo er ebenfalls Mitglied wurde. Die St. Lukas Gilde war eine Ärztevereinigung, die eine katholische Version von Eugenik propagierte.

Wie die Nazis hatten sie das Ziel, das Erbgut aufzuwerten und Erbkrankheiten zu vermeiden. Nach der katholischen Lehre waren aber Verhütung, Sterilisationen und Abtreibungen verboten. Deshalb entwickelte die St. Lukas Gilde ihr eigenes Programm innerhalb der Grenzen des Kaltholizismus: Sie setzten zum Beispiel auf freiwillige Enthaltsamkeit von Menschen mit Erbkrankheiten, und auf eine eugenisch orientierte Partnerwahl.

Verein Südmark

1932 trat Asperger dem deutschen Schulverein Südmark bei.

Der Schulverein Südmark

  • versuchte den deutschen kulturellen Einfluss in Ausland mit Hilfe deutschsprachiger Minderheiten zu stärken.
  • war eindeutig völkisch und antisemitisch ausgerichtet.
  • setzte sich für die Vereinigung Östereichs mit Deutschland ein.
  • Viele seiner Mitglieder standen der österreichischen Großdeutschen Volkspartei nahe, die 1933 eine “Kampfgemeinschaft” mit der österreichischen Nazi-Partei bildete.

Vaterländische Front

1934 wurde Asperger Mitglied der Vaterländischen Front, der Einheitspartei, die Österreich von 1933/34 bis 1938 regierte. Weil die Mitgliedschaft für Angestellte des öffentlichen Dienstes verpflichtend war, kann man daraus nicht unbedingt politische Sympathie ablesen – eher vielleicht Opportunismus.

Verein Deutscher Ärzte in Österreich

Ebenfalls 1934 trat Asperger dem Verein deutscher Ärzte in Österreich bei.

Der Verein Deutscher Ärzte in Österreich

  • war eindeutig antsemitisch.
  • propagierte eine Zulassungsbeschränkung für jüdische Studierende.
  • versuchte, den Einfluss jüdischer Studierender und Mediziner*innen zurückzudrängen.

All das waren innerhalb der nicht-jüdischen Ärzteschaft verbreitete Einstellungen, und offensichtlich teilte Asperger sie.

Trotz dieser Verbindungen gibt es keine Anzeichen, dass Asperger vor 1938 aktiv mit der Nazi-Bewegung sympatisierte, im Unterschied zu vielen seiner Kollegen. Die Spuren deuten eher auf eine ambivalente Haltung hin. Potentielle Hindernisse für seine Befürwortung des Nationalsozialismus waren seine religiösen Überzeugungen, sein humanistischer Hindergrund, und sein elitärer, kultivierter Habitus. Nach dem Verbot der österreichischen Nazi-Partei blieb die Bewegung außerdem nur für einen Kern ideologisch gefestigter Unterstützer attraktiv, für bloße Sympathisanten oder Opportunisten hingegen überwogen die Risiken mögliche Vorteile bei weitem. Trotzem zeigen Aspergers Mitgliedschaften in Organisationen vor 1938, dass es mehr ideologische Gemeinsamkeiten gab als bisher angenommen wurde.

Herwig Czech

Hans Asperger in der Nazi-Zeit

Eines der Hauptargumente für Aspergers angebliche Distanz zum Nationalsozialismus ist der Fakt, dass er nie der NSDAP beigetreten ist. Angesichts des hohen Anteils an Parteimitgliedern unter nicht-jüdischen Ärzten ist das höchst bedeutsam. Das bedeutet aber nicht, dass Asperger eine grundsätzliche Distanz zum NSDAP-Apparat hielt.

Herwig Czech

Hans Asperger wurde Mitglied bei einer Reihe von Vorfeldorganisationen der Partei. Im April 1938 trat er der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) bei. Beides waren Massenorganisationen, um die man kaum herumkam, wenn man in der Medizin Karriere machen wollte.

Außerdem bewarb Asperger sich im Juni 1938 um eine Mitgliedschaft beim Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund (NSDÄB). Dieser war keine Berufsvereinigung, sondern die ideologische Speerspitze der Partei innerhalb der Ärzteschaft. Eine Mitgliedschaft war Parteimitgliedern vorbehalten, weshalb Aspergers Antrag abgelehnt wurde. Aber durch seine Bewerbung bekam er den Status eines Kandidaten.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit traf Asperger diese Entscheidungen, um seine Karriere zu schützen und zu befördern. Indem er auf die NSDAP-Mitgliedsschaft verzichtete, wählte er einen Mittelweg zwischen der Beibehaltung seiner Distanz zum Regime und der vollständigen Anpassung.

Herwig Czech

1938 begann Asperger, seine Diagnoseberichte mit Heil Hitler zu unterzeichnen – ein Versuch, dem neuen Regime seine Loyalität zu beweisen.

Der Ausschluss jüdischer Ärzte und der erhöhte Bedarf an Gutachtern, die unwerte und rassenfremde Kinder aussortierten, führte zu Karrierechancen für Asperger: Neben seiner Tätigkeit an der Universität erlangte er weitere Positionen.

  • Im Mai 1938 wurde er zum Gutachter am Wiener Jugendgericht ernannt.
  • Er war auch Gutachter für die NSV.
  • Im Oktober 1940 erlangte Asperger eine Teilzeitstelle im Wiener Gesundheitsamt als medizinischer Spezialist für abnorme Kinder. (Im Gegensatz dazu behauptete Asperger 1974, keine Patienten an diese Behörde gemeldet zu haben.)

Auf Aspergers Gutachtertätigkeit komme ich im Abschnitt Tödliche Gutachten zurück.

Hans Asperger wurde im Oktober 1943 zu einer Sanitätskompagnie eingeteilt, im Januar 1944 wurde er als Waffenplatzarzt nach Kroatien verlegt.

Aspergers Haltung zu Zwangssterilisationen

Hans Asperger wendet sich auch in Bezug auf Zwangssterilisationen nicht gegen das Nazi-Regime. 1939 äußert er sich so:

So wie der Arzt bei der Behandlung des einzelnen oft schmerzhafte Einschnitte machen muss, so müssen auch wir aus hoher Verantwortung Einschnitte am Volkskörper machen. Wir müssen dafür sorgen, dass das, was krank ist und diese Krankheit in fernere Generationen weiter geben würde, zu den einzelnen und zu des Volkes Unheil an der Weitergabe des kranken Erbgutes verhindert wird.

Hans Asperger

Das kann man im Kontext der damaligen Zeit kaum anders verstehen als eine Befürwortung von Zwangssterilisationen. (Allerdings bleibt Asperger vage genug, dass er sein katholisches Gewissen damit beruhigen kann, keine konkreten Maßnahmen genannt zu haben, die gegen die katholische Moralethik verstoßen.)

In anderen seiner Äußerungen mahnt Asperger eher zur Vorsicht – ohne sich dabei in Opposition zu den Nazis zu bringen.

Eine Passage aus seinem Vortrag Das psychisch abnorme Kind von 1938 wird manchmal als Beleg dafür zitiert, dass Asperger seine Patienten öffentlich zu schützen versucht hätte:

Habe ich im obigen einen Typus geschildert, dessen wesentliche Abnormität begründet ist in einer Störung der Harmonie zwischen Verstand und Instinkt im Sinne einer Instinktstörung, so gibt es in der Psychopathologie des Kindesalters nicht ganz selten einen Typus, der in fast allen Zügen den Gegensatz des eben Geschilderten darstellt:
Diese Kinder sind intellektuell unterdurchschnittlich entwickelt (bis zur Debilität), wobei hier unter Intelligenz die abstrakte Intelligenz verstanden ist, während der praktische Verstand, kurz gesagt, alles was mit dem Instinkt zusammenhängt, darum auch die praktische Brauchbarkeit, aber auch die Werte des Gemütes relativ viel besser entwickelt sind. Diese letzten Fälle sind wichtig – oder werden es bei uns werden, wenn das ‘Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses’ auch bei uns in Kraft tritt. Wird der Arzt als Begutachter in solchen Fällen vor eine Entscheidung gestellt, so wird er diese nicht allein nach dem Ergebnis der Beantwortung eines Fragebogens oder nach der Ziffer des Intelligenzquotienten treffen dürfen, sondern in erster Linie nach seiner Kenntnis der kindlichen Persönlichkeit, eine Kenntnis, die alle Fähigkeiten des Kindes, nicht nur die abstrakte Intelligenz in Rechnung stellt.

Warum haben diese Aussagen Aspergers Karriere keinen Abbruch getan?

Czech weist darauf hin, dass dieser Ansatz nicht unüblich war. Die Nazis stellten Gemüt und praktische Intelligenz über abstrakte Intelligenz – analytisches Denken war für sie jüdisch konnotiert. Die offiziellen Gesetzeskommentare definierten Schwachsinnigkeit entlang auf ähnliche Weise und 1940 wurden praktische Fähigkeiten und Leistung die entscheidenden Kriterien für rassenhygienische Maßnahmen.

Dennoch kann man aus Aspergers Äußerungen gewisse Vorbehalte herauslesen. Mein Eindruck ist, dass Asperger Kriterien betont, bei denen der begutachtende Arzt einen gewissen Spielraum hat (Persönlichkeit und praktische Fähigkeiten waren weniger standardisiert als IQ).

Während Aspergers Vortrag von 1938 nicht als grundsätzliche Kritik an der Rassenhygiene fehlgedeutet werden sollte, ist er ein Beispiel dafür, wie Asperger es schaffte, gewisse Bedenken zu formulieren, ohne die Grenzen des politisch akzeptablen zu verletzen.

Herwig Czech

Während Asperger öffentlich seine Bereitschaft demonstrierte, mit dem Nazi-Regime zu kooperieren, scheint er darauf verzichtet zu haben, Kinder zur Zwangssterilisation zu melden. Weil das Sterilisationsgesetz in Österreich nur sehr begrenzt umgesetzt wurde, verursachte das auch keine Konflikte mit den Nazi-Behörden.

Ermittelte die Gestapo gegen Hans Asperger?

In einem Buch von Adam Feinstein über die Pioniere der Autismus-Forschung kann man lesen, dass die Gestapo zweimal in die Klinik gekommen sei, um Asperger zu verhaften – wegen seinem Vortrag von 1938 oder weil er sich geweigert hätte, Patient*innen an Behörden auszuliefern.

Die einzige bekannte Quelle für diese Behauptung ist Asperger selbst, der den Vorfall 1962 in seiner Antrittsvorlesung erwähnte und in einem Interview von 1974:

Es ist also völlig unmenschlich – das hat sich ja gezeigt in schrecklichen Konsequenzen, wenn man den Begriff lebensunwertes Leben konstituiert und Konsequenzen daraus zieht. Und da ich nie gewillt war, diese Konsequenzen zu ziehen, das heißt also, dem Gesundheitsamt die Schwachsinnigen zu melden, wie wir beauftragt waren, war das eine recht gefährliche Situation für mich.
Ich muss es meinem Lehrer Hamburger hoch anrechnen, dass er, obwohl er ein überzeugter Nationalsozialist war, mich mit starkem persönlichem Einsatz zweimal vor der Gestapo gerettet hat. Er wusste, welcher Gesinnung ich bin. Er hat mich da mit seiner ganzen Person geschützt, das rechne ich ihm hoch an.

Hans Asperger

Es gibt keine Unterlagen über mögliche Verhaftung Aspergers durch die Gestapo.

Fakt ist, dass die einzige Quelle für Aspergers angebliche Verfolgung durch die Gestapo Asperger selbst ist.

Herwig Czech

Und Asperger selbst erwähnte den angeblichen Vorfall erstmals 17 Jahre nach Kriegsende.

Czech weist darauf hin, dass es in den schriftlichen Unterlagen keinen Hinweis darauf gibt, dass Hamburger diesen Vorfall nach dem Krieg zu seiner Verteidigung genutzt hat, obwohl er wegen seiner Nazi-Vergangenheit unter großem Druck stand.

Wenn die Geschichte wahr wäre, wäre es schwierig zu erklären, warum Asperger (nach meinem besten Wissen) sie erst 17 Jahre nach dem Krieg öffentlich erwähnte, wo sie doch sowohl ihm als auch Hamburger genutzt hätte.

Herwig Czech

Wie kam Asperger also zu seiner Behauptung?

Wie alle öffentlichen Angestellten wurde Asperger 1938 und danach bei jedem Schritt auf der Karriereleiter auf seine politische Haltung überprüft.

Diese Untersuchung ist aller Wahrscheinlichkeit nach die Grundlage für Aspergers Behauptung, die er 24 Jahre später aufstellte, dass er mit Verfolgung durch die Gestapo konfrontiert gewesen sei.

Herwig Czech

Diese standardisierte Überprüfung fiel zu Aspergers Gunsten aus: Er wurde als politisch akzeptabel eingestuft.

1940 heißt es in einer politischen Beurteilung Aspergers durch die Gauleitung Wien:

In Fragen der Rassen- und Sterilisierungsgesetzgebung geht er mit den nat.soz. Ideen konform.
In charakterlicher sowie politischer Hinsicht gilt er als einwandfrei.

Hans Asperger – ein Nazi? Politische Beurteilung durch das Gaupersonalamt

1941 wurde Asperger Oberarzt.

1943 erlangte er seine Habilitation. Dazu musste er eine Habilitationsschrift verfassen (seine Arbeit über die autistischen Psychopathen) und eine politische Überprüfung durch den Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund durchlaufen. Diese ergab keine Einwände.

Weil er noch kein Facharzt für Kinderheilkunde war, war außerdem eine Bestätigung des Wiener NSDAP-Gauärzteführers nötig, um zu bestätigen, dass er die notwendigen Qualifikationen hatte.

Das ist ein weiterer Indikator, dass Asperger das Vertrauen der höchsten Ränge der Wiener nationalsozialistischen medizinischen Einrichtungen genoss.

Herwig Czech

Aspergers Sicht auf seine Patient*innen

Die autistischen Psychopathen

Asperger drückte mehrfach Wertschätzung für seine autistischen Psychopathen aus und er sprach sich auch dafür aus, sie zu unterstützen und ihnen Möglichkeiten zur Entwicklung zu geben. In seiner Arbeit von 1944 schreibt er:

Wir finden, daß auch solche Menschen ihren Platz in dem Organismus der sozialen Gemeinschaft haben, den sie voll ausfüllen, manche vielleicht in einer Weise, wie das sonst niemand könnte – und das waren oft Kinder, die ihren Erziehern die größten Schwierigkeiten und die größten Sorgen bereitet haben.
Gerade bei solchen Charakteren zeigt sich, wie entwicklungs- und anpassungsfähig auch abartige Persönlichkeiten sein können, wie so oft Möglichkeiten einer sozialen Einordnung im Laufe der Entwicklung auftauchen, die man früher in den Menschen nicht vermutet hätte. Diese Tatsache bestimmt denn auch unsere Einstellung und unser Werturteil gegenüber schwierigen Menschen dieser und anderer Art und gibt uns das Recht und die Pflicht, uns für sie mit unserer ganzen Persönlichkeit einzusetzen, denn wir glauben, daß nur der volle Einsatz des liebenden Erziehers bei so schwierigen Menschen Erfolge erzielen kann.

Herwig Czech

Hat Asperger absichtlich nur hochfunktionale Kinder beschrieben?

Oft liest man, dass Leo Kanner niedrig-funktionale autistische Kinder beschrieben hätte und Hans Asperger hochfunktionale. Beides ist falsch.

Unter den von Kanner beschriebenen Kindern war zum Beispiel Jay S., der sehr begabt in Mathematik war und einen IQ von 150 hatte.

Von Asperger heißt es, er hätte für seine Beschreibung Kinder ausgewählt, die besonders hochfunktional waren, um seine autistischen Psychopathen vor den Nazis zu schützen.

Czech weist darauf hin, dass diese Argumention aus mehreren Gründen problematisch ist:

Erstens betonte Asperger die Erblichkeit von Autismus:

Diese hier skizzierten Erblichkeitsbefunde sprechen einmal mit Sicherheit für die Erblichkeit des Zustandsbildes […] Eine Erklärung aus exogener Verursachung [muss] absurd erscheinen.

Hans Asperger

Das ist schwer damit zu vereinen, dass er seine Patienten schützen wollte:

Obwohl diese Position spätere Entwicklungen in der Autismus-Forschung vorwegnahm, stellt sich die Frage, ob es unter den gegebenen Umständen klug war, eine solche Betonung auf die Erblichkeit zu legen. Wen es Aspergers vorrangiges Ziel gewesen wäre, seine Patienten zu schützen, hätte er eine flexiblere Position einnehmen können, eine die mit geringerer Wahrscheinlichkeit die Rassenhygieniker auf seine Patienten aufmerksam macht.

Herwig Czech

Zweitens weist Czech darauf hin, dass Aspergers Prognosen für seine autistischen Psychopathen keineswegs immer optimistisch waren.

Über Ernst K. schreibt er: Bei Ernst K. überwiegen schon mehr die negativen Seiten, und auch Hellmuth L. beschreibt er nicht positiv.

Asperger betont zwar die Intelligenz einiger seiner Patienten, aber er weist auch darauf hin, dass es zahlreiche eindeutig Schwachsinnige [gibt], bei denen wir ebenfalls die typischen Wesensmerkmale des Autistischen Psychopathen unverkennbar finden.

Drittens weist Czech darauf hin, dass die Kinder am unteren Ende des Spektrums nicht von dem Potential profitierten, das dem höheren Ende zugeschrieben wurde, selbst wenn sie die selbst Diagnose der autistischen Psychopathie hatten. Ihr Schicksal hing nicht vom diagnostischen Etikett ab, sondern von der individuellen Beurteilung ihrer Fähigkeiten.

Es ist im Nachhinein nicht mehr genau nachzuvollziehen, warum Asperger genau diese Kinder auswählte und keine anderen. Gut möglich ist, dass diese Kinder typisch waren für den Teil des Autismus-Spektrums, dem Asperger auf der heilpädagogischen Station begegnete:

Es ist wichtig, im Kopf zu behalten, dass die Mission von Aspergers Heilpädagogischer Station in erster Linie mit schwierigen Kindern zu tun hatte, die Probleme verursachten, die ihre Bezugspersonen nicht ohne professionelle Hilfe lösen konnten. Kinder mit schweren geistigen Behinderungen galten als außerhalb des Aufgabenbereichs der Heilpädagogik, weil sie keine greifbaren Fortschritte versprachen.

Herwig Czech

Die Kinder, die durch das Kindereuthanasie-Programm in Gefahr waren, waren andere:

In Wirklichkeit bezogen sich Aspergers positive Bemerkungen (seine angebliche Kampagne) immer nur explizit auf abnorme oder schwierige Kinder, nie auf Kinder mit schweren geistigen Behinderungen, auf die das Kindereuthanasie-Programm abzielte, das am Spiegelgrund umgesetzt wurde.

Herwig Czech

Czech weist auch darauf hin, dass die Sprache, die Asperger verwendete, oft ausgesprochen harsch war (selbst im Vergleich mit den Beurteilungen, die am Spiegelgrund über dieselben Kinder geschrieben wurden).

Jüdische Kinder

Asperger war unempathisch gegenüber den Ängsten, die jüdische Kinder nach dem “Anschluss” Österreichs erlebten. Er stellt keinen Zusammenhang her zwischen ihren Ängsten und der realen Gefahr, in der sie sich befinden. Ein Beispiel:

Walter Brucker wurde am 14. März 1938 in die Klinik aufgenommen, am Tag nach dem Anschluss, wegen extremer Gemütserregung. Seine Akte erlaubt einen seltenen Einblick in den Alltag auf Aspergers Station in diesen kritischen Tagen. Am 15. März musste Walter sich inmitten von jubelnden Kindern einer triumphierenden Rede Hitlers anhören. Trotz der Tatsache, dass Walter als Jude jeden Grund zur Panik hatte, wurde ihm seine angstvolle Reaktion angelastet. Der Eintrag von diesem Tag (nicht in Aspergers Handschrift) besagte, dass Walter viel unfreundlicher als vor drei Wochen, als er [zuletzt] hier war. Während Hitlers Rede legte er seinen Kopf in seine Hände und starrte ins Leere. Er war sehr erregt; als ein Kind zu jubeln begann, öffnete er seine Augen und wurde blaß.
Aspergers Diagnose ignorierte die prekäre Situation des Jungen und formulierte seine seelischen Probleme so: schwer psychopathisches Bild, dessen wesentliches Symptom eine besondere Empfindlichkeit und paranoide Reizbarkeit ist.
Asperger pathologisierte und entpolitisierte also die Reaktion des Jungen auf die antijüdische Verfolgung, die damals die Stadt durchdrang.

Herwig Czech

Walter hatte allen Grund, Angst zu haben. Er starb am 26. Februar 1945 als Zwangsarbeiter in Schlesien.

In der Akte eines anderen Kindes fügte Asperger dagegen ohne sachlichen Grund die Anmerkung hinzu, dass das Kind ein Mischling sei – was unter den damaligen Umständen für das Kind extrem gefährlich werden konnte.

In einigen Krankenakten jüdischer Kinder notierte Asperger antisemitische Stereotypen.

Diese Kommentare weisen darauf hin, dass Asperger die sexualisierten antijüdischen Stereotypen, die damals zirkulierten, zumindest teilweise internalisiert hatte.

Herwig Czech

Jüdische Kinder, die bei christlichen Pflegefamilien aufwuchsen, steckte Asperger oft ins Heim. Diese Heime wurden während dem Holocaust oft zu Todesfallen für die Kinder.

Kinder, die sexu­alisierte Gewalt erlitten hatten

Asperger machte oft sexuell missbrauchte Kinder für den eigenen Missbrauch mitverantwortlich. In einer Fallbesprechung nannte er ein sechsjähriges Kind eine Hure. Er war der Ansicht, sexuell missbrauchte Mädchen hätten Übergriffe selbst provoziert. Auch eine Vorstellung von Trauma als Ursache von psychischen Beeinträchtigungen existierte für den erklärten Gegner der Psychoanalyse nicht.

Er war davon überzeugt, dass die Opfer sexuellen Missbrauchs eine gemeinsame konstitutionelle Veranlagung hätten und bestimmte Charakterzüge wie Schamlosigkeit, was dazu führen würde, dass sie solche Erfahrungen anziehen würden, während Kinder mit natürlichen Verteidigungskräften in der Lage sein sollten, sie zurückzuweisen. Wenn ein Kind infolge von Missbrauch oder Vergewaltigung an einem Trauma litt, nahm Asperger dies wiederum als Anzeichen einer inhärenten konstitutionellen Schwäche, weil eine gesunde Persönlichkeit in der Lage sein sollte, sogar brutalen Akten sexueller Gewalt zu entwachsen, ohne Schaden an ihrer psychologischen Entwicklung zu nehmen.
In seinem Lehrbuch werden als einzige Beispiele zu diesem Thema Fälle genannt, in denen der Missbrauch als Lügengeschichte des Kindes dargestellt wird, was den Eindruck verstärkt, dass immer die Opfer schuld hatten – entweder, weil sie herumfantasiert haben oder weil sie die Taten durch ihre konstitutionelle Veranlagung provoziert hätten.

Herwig Czech

In seinem Lehrbuch Heilpädagogik. Einführung in die Psychopathologie des Kindes für Ärzte, Lehrer, Psychologen, Richter und Fürsorgerinnen bezieht sich Asperger auf Cesare Lombrosos Konzepte des geborenen Verbrechers und der geborenen Prostituierten:

… seelische Abartigkeiten offenbaren sich im körperlichen Bild oft durch geringere oder größere Abweichungen von der Norm, eben den degenerativen Stigmen. Das ist allgemeines Wissen der Menschheit. Zum ersten Mal exakt beschrieben wurden diese Dinge im vorigen Jahrhundert von dem Italiener Cesare Lombroso, der erkannte, daß soziales Scheitern eines Menschen sehr wohl etwas mit der Konstitution zu tun hat – er stellte den Begriff des Delinquente nato, des geborenen Verbrechers auf, dessen weibliches Gegenstück die Prostituta nata darstelle; Lombroso hat nun gezeigt, daß sich bei diesen Typen auch bestimmte körperliche Abartigkeiten besonders häufen (z.B. wurde von da an das angewachsene Ohrläppchen berühmt).

Hans Asperger

Solche Konzepte verwendete er auch bei seinen Diagnosen – bei Kindern nicht älter als fünf.

Es war schließlich allgemeines Wissen der Menschheit.

War Hans Asperger antisemitisch?

Einerseits war Antisemitismus ein gemeinsamer Nenner der Gruppen, denen Asperger angehörte.

Er distanzierte sich auch nach der Nazi-Zeit nie davon.

Andererseits hatte er eine gute Beziehung zu seinen jüdischen Kolleg*innen Anni Weiss und Georg Frankl.

Wie viele Aspekte von Aspergers Leben, war sein Verhältnis zu Juden voller Ambivalenz – und weiter verkompliziert durch die Tatsache, dass seine frühe Karriere der Entlassung so vieler jüdischer Kollegen geschuldet war, einschließlich derer, die er seine Freunde nannte.

Herwig Czech

Asperger überwies Kinder in den Spiegelgrund

Am 27. Juni 1941 untersuchte Hans Asperger die knapp dreijährige Herta Schreiber.

Hans Aspergers Untersuchungsbericht über Herta Schreiber

Sein Befund lautete:

Schwere Persönlichkeitsstörung (postenzephalitisch?): schwerster motorischer Rückstand, erethische Idiotie, Fraisenanfälle. Das Kind muss zuhause für die Mutter, die noch für fünf gesunde Kinder zu sorgen hat, eine untragbare Belastung darstellen. Dauernde Unterbringung auf dem Spiegelgrund erscheint unbedingt nötig.

Herta Schreiber

Damit hatte Asperger ihr Todesurteil unterschrieben.

Sein früherer Kollege Erwin Jekelius hatte den Spiegelgrund in eine Tötungsanstalt verwandelt. 789 Kinder wurden hier zwischen 1940 und 1945 ermordet.

Keine drei Monate nach Aspergers Überweisung wird auch Herta Schreiber ermordet – offizielle Todesursache: Lungenentzündung. Diese Lungenentzündungen wurden im Zuge der Kinder-Euthanasie durch Vergiftung mit Phenobarbital künstlich herbeigeführt.

Herta starb einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag.

Gedenktafel für die Opfer am Spiegelgrund

 

Dieser Fall ist auch in Bezug auf das therapeutische Credo von Hans Asperger aufschlussreich. In seinen Veröffentlichungen sprach er sich wiederholt dafür aus, geistig auffälligen Menschen die bestmögliche Zuwendung zu widmen und ihnen die Chance zu geben, ihr Potenzial so weit als möglich zu entfalten. Bei Herta Schreiber handelte es sich nun um einen Fall, bei dem selbst Asperger offenbar keinerlei Besserung erwartete und auf den er seine Forderung nach bestmöglicher Förderung nicht anwenden wollte. Seine Diagnose, wenngleich mit Fragezeichen versehen, lautete auf einen postenzephalitischen Zustand. Im Jahr 1944 veröffentlichte er in der Münchener Medizinischen Wochenschrift einen Aufsatz zu diesem Thema, in welchem er festhielt, dass der grundsätzlich an seiner Abteilung herrschende therapeutische Optimismus bei postenzephalitischen Persönlichkeiten meist kapitulieren müsse.

Herwig Czech

Die Mutter wusste wohl ziemlich genau, was Herta am Spiegelgrund erwarten würde, und sie ließ indirekt erkennen, dass Hertas Ermordung befürwortete. In Hertas Spiegelgrund-Akte findet sich folgende Notiz:

Mutter bittet um Verständigung, wenn d. Zustand d. Kindes sich verschlechtern sollte. Den Mann solle man nicht verständigen, es würde ihn zu sehr erregen. Meint weinend, sie sehe ja, daß das Kd. geistig nicht beisammen sei. Wenn ihn nicht zu helfen wäre, wäre es besser, es würde sterben, es hätte doch nichts auf der Welt, wäre nur ein Gespött den anderen. Sie als Mutter von so vielen anderen Kindern würde ihm das nicht wünschen, das wäre es besser, es stürbe.

Czech weist darauf hin, dass es in Hertas Akte einen indirekten Hinweis darauf gibt, dass die Eltern Nazis wären: Die Angabe zu Hertas religiösem Bekenntnis lautet gottgläubig.

Daraus kann man schlussfolgern, dass die Familie die katholische Kirche unter dem Einfluss der Opposition der Nazis zur organisierten Religion verlassen hatte, etwas, das normalerweise nur eine radikale Minderheit der Nazi-Anhänger taten.

Herwig Czech

Asperger überwies ein weiteres Kind an den Spiegelgrund: die fünfjährige Elisabeth Schreiber (trotz gleichen Nachnamens waren die Kinder anscheinend nicht verwandt). Seine Beschreibung Elisabeths ähnelt der Hertas:

Erethische Inbezillität, wahrscheinlich auf postencephalitischer Grundlage: Salivation, encephalitische Affekte, Negativismus, beträchtlicher Sprachrückstand (beginnt jetzt langsam zu sprechen) bei relativ besserem Verständnis. Das Kind ist in der Familie, besonders bei den gedrängten räumlichen Verhältnissen, zweifellos eine kaum erträgliche Belastung und gefährdet durch ihre Aggression auch die kleinen Geschwister. Es ist daher begreiflich, dass die Mutter auf Unterbringung drängt. Am ehestend käme der Spiegelgrund in Frage.

Nach Aspergers Notizen scheint es so, dass auch Elisabeths Mutter nicht in der Lage oder nicht willens war, sich um sie zu kümmern, aber es gab keinen expliziten Bezug auf die Möglichkeit ihres Todes. Was man mit einem Grad an Gewissheit sagen kann, ist, dass sie Anstaltsfürsorge für ihre Tochter suchte und dass Asperger die Überweisung an eine Tötungsanstalt empfahl.

Herwig Czech

Elisabeth wurde jedoch nicht sofort an den Spiegelgrund verlegt, wahrscheinlich, weil kein Bett frei war. Stattdessen verbrachte sie einige Monate in einem Heim für geistig behinderte Kinder. Im März 1942 wurde sie von dort an den Spiegelgrund verlegt. Eine der Krankenpflegerinnen schrieb, dass sie freundlich und anhänglich war, aber nur ein Wort sprach: Mama.

Elisabeth Schreiber starb kurz vor ihrem sechsten Geburtstag – an einer künstlich herbeigeführten Lungenentzündung, wie auch Herta und so viele andere Kinder am Spiegelgrund.

Mahnmal für die ermordeten Kinder am Spiegelgrund

 

Die Belege in diesen zwei Fällen deuten darauf hin, dass er zumindest unter den gegebenen Umständen die Tötung von behinderten Kindern als letztes Mittel akzeptierte.

Herwig Czech

Hätte Asperger auch anders handeln können?

In den Fällen von Herta und Elisabeth, gab es Alternativen zur Überweisung in den Spiegelgrund? Hätte er ihre Leben retten können? Unter den Umständen, und angesichts der mangelnden Unterstützung der Eltern, wäre es sicherlich schwierig gewesen, das langfristige Überleben der beiden Kinder zu sichern. Es gab weiterhin Einrichtungen für Kinder mit schweren Behinderungen (sowohl öffentliche als auch religiöse), aber sie standen unter Druck, diejenigen ihrer Patienten auszuhändigen, die als der Unterstützung unwert galten. Asperger hatte jedoch keine Verpflichtung, die Kinder direkt in die Tötungsanstalt zu schicken, auch wenn sie schwere Behinderungen hatten. Er hätte sie, ohne jedes Risiko für sich selbst, woandershin überweisen können, und in einigen anderen Fällen tat er genau das.

Herwig Czech

Tödliche Gutachten

Czech fand auch Nachweise darüber, dass Asperger einer siebenköpfigen Kommission angehörte, die die 200 behinderte Kinder nach ihrer Bildungsfähigkeit kategorisieren sollte:

[…] Asperger [war] als zuständiger Facharzt der Stadt Wien auch für die Begutachtung von Kindern zur Feststellung der Schulpflicht in einer Kommission in Gugging tätig.
Gugging war eine große psychiatrische Anstalt mit einer eigenen Kinderanstalt. Dort wurden schon sehr früh im Rahmen der T4 mehr als hundert Kinder nach Hartheim transportiert und dort vergast. Anfang 1942 waren noch 220 Kinder in der Anstalt, die begutachtet werden sollten, um sie in noch förderungswürdig und nicht mehr förderungswürdig einzuteilen. An der Kommission war auch Asperger beteiligt. Am 16. Februar 1942 wurden angeblich all diese Kinder untersucht. Ich vermute, die Kommission verließ sich mehr auf die Krankengeschichten. Insgesamt wurden 160 Kinder begutachtet, 35 wurden als bildungsunfähig>/q> eingestuft. Es war im Auftrag der Kommission explizit die Rede davon, dass man die nichtbildungsfähigen der Aktion Jekelius – also der Euthanasie – zuführt. Asperger war als Gutachter direkt in diesen insgesamt gesehen natürlich vielstufigen und arbeitsteiligen Prozess der Selektion und letztlich Ermordung am Spiegelgrund involviert.

Herwig Czech

Einige Eltern und andere Verwandte dieser Kinder baten in Briefen mehrfach darum, ihre Kinder zu sich zurücknehmen zu dürfen.

Die Akten enthalten zahlreiche solche Beispiele, was zeigt, dass diese Kinder weder ungewollt noch ungeliebt waren.

Herwig Czech

Alles Bitten war vergebens. In den nächsten Monaten wurden die Kinder, die die Kommission als aussichtslose Fälle kategorisiert hatte, an den Spiegelgrund überstellt. Alle starben dort.

Steinhof/Spiegelgrund: Brief an die Eltern eines ermordeten Kindes

 

In diesem Fall sieht es so aus, dass Asperger ein gut funktionierendes Rädchen in einer tödlichen Maschine war. Auch wenn die letztliche Verantwortung für den Tod dieser Kinder auf Schicker fiel, Guggings Direktor, der die Überweisungen unterschrieb, und auf das Personal am Spiegelgrund, zeigt die Begebenheit, dass die Machthaber Asperger vertrauten und seine Expertise bei der Selektion von Kindern für die Vernichtung in Anspruch nahmen.

Herwig Czech

Kindereuthanasie am Spiegelgrund: Auszug aus dem Totenbuch

Wie viel wusste Hans Asperger?

Die Anthropologin Dean Falk schreibt:

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Asperger vom T4-Programm wusste, als er Herta Schreiber an den Spiegelgrund überwies oder als er die Institution 4 Monate später in der Akte eines anderen (nicht verwandten) Mädchens, Elisabeth Schreiber, erwähnte.

Dean Falk

Wenn Asperger nicht wusste, was am Spiegelgrund passierte, kann man es ihm auch nicht anlasten, dass er Kinder dorthin überwies.

Allerdings ist das extrem unwahrscheinlich.

In Wirklichkeit war die Tatsache, dass psychiatrische Patienten in großer Zahl unter verdächtigen Umständen starben, in der Wiener Bevölkerung bereits im September 1940 weithin bekannt geworden, Monate vor Hertas Überweisung (und Bischof Galens Predigt). Das führte sogar zu öffentlichen Protesten. Im November 1940 musste der Völkische Beobachter, die offizielle Zeitung der Nazi-Partei Gerüchte dementieren, dass Patienten durch Vergiftung und in Gaskammern ermordet wurden, unter Bezugnahme auf verschiedene Wiener Institutionen.

Herwig Czech

Asperger war nicht auf Gerüchte angewiesen. Czech weist darauf hin, dass er hatte mehr Zugang zu diesen Informationen als die allgemeine Öffentlichkeit.

Der Gründer und Direktor des Spiegelgrunds Jekelius hatte unter Hamburger und Asperger seine Ausbildung gemacht; Jekelius und Asperger waren Kollegen im Wiener Gesundheitsamt, und alle drei Männer spielten eine führende Rolle bei der Gründung der Wiener Gesellschaft für Heilpädagogik 1941, Teil einer breiteren Strategie, das Profil der Heilpädagogik in Nazi-Deutschland als medizinische Disziplin im Einklang mit Rassenhygiene zu stärken.

Herwig Czech

Ein anderer Kollege von Hans Asperger, Elmar Türk, führte medizinische Experimente an Kindern durch, die dann in den Spiegelgrund geschickt und dort ermordet wurde.

Die Angestellten an der Kinderklinik wussten nicht nur, was am Spiegelgrund passierte, sondern nutzten die Forschungsgelegenheiten aus, die die Mörder schufen.

Herwig Czech

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass eine breite Öffentlichkeit von den Ermordungen wusste:

Während der sogenannten T4-Tötungskampagne veranstalteten Verwandte von Patienten öffentliche Protests vor der Steinhof-Psychiatrie in Wien. Sie konnten nicht verhindern, dass ungefähr 3200 Steinhof-Patienten in die Gaskammern in Hartheim transportiert wurden, aber sie bezogen mutig Stellung gegen die Mord-Kampagne des Regimes.

Herwig Czech

Viele Eltern schrieben verzweifelte (und vergebliche) Briefe an die Ärzte, in denen sie darum flehten, dass ihre Kinder wieder zu ihnen zurückgeschickt wurden. Einige jedoch schrieben nach dem Tod ihrer Kinder Dankesbriefe an die Ärzte. Einige Eltern wussten, was passierte.

Zu ihnen gehörte auch Herta Schreibers Mutter, die den möglichen Tod ihrer Tochter ansprach und akzeptierte.

Und Anna Wödl, die Mutter von Alfred:

Das Beispiel von Anna Wödl, eine Krankenschwester am selben allgemeinen Krankenhaus, zu dem Aspergers Klinik gehörte, verdeutlicht, wie unglaubwürdig es ist, dass Asperger nichts von den Gefahren gewusst haben soll, denen seine Patienten entgegensahen. Wödl, die einen Sohn mit einer geistigen Behinderung hatte, der in einer Einrichtung in der Nähe von Wien untergebracht wurde, erkannte eindeutig die Bedrohung für ihn. Im Juli 1940 – fast ein Jahr bevor Asperger die Überweisung von Herta unterschrieb – hatte sie genug Informationen gesammelt, um den Berliner Beamten zu ermitteln, der für die Koordination des T4-Programms verantwortlich war (Herbert Linden) und ihn persönlich zu treffen und (letztlich vergeblich) um das Leben ihres Sohnes zu flehen.

Herwig Czech

Stolperstein für Alfred Wödl

 

Sollen wir wirklich annehmen, dass während dieser Zeit nicht ein einziger Elternteil eines Kindes mit einer Behinderung, den Asperger empfing, ähnliche Sorgen mit ihm geteilt hatte? Laut einem Bericht in Herta Schreibers Spiegelgrund-Akte erwähnte ihre Mutter ihren möglichen Tod als Erleichterung. Sollen wir wirklich annehmen, dass, während die Mutter zumindest die Möglichkeit in Betracht zog, dass ihr Kind im Spiegelgrund sterben würde, Asperger gutgläubig keinen solchen Verdacht hatte? Und wie plausibel ist es, dass er nie die Verbindung herstellte zwischen dem massiven Verschwinden von Patienten (einschließlich Kinder) während T4, der Rolle seines früheren Kollegen Erwin Jekelius (der oberste Arzt der Stadt, der für psychiatrische Patienten verantwortlich war, an den seine Kollegen regelmäßig Anfragen bezüglich verschwundener Patienten weiterleiteten), und dem Spiegelgrund, der neu gegründet und unter Jekelius’ Leitung gestellt worden war? Dass er nie fragte, was vor sich ging, nie einen Verdacht hegte? Obwohl wir nicht genau wissen, was Asperger wusste (oder inwieweit er willens oder imstande war, dem Beachtung zu schenken, was er gewiss herausfinden konnte, wenn er wollte), strapaziert es die Gutgläubigkeit, dass er mit all der Information, die ihm im Juni 1941 verfügbar war, guten Glaubens hätte annehmen können, dass die Auslieferung Herta Schreibers in die Hände von Erwin Jekelius, einen Mann, den er seit vielen Jahren kannte und dessen Meinung hinsichtlich unwerten Lebens kein Geheimnis war, bedeuten würde, dass sie eine angemessene Versorgung erhalten würde statt auf die eine oder andere Art getötet zu werden.

Auch eine Äußerung Aspergers nach der Nazi-Zeit ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich:

Als Asperger 1974 über die Nazi-Zeit reflektierte, erwähnte Asperger das Kinder-Euthanasie-Programm nicht direkt, aber er behauptete, er hätte sich von Anfang an geweigert, das Nazi-Konzept des unwerten Lebens zu akzeptieren oder an Maßnahmen der Rassenhygiene teilzunehmen, womit er implizit einräumt, dass er sich dessen Folgen bewusst war.

Herwig Czech

Nach der Nazi-Zeit

Obwohl Hans Asperger während der Nazi-Zeit ein Rädchen im Apparat war, gelang es ihm nach 1945, sich als Nazigegner darzustellen. Lange blieb das unhinterfragt.

Als in den 1960er Jahren Hans Asperger in seiner Antrittsrede als neuer Vorstand der Kinderklinik über seinen damaligen Förderer Hamburger sprach, war er voll des Lobes. Dessen Zusammenarbeit mit dem NS-Regime, die Wissenschaftsfeindlichkeit Hamburgers und die Selektionen erwähnte er darin mit keinem Wort.

1974 drückte Asperger seine Sicht auf die Nazis so aus:

Die nationalsozialistische Zeit kam, wobei es aus meinem bisherigen Leben klar war, dass man wohl mit vielen sagen wir nationalen in Anführungszeichen Dingen mitkam, aber nicht mit den Unmenschlichkeiten.

Czech ordnet diese Aussage ein:

Im Nachkriegs-Österreich bezog sich national als politisches Etikett ausnahmslos auf den Pan-Germanismus und wird bis heute von rechten Gruppen als Euphemismus verwendet, um eine offensichtliche Zuordnung zum (Neo-)Nazismus zu vermeiden. In anderen Worten, Asperger distanzierte sich 1974 von den Unmenschlichkeiten des Nationalsozialismus, aber nicht von seinem gesamtdeutschen Programm, das 1938 zum Anschluss Österreichs und später zum Zweiten Weltkrieg führte.

Herwig Czech

Asperger konnte seine Karriere nach 1945 ungehindert fortsetzen.

Zwischen 1946 und 1949 war er interimistischer Leiter der Kinderklinik Wien. 1957 wurde Asperger als Professor für Pädiatrie an der Universitäts-Kinderklinik Innsbruck berufen. Wandern und Bergsteigen blieben seine Hobbies: 1961 bestieg er das Matterhorn, 1965 den Mont Blanc.

1962 ging er zurück an die Wiener Universitäts-Kinderklinik, wo er zwanzig Jahre lang als Professor arbeitete und auch zum Leiter der Universitätskinderklinik ernannt wurde.

Er wurde 1977 emeritiert und starb drei Jahre später.

Fazit

Aspergers Fall ist komplex, und verdient eine sorgfältige Auseinandersetzung ohne Verleugnung oder Verunglimpfung – eine Auseinandersetzung, die über die Schwarz-Weiß-Dichotomie von Held versus Schurke hinausgeht.

Herwig Czech

Nach Czechs Einschätzung war Asperger kein überzeugter Nazi, aber er machte mit, weil es seine Karriere beförderte:

Asperger gelang es, sich dem Nazi-Regime anzupassen und er wurde für seine Loyalitätsbekundungen mit Aufstiegsmöglichkeiten belohnt. Er trat mehreren Organisationen bei, die der NSDAP nahestanden (allerdings nicht der Partei selbst), legitimierte öffentlich die Politik der Rassenhygiene einschließlich Zwangssterilisationen und kooperierte bei mehreren Anlässen aktiv mit dem Kinder-Euthanasie-Programm.

Der Begriff Asperger-Syndrom

Für viele Menschen im Autismus-Spektrum ist Autismus oder auch das Asperger-Syndrom mehr als eine Diagnose. Es ist eine Identität.

Und ich weiß, dass für einige nicht leicht war, mit diesen neuen Erkenntnisse über Hans Asperger umzugehen.

Sollte man den Begriff Asperger-Syndrom (und Aspie) mit diesem Wissen überhaupt noch verwenden?

Die problematischen Umstände seiner Erstbeschreibung sollten nach Czechs Ansicht nicht dazu führen, dass das Asperger-Syndrom aus medizinischen Handbüchern getilgt wird. Statt dessen sollte man ein Bewusstsein für die problembeladenen Ursprünge des Konzepts schaffen.

Allerdings ist die Diagnose Asperger-Syndrom aus anderen Gründen dabei, aus den Diagnosehandbüchern zu verschwinden: Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Trennung zwischen frühkindlichem Autismus und dem Asperger-Syndrom nicht aufrechtzuerhalten.

Und die Zweiteilung des Spektrums in niedrig- und hochfunktional (aka Asperger) führt dazu, dass die Fähigkeiten niedrigfunktionaler Menschen und die Probleme hochfunktionaler Menschen unterschätzt werden.

Ich selbst bezeichne mich unter anderem aus diesem Grund schon lange nicht mehr als Asperger oder Aspie. Aber es gibt andere, die den Begriff verwenden – zum Beispiel, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie nicht ernst genommen werden, wenn sie sagen, dass sie autistisch sind.

Deshalb sollte es autistischen Menschen überlassen bleiben, wie sie sich bezeichnen.

Ich finde aber, dass man in Zukunft darauf verzichten sollte, Syndrome nach ihren (vermeintlichen) Erstbeschreiber*innen zu benennen. Ich muss dabei an Länder denken, die nach ihren Entdeckern oder Kolonisatoren benannt wurden. In diesen Ländern lebten aber vorher schon Menschen. Und genauso gab es Autist*innen schon lange, bevor jemand sie beschrieben hat.

Im Falle des Asperger-Syndroms kommt dazu, dass Olga Sucharewa bereits 1926 autistische Kinder beschrieben hat – aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

War Hans Asperger ein Nazi? Über tödliche Gutachten und eine steile Karriere



Dieser Artikel wurde im Juli 2019 angesichts neue Forschungsergebnisse komplett überarbeitet. Eine alte Version des Artikels ist hier einsehbar.

Viele Zitate habe ich aus dem Englischen übersetzt, darunter leider auch einige, die ursprünglich wahrscheinlich auf Deutsch geäußert wurden, mir aber nur auf Englisch vorliegen.

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Zuletzt bearbeitet am 22.05.2020.

ich mit Kind
Linus Müller

Linus befasst sich seit 2002 mit Autismus. Er verfasste seine Magisterarbeit zu diesem Thema, arbeitete mehrere Jahre für Autismus-Organisationen und gründete 2007 Autismus-Kultur, mit dem Ziel, aktuelle Forschungsergebnisse und autistische Erfahrungen zusammenzubringen und in verständliche Praxis-Ratgeber zu übersetzen. Linus ist selbst autistisch und Vater.

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