Stell dir vor, eine Familie sitzt am Tisch. Das Kind streckt die Hand aus und sagt zum Vater: Du willst Saft.
Das Kind meint damit nicht, dass der Vater Saft haben will – es meint: Ich will Saft.
Das Kind verwendet du
, wenn es ich
meint.
Das ist genau das, was Fachleute Pronominalumkehr nennen. Und es kann ein Hinweis auf Autismus sein – muss aber nicht.
Aber eins nach dem anderen.
Auf dieser Seite:
- Was ist Pronominalumkehr?
- Pronominalumkehr bei Autismus
- Wie viele autistische Kinder vertauschen eigentlich die Pronomen du und ich?
- Warum verwechseln manche Kinder im Autismus-Spektrum die Pronomen?
- Warum kehren manche Kinder die Pronomen manchmal um und manchmal nicht?
- Was kann man tun, um dem Kind zu helfen, die Pronomen richtig zu verwenden?
Was ist Pronominalumkehr?
Von Pronominalumkehr oder Pronomenumkehr spricht man, wenn Kinder sich selbst als »du« oder auch als »er« oder »sie« bezeichnen. Wenn Kinder sich mit ihrem Namen bezeichnen, spricht man von Pronomenvermeidung.
Beispiele:
- Pronominalumkehr: »Du willst nach Hause.« (Wenn das Kind selbst nach Hause will.)
- Pronominalvermeidung: »Lisa will nach Hause.« (Angenommen, das Kind selbst heißt Lisa.)
Die Pronominalumkehr kann auf Autismus hindeuten, wenn sie ungewöhnlich lange anhält. Ein gewisses Maß an Pronomenverwirrung ist jedoch bei Kleinkindern jedoch üblich.
Die Umkehrung von Pronomen ist eng mit Echolalie verbunden, denn sie tritt auf, wenn Kinder einen Satz ganz oder teilweise wiederholen, ohne die Pronomen anzupassen. Echolalie nennt man das Wiederholen von Wörtern oder Sätzen, die das Kind zuvor gehört hat.
Zum Beispiel: Leas Vater sieht, dass Lea ihr Mittagessen nicht isst und kommentiert: »Du magst keinen Fisch, hm?« Ein paar Tage später ist Lea im Kindergarten, es gibt Fisch zu essen. Lea sagt: »Du magst keinen Fisch«, um auszudrücken, dass sie den Fisch nicht essen will.
Pronominalumkehr bei Autismus
In seiner bekannten Arbeit über Autismus aus dem Jahr 1943 beschrieb der Kinderpsychiater Leo Kanner einen kleinen Jungen, der, nachdem er gestolpert und fast gefallen war, von sich selbst sagte: Du bist nicht hingefallen.
Seitdem ist vielen Forschenden aufgefallen, dass autistische Kinder häufig die Personalpronomen ich
und du
vertauschen oder vermeiden. Selbiges gilt für mein
und dein
, mich
und dich
, mir
und dir
.
Manche autistischen Kinder verwenden auch die Pronomen er
oder sie
, wenn sie von sich selbst sprechen.
Andere autistische Kinder vermeiden die Wörter ich
und du
und verwenden statt dessen die Namen der Personen. Das klingt dann ungewöhnlich, vermeidet aber Verwirrung, weil es eindeutig ist. Manche Kinder vermeiden Pronomen, indem sie Passivkonstruktionen ohne handelndes Subjekt verwenden.
Wie viele autistische Kinder vertauschen eigentlich die Pronomen du
und ich
?
Es sind weniger, als manchmal vermutet: Eine Studie, die 2–5-jährige autistische Kinder auf Pronomenumkehr und kam zum Ergebnis, dass nur etwa 10% von ihnen die Pronomen durcheinanderbrachten.
Unauffälligere Kinder, die in diesem Alter noch keine Diagnose haben, sind in dieser Zahl nicht einbezogen. Kinder, die überhaupt nicht sprechen, ebenfalls nicht.
Erfahrungen zeigen, dass sich das Vertauschen der Pronomen bei vielen der autistischen Kinder auswächst. Aber einige von ihnen neigen später dazu, Eigennamen statt Pronomen zu verwenden.
Übrigens sind nicht alle Kinder, die Pronomen vertauschen, autistisch. Auch einige nicht-autistische Kinder haben damit Schwierigkeiten.
Warum verwechseln manche Kinder im Autismus-Spektrum die Pronomen?
Dahinter können verschiedene Gründe stecken und sie können von Kind zu Kind unterschiedlich sein.
- Echolalie: Wenn die Pronomenumkehr in echolalischen Äußerungen vorkommt, siehe Echolalie.
- Manchmal wird die Prononenumkehr als Theory of Mind-Problem betrachtet: Um die Pronomen zu verstehen, muss man die Perspektive der sprechenden Person einnehmen können.
- Ein sprachliches Problem: Das Kind versteht die Bedeutung der Pronomen nicht.
Früher stellten Forscher*innen eher psychoanalytische Theorien dazu auf, zum Beispiel, dass autistische Kinder nicht zwischen sich selbst und anderen unterscheiden könnten. Ich halte davon gar nichts. Vielleicht haben psychoanalytische Theorien in anderen Bereichen ihre Berechtigung (das kann ich nicht beurteilen), aber im Autismus-Bereich haben sie viel Schaden angerichtet.
Echolalie
Echolalie bezeichnet das Wiederholen der Äußerungen anderer. Ein echolalisches Kind antwortet vielleicht auf die Frage »Willst du Saft?« mit »Willst du Saft?«, um zu sagen, dass es Saft will.
Manchmal passen Kinder die grammatische Struktur teilweise an, und ihre Antwort lautet »Du willst Saft.«
Solche Antworten werden oft nicht als (teil-)echolalisch erkannt, aber die Pronominalumkehr fällt auf.
Hier findest du weitere Informationen über Echolalie bei autistischen Kindern.
Theory of Mind
Ein Tisch ist immer ein Tisch, egal wer ihn benennt. Der Hund ist immer der Hund, Jonas ist immer Jonas. Ich
ist aber nicht immer die gleiche Person: Wenn die Mutter ich
sagt, ist es die Mutter, wenn der Opa ich
sagt, ist es der Opa.
Der Vater sagt wir
, wenn er von sich und der Mutter spricht. Oder, je nach Kontext, von sich und seinem Bruder, von der Firma oder etwas ganz anderem.
Die Personalpronomen haben keine konstante Bedeutung, sondern ihre Bedeutung hängt vom Kontext ab, speziell: von der sprechenden Person.
Für Kinder, die die Sprache erst lernen, kann das verwirrend sein.
Und es ist bekannt, dass autistische Kinder Schwierigkeiten mit den pragmatischen Aspekten der Sprache haben, das heißt jene Aspekte der Sprache, die sich erst aus dem Kontext ergeben.
In der Linguistik sagt man: Pronomen sind deiktisch. Das heißt: Sie zeigen auf etwas. Andere deiktische Wörter sind zum Beispiel »hier« und »da«.
Wenn ich in diesem Moment »hier« sage, meine ich vielleicht meinen Arbeitsplatz, oder meine Wohnung, oder meine Stadt. Wenn ich aber im Urlaub bin, kann »hier« irgendwo in Frankreich sein. Auch »da« kann je nach Kontext unterschiedliches bezeichnen.
Verwechseln autistische Kinder also auch hier
und da
? Studien haben gezeigt, dass das im Allgemeinen nicht der Fall ist – nämlich dann nicht, wenn das Kind von seinem eigenen hier
ausgeht. Wenn eine andere Person woanders ist und von diesem Ort aus ein hier
und da
benennt, haben Kinder im Autismus-Spektrum manchmal Schwierigkeiten zu sagen, welcher Ort damit gemeint ist.
Für autistische Kinder scheint es manchmal schwierig zu sein, die Perspektive anderer einzunehmen (Theory of Mind). Diese Theorie ist nicht unumstritten und auf jeden Fall nicht so eindimensional, wie sie oft dargestellt wird.
Dennoch kann das ein Aspekt sein, der bei der Pronomenumkehr eine Rolle spielen kann. Es gibt Hinweise, dass die Umkehr von Pronomen häufig bei Kindern vorkommt, deren sprachliche Entwicklung weiter ist als ihre sozialen Fähigkeiten.
Die Bedeutung der Pronomen erschließen
Die Pronomenumkehr kann aber auch ein Problem der Sprachentwicklung sein – wenn das Kind die Bedeutung der Pronomen nicht versteht.
Wenn ein Kind die Pronomen »ich«
und »du«
durchgehend falsch verwendet, deutet das darauf hin, dass es die Bedeutung der Pronomen noch nicht durchschaut hat.
Das kann zum Beispiel bei Einzelkindern passieren, deren prägende Erfahrungen mit Sprache sich anfangs im Wesentlichen darauf beschränken, dass ihre Eltern direkt mit ihnen sprechen. Da kann es manchmal passieren, dass das Kind annimmt, »du
« sei eine alternative Bezeichnung für das Kind selbst, genauso wie der Name.
Alle Kinder können Sprache nur aus dem erschließen, was sie hören.
Diese Kinder verwenden die Pronomen oft konsequent falsch, bis es eines Tages klick macht. Und von da an verwenden sie die Pronomen plötzlich richtig.
Warum kehren manche Kinder die Pronomen manchmal um und manchmal nicht?
Auch Kinder, die die Bedeutung der Pronomen eigentlich verstehen, verwenden sie manchmal falsch. Es ist eine Sache, die Pronomen korrekt zu verwenden, wenn man ruhig und entspannt ist, und über ein vertrautes Thema redet.
Es kann anders aussehen, wenn man aufgeregt oder abgelenkt ist und über etwas Neues spricht. Solange der Gebrauch der Pronomen noch nicht automatisch ist, kommt es vor, dass das Kind das Pronomen verwendet, das ihm gerade in den Sinn kommt, und manchmal ist es das richtige, manchmal auch nicht.
Was kann man tun, um dem Kind zu helfen, die Pronomen richtig zu verwenden?
Mit dem Kind sprechen. Es hilft am meisten, wenn das Kind viel Sprachpraxis bekommt.
In Eins-zu-Eins-Gesprächen zwischen dem Kind und einer weiteren Person (zum Beispiel der Mutter) ist es für das Kind schwierig, die Bedeutung der Pronomen zu erschließen.
Die Mutter wird von sich als »ich«
sprechen, und das Kind mit »du
« ansprechen. Woher soll das Kind wissen, dass es das selbst genau umgekehrt machen soll?
Damit das Kind verstehen kann, was die Wörter ich
und du
bedeuten, braucht es mehr als zwei Personen. Wenn Kinder zuhören, wie andere Menschen sich unterhalten. Dann können sie erkennen, dass dieselbe Person manchmal ich
und manchmal du
ist, und die Regeln ihrer inneren Grammatik entsprechend anpassen.
Geschwister können gute Vorbilder sein. Eltern-Kind-Gruppen sind für die Kleinen eine tolle Sache, nicht nur für den Spracherwerb. Auch im Kindergarten kann das Kind sich abgucken, wie andere Kinder und Erwachsene Sprache verwenden.
Es kann sinnvoll sein, solche sprachlichen Situationen bewusst in den Alltag einzubauen. Zum Beispiel: »Wer will noch Saft?
« oder »Wer ist als Nächstes dran?
« Wenn die Geschwister rufen »ich!
», kann das autistische Kind sich daran orientieren.
Oder man setzt sich in der Familie oder im Freundeskreis zusammen und stellt einander Fragen:
- »
Magst du lieber Katzen oder Hunde?
» - »
Ich mag lieber Katzen.
» - »
Was ist dein Lieblingsessen?
» - usw.
Dabei sollten zumindest die nicht-autistischen Gesprächsteilnehmenden (sofern sie aufgrund ihres sprachlichen Entwicklungsstands dazu in der Lage sind) darauf achten, in vollständigen Sätzen zu antworten (»Ich mag Katzen lieber.«
, sonst gibt es bezüglich Pronomen keinen Lerneffekt. Dem autistischen Kind (und anderen Kindern, die noch sprachliche Schwierigkeiten haben) kann man auch verkürzte Antworten zugestehen – zum Beispiel »Katzen
». Man lernt ja auch durch das Hören.
Ob man falsche Antworten korrigiert, muss man selbst entscheiden. Die Forschung über den kindlichen Spracherwerb hat herausgefunden, dass Kinder durch Korrekturen nicht schneller lernen. Korrekturen können aber entmutigend wirken und dazu führen, dass Kinder sich aus dem Gespräch zurückziehen.
Zur Erinnerung: Ziel ist es, dass das Kind viel Sprachpraxis bekommt und die Pronomen in unterschiedlichen Kontexten hört. Man sollte keine sofortige Änderung der Sprechweise erwarten, sondern dem Kind die Zeit geben, die es braucht.
Wichtig ist auch, dass das Gespräch für das Kind relevant ist, entweder inhaltlich oder auf einer Beziehungsebene (›Alle sitzen auf dem Sofa und unterhalten sich, ich will dabei sein‹).
Wenn sich die Eltern über die Steuererklärung unterhalten, wird das Kind schnell das Interesse verlieren. Das gleiche Problem entsteht, wenn man nur Sprachübungen macht, die keinen Bezug zum Alltag haben und an deren Antworten eigentlich niemand Interesse hat.
Manchen Kindern hilft visuelle Unterstützung, zum Beispiel in Form von Bildkarten oder eines Puppentheaters. Älteren Kindern, die schon lesen können, können auch Comics helfen, um dem Rätsel von »ich« und »du« auf die Spur zu kommen.
Last not least: Man sollte das Ganze nicht dramatisieren – die meisten Kinder finden irgendwann heraus, was die Pronomen bedeuten. Wenn Kinder merken, dass ihre Eltern, Lehrpersonen oder andere Leute sehr empfindlich auf ihre Verwendung der Pronomen reagieren und sich stark auf dieses Thema fokussieren, kann das eher dazu führen, dass das Kind Personalpronomen zu meiden beginnt. Dadurch wird es die richtige Verwendung der Pronomen aber auch nicht lernen.
Hilf deinem Kind, den Spaß an Sprache und Kommunikation zu entdecken.
Quellen und Studien
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- Bartak, L., & Rutter, M. (1974). The use of personal pronouns by autistic children. Journal of Autism and Childhood Schizophrenia, 4(3), 217-222.
- Naigles, L. R., Cheng, M., Rattanasone, N. X., Tek, S., Khetrapal, N., Fein, D., & Demuth, K. (2016).
You’re telling me!
The prevalence and predictors of pronoun reversals in children with autism spectrum disorders and typical development. Research in autism spectrum disorders, 27, 11-20. - Lee, A., Hobson, R. P., & Chiat, S. (1994). I, you, me, and autism: An experimental study. Journal of autism and developmental disorders, 24(2), 155-176.
- Charney, R. (1980). Pronoun errors in autistic children: Support for a social explanation. International Journal of Language & Communication Disorders, 15(1), 39-43.
- Evans, K. E., & Demuth, K. (2012). Individual differences in pronoun reversal: Evidence from two longitudinal case studies. Journal of child language, 39(1), 162-191.
- Wilkinson, K. M. (1998). Profiles of language and communication skills in autism. Mental Retardation and Developmental Disabilities Research Reviews, 4(2), 73-79.
Zuletzt bearbeitet am 04.06.2026.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.
