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Autismus verstehen: Das Problem mit Schulen

Mike Stanton

Autismus verstehen: Das Problem mit SchulenVor zwanzig Jahren unterrichtete ich eine Klasse, Länge bis auf Zentimeter zu schätzen und zur Kontrolle ihrer Einschätzung nachzumessen. Jake brach beinahe in Tränen aus, weil alle seine Antworten falsch waren… um einen oder zwei Zentimeter! Später, in einer Rechtschreibstunde, dachte ich, ich würde sie etwas lebhafter machen durch einige “unartige” Wörter, die alle phonetischen Regeln brachen. Jake war untröstlich. Wörter, die die Regeln brachen? Wie konnte das passieren?

Ich unterrichtete weiter an einer Sonderschule und vergaß Jake. Dann, fünf Jahre später, wurde mir nahegelegt, dass mein zehnjähriger Sohn vielleicht Autismus haben könnte. Ich wusste, dass er ein Perfektionist war, der Dinge sehr wörtlich nahm, von Regeln besessen war und zu Wutausbrüchen neigte. Aber Autismus? Ich hatte Kinder mit Autismus unterrichtet. Viele von ihnen konnten nicht sprechen. Sie wedelten mit den Händen und schaukelten vor sich hin. Sie schenkten anderen Leuten wenig Beachtung. Matthew war zu aufgeweckt, zu gesellig, um autistisch zu sein. Jedenfalls dachte ich das. Ich erinnerte mich an Jake. Ich fing an zu lesen. Ich entdeckte, dass diese Kinder immer unter uns waren, aber erst vor kurzem entdeckt wurden. Jetzt haben wir einen Namen für ihr Naturell: Asperger-Syndrom.

Das Problem mit Schulen

Unser Bildungssystem ist nicht dafür gerüstet, den Bedürfnissen von Kindern mit Asperger-Syndrom gerecht zu werden. Es hat neurologische Gründe und ist keine temporäre psychische Störung. Menschen mit Asperger-Syndrom haben Gehirne, die anders verdrahtet sind.

Man kann nicht das heilpädagogische Modell verwenden, um Autismus „wegzutherapieren“ und dann die Unterstützung zu entziehen, genausowenig, wie man einem Schüler eine Brille geben kann, um sie dann wieder abzunehmen, weil er jetzt sehen kann. Man muss ihrem Autismus entgegenkommen, wenn diese Kinder wirkliche Inklusion erleben sollen. Das ist einfacher gesagt als getan. Die Kultur der Leistungstabellen, der öffentlichen Bloßstellung und der Belohnung nach Resultat sind ungünstig für die Schaffung einer autismusfreundlichen Kultur. Wir haben einen Minister, der sagt, dass er für Inklusion ist. Aber Inklusion wird schnell zu Exklusion, wenn man darauf besteht, dass quadratische Pflöcke in runde Löcher passen sollen, statt die Bestimmungen so zu gestalten, dass sie den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht werden.

Das ist der Grund, warum sich so viele Eltern von Kindern mit Asperger-Syndrom jetzt entscheiden, ihre Kinder zuhause zu unterrichten. Selbst wenn sie in der Grundschule günstige Erfahrungen machen, erweist sich der Übergang zur weiterführenden Schule, der mit dem Trauma der Pubertät zusammenfällt, für viele Kinder als Überforderung. Mein eigener Sohn bekam Schulangst und brachte nur drei Semester in seinen ersten drei Jahre in der weiterführenden Schule fertig.

Was sind die praktischen Folgerungen daraus?

Lehrkräfte stehen schon unter großem Druck und ich will sie nicht noch mehr belasten. Aber es gibt ein paar Dinge, die wir alle tun können und die das Leben einfacher machen werden für unsere autistischen Schüler_innen und uns selbst.

1) Denke daran, dass fähige Schüler_innen mit Autismus in Regelschulen immer noch viel Hilfe und Unterstützung benötigen. Die Wirkungen ihres Autismus mögen subtil sein, aber sie sind weitreichend. Mein eigener Sohn fand alle Tests und Prüfungen traumatisch. Wir sagten ihm, er solle sich keine Sorgen machen und einfach sein Bestes geben. Für Matthew bedeutete “sein Bestes” 100%. Indem wir versuchten, ihm zu helfen, hatten wir es nur schlimmer gemacht. Menschen mit Asperger-Syndrom haben oft Probleme, verbale Anweisungen zu verstehen. Sich zu wiederholen hilft kaum, es vergrößert nur die sensorische Überreizung und Verwirrung, die sie fühlen. Schriftliche Anweisungen für die Hausaufgaben und Projektarbeiten nach Hause zu schicken, würde diese Probleme sehr erleichtern.

2) Das größte besondere Problem in der Schule, von dem Menschen mit Asperger-Syndrom berichten, ist Mobbing und Hänseln. Sie kommen ohne Unterstützung vielleicht nicht einmal mit normalen Interaktionen einer Gruppe von Gleichaltrigen zurecht. Üblicherweise findet schulische Unterstützung im Klassenzimmer statt, aber diese Kinder sind besonders schutzlos in den Gängen, in der Mensa und im Pausenhof. Mein eigener Sohn musste geflüsterten Spott wie “Psycho” und “Schizo” erleiden. Er wurde gestoßen und auf dem Kopf geklatscht. Mädchen flirteten mit ihm. Wenn er antwortete, wurde er grausam vor den Kopf gestoßen. Wenn er sie ignorierte, wurde er der “Schwuli”.

Das ist eine Frage der Chancengleichheit. Kinder mit Asperger-Syndrom können ihre Behinderung nicht verstecken. Und sie sollten es auch nicht müssen. Schüler_innen in einem Rollstuhl oder mit einem Blindenstock wird Schutz gewährt und anderen Schüler_innen werden ihre Rechte als behinderte Menschen bewusst gemacht. Viel zu oft wird von der Person mit Asperger-Syndrom erwartet, ihr Verhalten anzupassen, um Mobbing vorzubeugen. Wir geben dem Opfer die Schuld.

3) Ein anderes Problem ist unsere Einstellung. Wir sollten versuchen, die Welt aus der Sichtweise der Schüler_innen zu verstehen. Sie mögen als störend oder faul oder halsstarrig herüberkommen, wenn sie sich in Wirklichkeit mit unserem Unvermögen, sie zu verstehen, abmühen. Zu oft kommt die Schüler_in mit einem Problem zu uns und unsere Antwort läuft auf Folgendes hinaus:

“Das ist nur ein Problem, weil du Asperger-Syndrom hast. Versuche, weniger autistisch zu sein und das Problem wird verschwinden.”

Weil Kinder mit Asperger-Syndrom dazu neigen, logische Denker_innen zu sein, ist der Versuch verlockend, Logik zu benutzen, um sie aus ihrem Autismus herauszudiskutieren. Ich weiß das. Ich hab das mit meinem Sohn versucht. Glaubt mir. Es funktioniert so nicht!

Die Zukunft

Gibt es irgendwelche Gründe zur Heiterkeit? Nun, wir Eltern von Kindern mit Asperger-Syndrom kennen uns aus und wollen helfen. Manchmal werden wir als penibel oder überfürsorglich abgewiesen. Ein Grund, warum ich mein Buch geschrieben habe, war, damit Fachkräfte mir zuhören. Es hat funktioniert! Ich wünschte, sie hätten das vor drei Jahren getan, als Matthew vor Angst nicht mehr aus dem Haus ging. Die Kindheit sollte keine Angstzeit sein. Aber für Kinder mit Asperger-Syndrom gibt es vieles zu fürchten.

  • Angst zu versagen
  • Angst, dumm zu wirken
  • Angst vor Kritik
  • Angst vor Mobbing

Und die ganze Zeit über wirkt der Druck zum angepassten Verhalten, ausgehend von wohlmeinenden Leuten, die denken, sie wüssten es am besten. Aber mit Autismus zu leben lernen, ist keine Einbahnstraße. Wir müssen vieles lernen von Menschen mit Asperger-Syndrom. Wie Matthew einmal sagte:

“Meine Lehrer denken, sie wüssten mehr über Autismus als ich, weil sie einen Kurs dazu besucht haben. Aber ich bin schon mein ganzes Leben lang autistisch!”

Das Buch von Mike Stanton:

Copyright Mike Stanton.
Original: Understanding Autism.

Eine leicht bearbeitete Version dieses Artikels erschien erstmals in “The Teacher”, Zeitschrift der National Union of Teachers. Dezember 2000.

Gekürzte Übersetzung. Aus dem Englischen von Colin Müller.

Hinweis: Artikel einzelner Autor_innen spiegeln nicht zwingend die Meinung von Autismus-Kultur wieder. Bitte denkt selbst immer nach!

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