Ich hatte Bedenken, über dieses Thema zu schreiben. Weil Leute, die die Suche nach einer Heilung von Autismus befürworten, oft Dinge wie Pica und das Schmieren von Fäkalien als Grund nennen, warum diese Heilung notwendig wäre. Und sie lassen es so klingen, als ob alle autistischen Menschen nichts besseres zu tun hätten, als ihren Kot irgendwo hinzuschmieren. Autist*innen finden das verständlicherweise beleidigend.
Aber vielleicht ist es gerade deshalb wichtig, darüber zu schreiben – sachlich und aus autistischen Perspektiven.
Denn das Schmieren von Fäkalien ist zwar selten, wenn es aber jemand tut, ist es für Eltern und andere Betreuungspersonen sehr belastend. Und es kann ein Hinweis auf Probleme oder Bedürfnisse der autistischen Person sein, die diese anders nicht ausdrücken kann. Deshalb finde ich es wichtig, hier darüber zu schreiben.
Auf keinen Fall aber sollte man denken, dass das bei Autisten eben so ist
. Dieses Verhalten hat Gründe und man kann es minimieren, eliminieren und weitere Episoden vermeiden.
Die gute Nachricht ist, dass es vieles gibt, was man dagegen tun kann.
Auf dieser Seite:
Was ist das Schmieren von Fäkalien?
Was ich hier Schmieren
nenne, umfasst ganz unterschiedliche Verhaltensweisen, zum Beispiel:
- Kot in den Händen rollen, dann verstecken
- Kot aus der Toilette nehmen, um damit zu spielen oder ihn irgendwo hin zu schmieren
- in die Windel greifen, wenn sie voll ist
- sich in der Schultoilette ausziehen, sich mit Kot beschmieren, dann wieder anziehen und zurück in den Unterricht gehen
- Kot im Zusammenhang mit Masturbation verwenden (oder in Zusammenhang mit Formen von Stimming, die wie Masturbation aussehen können)
Ist das häufig?
Ich habe nach belastbaren Zahlen gesucht, wie häufig oder selten dieses Verhalten unter autistischen Menschen vorkommt, und habe keine gefunden. Wahrscheinlich ist es eher selten.
Eine Ausnahme sind vielleicht Kleinkinder. Aber es ist auch bei neurologisch typischen Kleinkindern nicht unüblich, dass sie ihr Kaka erforschen wollen, es redet nur niemand darüber.
Temple Grandin, heute Dozentin an der Colorado State University, ist eine von wenigen autistischen Menschen, die öffentlich sagen, dass sie früher ihren Kot verschmiert haben:
Mit meinen ständigen Wutanfällen und einer Neigung dazu, meine Fäkalien zu verschmieren, war ich eine schreckliche Zweijährige.
Temple Grandin
Mögliche Gründe
Es kann verschiedene Gründe geben, warum eine autistische Person ihren Kot verschmiert, zum Beispiel:
Gesundheitliche Probleme
Manchmal können Magen-Darm-Probleme oder Krankheiten im Intimbereich dazu führen, dass die Person sich in diesem Bereich kratzt und auch gräbt
. Dazu zählen zum Beispiel
- Unwohlsein oder Schmerzen,
- Verstopfung,
- Hämorrhoiden,
- Mastdarmvorfall,
- Infektionen und Entzündungen im Afterbereich.
Sensorische Gründe
- kein Toilettenpapier verwenden wollen, weil es zu rauh ist;
- Suche nach der sensorischen Empfindung, die damit verbunden ist: Einige autistische Kinder schmieren Kot wegen der damit verbundenen sensorischen Reize (dem Anblick, dem Geruch oder der Konsistenz).
- Hyposensitive Kinder spüren oft nicht, dass sie müssen, und spüren manchmal auch ihren Stuhlgang nicht. Vielleicht fasst ein Kind sich in die volle Windel, um sich zu versichern, dass es sein Geschäft gemacht hat und es dort angekommen ist, wo es hin soll.
Psychologische Gründe
Donna Williams weist darauf hin, dass das Schmieren von Kot viele reale Bedürfnisse erfüllen kann, die von Bezugspersonen, Pflegekräften und Ärzt*innen oft übersehen werden:
- Es bietet ein Gefühl der Kontrolle über den eigenen Körper und die Umwelt, wenn andere Lebensbereiche außer Kontrolle geraten sind.
- Es bietet ein Gefühl der Eigenverantwortung für das eigene Handeln.
- Es drückt Gefühle von Wut, Frustration, Hilflosigkeit und Ohnmacht aus.
- Es verhindert unerwünschte soziale Interaktionen.
- Es kann mit anderen beruhigenden emotionalen Erfahrungen in Verbindung gebracht werden.
- Es kann Teil eines persönlichen Rituals sein, das Trost spendet.
Psychiatrische Gründe
Psychologen stellen fest, dass das Schmieren von Fäkalien auftritt bei Personen mit einer Vorgeschichte von
- Zwangsstörungen,
- Angststörungen,
- Schizophrenie,
- Depression,
- bipolarer Störung,
- posttraumatischem Stress, insbesondere Traumata im Zusammenhang mit sexueller Gewalt.
Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren, schmieren sich manchmal mit ihrem Kot an, um sich für den Täter unattraktiv zu machen. Das ist bei autistischen Kindern sicherlich nicht der häufigste Grund, aber ich finde es wichtig, auch in diese Richtung zu denken. Eine Studie hat gezeigt, dass autistische Mädchen ein deutlich höheres Risiko haben, sexuelle Gewalt zu erleben.
Weitere Gründe
- Suche nach Aufmerksamkeit/nach einer Reaktion
- die Person weiß nicht, wo der Kot hin muss
- Angst vor Toiletten
- Probleme rund ums Sauberwerden (
Toilettentraining
)
Was du tun kannst
Es gibt verschiedene Ansätze, was man gegen das Verhalten tun kann. Welcher geeignet ist, hängt wesentlich davon ab, was der Grund dafür ist – und leider ist das oft nicht klar. Du wirst deshalb wahrscheinlich mehrere Dinge ausprobieren müssen.
Hier sind ein paar Möglichkeiten:
- Vereinbare einen Arzttermin, um sicherzugehen, dass es keine körperlichen Gründe gibt, wie zum Beispiel Schmerzen.
- Wenn Toilettenpapier ein Problem ist, biete feuchte Tücher an.
- Bringe dem Kind den Wischvorgang bei (am besten
Hand über Hand
, das heißt, du legst deine Hand auf seine Hand legen, während es sich den Hintern abwischt). - Wenn das Kind die sensorische Erfahrung sucht, biete ihm eine Alternative mit ähnlicher Konsistenz an, zum Beispiel Ton, Pappmaché,
Zaubersand
, Fingermalfarben, Rasierschaum, Spielteig oder echter Teig. Wenn es um den Geruch geht, kannst du stark riechenden Käse, essentielle Öle, duftende Lotionen oder Gewürze versuchen. Wahrscheinlich musst du mehrere Dinge ausprobieren, also mach dir keine Sorgen, wenn das erste, was du versuchst, nicht funktioniert. - Biete alternative Aktivitäten zu Zeiten an, in denen das Schmieren üblicherweise stattfindet.
- Erstelle einen Tagesplan, der die Zeiten anzeigt, zu denen die Person geeignetes Material bekommt, mit dem sie herumschmieren darf.
- Richte eine Toilettenroutine ein.
- Zieh deinem Kind Kleidung an, die es alleine nicht ausziehen kann, um das Schmieren zu verhindern. Zum Beispiel
- ein Overall, der verkehrt herum angezogen wird, oder
- ein einteiliger Schlafanzug mit einem Reißverschluss hinten
Das ist nur eine temporäre Lösung, weil das Kind dann nicht mehr allein aufs Klo gehen kann. Es kann aber eine hilfreiche Maßnahme sein, während man andere Lösungen sucht.
- Achte auf Anzeichen, dass dein Kind sein Geschäft verrichten will. Windelkinder verziehen sich oft in eine Ecke oder hinter einen Stuhl, ziehen Grimassen oder sitzen ganz still. Wenn du ihre Windel schnell wechselst, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie hineinfassen.
- Social Stories können helfen zu verstehen, welcher Umgang mit Ausscheidungen erwartet wird.
- Manchmal kann Langeweile ein Grund sein, zum Beispiel nachts, wenn alle anderen schlafen. Du kannst eine Kiste mit Spielzeug oder anderem Material bereitstellen, mit dem die Person sich beschäftigen kann, falls sie aufwacht.
- Wenn du den Eindruck hast, dass es deinem Kind nicht gut geht, überlege, was mögliche Gründe sein könnten. Unter Umständen kann eine psychologische Beratung oder Therapie helfen.
Wie sollte man reagieren?
Ist es möglich, dass die Reaktion, die die Person bekommt, wenn sie Kot schmiert, das Verhalten verstärkt? Manche Kinder finden es spannend, wenn sie viel Aufmerksamkeit bekommen und viel Wirbel um sie gemacht wird. Es kann helfen, sich in einem Verhaltenstagebuch Notizen darüber zu machen, welche Reaktionen das Kind erfährt.
Wenn du vermutest, dass die Aufmerksamkeit das Verhalten verstärkt:
- Vermeide es, von der Person zu verlangen, nach sich selbst aufzuräumen.
- Vermeide es, sie auszuschimpfen.
- Zeige minimale Interaktion rund das Schmieren. Vermeide es, zu viel Aufmerksamkeit oder zu viel Reaktion zu zeigen.
Deine Reaktion sollte so gering ausfallen wie möglich – sie sollte weder positiv noch negativ sein. Mir ist klar, dass es schwierig sein kann, sich in einer solchen Situation nicht aufzuregen.
Aufputzen
Ja, da ist das Aufputzen. Auch hier gilt: Zeige möglichst keine emotionale Reaktion.
Im Internet findet man manchmal den Ratschlag, das Kind dazu zu bringen, entweder komplett selbst sauberzumachen oder zumindest zu helfen. Ich bin mit dieser Empfehlung aus mehreren Gründen nicht einverstanden:
- Es hat sich aber gezeigt, dass das in den allermeisten Fällen nicht dazu führt, dass das Verhalten aufhört.
- Der Ratschlag basiert auf der fehlgeleiteten Annahme, dass das Kind die Eltern mit seinem Verhalten ärgern will.
- Die Maßnahme führt zwar dazu, dass der Elternteil sich besser fühlt, das Kind bekommt aber dessen Reaktion (seinen Schock, seine negativen Gefühle dem Kind gegenüber) mit und das hat Auswirkungen auf das Kind: Es wird entweder den Schmerz, den das Kind fühlt, verstärken und es davon abhalten, seinen Schmerz auszudrücken, oder es wird dem Kind zeigen, wie mächtig und aufmerksamkeitsstark es ist, seinen Kot zu schmieren.
Versuche, dein Gesicht neutral zu halten, suche keinen Blickkontakt und sprich nicht mit dem Kind, während Sie das Kind und die Wände reinigen. Gib keine Kommentare zum Schmieren ab und lass das Kind nicht hören, wie du über das Kot Schmieren redest.
- Konzentriere dich vor dem Putzen auf deine Atmung: atme gleichmäßig tief durch, um dich zu beruhigen.
- Mach sauber, ohne dabei viel zu sprechen.
- Wenn du Frust ablassen musst, geh dazu irgendwo anders hin. Stelle sicher, dass die Person dabei nicht anwesend ist.
- Putze möglichst, wenn die Person nicht da ist, damit sie deine Reaktionen auf die Reinigung nicht sehen oder hören kann.
Genauso wichtig ist es aber, nicht versehentlich eine Belohnung anzubieten, wie zum Beispiel das Kind vor dem Fernseher oder eine Spielkonsole zu setzen, ihm Schokolade oder ähnliches zu geben, während man aufräumt, weil das wiederum als Belohnung für das Schmieren empfunden werden kann – was das Verhalten verstärken kann.
Diese Vorschläge sind nicht absolut – manchmal funktioniert auch das Gegenteil: Verlange von dem Kind, dass es beim Aufputzen hilft.
Verhaltenstagebuch
Ein Verhaltenstagebuch kann dir Hinweise darauf geben, wodurch das Verhalten ausgelöst wird, und was man tun kann, um es zu beenden.
In das Tagebuch schreibst du hinein, was das Kind getan hat, bevor es geschmiert hat, und wieder, was es danach getan hat. Dadurch kannst du nach einiger Zeit Muster entdecken – bestimmte Situationen, in oder nach denen das Problem auftritt. Das Tagebuch kann auch hilfreich sein, wenn man das Problem mit der Kinderärzt*in oder einer Psychotherapeut*in besprechen will.
Einige Familien berichten, dass das Verhalten beispielsweise in reizarmen Zeiten auftritt – zum Beispiel wenn sich die Person nachts allein im dunklen Zimmer befindet und nicht einschlafen kann.
Wie reagierst du auf das Schmieren von Kot? Erreicht das Kind damit etwas, wie zum Beispiel Gesellschaft? Schreib auch das ins Tagebuch. Es ist viel einfacher für eine Fachperson (oder für dich), die Ursache herauszufinden, wenn es ein Tagebuch gibt.
Versuche herauszufinden, was vor dem Kot Schmieren passiert ist und schreibe es auf, denn man vergisst leicht, ob etwas an diesem Tag oder am Tag danach passiert ist.
Denk nach: Hatte das Kind sich schon früher an diesem Tag bemüht, sich auf der Toilette zu erleichtern? Wie beschäftigt war das Kind, bevor die Schmiererei stattfand? War sonst noch jemand da, zum Beispiel ein Geschwisterkind? Wo war das Kind, als es passierte – auf der Toilette? Im Bett?
Darüber reden?
Es gibt leider immer wieder Eltern, die öffentlich im Internet (gern sehr grafisch) erzählen, wie ihr autistisches Kind seinen Kot verschmiert. Diese Geschichten sind Teil eines toxischen Diskurses über Autismus – die Eltern bekommen zwar viel Anteilnahme, aber das autistische Kind wird dehumanisiert und ignoriert (bis auf seinen Kot).
Noch problematischer ist das, wenn die Eltern nicht komplett anonym unterwegs sind (und seien wir ehrlich, selbst Menschen, die anonym in Blogs, Foren oder den sozialen Medien unterwegs sind, geben im Laufe der Jahre oft genug über sich preis, dass man sie identifizieren kann).
Also, wenn ihr darüber redet, dann tut das nicht-öffentlich oder anonym, sachlich und lösungsorientiert – nicht um Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu generieren.
Fazit
Manchmal denkst du vielleicht, dass dein Kind einfach nur schwierig ist oder dich ärgern will. Vielleicht denkt du dir: Er weiß, dass ich es nicht mag, wenn er schmiert, er tut das nur, um mich zu ärgern
.
Ich verstehe, dass es manchmal so aussieht, aber es ist wirklich nicht der Fall.
Dein Kind tut sein Bestes. Es ist nicht absichtlich ungezogen oder versucht, dir Probleme zu machen.
Ich kann nur empfehlen, möglichst sachlich an das Thema heranzugehen und nach möglichen Gründen für das Verhalten zu suchen. Professionelle Unterstützung kann hilfreich sein.
Quellen und Studien
- Ohlsson Gotby, V., Lichtenstein, P., Långström, N., & Pettersson, E. (2018). Childhood neurodevelopmental disorders and risk of coercive sexual victimization in childhood and adolescence–a population‐based prospective twin study. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 59(9), 957-965.
- Williams, D. (2009). Let’s Stop Calling it ‘the Autism’ – Autism and poo smearing.
- Wheeler, M. (2007). Toilet Training for Individuals with Autism Or Other Developmental Issues: A Comprehensive Guide for Parents & Teachers. Future Horizons.
Das Zitat von Temple Grandin ist hier zu finden.
Zuletzt bearbeitet am 26.04.2023.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.
