Glücklich leben im Autismus‑Spektrum

Viele Erwachsene sind autistisch, ohne es zu wissen oder eine Diagnose zu haben. Hier kannst du herausfinden, ob du dazugehörst.

Du fragst dich, ob du autistisch bist. Vielleicht hast du etwas über Autismus gelesen, oder eine Fernsehsendung gesehen, und findest, dass das deine eigenen Erfahrungen beschreibt.

Es ist ziemlich häufig, dass autistische Menschen ohne Autismus-Diagnose durchs Leben gehen. Sie fühlen sich oft irgendwie anders, spüren, dass der Umgang mit anderen Menschen kompliziert ist. Viele lernen, auf ihre eigene Art im Leben zurechtzukommen, auch wenn das oft harte Arbeit ist. Manche sind verheiratet oder leben in einer Partnerschaft, haben Kinder oder eine erfolgreiche Karriere. Andere leben isoliert und haben große Schwierigkeiten im Alltag.

Viele autistische Menschen, die als Erwachsene von Autismus erfahren haben, sagen, dass es ihnen sehr viel bedeutet hat, zu verstehen, warum:

  • warum sie so anders sind
  • warum ihnen manche Sache so schwerfallen
  • warum sie keinen Job behalten
  • warum alles mit Menschen so kompliziert ist
  • warum sie Missverständnisse und blöde Situationen scheinbar magisch anziehen

Als ich erfahren habe, dass ich autistisch bin, hat plötzlich alles Sinn ergeben.

Rica

Wie finde ich heraus, ob ich autistisch bin?

  1. Informationen über Autismus
    Diese Artikel beschreiben Anzeichen von Autismus und könnten interessant für dich sein:

  2. Autobiografien autistischer Menschen
    Du kannst Autobiografien autistischer Menschen lesen und sehen, ob du dich darin wiederfindest.
  3. Online-Test
    Hier auf Autismus-Kultur findest du einen Online-Test, der zwar keine Diagnose stellen kann (kein Online-Test kann das), aber anzeigen kann, ob es wahrscheinlich ist, dass du autistisch bist oder nicht. Der Test wurde wissenschaftlich validiert, ist anonym und kostenlos.
  4. Autistische Menschen treffen
    In Selbsthilfegruppen und anderen Treffen kannst du andere Menschen im Autismus-Spektrum treffen und sehen, ob du Gemeinsamkeiten zwischen euch entdeckst. Der direkte Kontakt kann dir einen anderen Eindruck geben als Symptomlisten im Internet, und der Austausch kann interessant sein. In den meisten Gruppen bist du auch ohne offizielle Diagnose willkommen.
  5. Autismus-Diagnose
    Viele Autismus-Websites würden an dieser Stelle schreiben: Eine sichere Antwort darauf, ob du autistisch bist, kann dir nur eine offizielle Diagnose geben. Ich bin nicht ganz dieser Ansicht.

    Meiner Erfahrung nach sind die Selbstdiagnosen autistischer Menschen erstaunlich korrekt und werden im Allgemeinen von Fachkräften bestätigt.

    Gleichzeitig sind sich die Fachkräfte untereinander nicht einig, wer autistisch ist und wer nicht. Es gibt Menschen, die bekamen von einem Diagnostiker gesagt, sie seien sicher nicht autistisch, von einem anderen bekamen sie eine Autismus-Diagnose.

    Besonders Frauen haben es oft schwer, von Fachkräften als autistisch erkannt zu werden. Sie entsprechen oft nicht dem typischen (männlichen) Autismus-Bild. Manchmal sind sie sehr gut darin, soziales Verhalten zu kopieren und normal zu wirken – unter großer Anstrengung. Sie können trotzdem große Schwierigkeiten im Leben haben, und die fehlende Diagnose kann bedeuten, dass sie keine geeignete Unterstützung bekommen.

    Es gibt keine eindeutige, objektive Art, festzustellen, ob jemand autistisch ist oder nicht. Die Diagnose wird anhand von Verhaltensweisen gestellt; Verhalten ist vielfältig und variabel und die Gründe dafür auch.

    Es ist deine Entscheidung, ob du eine Autismus-Diagnose anstreben willst oder ob du mit einer Selbstdiagnose glücklich bist.

    Wenn du über eine Autismus-Diagnose nachdenkst, interessieren dich vielleicht diese Artikel:

Wie geht es mir damit, (vielleicht) autistisch zu sein?

Sich damit auseinander zu setzen, ob man autistisch ist, kann eine anstrengende und belastende Zeit sein. Man denkt viel über das eigene Leben nach, auch über schmerzhafte Erfahrungen, die man lange lieber verdrängt hat.

Mit dem Wissen um Autismus erscheinen die Erfahrungen in einem neuen Licht; das ganze Leben scheint einer Neuinterpretation zu bedürfen.

Viele autistische Menschen wurden ihr Leben lang nicht so akzeptiert, wie sie sind. Sie wurden ausgegrenzt oder gemobbt, oder erhielten gutgemeinte Ratschläge (Geh doch mal mehr auf andere Leute zu!), Ermahnungen (Sitz nicht immer vor dem Computer!) und düstere Prognosen (Wenn du nicht mal ein Referat halten kannst, findest du nirgends einen Job!).

In der Summe führt das zu einem Gefühl der Unzulänglichkeit und verstärkt die Unsicherheit im Umgang mit anderen Menschen.

Zu wissen, dass man autistisch ist, ist oft eine große Erleichterung: Vielleicht hast du dich dein Leben lang falsch und unzureichend gefühlt, und jetzt weißt du, dass du es nicht bist. Du bist einfach nur autistisch.

Du bist nicht gestört. Du bist ganz normal – nicht gemessen an der Durchschnittsbevölkerung, aber normal für dich. Autistisch zu sein ist normal für autistische Menschen, es ist keine Störung und keine Krankheit.

Dein Gehirn funktioniert einfach anders. Es ist nicht deine Schuld, wenn dir etwas einfach nicht gelingt, egal wie sehr du dich anstrengst. Egal, ob es für andere Menschen ganz einfach ist. Wenn der Gang durch den Supermarkt für dich reizüberflutend ist, dann ist das so. Wenn du lieber ein Buch liest, statt auf eine Party zu gehen, ist das vollkommen in Ordnung.

Wenn alles gut läuft, führt das Wissen um Autismus dazu, dass autistische Menschen sich selbst akzeptieren.

Der Weg dorthin führt oft über Umwege und Hindernisse. Autismus wird fast immer in negativen Begriffen beschrieben, die Diagnosekriterien zählen auf, woran es autistischen Menschen alles mangelt, die Diagnose benennt noch einmal sehr spezifisch, woran es dir mangelt.

Ich kenne Menschen, die haben geweint, als sie ihren Diagnosebrief gelesen haben – obwohl sie sich bereits als autistisch verstanden und das gut fanden. Aber es kann sehr hart sein, in einer offiziellen Diagnose zu lesen, woran es einem alles mangelt.

Manche Menschen fühlen sich davon erst recht verunsichert und trauen sich weniger zu als vorher.

Und nicht alles an Autismus ist toll – Reizüberflutung kann sehr unangenehm und erschöpfend sein. Ich finde es für mich wichtig, auch diese Aspekte von Autismus (und mir selbst) zu akzeptieren.

Ich kann nur empfehlen, dieser Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eigenen Autistisch-Sein Raum zu geben. Und sich Unterstützung zu suchen, wenn man sie braucht.

Wie geht es weiter?

Wenn du gerade von Autismus erfahren hast, nimm dir Zeit, in Ruhe darüber nachzudenken. Triff keine überhasteten Entscheidungen.

Ich kannte mal einen Autisten, der nach seiner Autismus-Diagnose beschloss, Informatik zu studieren, weil Autisten gut darin sind. Autistische Menschen sind aber sehr unterschiedlich und seine Stärken lagen woanders. Menschen, die ihn kannten, versuchten ihm das zu sagen; er zog es vor, aus Erfahrung zu lernen.

Orientiere dein Leben nicht an einem Klischeebild von Autismus. Du bist einzigartig.

Du musst für sich selbst herausfinden,

  • was dir momentan die größten Schwierigkeiten im Leben macht.
  • welche Lösungen du dafür anstrebst.
  • was dir wichtig ist im Leben.
  • was du brauchst, damit es dir gut geht.

Mit einer Autismus-Diagnose hast du Zugang zu bestimmten Formen der Unterstützung. Welche davon für dich geeignet sind, ist deine Entscheidung.

Author: Linus Müller

Linus befasst sich seit 2002 mit Autismus. Er verfasste seine Magisterarbeit zu diesem Thema, arbeitete mehrere Jahre für Autismus-Organisationen und gründete 2007 Autismus-Kultur, mit dem Ziel, aktuelle Forschungsergebnisse und autistische Erfahrungen zusammenzubringen und in verständliche Praxis-Ratgeber zu übersetzen. Linus ist selbst autistisch und Vater.

Zuletzt bearbeitet am 06.03.2019.

ich mit Kind
Linus Müller

Linus befasst sich seit 2002 mit Autismus. Er verfasste seine Magisterarbeit zu diesem Thema, arbeitete mehrere Jahre für Autismus-Organisationen und gründete 2007 Autismus-Kultur, mit dem Ziel, aktuelle Forschungsergebnisse und autistische Erfahrungen zusammenzubringen und in verständliche Praxis-Ratgeber zu übersetzen. Linus ist selbst autistisch und Vater.

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