Veränderungen können für autistische Kinder richtig hart sein.
Was für nicht-autistische Kinder vielleicht nur eine kleine Umstellung ist – ein anderer Weg zur Kita, Oma kommt zu Besuch oder plötzlich ein neuer Lehrer – kann bei ihnen eine echte Lawine auslösen. Das bekannte Muster bricht weg, und mit ihm oft die innere Sicherheit.
Ich habe das bei Kindern oft genug gesehen: diese plötzliche Anspannung, das Zurückziehen, die Tränen oder auch die lauten Proteste. Und jedes Mal wieder merkt man, wie sehr man sich wünscht, man könnte ihnen das ersparen. Oder wenigstens etwas abfedern.
Deshalb geht es in diesem Artikel nicht um irgendwelche perfekten Strategien aus dem Lehrbuch, sondern um echte, praktische Wege, wie wir unsere Kinder auf Veränderungen vorbereiten können. Mit Respekt vor ihrer Art, die Welt zu verarbeiten. Mit Geduld. Und vor allem mit dem Wissen, dass es kein Versagen ist, wenn es trotzdem mal holprig wird.
Es ist mehr wie ein langsames, behutsames Einüben in eine unsichere Welt – statt sie einfach hineinzuwerfen und zu hoffen, dass es schon klappt.
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Informiere dich über die Veränderung
Als Eltern solltet ihr im Vorfeld herausfinden, was mit einer bestimmten Veränderung verbunden ist. Ein Beispiel: Vielleicht weißt du, dass ein Lehrer die Schule deines Kindes verlässt, aber du darüber hinaus hast du keine genauen Informationen erhalten. Ist der Name der neuen Lehrkraft bekannt? Wird sie die selben Fächer unterrichten? Gibt es Änderungen im Stundenplan? Finde heraus, wann genau die Änderungen stattfinden und was damit verbunden ist.
Beschreibe die Veränderung
Wann immer möglich, solltest du dein Kind rechtzeitig darüber informieren, was passieren wird.
Manche Eltern sind versucht, Veränderungen erst so spät wie möglich anzukündigen, weil ihr Kind schon nervös reagiert, wenn sie nur über eine Veränderung sprechen.
Ihr müsst es trotzdem tun.
Autistische Kinder brauchen Zeit, sich auf eine Veränderung einzustellen. Und sie müssen sie sich darauf verlassen können, diese Zeit zu haben, wenn es möglich ist. Du läufst sonst Gefahr, dass dein Kind auch ohne Anlass Ängste entwickelt – es könnte ja wieder aus dem Nichts eine unvorhergesehene Veränderung auftauchen.
- Markiere den Tag der Änderung in einem Kalender und ermutige dein Kind, bis zu diesem Tag herunterzuzählen.
- Plane genug Zeit ein, um mit deinem Kind über die Veränderung zu sprechen. Gib deinem Kind Zeit, das Gesagte zu verarbeiten
- Verwende eine klare Sprache, wenn du die Änderung beschreibst, und beschränke den Gebrauch von Gesten und Mimik.
- Achte darauf, dass deine Aussagen (auch nach autistischen Standards) korrekt sind. Zum Beispiel sind manche Kinder verwirrt oder aufgewühlt, wenn du ihnen sagst, dass eine Geburtstagsfeier um 6 Uhr abends endet und das dann nicht der Fall ist, oder wenn auf dem Plan steht, dass der Arzttermin um 10 Uhr morgens ist, sie jedoch erst gegen 11 Uhr drankommen. Wenn es deinem Kind so geht, kann es hilfreich sein, statt Uhrzeiten Bezugspunkte wie »nach der Schule« oder »nach dem Mittagessen« zu verwenden.
- Auch soziale Lerngeschichten können helfen zu verstehen, was passieren wird.
Verwende visuelle Unterstützung
Visuelle Unterstützung kann dir helfen zu erklären, was passieren wird.
Zeige deinem Kind Fotos eines neuen Ortes (zum Beispiel eines Hotelzimmers), einer Person (zum Beispiel eines neuen Betreuers) oder einer Aktivität (zum Beispiel Schwimmen). Mache ein Fotobuch oder eine Sammlung von Bildern auf dem Tablet, so dass das Kind sie vor und während der Veränderung ansehen kann.
Verwende visuelle Hilfsmittel, um das Ergebnis bestimmter Aktivitäten zu zeigen. Wenn ihr zum Beispiel in Urlaub fahrt, kann es sein, dass das Kind nervös und unwillig wird, wenn du ihm nur ein Foto des Zugs zeigst. Das Kind sieht vielleicht nicht die Relevanz des Zugs. Zeige stattdessen Bilder des gesamten Prozesses, einschließlich eures Reiseziels. Das wird dem Kind helfen, die gesamte Situation besser zu verstehen. Drehe die Bilderserie um, um die Rückreise zu zeigen.
Am Tag der Veränderung oder während eines Urlaubs kann ein visueller Zeitplan nützlich sein, um genau zu erklären, was passieren wird.
Stelle Veränderungen in Tagesplänen dar
- Tagespläne sind eine einfache Möglichkeit, deinem Kind mitzuteilen, was es wann erwartet.
- Veränderungen der üblichen Routine solltest du im Tagesplan markieren, zum Beispiel durch Pfeile, wenn Aktivitäten zeitlich verschoben sind, oder durch ein Symbol für Veränderung.
- Du kannst auch ein Fragezeichen verwenden, wenn noch unklar ist, was zu einer bestimmten Zeit stattfindet.
- Hier findest du mehr zu Tagesplänen.
Besuche an neuen Orten
Wenn die Veränderung einen Ort betrifft, zum Beispiel eine neue Schule oder ein unbekannter Raum für eine Geburtstagsfeier, könnt ihr den Ort vielleicht vorab ansehen. Wählt dazu eine Zeit, zu der dort wenig los ist. Dann kann dein Kind sich mit der Umwelt vertraut machen, ohne von viel Lärm und Menschen überwältigt zu werden.
Wenn das nicht möglich ist, suche im Internet nach Bildern des Ortes.
Beziehe die richtigen Leute ein
Wenn die Veränderung aus einem Schulwechsel oder einen neuen Assistenzdienst besteht ist, sollten Mitarbeitende aus beiden Einrichtungen an den Vorbereitungen beteiligt werden. Die autistische Person muss bei allen Entscheidungen über solche Veränderungen im Mittelpunkt stehen, und das Personal muss wissen, bei welchen Dingen sie Unterstützung braucht, was ihr Angst macht und wie sie kommuniziert.
Strukturiere Übergangszeiten
Die Reihenfolge kann für manche autistische Menschen schwierig sein – das heißt das, was an einem Tag geschehen wird, in eine logische Reihenfolge im Kopf zu bringen. Abstrakte Begriffe wie Zeit sind nicht leicht zu verstehen, und manchen autistischen Menschen fällt es schwer zu warten.
Vielleicht stellst du fest, dass Verhaltensschwierigkeiten eher in den Übergangszeiten zwischen verschiedenen Aktivitäten auftreten. Unstrukturierte Zeit, wie zum Beispiel die Pausenzeiten in der Schule, die oft laut und chaotisch sind, kann schwer zu bewältigen sein.
Du kannst:
- Dem Kind im Voraus sagen, was die Veränderung wahrscheinlich mit sich bringen wird
- einen visuellen Zeitplan zu verwenden, damit das Kind sehen kann, was im Laufe des Tages geschehen wird
- zeigen, wie lange es warten muss, bis eine Aktivität beginnt. Dazu könnt ihr einen Timer, eine Sanduhr oder einen Aufkleber auf dem Zifferblatt einer Uhr verwenden.
- eine Schachtel oder Tasche mit vertrauten, bevorzugten Gegenständen vorbereiten, die das Kind in der neuen Umgebung oder während der Übergangszeit anfassen kann oder daran riechen kann. Auch andere Stimming Toys helfen.
- ein Bild, ein Wort oder ein Symbol für eine Aktivität in eine »Erledigt«-Ablage legen, um zu signalisieren, dass die Aktivität beendet ist.
Sei dir der Ängste bewusst
- Achte auf Anzeichen von Angst und unterstütze das autistische Kind dabei, seine Gefühle auszudrücken.
- Gib ihm die Möglichkeit, Fragen zur anstehenden Veränderung zu stellen.
- Biete ein Sorgenbuch oder einen Kasten an, in den das Kind seine Bedenken schreiben oder zeichnen kann.
- Erkläre die guten Dinge an der Veränderung, zum Beispiel wenn ihr in ein größeres Haus umzieht oder in den Urlaub fahrt.
- Schreibe eine soziale Lerngeschichte, um zu erklären, was das Kind tun kann, wenn es besorgt ist oder Angst hat.
Zuletzt bearbeitet am 04.06.2026.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.
