Autistisch gut leben.

Stimming ist ein Thema, über das wir mit Kindern (oder Erwachsenen) nicht oft sprechen. Wir bringen unseren Kindern bei, dass man den Arm vor die Nase hält, wenn man in der Öffentlichkeit niesen muss. Wenn sie wütend sind, erklären wir ihnen, dass sie auf ein Kissen einschlagen sollen. Wir erklären ihnen, wie sie sich gesund ernähren können. Aber Stimming?

Stimming unterscheidet sich nicht wesentlich davon. Es ist eine natürliche Körperfunktion. Wir müssen mit Stimming umgehen, um mit uns selbst und der Umgebung zurechtzukommen.

Es ist wichtig, die Kinder darüber aufzuklären, warum Stimming vorkommt, was es bedeuten kann und wie man Stimming auf eine gesunde Art und Weise verwendet.

Warum sollten Kinder etwas über Stimming lernen?

Jeder verdient es zu verstehen, wie sein Körper funktioniert, ohne Scham oder Schande. Stell dir die Freude vor, herauszufinden, dass viele Menschen die gleichen Dinge tun wie du, dass es einen Namen und eine Erklärung dafür gibt und dass du endlich Worte hast, mit denen du darüber reden kannst.

Manche Kinder verwenden Stimming auf eine schädliche (selbstverletzende) Art. Viele Kinder haben (ausschließlich) negative Reaktionen auf ihr Stimming erfahren. Sie versuchen oft, es zu verbergen, besonders wenn sie nie etwas über gesunde Methoden des Stimmings gelernt haben.

Wenn Kinder verstehen, dass Stimming für sie notwendig und normal ist, gibt ihnen das auch eine Chance, Kontrolle zu gewinnen über die Art und Weise, wie sie Stimming nutzen. Sie können lernen, dass es unterschiedliche Arten des Stimmings gibt. Das hilft ihnen herauszufinden, wie sie gute Stimming-Entscheidungen für sich selbst treffen können.

Es ist auch wichtig, dass Kinder lernen, dass Stims manchmal Auswirkungen auf andere Menschen haben können. Und dass es andere Möglichkeiten des Stimmings gibt, mit denen man die Bedürfnisse der anderen Menschen, mit denen man Räume teilt, respektiert.

Oft wird (öffentliches) Stimming als seltsam, abnormal oder sozial inakzeptabel betrachtet. Zu lernen, dass alle Menschen Stimming verwenden, und wie und warum sie es tun, schafft Akzeptanz und kann helfen, Mobbing und soziale Ausgrenzung zu verringern.

Ein Mangel an Verständnis und Akzeptanz von Stimming kann auch dazu führen, dass Menschen versuchen, ihr Bedürfnis zu unterdrücken. Dadurch fällt es ihnen möglicherweise schwerer zu lernen oder zu arbeiten. Nicht nur das, es erhöht auch den Stress und die Wahrscheinlichkeit für Overloads, Meltdowns und Shutdowns. Und es ist grausam, eine Person dazu zu bringen, das durchzumachen, wenn es einen Weg gibt, es zu vermeiden.

Kurz gesagt, Stimming zu verstehen ist für diejenigen, die es tun, empowernd und erhöht die Akzeptanz und Unterstützung bei denen, die es nicht tun.

Wer sollte etwas über Stimming lernen?

Alle! Das ist nicht nur ein Thema für Kinder im Autismus-Spektrum, oder für diejenigen, die Stimming (mehr als andere) verwenden.

Über Stimming in einem größeren Zusammenhang zu sprechen, trägt dazu bei, das Bewusstsein und die soziale Akzeptanz für diese ganz natürliche Verhalten zu erhöhen. Das ist unglaublich wichtig für Kinder, die Stimming brauchen, um mit dem stressigen Umfeld der Schule zurechtzukommen, dafür aber oft gemobbt oder ausgegrenzt werden.

Ein weiterer Grund, warum es wichtig ist, mit allen Kindern über Stimming zu sprechen, ist, dass du vielleicht nicht weisst, dass ein Kind Stimming verwendet:

  • Vielleicht verwendet ein Kind Stimming nur, wenn es allein ist.
  • Vielleicht wird sein Stimming fälschlicherweise als Hyperaktivität, Ungezogenheit oder anderes interpretiert.
  • Manche Kinder versuchen, den Drang zum Stimming um jeden Preis zu unterdrücken, um nicht unangenehm aufzufallen. Sie verzichten damit auf eine wichtige Strategie zum Beispiel zur sensorischen Regulierung und werden infolge dessen mehr Stress, Overloads und Meltdowns erfahren.

Warte also nicht, bis du festgestellt hast, dass ein Kind stimmt, bevor du mit ihm darüber sprichst.

Eltern, Lehrerkräfte, Therapeut*innen und einfach alle Menschen sollten über Stimming Bescheid wissen.

Was Kinder über Stimming wissen sollten

Hier sind einige Punkte, über die man mit Kindern sprechen kann, und Vorschläge für mögliche Antworten auf Fragen, die sie vielleicht stellen. Wie du das Gespräch angehst, hängt von vielen Faktoren ab:

  • Wie kommuniziert das Kind, wie lernt es am besten?
  • Verwendet es zur Zeit Stimming?
  • Welche Art von Stimming verwendet es gerne?
  • Entstehen daraus (oder aus der Reaktion darauf) Probleme?

Du musst nicht alles über Stimming wissen, um mit deinem Kind darüber zu sprechen. Stimming ist sehr individuell und ihr könnt es gemeinsam erforschen. Entdeckt zum Beispiel eure eigenen Stims und überlegt, wozu ihr sie verwendet.

Was ist Stimming?

Stimming nennt man sich wiederholende oder ungewöhnliche Bewegungen oder Geräusche, zum Beispiel diese:

  • Hand- und Fingerbewegungen – zum Beispiel Fingerschnipsen und Händeklatschen,
  • ungewöhnliche Körperbewegungen – zum Beispiel Hin- und Herschaukeln im Sitzen oder Stehen,
  • Körperhaltung – zum Beispiel schräg gehaltene Hände oder Finger oder ein gekrümmter Rücken im Sitzen,
  • visuelle Stimulation – zum Beispiel einen sich drehenden Gegenstand zu beobachten oder die Finger vor den Augen flattern zu lassen,
  • sich wiederholende Verhaltensweisen – zum Beispiel das Öffnen und Schließen von Türen oder das Umlegen von Schaltern,
  • Gegenstände kauen oder in den Mund nehmen,
  • immer wieder das gleiche Lied oder Geräusch hören.
  • Es gibt noch viele weitere Stims. Autistische Menschen stimmen auf ganz unterschiedliche Weise.

Stimming ist ein normaler, natürlicher biologischer Drang, immer wieder dasselbe zu tun. Manche Menschen brauchen mehr Stimming als andere, aber fast jeder hat manchmal das Bedürfnis nach Stimming.

Warum verwenden Leute Stimming?

Es gibt viele Gründe, warum dein Körper dir das Gefühl gibt, dass du Stimming brauchst:

  • Manche autistische Menschen sind sehr empfindlich gegenüber Sinnesreizen. Stimming kann ihnen dabei helfen, überwältigende sensorische Reize auszublenden. Dadurch können autistische Menschen Reizüberflutung reduzieren, weil das Stimming ihre Aufmerksamkeit auf eine (einzige) Sache lenkt, die vorhersehbar und repetitiv ist.
  • Andere autistische Menschen empfinden sensorische Reize weniger stark als andere Menschen (Hyposensitivität). Für sie kann Stimming die Sinne stimulieren und angenehme sensorische Empfindungen schaffen.Wenn man aufgeregt, nervös oder wütend ist, hat man manchmal eine Menge Energie, die sich aufbaut und die man loslassen muss.
  • Und manchmal möchte dein Körper, dass du neue und interessante Dinge berührst, riechst, schmeckst, hörst oder siehst.
  • Manchmal braucht man Stimming, um besser denken zu können.
  • Stimming kann ein guter Weg sein, um zu zeigen, wie du dich fühlst.
  • Und manchmal fühlt sich dein Körper einfach so an, als wolle er sich bewegen und du weißt vielleicht nicht warum.

Welche Arten von Stims gibt es?

Es gibt viele Möglichkeiten des Stimmings – bestimmt Hunderte! Weil unser Körper verschiedene Dinge braucht, verwendet jeder Stimming auf seine eigene Weise. Manche Menschen klopfen gerne mit den Fingern auf den Tisch, klatschen in die Hände oder drücken die Fingerspitzen zusammen. Andere Leute zwirbeln ihre Haare oder drehen sich im Kreis, schaukeln hin und her, oder klopfen mit dem Fuß auf den Boden. Auch Dinge zu zählen, ein Wort zu sagen oder den selben Song immer wieder zu hören, kann Stimming sein.

Ist Stimming gut oder schlecht?

Stimming ist meistens etwas Gutes. Dafür gibt es viele Gründe:

  • Vielleicht fühlst du dich durch Stimming besser, wenn du gestresst bist.
  • Vielleicht kannst du dich beruhigen, wenn du wütend bist.
  • Vielleicht kannst du anderen Menschen zeigen wie glücklich oder aufgeregt du bist.
  • Stimming kann dir sogar helfen, dich zu konzentrieren und Probleme besser zu lösen.

Manchmal kann Stimming aber schädlich für deinen Körper sein, insbesondere wenn die Handlung Schmerzen oder Verletzungen verursacht. Manchmal können die Leute zu viel stimmen und vergessen, auf sich selbst aufzupassen oder ihre Hausaufgaben zu erledigen.

So wie es schlecht für unseren Körper sein kann, nicht genug Sport zu treiben oder die falschen Lebensmittel zu essen, müssen wir auch sorgfältig mit dem Stimming umgehen.

Manchmal kann Stimming die Menschen um dich herum betreffen. Es kann sie stören oder von dem ablenken, was sie tun – genauso wie dich manchmal Dinge stören, die andere tun. Deshalb ist es wichtig, einige Regeln zu haben, wann bzw. wo Stimming in Ordnung ist und wann nicht.

Wann ist Stimming in Ordnung?

Stimming ist normalerweise in Ordnung, wenn es dich und andere nicht verletzt und nicht davon abhält, etwas zu tun, das man tun muss, wie arbeiten oder lernen.

Außerdem sollte Stimming nicht den persönlichen Raum anderer verletzen. Andere Menschen sind keine Stimming-Toys – es ist nicht in Ordnung, sie ohne ihre Erlaubnis anzufassen.

Was machst du, wenn du zu einem ungeeigneten Zeitpunkt oder an einem ungeeigneten Ort Stimming brauchst?

Wenn du in der Schule oder an einem anderen Ort, an dem andere Menschen sind, Stimming brauchst, kannst du einen Stim wählen, der andere nicht von dem abhält, was sie tun müssen. Möglicherweise kannst du auch an einen anderen Ort gehen, um zu stimmen, zum Beispiel in einen anderen Teil des Klassenzimmers oder nach draußen oder auf dein Zimmer.

Im Idealfall können deine Eltern oder Lehrer*innen dir helfen, verschiedene Stims zu finden, die sich für dich gut anfühlen, und Orte, an denen du sie am besten machen kannst.

Wie reagieren andere Leute auf Stimming?

Ich werde nicht lügen: Manche Menschen lachen oder spotten, wenn sie jemanden beim Stimming sehen. Manche werden ihre Meinung von dir aufgrund deines Stimmings negativ verändern.

Autistische Menschen wählen unterschiedliche Wege, um damit umzugehen. Manche beschränken ihr Stimming auf Situationen, in denen sie unbeobachtet oder von freundlichen Menschen umgeben sind. Manche versuchen bewusst, auf bestimmte (negativ bewertete) Stims zu verzichten und sie durch andere zu ersetzen.

Ich habe zum Beispiel als Kind fast immer ein Buch dabei gehabt und habe auch die selben Bücher wieder und wieder gelesen. Mir hat das Lesen geholfen, Reizüberflutungen zu vermeiden. Dadurch galt ich zwar als Bücherwurm, aber das fand ich nicht schlecht. Ich mochte Bücher ja wirklich. Meine Lesegewohnheiten hatten die selbe Funktion wie Stimming, wurden aber nicht damit in Verbindung gebracht.

Vielleicht hast du auch Angewohnheiten, die eindeutig die Funktionen von Stimming erfüllen, aber von anderen Menschen nicht negativ gewertet werden. Für bestimmte Situationen, zum Beispiel in der Schule, kann das sehr hilfreich sein.

Es gibt auch autistische Menschen, die sich bewusst entscheiden, ihr Stimming öffentlich zu machen und sich nicht darum zu kümmern, was andere darüber denken. (Und natürlich hat nicht jede Autist*in immer die Wahl – manchmal passiert Stimming einfach, und es ist dir gar nicht bewusst.)

Möglicherweise wirst du je nach Situation unterschiedlich damit umgehen.

Wie auch immer du dich entscheidest: Vergiss nie, dass Stimming an sich gut und natürlich ist. Denke wegen des Stimming nie schlecht über dich selbst – und ebenso wenig über andere Menschen, deren Stimming vielleicht auffälliger ist als deines.

Zuletzt bearbeitet am 07.06.2026.

Linus Mueller
Linus Mueller, M.A.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.