Autistisch gut leben.

Hier geht es darum, wie sich Stimming auf das Lernen und die Produktivität auswirkt und welche Arten von Stims geeignet sein können, wenn man sich einem Raum mit anderen Menschen teilt, zum Beispiel im Klassenzimmer oder Büro.

Klassenzimmer, Großraumbüros, Hörsäle und Besprechungsräume können sehr stressige und anstrengende Orte sein. Es gibt viele Sinnesreize durch Menschen, die reden und tippen, Neonlicht, Computerbildschirme, den Geruch von Parfüm, Lufterfrischern und Reinigungsmitteln und unbequeme Stühle.

Die Notwendigkeit, still zu sitzen, kann zusätzlich stressen. Und den ganzen Tag über werden hohe Anforderungen an die kommunikative und soziale Fähigkeiten sowie exekutive Funktionen gestellt.

Es ist also nicht verwunderlich, dass viele autistische Menschen an diesen Orten ein erhöhtes Bedürfnis nach Stimming verspüren. Dass es sich um Räume handelt, die mit anderen Menschen geteilt werden und in denen Aufmerksamkeit, Lernen und Produktivität erwartet werden, macht Stimming leider komplizierter.

Wie wirkt sich Stimming auf Lernen und Produktivität aus?

Stimming kann helfen, sich besser konzentrieren zu können und Ablenkungen auszublenden. Umgekehrt kann es sich negativ auf die Lern- und Konzentrationsfähigkeit einer Person auswirken, wenn sie Stimming unterdrücken muss.

Natürliche Impulse wie den Drang zum Stimming zu kontrollieren, gehört zu den exekutiven Funktionen des Gehirns (zusammen mit Dingen wie Planung, Gedächtnis, Problemlösung und Aufmerksamkeit). Um diese Funktionen auszuführen, muss das Gehirn Informationen und Ressourcen aus verschiedenen Bereichen zusammenführen und eine Reihe verschiedener Verhaltensweisen gleichzeitig im Auge behalten (wie ein kognitiver Supervisor).

Das sind anspruchsvolle Aufgaben für das Gehirn, und es ist anstrengend und schwierig, sie über einen längeren Zeitraum gleichzeitig auszuführen.

Unsere natürlichen Reaktionen zu stoppen, erfordert Konzentration. Je größer das Bedürfnis nach Stimming ist, desto mehr müssen wir uns darauf konzentrieren, es nicht zu tun.

Das reduziert die Gehirnleistung, die uns für andere exekutive Funktionen zur Verfügung steht, zum Beispiel solche, die uns helfen, uns an etwas zu erinnern oder etwas Neues zu lernen.

Kinder brauchen lange, um zu lernen, ihre natürlichen Reaktionen zu kontrollieren. Das fällt den meisten nicht leicht und sie müssen hart daran arbeiten. Manche autistischen Menschen haben besondere Schwierigkeiten mit einigen exekutiven Funktionen, einschließlich der Impulskontrolle.

Wenn man bedenkt, dass Stimming für viele Menschen ein so starkes Bedürfnis ist, kann man sich leicht vorstellen, dass der Versuch, dieses Bedürfnis zu unterdrücken, eine große Belastung für das Gehirn sein kann.

Genauso wie Augenkontakt nicht immer gleichbedeutend mit Aufmerksamkeit ist, führt das Stillsitzen und Unterdrücken von Stimming nicht immer zu einer besseren Konzentration und Fokus auf die Aufgaben.

Tatsächlich kann es die Fähigkeit einer Person, sich zu konzentrieren und eine Aufgabe erfolgreich abzuschließen, erheblich verbessern, wenn sie dieses Bedürfnis nicht unterdrücken muss.

Wenn sich Lehrkräfte über Stimming beschweren

Manche Lehrkräfte sehen es als individuelles Lernziel für ein autistisches Kind, zu lernen, Stimming zu unterdrücken. Der Grund ist meistens, das das Kind lernen soll, sich »normal« zu verhalten.

Nur: Für autistische Kinder ist Stimming normal.

Stimming hat für sie viele Funktionen – es kann zum Beispiel ein Ausdruck positiver Gefühle sein. Eine Reduzierung des Stimmings also nicht immer ein gutes oder gewünschtes Ergebnis.

Stimming kann auch eine Art sein, mit Stress und Reizüberlastung umzugehen – aber der Stress verschwindet nicht, wenn das Kind das Stimming unterdrückt, es hat dann nur weniger Möglichkeiten, damit umzugehen.

Es gibt Situationen, in denen Stimming ein Problem ist, zum Beispiel wenn ein Kind sich damit selbst verletzt, die Privatsphäre anderer verletzt, oder die Art des Stimming dazu führt, dass andere Schüler*innen sich nicht mehr konzentrieren können (z. B. lautes Stimming).

Dann sollte das Ziel darin bestehen, dem Kind dabei zu helfen, akzeptablere Ersatzstimuli zu finden (siehe Vorschläge weiter unten) oder es ihm zu ermöglichen, zu einer geeigneteren Zeit oder an einem geeigneteren Ort dem Stimming nachzugehen.

  • Wenn das Stimulieren zu sozialer Ausgrenzung führt, solltest du nicht nur auf das Stimming abzielen, sondern auch daran arbeiten, die Akzeptanz zu verbessern, indem du die Klasse über Stimming aufklärst.
  • Bestrafe nie jemanden für Stimming oder dafür, dass er ein bestimmtes Stimming wählt. Jemanden für Stimming zu bestrafen, ist so, als würde man jemanden dafür bestrafen, dass er sich wegen einem Juckreiz kratzt.
  • Wenn du merkst, dass die Person sich bemüht, ihre Stimuli zu kontrollieren oder angemessenere Stimuli zu verwenden, kannst du sie ermutigen und unterstützen.

Einige autistische Kinder brauchen vielleicht Pausen, in denen sie »stimmen« dürfen. Der Zugang zu Stimulationspausen muss bedingungslos sein und darf niemals als Belohnung eingesetzt werden.

Wenn die Person ein Bedürfnis nach Stimming hat, sollte man diesem nachkommen, ohne es von der erfolgreichen Erfüllung einer Aufgabe abhängig zu machen.

Das ist ohnehin kontraproduktiv, denn wie wir gerade gesehen haben, erschwert der Versuch, einen Stimulus zu unterdrücken, das Erledigen von Aufgaben. Zu wissen, dass eine Stimulationspause bevorsteht, kann das Einzige sein, was dem Kind hilft, die Unterrichtstunde durchzustehen.

Wenn also Stimulationspausen Teil der Unterstützung des Kindes sind, solltest du dafür sorgen, dass es zuverlässig und bedingungslos Zugang dazu hat.

Wie sollte man in einem gemeinsam genutzten Raum Stimming machen?

Wenn wir einen Arbeitsplatz mit anderen teilen, sind wir dafür verantwortlich, auf Dinge wie persönlichen Freiraum, Hygiene, Lärm, Ablenkungen und alles andere zu achten, was die Fähigkeit der anderen, zu lernen oder ihre Arbeit zu erledigen, unangemessen beeinträchtigen könnte.

Hilfsmittel, die in diese Bereiche eingreifen, sind für die Verwendung in einem Gemeinschaftsraum ungeeignet und müssen durch eine für das Klassenzimmer oder das Büro geeignetere Art von Hilfsmitteln ersetzt werden.

Geeignete Stims für einen gemeinsamen Arbeitsbereich müssen leise, nicht ablenkend und hygienisch sein. Außerdem müssen sie es de stimmenden Person ermöglichen, ihre eigenen Verpflichtungen und Erwartungen in dieser Umgebung zu erfüllen, wie z. B. am Schreibtisch zu sitzen, zu lernen, aufmerksam zu sein, ruhig zu arbeiten, produktiv zu sein und die Arbeit rechtzeitig zu erledigen.

Es geht also nicht darum, das Stimming an diesen Orten zu unterbinden oder gesellschaftsfähig zu machen, sondern darum, dass man Stimming machen kann, ohne die Menschen zu stören, mit denen man den Raum teilt.

Einige Vorschläge für angemessene Arten des Stimming in gemeinsamen Räumen:

  • einen Gymnastikball als Stuhl benutzen
  • 5-minütige Gehpausen machen
  • in der Mittagspause Sport machen
  • ein Schlüsselband anfassen, das an einer Tasche oder Gürtelschlaufe befestigt ist
  • an einem einziehbaren Ausweishalter ziehen
  • einen Song auf Wiederholung hören (mit Kopfhörern)
  • einen Stift zwischen den Fingern kreisen lassen
  • mit Schmuck spielen (es gibt Schmuck, der speziell zum Stimming entworfen wurde)
  • Papier falten oder Origami machen
  • Kritzeln oder detaillierte Notizen machen
  • Büroklammern biegen

Du findest bestimmt weitere Stims, die die anderen nicht ablenken oder stören, aber gleichzeitig auch deine Bedürfnisse erfüllen.

Was andere stört und was nicht, kann unterschiedlich sein. Es kann sein, dass dein bisheriger Arbeitskollege sich nie an deinen Stims gestört hat, der Neue sich aber dadurch nicht konzentrieren kann.

Man sollte versuchen, eine Lösung zu finden, die für alle funktioniert – niemandens Bedürfnisse sind wichtiger als die der anderen.

Zuletzt bearbeitet am 07.06.2026.

Linus Mueller
Linus Mueller, M.A.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.