In meinem Artikel über Stimming habe ich über autistisches Stimming als einen normalen und gesunden Aspekt der autistischen Wesensart geschrieben. Und für viele Autist:innen ist das genug. Aber nicht alle Stims sind gleich.
Manchmal kann Stimming ungesund oder sogar gefährlich sein.
Das ist ein Aspekt, über den in der autistischen Community kaum gesprochen wird, weil wir so gern betonen, wie schön und wichtig Stimming ist. Und das ist es auch – meistens. Aber die dunkle Seite lassen wir manchmal links liegen. Dabei geraten dann diejenigen aus dem Blick, die eine andere Art der Unterstützung bezüglich Stimming brauchen.
Deshalb möchte ich hier auch über die schwierigen Seiten von Stimming sprechen. Denn genau die Menschen, die sich selbst verletzen, brauchen am dringendsten Unterstützung.
Eine häufige Frage, die ich von Leser*innen bekomme, ist, wie man mit ungesundem Stimming umgehen sollte. Diese Frage kommt sowohl von nicht-autistischen Eltern und Bezugspersonen als auch von autistischen Menschen selbst.
Typische Beispiele sind Kinder, die ihren Kopf gegen die Wand schlagen, Jugendliche, die sich in Finger oder Nägel beißen, bis sie bluten, oder Erwachsene, die selbstverletzendes Verhalten wie Schneiden oder Verbrennen zeigen.
Eltern, Betreuungspersonen und autistische Menschen selbst brauchen Werkzeuge, um mit solchen Formen von Stimming umzugehen.
Auf dieser Seite:
Wann wird Stimming problematisch?
In den meisten Fällen ist Stimming etwas Positives: ein hilfreiches, regulierendes Ventil für emotionalen und sensorischen Druck. Aber es gibt Situationen, in denen Stims schädlich werden können — für die Person selbst oder für andere.
Das kann der Fall sein, wenn sie körperlich gefährlich sind, gesundheitsschädlich, stark ablenken, das Lernen behindern oder es erschweren, mit anderen in Kontakt zu treten.
Menschen können sich dabei zum Beispiel selbst gegen den Kopf schlagen, sich beißen, die Haut aufkratzen, an den Haaren ziehen, an der Haut zupfen, sich schneiden oder verbrennen.
Ungesundes Stimming umfasst aber auch Verhaltensweisen, die nicht direkt körperlich schädlich sind, aber indirekt Probleme verursachen — etwa wenn Selbstfürsorge oder wichtige Aufgaben dauerhaft vernachlässigt werden.
Ist gefährliches Stimming typisch für Autismus?
Diese Art von Stimming wird oft ausschließlich mit Autismus oder anderen Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht. Tatsächlich kommt sie aber auch in der Allgemeinbevölkerung vor.
Man kann zum Beispiel an Dinge denken wie extrem scharfes Essen, zu heiß duschen oder einen Marathon laufen — alles Aktivitäten, die schmerzhaft sein können und trotzdem als angenehm erlebt werden, weil sie bestimmte körperliche Reaktionen auslösen.
Bei autistischen Menschen fällt dieses Verhalten oft stärker auf. Zum einen, weil bestimmte Formen von Stimming weniger sozial akzeptiert sind. Zum anderen, weil manche Menschen weniger dazu neigen oder in der Lage sind, ihr Stimming zu verstecken oder anzupassen. Außerdem erleben viele autistische Menschen häufiger intensive Überforderung — und haben dadurch ein größeres Bedürfnis nach solchen Regulationsstrategien.
Warum machen Menschen das?
Ungesundes Stimming entsteht aus den gleichen Gründen wie jedes andere Stimming: zur sensorischen Regulation, zur Entlastung, um Gedanken zu unterbrechen, Emotionen zu regulieren, sich zu beschäftigen, sich selbst zu spüren oder auszudrücken — oder auch, um mit Schmerz umzugehen.
Schauen wir uns zunächst Stimming an, das Schmerzen verursacht. Für viele Menschen ist das schwer nachzuvollziehen: Warum sollte jemand sich freiwillig selbst Schmerzen zufügen?
Wenn man genauer hinschaut, kennt fast jeder abgeschwächte Versionen davon.
Wir beißen die Zähne zusammen, wir pressen die Fäuste, wir drücken die Nägel in die Handflächen. Wir beißen uns auf die Zunge, kneifen uns, halten Spannung aus. All das sind Strategien, bei denen Schmerz genutzt wird, um mit etwas anderem umzugehen.
Vielleicht kennst du auch diese Momente: Du bist extrem gestresst oder überfordert und suchst ganz automatisch nach intensiven Reizen. Ein starker Schluck Alkohol, eine zu heiße Dusche, Druck auf den Körper — solche Dinge können kurzfristig helfen, andere Empfindungen zu überdecken.
Der Grund dafür ist ziemlich simpel: Schmerz ist ein extrem starker Reiz. Unser Nervensystem gewöhnt sich an viele Dinge — Gerüche, Geräusche, Berührungen. Aber an Schmerz gewöhnt es sich nicht so leicht.
Wenn du einen Raum mit starkem Geruch betrittst, nimmst du ihn anfangs intensiv wahr. Nach einer Weile blendet dein Gehirn ihn aus. Das ist kein „sich zusammenreißen“, sondern reine Physiologie.
Bei Schmerz funktioniert das anders. Solange die Ursache da ist, bleibt das Signal präsent — und es drängt sich in den Vordergrund. Schmerz überlagert andere Empfindungen.
Genau das macht ihn einerseits so wichtig: Er schützt uns, warnt uns, zwingt uns hinzuschauen. Andererseits macht ihn das für Menschen mit sensorischer Überlastung auch so „nützlich“ — und gleichzeitig gefährlich.
Die meisten Menschen kommen nie an den Punkt, an dem innere oder sensorische Belastung so stark wird, dass sie sie mit Schmerz überdecken müssen. Für Menschen mit anderen Wahrnehmungs- oder Verarbeitungsmustern kann diese Schwelle aber deutlich schneller erreicht sein.
Deshalb werden schmerzhafte Stims oft genutzt, um andere, schwerer auszuhaltende Zustände zu regulieren. Wer starke emotionale oder sensorische Belastung erlebt, braucht oft schnell eine Form von Kontrolle oder Ablenkung — und zwar eine, die genauso intensiv ist wie das, was gerade überwältigt.
Eine grobe Faustregel ist: Je intensiver oder länger ein Stim ist, desto intensiver ist meist auch das, was damit reguliert werden soll.
Stimming kann ein Schutzraum sein — etwas, das hilft, eine vollständige Überlastung oder einen Meltdown abzufangen. Wiederholte, starke Reize geben dem Körper einen Fokus und können helfen, andere Eindrücke auszublenden. Aber genau hier liegt auch das Risiko: Wenn die Überlastung sehr stark ist, wird oft auch das Stimming entsprechend intensiv — und kann dann ungesund werden.
Weitere Gründe für schädliches Stimming
Es gibt noch andere Faktoren, die dazu beitragen können:
- Die Person merkt nicht, dass das Verhalten schädlich ist.
- Sie kann Intensität oder Dauer nicht gut steuern.
- Sie bekommt nicht genug Rückmeldung vom eigenen Körper und merkt Verletzungen zu spät.
Gerade letzteres betrifft Menschen, die Reize weniger stark wahrnehmen — sie brauchen dann stärkere Reize, um überhaupt etwas zu spüren.
Außerdem können Stims sich im Laufe der Zeit verändern. Dinge, die ursprünglich harmlos waren, können durch Wiederholung problematisch werden.
Ein bisschen wie Wasser, das über lange Zeit einen Stein abträgt: Gelenkprobleme durch Überstreckung, Überlastungsverletzungen, Zahnschäden durch Knirschen, kahle Stellen durch Reiben, abgenutzte Böden durch ständiges Auf- und Abgehen oder auch Probleme mit den Stimmbändern — all das kann sich schleichend entwickeln.
Wie kann man unterstützen?
Der Umgang mit schädlichem Stimming umfasst mehrere Ebenen:
- Die Person vor akuten Schäden schützen
- Das Ausmaß des Problems einschätzen
- Die Ursachen verstehen
- Ursachen reduzieren oder Alternativen finden
Diese Schritte laufen nicht immer in einer festen Reihenfolge. Manchmal passieren sie gleichzeitig, manchmal nacheinander — je nach Situation.
Wichtig: Das gilt sowohl, wenn du jemand anderen unterstützt, als auch, wenn du versuchst, dein eigenes Stimming besser zu regulieren.
Vor Schaden schützen
Wenn unmittelbare Verletzungsgefahr besteht, hat Schutz Priorität.
Dabei ist es ideal, den Stim nicht komplett zu unterdrücken, sondern ihn sicherer zu machen, bis klar ist, warum er passiert und welche Alternativen möglich sind.
Das kann zum Beispiel bedeuten: ein Kissen oder einen Helm beim Kopfstoßen, gekürzte Nägel bei Kratzen oder Zupfen, oder auch ein Ortswechsel.
Auch bei weniger akuten Risiken ist dieser Schritt sinnvoll — nur weniger dringend.
Ausmaß einschätzen
Nicht jedes problematische Stimming ist gleich.
Manches ist sofort gefährlich, anderes wirkt sich erst langfristig aus. Ein Verhalten, das „nur“ im Unterricht stört, braucht andere Lösungen als eines, das zu Verletzungen führt.
Hilfreiche Fragen sind zum Beispiel:
- Wie schnell entsteht Schaden?
- Ist es akut oder eher langfristig?
- Wie schwer sind die Auswirkungen?
- Wie sehr beeinträchtigt es Gesundheit oder Wohlbefinden?
- Welche Auswirkungen hat es auf andere?
Ursachen verstehen
Sehr oft steckt mehr dahinter, als man auf den ersten Blick sieht.
Eine wichtige Frage ist: Gibt es körperliche Ursachen?
Menschen, die sich selbst verletzen, versuchen oft, Schmerz mit Schmerz zu überdecken. Deshalb lohnt es sich, nach möglichen medizinischen Gründen zu suchen — etwa Bauchschmerzen, Harnwegsinfekte, Reflux, Zahnschmerzen, Nebenhöhlenprobleme, Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen oder Krämpfe.
Ein Beispiel: Ein autistischer Jugendlicher begann plötzlich, heftig mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen. Niemand fand zunächst eine Erklärung, und ein Fachmann meinte sogar, das sei „einfach Autismus“. Später stellte sich heraus: Seine Weisheitszähne wuchsen ungünstig und drückten auf einen Nerv. Er hatte starke Schmerzen — und das Kopfstoßen war seine einzige Bewältigungsstrategie.
Weitere mögliche Fragen:
- Gibt es sensorische Über- oder Unterforderung?
- Ist die Umgebung zu viel — oder zu wenig?
- Gibt es Schwierigkeiten mit emotionaler Regulation?
- Spielt Stress, Angst oder Trauma eine Rolle?
- Kann die Person sich aus belastenden Situationen entfernen?
- Kann sie sich mitteilen — und wird ihr zugehört?
- Ist sie überfordert oder unterfordert?
- Hat sie genug Kontrolle über ihren Alltag?
Manchmal entstehen selbstverletzende Stims auch daraus, dass andere Stims dauerhaft unterdrückt werden.
Wenn man sich ständig zurückhält, kann es passieren, dass das Bedürfnis sich irgendwann mit mehr Druck entlädt — und dann eher in schädlicher Form.
Ich kenne mehrere autistische Menschen, die folgende Erfahrung gemacht haben: Wenn sie versuchen, Stimming komplett zu vermeiden, landen sie eher bei Dingen, die ihnen nicht guttun. Wenn sie sich frühzeitig sichere Alternativen erlauben, passiert das deutlich seltener.
Deshalb kann es helfen, sich bewusst zu fragen:
Welche Stims tun mir gut? Und kann ich sie früher einsetzen, bevor es kippt?
Diese Liste ist nicht vollständig. Es gibt viele mögliche Gründe für schädliches Stimming — und oft ist es gar nicht so leicht, sie herauszufinden.
Gerade dann, wenn Kommunikation schwierig ist oder wenn jemand (zum Beispiel durch Alexithymie) selbst nicht genau benennen kann, was los ist, bleiben Ursachen leicht verborgen.
Zuletzt bearbeitet am 07.06.2026.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.
