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Autismus-Kultur ist ein Netzwerk von Personen, die sich wissenschaftlich und politisch mit Autismus (einschließlich Asperger-Syndrom) befassen. Wir bieten fundierte Informationen über Autismus und arbeiten für eine bessere Welt für Menschen im Autismus-Spektrum – selbstbestimmt und barrierefrei. Mehr…

Was Autismus ist und was Autismus nicht ist

Colin Müller, M.A. | 04. 02. 2006

Was ist Autismus?Eigentlich widerstrebt es mir, eine feste Definition davon zu liefern, was Autismus ist. In der Wissenschaft und im Internet schwirren so viele extrem vage und sehr unterschiedliche Definitionen. Es geht mir nicht darum, die eine, ultimativ richtige Autismus-Definition zu liefern. Es geht mir darum, Position zu beziehen: wenn man definieren muss, was Autismus ist, dann sollte man es auf eine Weise tun, die autistische Menschen so respektiert, wie sie sind. Ich persönlich bin zu dem Schluss gekommen, dass es nicht so wichtig ist, was Autismus ist und ob Autismus ist – aber das ist ein Weg, den jede_r für sich gehen muss.

Was Autismus nicht ist: Was Autismus ist:
Autismus ist keine Krankheit. Autismus ist eine Art zu sein, eine Wesensart, ein Naturell.
Autismus ist nicht psychisch bedingt. Autistische Menschen sind eben so. Heute wird dieses So-Sein meist damit erklärt, dass das Gehirn autistischer Menschen anders ist als das nicht-autistischer, also ein alternatives Gehirndesign, eine ungewöhnliche neurologische Verdrahtung, eine andere Art der Wahrnehmungsverarbeitung. Aus dieser Sichtweise stammt auch das Konzept der neurologischen Vielfalt: keine zwei Gehirne sind gleich und Autismus ist ein Teil dieser Vielfalt.
Menschen im Autismus-Spektrum sind nicht alle gleich. Nicht-autistische Menschen sind unterschiedlich und individuell, warum sollten autistische Menschen alle gleich sein? Autismus ist eine breites Spektrum unterschiedlicher Fähigkeiten, Lebensweisen, Weltanschauungen etc. Manche meinen, dass autistische Menschen untereinander unterschiedlicher sind als nicht-autistische Menschen, weil sie weniger dem sozialen Gruppendruck folgen, der eine bestimmte Anpassung fordert.
Asperger-Syndrom und Autismus sind nicht klar voneinander abgrenzbar. All die Menschen, die eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum haben (frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom, High-Functioning-Autismus, atypischer Autismus…) sind viel zu unterschiedlich, als dass man sie in zwei (oder drei oder vier) Kategorien einteilen könnte. Oder genauer gesagt: Man kann es schon. Man nimmt ein beliebiges Kriterium, z.B. die Punktezahl bei einem IQ-Test. Eine Person mit 80 IQ-Punkten gilt als high-functioning, eine mit 79 Punkten als low-functioning. Oder Sprache: ein Kind, das mit zwei Jahren spricht, bekommt die Diagnose Asperger-Syndrom, und eines, das mit drei Jahren zu sprechen beginnt, bekommt die Diagnose frühkindlicher Autismus. Aber welche Relevanz haben diese Kriterien? Heute wird Autismus meist als ein nahtloses Kontinuum betrachtet, und möglicherweise werden die unterschiedlichen Kategorien in einigen Jahren in den Diagnosehandbüchern ersetzt durch eine Diagnose Autismus-Spektrum.
Autismus ist nicht die Folge irgendeiner Art von Erziehung (Stichwort Kühlschrankmütter). Autismus ist nicht die Folge von emotionaler Vernachlässigung, emotionalem Stress, Missbrauch oder Traumata. Die Theorie, dass Autismus durch kalte, unemotionale Mütter verursacht würde, entstand in den 50er Jahren, als Müttern standardmäßig die Schuld daran zugeschoben wurde, wenn ihre Kinder nicht so waren, wie die Gesellschaft das wünschte. Heute weiß man: Ein nicht-autistisches Kind kann man so gut erziehen, wie man will, es wird nie autistisch werden ;-)
Autismus ist nicht selten. Neuere Studien rechnen mehr als ein Prozent der Menschen zum Autismus-Spektrum.
Autismus betrifft nicht nur Kinder. Autistische Kinder verschwinden nicht plötzlich, wenn sie 18 werden. Aus autistischen Kindern werden autistische Erwachsene.
Es gibt keine normale Person in einer autistischen Glaskugel. Autismus ist nicht trennbar von der Persönlichkeit eines autistischen Menschen. Autismus färbt jede Wahrnehmung. Autismus beeinflusst, wie jemand denkt, fühlt, versteht, reagiert und interagiert. Zu wünschen, der Autismus würde verschwinden bedeutet, zu wünschen, die Person wäre jemand anderes.
Autismus ist nicht heilbar.

Autismus ist nicht heilbar, weil:

  1. Autismus keine Krankheit ist.
  2. Selbst wenn Autismus eine Krankheit wäre, gäbe es (auf absehbare Zeit) kein Verfahren, Autismus verschwinden zu lassen.
  3. Selbst wenn dies möglich wäre, würden die meisten Menschen im Autismus-Spektrum überhaupt nicht geheilt werden wollen, weil Autismus ein inhärenter Teil ihrer Persönlichkeit ist und eine Heilung von Autismus die Auslöschung ihrer Persönlichkeit bedeuten würde.
Autismus ist keine Tragödie.

Oft wird Autismus negativ gesehen, besonders bei Autist_innen, die keine Lautsprache verwenden. Vielleicht liegt es daran, dass diese sich nicht selbst dazu äußern können. Es gibt jedoch viele, die erst mit sechs oder auch erst mit zwölf Jahren zu sprechen anfingen und klare Erinnerungen an die Zeit haben, in der sie nicht sprachen; und sie sehen diese Zeit oft neutral bis positiv.

Obwohl Menschen im Autismus-Spektrum in dieser Gesellschaft im Prinzip in einer feindlichen Umgebung leben (reizüberflutend, oft unverständlich, ungeduldig und allgemein auf nicht-autistische Menschen ausgerichtet) und Autismus ständig pathologisiert wird, sehen viele von ihnen Autismus positiv. Viele Autistinnen und Autisten sind gerne autistisch und würden nicht geheilt werden wollen. Man kann autistisch und glücklich sein.

Autismus ist kein neues Phänomen. Die erste detaillierte Beschreibung eines Kindes, dass wir heute als autistisch bezeichnen würde, wurde 1799 von Jean Itard geschrieben (der wilde Junge von Aveyron).
Autismus bedeutet nicht, nicht sprechen zu können. Die meisten Menschen im Autismus-Spektrum verwenden zumindest hin und wieder Lautsprache; einige reden sehr, sehr viel. Kinder, die mit Asperger diagnostiziert werden, fangen im üblichen Alter an zu sprechen. Andere fangen mit drei Jahren an zu sprechen, wieder andere erst mit zwölf, und wieder andere sprechen nie, sondern kommunizieren z.B. über Bilder, Gebärdensprache oder Computer.
Wenn eine autistische Person sprechen lernt, heißt das nicht, dass sie nicht mehr autistisch ist. Obwohl es hin und wieder als Wunderheilung verkauft wird, fangen viele Autist_innen irgendwann an zu sprechen – ganz ohne Therapie. Das heißt nicht unbedingt, dass sie irgendwann Durchschnittsmenschen werden – aber davon gibt es ja wirklich schon genug.
Autismus sieht man den betreffenden Personen nicht an. Autistische Menschen sehen aus wie andere Menschen auch. Du würdest eine autistische Person wahrscheinlich nicht als autistisch erkennen, wenn du einer begegnen würdest.
Autismus ist keine geistige Behinderung. Es gibt viele sehr intelligente Autistinnen und Autisten. Auch nicht-sprechende Menschen im Autismus-Spektrum sind häufig intelligent.
Autismus bedeutet nicht Hochbegabung. Vermutlich ist die Intelligenzverteilung im Autismus-Spektrum gleich wie bei nicht-autistischen Menschen: einige lernen sehr schnell und andere brauchen etwas länger. Jede_r hat seine individuellen Begabungen und Schwächen.
Autismus bedeutet nicht, ein spezielles Talent wie Rainman zu haben (Savants). Savants sind Menschen, die eine extrem ungewöhnliche Begabung habe, z.B. enorme Gedächtnisleistungen. Das ist sehr selten. Einige wenige autistische Menschen haben so ungewöhnliche Fähigkeiten, dass sie als Savants bezeichnet werden. Viele andere nicht. Es gibt auch nicht-autistische Savants, auch wenn es im Autismus-Spektrum überdurchschnittlich viele davon zu geben scheint. Viele Menschen im Autismus-Spektrum haben herausragende Fähigkeiten, die aber weniger spektakulär sind.
Autismus bedeutet nicht eine generelle Ablehnung sozialer Kontakte. Viele autistische Menschen wollen gern Kontakt zu anderen, wissen aber nicht, was eine sozial angemessene Art der Kontaktaufnahme sein könnte. Andere autistische Menschen wollen keinen Kontakt zu anderen Menschen. Wie alle Menschen wollen auch Autist_innen selbst auswählen, mit wem sie wann wie ihre Zeit verbringen, und wann sie lieber allein sind.
Autismus bedeutet nicht, nicht beschulbar zu sein. Autistische Menschen lernen. Weil sie anders lernen als andere Menschen und die Schulen auf nicht-autistische Menschen ausgerichtet sind, brauchen oder bräuchten sie oft eine angepasste Lernumgebung, um ihr Potential entfalten zu können. Nichtsdestotrotz sind die meisten Kinder und Jugendlichen im Autismus-Spektrum an Regelschulen und oft nicht als solche etikettiert.
Autismus bedeutet nicht, kein selbständiges Leben führen zu können. Manche Menschen im Autismus-Spektrum brauchen viel Unterstützung von anderen, andere leben gänzlich ohne spezielle Unterstützung.
Man sollte außerdem bedenken: Jeder Mensch braucht in irgendeiner Form Unterstützung von anderen Menschen. Niemand von uns lebt als Robinson Crusoe. Wichtig ist, dass auch Menschen, die Unterstützung irgendeiner Art brauchen, selbstbestimmt leben können.
Autismus bedeutet nicht, keine Gefühle zu haben. Autistische Menschen haben Gefühle für andere Menschen, auch wenn man ihnen diese nicht unbedingt anmerkt. Es gibt auch viele Menschen im Autismus-Spektrum, die zufriedene Freundschaften, Partnerschaften und Familien haben – so richtig mit Gefühl.
Autismus bedeutet nicht, keine Phantasie zu haben. Einige Menschen im Autismus-Spektrum haben eine lebhafte, kreative und einzigartige Phantasie, andere sind völlig phantasielos. Wie andere Menschen auch. Das Klischee, dass Autist_innen keine Phantasie hätten, kam auf, weil sie Forscher_innen zum Ergebnis kamen, dass Autist_innen es schwierig finden, sich soziale Situationen vorzustellen und abzuschätzen, was als nächstes passieren könnte.
Nicht alle Menschen im Autismus-Spektrum denken in Bildern. Während einige Personen im Autismus-Spektrum sehr stark visuell denken (viele bildende Künstler_innen, aber auch Ingenieur_innen tun dies), gibt es andere, die das nicht tun. Andere, wie z.B. Donna Williams, sind akustisch orientiert, d.h. auf Worte und Musik.
Nicht alle Menschen im Autismus-Spektrum mögen Zahlen und Mathematik. Es gibt autistische Menschen, die große Mathemathiker sind (Richard Borcherds, Professor an der Unversität Berkeley und Preisträger der Fields-Medaille ist einer von ihnen). Aber es gibt auch viele Menschen im Autismus-Spektrum, die Mathe überhaupt nicht mögen und in der Schule große Schwierigkeiten damit haben.
Autismus

Was ist Autismus?

Autismus als Konstrukt

Autismus kann man auch als ein Konstrukt betrachten. Das heißt nicht unbedingt, dass Autismus nicht existiert, aber es heißt, dass Autismus ein kulturelles Konzept ist. In anderen Kulturen nennt man die Menschen, die man hier autistisch nennt, anders – oder man sortiert sie überhaupt nicht in eine eigene Kategorie.
Autismus als kulturelles Konstrukt zu betrachten, heißt: es ist unsere Kultur, die ein bestimmtes Verhalten zu einem Problem werden lässt. Und nur in einer solchen Kultur gibt es Autist_innen. Und in dieser Kultur sind sie benachteiligt und brauchen sie oft spezielle Unterstützung.

Bildnachweis Foto oben: Matt Beckwith

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