Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Autismus Häufigkeit: Die Prävalenz des Autismus-Spektrums

Colin Müller, M.A.

Autismus PrävalenzSeit es das Konzept “Autismus” gibt, versuchen Forscher_innen herauszufinden, wie hoch die Prävalenz, d.h. die Häufigkeit von Autismus ist. Von den 60ern bis ca. Mitte der 80er Jahre wurde die Häufigkeit von Autismus in verschiedenen Studien auf 2-5 Autist_innen auf 10.000 Personen geschätzt. Ende der 80er Jahre wurde die Definition von Autismus ausgeweitet: das Asperger-Syndrom sowie “PDD-NOS” (aka atypischer Autismus) kam ins Spiel. Dadurch bekamen mehr Personen Diagnosen aus dem Autismus-Spektrum.

In zwei Studien im Jahr 1988 wird die Prävalenz auf 10 bzw. 13 pro 10.000 Personen geschätzt, 1993 schätzten Ehlers und Gillberg die Häufigkeit von Autismus und dem Asperger-Syndrom zusammen auf 30 von 10.000. In den 90ern gibt es zwar noch einige Studien, die eine eher geringe Prävalenz von 4-6 pro 10.000 Personen finden, aber in der Tendenz steigen die Zahlen: In Jahr 2000 und in den folgenden Jahren nennen mehrere Studien eine Häufigkeit von ca. 60 pro 10.000. 2006 erschien eine Studie von Gillian Baird et al., laut der 1,16% der Personen im Autismus-Spektrum sind – also 116 von 10.000 (Studien siehe unten).

Ist die Häufigkeit von Autismus gestiegen?

Nein. Die Forscher_innen verwendeten unterschiedliche Kriterien für “Autismus”, und die Kriterien, die sie mit anderen gemeinsam hatten, legten sie unterschiedlich aus: Ab wann ist der Blickkontakt, der Tonfall, die soziale Interaktion einer Person ungewöhnlich? Wann ist sie “noch normal”? Ende der 80er wurde das Konzept des Asperger-Syndroms bekannt und man sieht deutlich, dass zu diesem Zeitpunkt die Prävalenz-Zahlen zu steigen beginnen, weil plötzlich zahlreiche Personen die Diagnose Asperger-Syndrom bekommen. Personen mit Asperger-Syndrom gab es auch vorher schon, aber sie erhielten entweder keine Diagnose oder eine andere. Auch das Konzept “PDD-NOS” bzw. “atypischer Autismus” wandelt sich: Heute bekommen Personen diese Diagnose, die in den 60er Jahren als weitgehend normal gegolten hätten oder aber eine gänzlich andere Diagnose bekommen hätten.

Einige Forscher_innen und Autismus-Organisationen schlagen seit einigen Jahren Alarm wegen einer angeblichen “Autismus-Epidemie”. Diese Theorie widerlegen Morton Ann Gernsbacher, Michelle Dawson und H. Hill Goldsmith in ihrem Artikel “Drei Gründe, nicht an eine Autismus-Epidemie zu glauben” sehr gründlich. Auch ein weiterer Artikel von Michelle Dawson dazu ist sehr lesenswert.

Die Studien sagen alle etwas anderes. Wie häufig ist Autismus nun wirklich?

Die Grenze zwischen Autismus und Nicht-Autismus verläuft nicht schwarz-weiß, sondern mit vielen Grautönen, oder besser gesagt, sie schillert in allen Farben des Regenbogens. Wo man die Grenze zwischen Autismus und Nicht-Autismus zieht, ist aus wissenschaftlicher Sicht willkürlich. Aus praktischen Gründen zieht man die Grenze so, dass diejenigen Personen, von denen man annimmt, dass sie spezielle Unterstützung brauchen, eine Diagnose bekommen, mittels derer die sie diese Unterstützung bekommen können.

Der Anstieg der Autismus-Diagnosen zeigt insofern vor allem, dass die Anforderungen im sozialen Bereich gestiegen sind, dass eine höhere Flexibilität und Belastbarkeit gefordert wird und im Falle eines Nicht-Erfüllens dieser Anforderungen dringender eine Rechtfertigung, eine Begründung benötigt wird. In den 60er Jahren fand eine Person, die heute eine Asperger-Diagnose bekommen würde, eine Arbeitsstelle, und zwar eine, wo sie über Jahrzehnte hinweg dieselbe Arbeit mit denselben Personen verrichten konnte. Heute sind viele Routinetätigkeiten maschinisiert oder in andere Länder ausgelagert, und in anderen Bereichen steigen die Anforderungen an Geschwindigkeit und Flexibilität. Die Arbeitgeber_innen suchen Beschäftigte, die sich in einer neuen Abteilung schnell zurechtfinden und die bereit sind, für eine Arbeitsstelle in eine andere Stadt zu ziehen. Fast niemand arbeitet heute noch sein Leben lang im selben Betrieb. Man muss sich immer wieder neu bewerben, und bewerben heißt, sich präsentieren zu können. Unter diesen Umständen sind Autist_innen unter den ersten, die arbeitslos werden. Und auf Hartz IV ist der psychische Druck zu begründen, warum man keine neue Arbeitsstelle findet, enorm. Eine Autismus-Diagnose kann einem unter Umständen auch einige Schikanen des Job-Centers ersparen, z.B. wenn man dadurch die Möglichkeit hat, eine EU-Rente zu bekommen.

Die Zahlen der Studien über die Prävalenz von Autismus sind nicht falsch. Aber sie stellen auch keine absolute Wahrheit dar. Wer autistisch ist und wer nicht, hängt auch von den Umständen ab. Autistisch zu sein heißt, erst ausgegrenzt zu werden, um dann auf Sonderwegen eventuell wieder integriert zu werden.

Wissenschaftliche Studien zur Autismus-Prävalenz, sortiert nach Jahr:

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