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Autismus-Kultur ist ein Netzwerk von Personen, die sich wissenschaftlich und politisch mit Autismus (einschließlich Asperger-Syndrom) befassen. Wir bieten fundierte Informationen über Autismus und arbeiten für eine bessere Welt für Menschen im Autismus-Spektrum – selbstbestimmt und barrierefrei. Mehr…

Die Wahrnehmung autistischer Menschen

Colin Müller, M.A. | 23. 11. 2010

Autismus WahrnehmungViele Autist_innen weisen darauf hin, dass sie anders wahrnehmen als andere Leute, genauer gesagt, dass ihre Wahrnehmungsverarbeitung anders funktioniert. Sie sind bestimmten Geräuschen, visuellen oder taktilen Reizen gegenüber empfindlicher oder unempfindlicher sind als andere Leute. Diese Empfindlichkeiten sind bei jeder Person individuell. Es ist für Eltern und Lehrkräfte wichtig, die jeweiligen Empfindlichkeiten ihres Kindes zu kennen, um sein Verhalten besser zu verstehen und um zu wissen, über welche Sinneskanäle das Kind gerade Informationen aufnehmen kann.

Geräusche

Viele Autist_innen sind zum Beispiel geräuschempfindlich und hassen plötzlichen, durchdringenden Lärm oder relativ leise, aber besonders hohe oder tiefe Töne (z.B. das Surren elektrischer Geräte). Ein autistisches Kind kann zum Beispiel einen plötzlichen und für Außenstehende grundlos erscheinenden Wutanfall bekommen, wenn irgendwo im Gebäude ein Ventilator eingeschaltet wird. Das Geräusch ist für das Kind intensiv und unerträglich, während andere Leute es nicht einmal bewusst wahrnehmen. Es ist wichtig zu verstehen, dass plötzliche Wutanfälle nicht grundlos sind, sondern Gründe haben, die unter Umständen schwer erkennbar sind, und sich klarzumachen, dass Überempfindlichkeiten keine Einbildung sind, sondern sehr real. Wenn Eltern und Lehrkräfte darauf achten, können sie solche Störquellen meist ausschalten.

Viele Autist_innen haben Schwierigkeiten damit, eine einzelne Stimme unter vielen Geräuschquellen herauszufiltern. Das heißt, dass sie bei Gesprächen am Bahnhof, im Supermarkt oder in einem lauten Klassenzimmer vielleicht nur einen Bruchteil des Gesagten verstehen. Auch der Hall in einem großen leeren Raum kann ein Problem sein, er lässt sich durch dicke Vorhänge und Teppiche oder auch Regalen an den Wänden abmildern.

Wahrnehmungsverarbeitung

Berührungen

Manche Autist_innen mögen es generell nicht, berührt zu werden, manche mögen unerwartete Berührungen nicht, bei manchen sind bestimmte Körperbereiche besonders empfindlich, z.B. die Kopfhaut oder die Handgelenke. Häufig sind auch Abneigungen gegen bestimmte Kleidungsstücke aufgrund von sensorischen Problemen. Manche Autist_innen mögen keine leichten Berührungen, finden festem Druck aber angenehm. Temple Grandin entwarf aus diesem Grund ihre “Hugbox” oder “Squeeze Maschine”, deren kräftiger Druck sie entspannte.

Geschmack

Viele Autist_innen sind sehr wählerisch mit dem Essen. Eltern sollten ihre Kinder nicht dazu zwingen, etwas zu essen, was diese nicht mögen, und dafür sorgen, dass auch bei Ausflügen und Restaurantbesuchen immer etwas da ist, was das Kind essen kann. Dabei spielt auch die Textur und die Farbe des Essens eine Rolle. Manche Kinder essen Pellkartoffeln, aber kein Kartoffelpüree, manche essen z.B. nur weißes oder sehr helles Essen (Weißbrot, Milch, Joghurt…). Manche Kinder essen alles mögliche, aber nicht vermischt. Es kann eine Herausforderung für Eltern sein, trotzdem eine ausgewogene Ernährung sicherzustellen. Viele Kinder erweitern ihr Nahrungsspektrum jedoch von selbst, wenn sie älter werden.

Immer wieder hört man von einem angebliches Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten (speziell Gluten- und Kasein-Unverträglichkeit) und Autismus. Einen solchen Zusammenhang gibt es nicht. Aber es gibt immer mehr Kinder, die Nahrungsunverträglichkeiten haben und, solange diese nicht erkannt werden, ständig Bauchweh, Durchfall o.a. haben. Autistische Kinder können solche Beschwerden unter Umständen nicht kommunizieren. Wenn Eltern vermuten, dass ihr Kind bestimmte Nahrungsmittel nicht verträgt, sollten sie sich an ihre_n Hausärzt_in wenden, um es testen zu lassen. Obwohl Nahrungsmittelunverträglichkeiten nichts mit Autismus zu tun haben, bewirkt eine Besserung des körperlichen Wohlbefindens des Kindes oft auch eine Verhaltensänderung (weniger Wutausbrüche, mehr Konzentrationsfähigkeit etc.).

Asperger Syndrom Wahrnehmung

Visuelle Reize

Viele Autist_innen stören sich an grellem oder flackerndem Licht, an Neonlicht oder sind einfach überfordert von zu vielen visuellen Reizen auf einmal. Manche Autist_innen tragen deshalb eine Sonnenbrille und haben die Vorhänge bei Sonnenschein lieber geschlossen.

Gerüche

Einige Autist_innen reagieren empfindlich auf Parfüms, Deodorants, Putzmittel etc. Meistens werden natürliche Mittel besser akzeptiert. Eltern sollten versuchen, entweder geruchsfreie Mittel zu verwenden (z.B. geruchsfreies Deo) oder solche, deren Geruch vom Kind toleriert wird.

Niedrige Sensibilitäten

Weniger auffällig sind niedrige Sensibilitäten, oft gegenüber Kälte oder Schmerzen. Ein autistisches Kind kann verletzt oder krank sein, obwohl es keine oder kaum Anzeichen von Schmerzen zeigt. Eltern sollten darauf besonders achten. Wenn sie feststellen, dass ihr Kind auch bei größeren Verletzungen kaum Schmerzen zeigt, sollten sie bei eventuellen Arzt- oder Krankenhausbesuchen darauf hinweisen, weil anhand des Vorhanden- oder Nichtvorhandenseins von Schmerzen auch Diagnosen gestellt werden. Wenn ein Kind kaum Anzeichen von Schmerzen äußert, wird unter Umständen eine akute Blinddarmentzündung zu spät erkannt.

Autismus: Sinne und Tiefensensibilität

Tiefensensibilität

Bei der Tiefensensibilität geht es um die Eigenwahrnehmung des Körpers. Sie umfasst Empfindungen über die Lage des eigenen Körpers und seine Position im Raum, über den Spannungszustand von Muskeln und Sehnen sowie den Bewegungssinn, durch den eine Bewegungsempfindung und das Erkennen der Bewegungsrichtung ermöglicht wird.

Einige Autist_innen berichten, Schwierigkeiten mit der Tiefensensibilität zu haben. Dafür spricht, dass einige grob- und feinmotorisch ungeschickt sind, z.B. eine unleserliche Handschrift haben, im Sport ungeschickt sind oder regelmäßig gegen Möbel stößen. Die eigene Tiefenwahrnehmung lässt sich jedoch verbessern.

Die Wahrnehmungsverarbeitung

Einige autistische Kinder wurden einem Hörtest unterzogen, weil sie nicht auf Ansprache oder laute Geräusche reagierten. Die Hörtest ergeben jedoch regelmäßig, dass die Kinder gut hören, und viele von ihnen hören zuhause auch kleinste Geräusche wie das Rascheln von Bonbonpapier im Nebenzimmer. Die Wahrnehmung von Autist_innen ist also meist “normal” – es ist die Wahrnehmungsverarbeitung, die ungewöhnlich ist.

Autist_innen neigen dazu, sich sehr stark auf eine einzelne Sache (z.B. eine bestimmte Tätigkeit) zu konzentrieren und sind dann “wie taub” für den Rest der Welt und bekommen nicht mit, was um sie herum passiert. In Situationen, in denen sie keine Möglichkeit haben, sich auf eine Sache zu konzentrieren, sondern mit vielen wechselnden Reizen konfrontiert sind (z.B. im Supermarkt) sind manche Autist_innen schnell “überladen” von Reizen, da sie diese weniger stark filtern als Nicht-Autist_innen. Von den Millionen Reizen, die jeden Moment auf unsere Ohren und Augen treffen, nehmen wir nur einen kleinen Bruchteil bewusst war, den Rest “filtern” wir aus. Wenn die Wahrnehmungsverarbeitung weniger stark filtert, muss das Gehirn mehr Reize verarbeiten, was in lauten, hektischen und unstrukturierten Umgebungen schnell in Stress ausartet. Vor allem Kinder reagieren darauf mit Wutausbrüchen, deren Anlass für die Eltern wieder einmal nicht erkennbar ist. Andere schotten alle Reize ab und sind dann erst einmal nicht mehr ansprechbar. Manchen Kindern gelingt es, sich für eine begrenzte Zeit zusammenzureißen (z.B. in der Schule), sie agieren den Stress dann aber später aus.

Die optimale Umgebung für autistische Kinder schaffen

  • Zuerst muss man herausfinden, auf welche Reize das Kind empfindlich reagiert und die entsprechenden Störquellen ausschalten.
  • Aufgeräumte und gut strukturierte Räume sind unter Umständen besser als kreatives Chaos – aber viele Autist_innen finden sich in ihrem eigenen Chaos prima zurecht. Falls sie die Wohnung umräumen wollen, sollten sie ihr Kind daran teilhaben lassen, denn plötzliche, überraschende Veränderungen werden nicht unbedingt geschätzt.
  • Viele autistische Kinder profitieren davon, Reize selbst steuern zu können: Sie mögen laute Musik, wenn sie sie selbst machen, manche haben keine Probleme mit lauten Staubsaugergeräuschen, wenn sie selbst saugen dürfen. Es ist nicht unbedingt sinnvoll, eine Umgebung zu schaffen, die so reizarm ist wie möglich. Wichtiger ist es, dass das Kind die Möglichkeit hat, die Reize bzw. seine Reizbelastung zu steuern. Das kann z.B. heißen, dass man einen Ruheraum einrichtet, in den das Kind sich zurückziehen kann. Dieses Zimmer kann auch für die Hausaufgaben genutzt werden. Wenn kein extra Raum verfügbar ist, kann das Kinderzimmer reizarm gestaltet werden, indem das Spielzeug in Schubladen geräumt wird und nur zum Spielen hervorgeholt wird. Ältere Kinder und Erwachsene sollten auf jeden Fall die Möglichkeit haben, ihre Umgebung selbst zu gestalten.
  • Vielleicht stellen Eltern oder Lehrkräfte fest, dass das Kind über einen oder mehrere Kanäle besonders aufnahmefähig ist und über andere nicht. Manche Kinder lernen sehr visuell, während man mit Lautsprache kaum zu ihnen durchdringt, bei anderen ist es genau umgekehrt. Man sollte versuchen, die Kommunikation und das Lernmaterial darauf abzustimmen. Beispielsweise können visuell orientierte Kinder Aufgabenzettel bekommen, auf denen jeder Arbeitsschritt durch ein Bild verdeutlicht ist. Auch Terminkalender, Stundenpläne und Erinnerungszettel kann man visuell aufpeppen.

Autisten Wahrnehmung

Bildnachweise: Alle Fotos in diesem Artikel stehen unter Creative Common Lizenzen.

Die Fotograf_innen (Bilder von oben nach unten):

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