Autismus: Wahrnehmung und Reizverarbeitung

Colin Müller, M.A.

Autisten WahrnehmungViele Menschen im Autismus-Spektrum haben Schwierigkeiten, alltägliche Reize wie Geräusche, Licht und Gerüche zu verarbeiten oder zu filtern. Oft nennt man das sensorische Integrationsschwierigkeiten oder sensorische Empfindlichkeit. Es kann einen tiefgreifenden Effekt auf das Leben einer Person haben.

In diesem Artikel sehen wir uns an:

  • wie unsere Sinneswahrnehmung funktioniert
  • die sieben Sinne im Detail
  • sensorische Schwierigkeiten, die Menschen im Autismus-Spektrum haben können
  • Wege, mit diesen sensorischen Schwierigkeiten umzugehen
  • Fachkräfte, die helfen können

Wie unsere Sinneswahrnehmung funktioniert

Wir haben über unseren ganzen Körper verteilt Rezeptoren, die sensorische Informationen oder “Reize” aufnehmen: Zum Beispiel auf der Haut, auf der Netzhaut der Augen, im Innenohr und in der Nase.

Die aufgenommenen Reize werden als Impulse über Nervenbahnen an unser zentrales Nervensystem (Gehirn) weitergeleitet.

Wahrnehmung

Tatsächlich verlaufen zwei bis drei Millionen Nervenfasern zu Gehirn, und jede von ihnen übermittelt bis zu 300 Impulse pro Sekunde. Unser Gehirn wird also von Millionen Reizen pro Sekunde bombardiert. Nur einen kleinen Teil davon nehmen wir bewusst wahr.

Das Gehirn verarbeitet die sensorischen Informationen, die wir erhalten. Das geschieht ganz ganz automatisch, ohne dass wir bewusst darüber nachzudenken. Das Gehirn ist ständig damit beschäftigt, die unwichtigen Reize auszusortieren, Informationen zu sortieren, gruppieren, zu priorisieren und zu verstehen. Wir reagieren dann mit Gedanken, Gefühlen und Bewegungen, oder einer Kombination daraus.

Schon kleine Abweichungen in der Wahrnehmungsverarbeitung können dazu führen, dass unser Gehirn mit Reizen überflutet wird, Schwierigkeiten hat, sie angemessen zu sortieren, oder zu verstehen. Oder das Gehirn verwirft zu viele Reize, ohne sie weiter zu verarbeiten.

Wichtig zu verstehen ist, dass die Besonderheiten in der Wahrnehmungsverarbeitung nicht durch Sinnesbeeinträchtigungen entstehen. Augen, Ohren usw. funktionieren normal – es ist das Gehirn, das die Reize anders verarbeitet.

Es kann aber sinnvoll sein, die Funktion der Sinne zu überprüfen. Wenn z.B. ein Kind nicht auf Geräusche reagiert, ist es wichtig herauszufinden, ob es schwerhörig oder gehörlos ist oder ob seine Wahrnehmungsverarbeitung anders funktioniert.

Menschen mit sensorischen Integrationsproblemen – und dazu gehören viele Menschen im Autismus-Spektrum – haben Schwierigkeiten, alltägliche Sinnesreize zu verarbeiten.

Menschen, die Schwierigkeiten haben, all diese Reize zu verarbeiten, werden oft gestresst oder angespannt, und verspüren möglicherweise körperliche Schmerzen. Das kann sich in Verhaltensproblemen äußern. Manchen Kindern gelingt es, sich für eine begrenzte Zeit zusammenzureißen (z.B. in der Schule), sie agieren den Stress dann aber später aus.

Unsere sieben Sinne

Wir haben sieben Sinne:

  • Sehsinn
  • Hörsinn
  • Tastsinn
  • Geschmacksinn
  • Geruchsinn
  • Gleichgewichtsinn
  • Eigenwahrnehmung/Körperbewusstsein (“Propriozeption”)

Menschen im Autismus-Spektrum können im Vergleich zu nicht-autistischen Menschen in einigen oder allen dieser Bereiche über- oder unterempfindlich sein. Das nennt man “hypersensibel” und “hyposensibel”.

Eine Person kann sowohl Über- als auch Unterempfindlichkeiten haben; das kann auch abwechseln (eine Untersensitivität kann eine weitgehende Abschottung gegenüber Reizen als Folge einer Reizüberflutung sein – muss aber nicht). Die Über- als auch Unterempfindlichkeiten können sehr spezifisch oder situationsbedingt sein. Es ist für Eltern und Lehrkräfte wichtig, die Wahrnehmungsverarbeitung ihres Kindes zu kennen, um sein Verhalten besser zu verstehen und um beispielsweise zu wissen, was ablenkt und über welche Sinneskanäle das Kind im Moment Informationen aufnehmen kann.

Sensorische Empfindlichkeiten

Sehen

Der Sehsinn sitzt in der Netzhaut der Augen und wird von Licht aktiviert. Er hilft uns, Gegenstände und Personen, Farben, Kontraste und räumliche Grenzen zu erkennen. Menschen im Autismus-Spektrum können die folgenden Schwierigkeiten haben:

Hyposensitivität (Unterempfindlichkeit)

  • Gegenstände sehen eher dunkel aus, oder einige ihrer Merkmale werden nicht wahrgenommen.
  • Die Sicht im Zentrum ist verschwommen, aber die periphere Sicht (am Rande des Sichtfeldes) ist scharf.
  • Ein zentrales Objekt wird vergrößert wahrgenommen, Dinge am Rand des Sichtfeldes werden verschwommen wahrgenommen.
  • Schlechte Tiefenwahrnehmung – Probleme beim Fangen und Werfen; Tolpatschigkeit

Hypersensitivität (Überempfindlichkeit)

  • Verzerrte Wahrnehmung: Objekte und grelle Lichter scheinen herum zu springen
  • Das Sichtbild kann gebrochen erscheinen.
  • Der Fokus auf Details kann einfacher und angenehmer sein, als den gesamten Gegenstand zu betrachten.

Hören

Diese Form der sensorischen Beeinträchtigung kommt am häufigsten vor. Schwierigkeiten, akustische Reize zu verarbeiten, beeinträchtigt die (lautsprachliche) Kommunikation und möglicherweise auch das Gleichgewicht.

Hyposensitivität

  • Geräusche werden möglicherweise nur aus einem Ohr wahrgenommen, Reize aus dem anderen Ohr werden nicht oder nur teilweise wahrgenommen.
  • Keine Reaktion auf bestimmte Geräusche.
  • Spaß an belebten, lauten Orten oder am Knallen von Türen oder Objekten.

Hypersensitivität

  • Lärm werden wie durch einen Verstärker wahrgenommen, einzelne Geräusche werden verzerrt.
  • Intensive Abneigung gegen spezifische, vielleicht auch relativ leise Geräusche, die aber besonders hoch oder tief sind (z.B. das Summen oder Fiepsen elektrischer Geräte).
  • Besondere Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen, z.B. werden Gespräche aus großer Distanz mitgehört.
  • Unfähigkeit, Geräusche auszufiltern – z.B. Schwierigkeiten, eine einzelne Stimme unter vielen Geräuschquellen herauszufiltern. Hintergrundgeräusche führen oft zu Konzentrationsschwierigkeiten, oder Teile eines Gesprächs (oder des Lehrervortrags) werden nicht verstanden, weil sie von Hintergrundgeräuschen übertönt werden. Ein Gespräch an einem belebten Ort zu führen ist schwierig.
  • Der Hall in einem großen, leeren Raum kann stören.

Berührungen

Berührungen sind wichtig für soziale Beziehungen. Sie helfen uns auch, unsere Umgebung zu verstehen (ist ein Gegenstand heiß oder kalt?) und entsprechend zu reagieren. Auf diese Art können wir auch Schmerzen wahrnehmen.

Hyposensitivität

  • Sehr enges Festhalten / starkes Festklammern an Personen – anders kann der Druck auf den Körper nicht gespürt werden.
  • Hohe Schmerztoleranz.
  • Möglicherweise Selbstverletzungen.
  • Entspannung und Wohlbefinden durch schwere Gegenstände (z.B. beschwerte Bettdecken) auf dem Körper.

Hypersensitivität

  • Berührungen können unangenehm und schmerzhaft sein; die Person mag vielleicht keine Berührungen und meidet sie.
  • Mag es nicht, irgendetwas an Händen oder Füßen zu haben (z.B. Ringe, Armbänder, Schuhe, Socken).
  • Schwierigkeiten beim Haare waschen, kämmen und Haare schneiden, weil der Kopf besonders empfindlich ist.
  • Nur bestimmte Arten von Kleidung oder Texturen (Oberflächenstruktur) wird toleriert.

Geschmack

Rezeptoren in der Zunge ermöglichen es uns, verschiedene Geschmäcker zu erfahren – süß, sauer, salzig usw. Menschen im Autismus-Spektrum können dabei folgende Besonderheiten haben:

Hyposensitivität

  • Bevorzugung von sehr scharfem Essen.
  • Alles wird gegessen – Erde, Gras, Knetmasse. Das wird auch “Pica” genannt.

Hypersensitivität

  • Manches Essen wird als zu intensiv im Geschmack empfunden. Nur bestimmte Nahrungsmittel werden gegessen.
  • Die Konsistenz von bestimmtem Essen kann unangenehm sein, manche Kinder essen z.B. nur weiche Nahrungsmittel wie Kartoffelpüree oder Eis.

Geruch

Rezeptoren in der Nase lassen uns wisse, wie es in unserer unmittelbaren Umgebung riecht. Menschen im Autismus-Spektrum können folgende Besonderheiten haben:

Hyposensitivität

  • Manche Menschen im Autismus-Spektrum haben praktische keinen Geruchsinn und nehmen selbst extreme Gerüche einfach nicht wahr. Das kann den eigenen Körpergeruch einschließen.
  • Manchmal werden ersatzweise Dinge abgeleckt, um ein besseres Verständnis davon zu bekommen, was sie sind.

Hypersensitivität

  • Gerüche sind intensiv und überwältigend. Eine Folge kann sein, dass ein Kind ungern auf die Toilette geht.
  • Abneigung gegenüber stark duftenden Parfums, Shampoos u.ä.; Meiden von Personen, die danach riechen.

Gleichgewicht

Der Gleichgewichtsinn sitzt im Innenohr und ermöglicht es uns, Gleichgewicht und Körperhaltung zu wahren. Personen im Autismus-Spektrum haben vielleicht folgende Besonderheiten:

Hyposensitivität

  • Ein Bedürfnis den Oberkörper zu wiegen, (auf Schaukeln) zu schaukeln oder sich zu drehen, um sensorische Eindrücke zu bekommen.

Hypersensitivität

  • Schwierigkeiten mit Sport, wo eine genaue Kontrolle der Bewegungen nötig ist.
  • Schwierigkeiten, mitten im Gehen oder während einer Tätigkeit plötzlich aufzuhören.
  • Übelkeit beim Autofahren.
  • Schwierigkeiten mit Tätigkeiten, bei denen der Kopf nicht oben ist oder die Füße nicht auf dem Boden.

Eigenwahrnehmung

Dieser Sinn sitzt in unseren Muskeln und Gelenken, und unser Körper teilt uns darüber mit, wo im Raum wir uns befinden, welche Haltung oder Lage unser Körper gerade einnimmt, wie verschiedene Körperteile sich bewegen, wie der Spannungszustand von Muskeln und Sehnen ist. Außerdem können wir damit erkennen, ob wir uns gerade bewegen und in welche Richtung. Menschen im Autismus-Spektrum können folgende Besonderheiten aufweisen:

Sie umfasst Empfindungen über die Lage des eigenen Körpers und seine Position im Raum

Hyposensitivität

  • Zu nahe bei anderen stehen, weil sie ihren Abstand zu anderen und deren persönlichen Raum nicht einschätzen können.
  • Probleme, durch einen Raum zu navigieren und dabei Hindernisse zu meiden.
  • Rennen unabsichtlich in andere Leute hinein oder rempeln sie an.

Hypersensitivität

  • Feinmotorische Schwierigkeiten: Kleine Gegenstände wie Schnürsenkel oder Knöpfe handzuhaben.
  • Bewegung des ganzen Körpers, um etwas anzusehen.

Synästhesie

Synästhesie ist eine seltene Besonderheit, die einige Menschen im Autismus-Spektrum (aber auch andere) aufweisen. Eine sensorische Wahrnehmung wird durch ein System aufgenommen, löst aber (auch) eine Empfindung in einem anderen System aus. Beispielsweise hört eine Person ein Geräusch und “hört” die Farbe Blau.

So kannst Du helfen

Hier sind einige Wege, wie man einer Person mit sensorischen Schwierigkeiten helfen kann. Oft machen auch kleine Veränderungen in der Umgebung einen Unterschied.

Drei Dinge sollte man im Kopf behalten:

  • Sei sensibilisiert für die Schwierigkeiten: Sieh Dir die Umgebung daraufhin an, ob etwas darin Menschen im Autismus-Spektrum Probleme bereiten könnte.
  • Sei kreativ: Denk Dir positive sensorische Erlebnisse aus.
  • Sei vorbereitet: Sage Menschen im Autismus-Spektrum, auf welche sensorischen Reize sie in verschiedenen Umgebungen stoßen können.

So kannst Du helfen: Sehen

Hyposensitivität

  • Verstärkte Verwendung visueller Hilfen (Bildmaterial).

Hypersensitivität

  • Fluoreszierendes Licht vermeiden – weiches Licht oder indirekte Beleuchtung verwenden. Eventuell auch farbige Glühbirnen.
  • Grelles, flackerndes oder blinkendes Licht (z.B. bestimmte Weihnachtsdekoration), Diskokugeln etc. meiden.
  • Grelle und kontrastreiche Farben oder wilde Muster vermeiden (z.B. Tapeten, Böden, Wohnungseinrichtung, Kleidung). Wände sind z.B. besser cremefarben gestrichen als weiß oder gelb, einfarbige besser als gemusterte.
  • Die Umgebung möglichst aufgeräumt halten. Kinderspielzeug kann man z.B. in großen Boxen verstauen, die man schnell wegräumen kann.
  • Tragen von Sonnenbrille, eventuell auch einer Schirmmütze.
  • Schaffe einen visuell abgeschirmten Arbeitsplatz im Klassenzimmer, um visuelle Ablenkungen auszublenden. Raumteiler seitlich am Tisch sind dafür gut geeignet.
  • Wenn die Sonne zu grell in den Raum scheint, helfen (auch Verdunklungsvorhänge) besser als Jalousien, das intensive Licht draußen zu halten. Auch bei Einschlafschwierigkeiten an hellen Sommerabenden sind Verdunklungsvorhänge sinnvoll.
  • Bei Computerarbeit mit gutem Bildschirm arbeiten, Helligkeit individuell einstellen.

So kannst Du helfen: Hören

Hyposensitivität

  • Verwende Bildmaterial, um sprachliche Information zu unterstützen.

Hypersensitivität

  • Türen und Fenster schließen, um Außengeräusche fernzuhalten.
  • Die Entstehung von Geräuschen vermeiden: z.B. ist das Gehen und Spielen auf Teppich leiser als auf Laminat.
  • Einen ruhigen Arbeitsplatz schaffen.
  • Bevor man ein lautes Gerät anschaltet, warnt man die Person.
  • Bevor man zu einem lauten oder belebten Platz geht, bereitet man die Person darauf vor. Dafür kann man z.B. Social Stories oder einen Tagesplan verwenden.
  • Ohrstöpsel oder Kopfhörer tragen. (Vorsicht im Straßenverkehr!)
  • Musik hören.
  • Störender Hall lässt sich durch dicke Vorhänge und Teppiche oder auch Regalen an den Wänden abmildern.

So kannst Du helfen: Berührungen

Hyposensitivität

  • Verwendung von beschwerten Bettdecken oder Schlafsäcken.

Hypersensitivität

  • Keine unerwarteten Berührungen. Wenn man eine Person berühren muss, warnt man sie vorher. Man nähert sich immer von vorn.
  • Daran denken, dass eine Umarmung schmerzhaft sein kann statt beruhigend oder tröstend.
  • Verschiedene Texturen (Oberflächenstruktur) allmählich einführen – halte eine Kiste mit Material bereit.
  • Lass die Person Tätigkeiten selbst durchführen (z.B. Haare waschen und kämmen), so dass sie es so machen kann, wie es für sie angenehm ist.
  • Manche Menschen, die leichte Berührungen nicht mögen, finden kräftigen Druck angenehm.

So kannst Du helfen: Geschmack

Einige Menschen im Autismus-Spektrum sind über- oder unterempfindlich auf Geschmack, und essen vielleicht nur fades Essen oder wollen sehr stark gewürztes Essen. Wir haben dazu keine Vorschläge hinzugenommen, weil es nicht notwendigerweise Schwierigkeiten bereitet, solange die Ernährung nicht ungesund ist.

Nachwürzen ist kein Problem. Unter Umständen muss man Nahrung etwas anders zubereiten, damit sie gegessen wird. Pürieren kann man ja nicht nur Kartoffeln, sondern, wie die Smoothie-Welle zeigt, fast alles.

So kannst Du helfen: Geruch

Hyposensitivität

  • Biete stark riechende Gegenstände an. Verwende sie unter Umständen, um Menschen von unangemessenen Geruchsreizen abzulenken.
  • Wenn Gegenstände abgeleckt werden, auf ungiftige Materialien achten (z.B. ungiftige Wandfarben).

Hypersensitivität

  • Verwende unparfümierte Waschmittel, Putzmittel, Seife und Shampoo. Vermeide Parfüms und Deos und mache die Umgebung so geruchsarm wie möglich.

So kannst Du helfen: Gleichgewicht

Hyposensitivität

  • Ermutige zu Aktivitäten, die den Gleichgewichtsinn anregen. Für Kinder könnte das z.B. Karussel fahren, Reiten, Schaukeln, Wippen und Trampolins sein. Auch viele Erwachsene im Autismus-Spektrum mögen diese Aktivitäten. Auch Ballspiele und andere sportliche Aktivitäten kommen in Frage.

Hypersensitivität

  • Zerteile komplexe motorische Bewegungen in kleine, einfache Schritte; verwende visuelle Hilfen wie eine Ziellinie.

So kannst Du helfen: Eigenwahrnehmung

Hyposensitivität

  • Ordne Möbel in Raum so an, dass es einfacher wird, durch den Raum zu laufen, ohne sich anzustoßen.
  • Klebe farbiges Klebeband auf den Boden, um Wege und Grenzen anzuzeigen.
  • Verwende die “Armlänge-Regel”, um den persönlichen Raum anderer Menschen einzuschätzen. Das bedeutet, eine Armlänge von der anderen Person entfernt zu stehen.
  • Wenn Eltern feststellen, dass ihr Kind auch bei größeren Verletzungen kaum Schmerzen zeigt, sollten sie bei eventuellen Arzt- oder Krankenhausbesuchen darauf hinweisen, weil anhand des Vorhanden- oder Nichtvorhandenseins von Schmerzen auch Diagnosen gestellt werden. Wenn ein Kind kaum Anzeichen von Schmerzen äußert, wird unter Umständen eine akute Blinddarmentzündung zu spät erkannt.

Hypersensitivität

  • Feinmotorische Spiele spielen.

Empfehlenswert ist es auch, mit Kindern häufig über Wahrnehmungen und körperliche Empfindungen zu kommunizieren (“Wie gefällt Dir Du die Musik?”, “Stört Dich das Geräusch?”), um ihr Bewusstsein und ihre Kommunikationsfähigkeit dazu zu entwickeln. Später stellen sie dann vielleicht selbst fest, dass grelles Licht sie von den Hausaufgaben ablenkt und können das mitteilen.

Viele Kinder (und Erwachsene) im Autismus-Spektrum profitieren davon, Reize selbst steuern zu können: Sie mögen laute Musik, wenn sie sie selbst machen, manche haben keine Probleme mit lauten Staubsaugergeräuschen, wenn sie selbst saugen dürfen. Es ist nicht immer sinnvoll, eine Umgebung permanent reizarm zu halten. Wichtiger ist es, dass die Person die Möglichkeit hat, die Reize bzw. ihre Reizbelastung selbst zu steuern.

Autismus & Wahrnehmung

Wie die Wahrnehmungsverarbeitung das Verhalten beeinflusst

Manchmal verhält sich eine Person im Autismus-Spektrum auf eine Weise, die man nicht unmittelbar mit der Reizverarbeitung in Verbindung bringen würde – aber genau das kann die zugrundeliegende Ursache sein.

Ein autistisches Kind kann zum Beispiel einen plötzlichen und für Außenstehende grundlos erscheinenden Wutanfall bekommen, wenn irgendwo im Gebäude ein Ventilator eingeschaltet wird. Das Geräusch ist für das Kind intensiv und unerträglich, während andere Leute es nicht einmal bewusst wahrnehmen. Es ist wichtig zu verstehen, dass plötzliche Wutanfälle nicht grundlos sind, sondern Gründe haben, die unter Umständen schwer erkennbar sind, und sich klarzumachen, dass Hypersensitivitäten keine Einbildung sind, sondern sehr real. Wenn Eltern und Lehrkräfte darauf achten, können sie solche Störquellen oft ausschalten.

Hier sind ein paar Beispiele davon, wie das Verhalten einer Person auf ihre Wahrnehmungsverarbeitung zurückgehen kann, und wie man helfen kann.

Problem: Pingelige Esser

  • Mögliche Gründe: Empfindlichkeit gegen Geschmack oder Konsistenz des Essens, oder nicht in der Lage, Essen in der Mundregion zu spüren.
  • Mögliche Lösungen: Konsistenz des Essens verändern (z.B. pürieren). Allmählich verschiedene Texturen am Mund verwenden, z.B. Handtücher, Zahnbürste und verschiedene Nahrungsmittel. Zu Tätigkeiten ermutigen, die den Mund mit einbeziehen, z.B. Pfeifen, Seifenblasen oder mit Strohhalmen Blubberblasen im Wasser machen. (Die Wahrnehmung der Mundregion ist auch für die Entwicklung der Lautsprache wichtig.)

Problem: Alles ankauen, einschließlich Kleidung und Gegenstände

Mögliche Gründe: Vielleicht findet die Person das entspannend oder genießt einfach das Gefühl, an dem Gegenstand zu kauen.

Mögliche Lösung: Es gibt spezielle sensorische Kauprodukte (z.B. von Chewigam oder Chewbuddy). Manchmal können auch bestimmte Nahrungsmittel eine Alternative sein, z.B. harte, zähe Süßigkeiten (vorher in den Kühlschrank legen) oder auch Karotten.

Problem: Schmieren mit Fäkalien

  • Mögliche Gründe: Vielleicht mag die Person die Konsistenz von Fäkalien und/oder ist nicht sehr empfindlich gegenüber Gerüchen.
  • Mögliche Lösungen: Versuche, Alternativen zum Schmieren anzubieten, z.B. Gelee, Maisstärke mit Wasser oder eine Matschgrube im Freien. Biete alternative stark riechende Dinge an.

Problem: Weigerung, bestimmte Kleidung zu tragen

  • Mögliche Gründe: Die Person mag vielleicht die Beschaffenheit der Kleidung nicht (vielleicht kratzt oder irritiert sie) oder sie mag den Druck der Kleidung auf der Haut nicht.
  • Mögliche Lösungen: Kleidung auf links tragen, so dass die Nähte außen sind, Etiketten entfernen, der Person erlauben, Kleidung zu tragen, in denen sie sich wohl fühlt.

Problem: Schwierigkeiten, einzuschlafen

  • Mögliche Gründe: manche Menschen haben Schwierigkeiten, ihre Sinne “herunterzufahren”, besonders Sehen und Hören.
  • Mögliche Lösungen: Verdunklungsvorhänge oder bescherte Decken; Musik hören, um externe Geräusche auszublenden.

Problem: Schwierigkeiten, sich im Klassenzimmer zu konzentrieren

  • Mögliche Gründe: zu viele Ablenkungen (Reden, Pausenglocke, Stühle kratzen am Boden, Papier knistert) oder visuelle Reize (Menschen, Bilder an der Wand). Findet es vielleicht auch unangenehm, den Stift zu halten, weil er sich hart oder kalt anfühlt.
  • Mögliche Lösungen: Sitzplatz sorgfältig auswählen: Manche Kinder sind am Fenster oder an der Tür abgelenkt, andere sind entspannter (und konzentrierter), wenn sie außen sitzen. Manche Kinder müssen vorne sitzen, um die Lehrkraft über die Hintergrundgeräusche problemlos zu verstehen.Ein Arbeitsplatz mit Raumteilern darum herum kann helfen, oder die Möbel im Klassenzimmer werden so angeordnet, dass eine ablenkungsfreie Zone für das Kind geschaffen wird. Manche Kinder arbeiten zeitweise in einem anderen Raum oder einer Sitzecke im Flur.Beim Stift sollte man verschiedene Oberflächen anbieten, damit das Arbeiten damit angenehmer wird.

Fachkräfte, die helfen können

Ergotherapeuten gestalten Programme und schaffen oft Veränderungen in der Umgebung, so dass Menschen mit sensorischen Schwierigkeiten so gut und selbstbestimmt wie möglich leben können.

Logopäden verwenden oft visuelle Reize, um die Sprachentwicklung und Interaktion zu ermutigen und zu unterstützen.

Musiktherapeuten verwenden Instrumente und Geräusche, um die Sinneswahrnehmung zu entwickeln, üblicherweise den Hörsinn.

Sensorik-Raum und Ruheraum

Ein Sensorik-Raum ist ein speziell gestalteter Sensorik-Raum, der helfen kann, die sensorischen Systeme anzuregen, zu entwickeln oder ins Gleichgewicht zu bringen. Manche Dienste für Menschen mit Behinderungen, Förderschulen, integrative Kindergärten oder Krankenhäuser haben sie. Manche Familien schaffen einen Sensorik-Raum in ihrem Haus (oder richten eine Ecke eines Raum dafür ein, vielleicht mit einem Vorhang abgetrennt).

Sensorik-Räume könne z.B. folgendes umfassen:

  • Entspannungsmusik
  • vibrierende Kissen
  • Lavalampen
  • Lichtleitkabel
  • Discokugeln
  • Wasserbett
  • taktile Wände
  • Licht- & Farb-Projektionen
  • Mit Bohnen gefüllte Kissen
  • Material, das durch Bewegungen, Geräusche oder Druck aktiviert wird, so dass die Nutzer Ursache und Wirkung lernen

Die Vorteile von Sensorik-Räumen wurden bisher wissenschaftlich wenig erforscht. Es gibt positive Erfahrungsberichte von Menschen im Autismus-Spektrum und anderen Menschen mit sensorischen Schwierigkeiten, dass sie Sensorik-Räume nützlich und angenehm finden.

Ein Sensorik-Raum kann auch als Ruheraum/Rückzugsort genutzt werden; dann wird Discokugel u.ä. ausgeschaltet bleiben. Ein Rückzugsort kann auch das eigene Zimmer sein, manche Eltern richten ihrem Kind dort eine gemütliche Nische ein, eventuell mit Vorhang abgetrennt. Die meisten Kinder lieben die kleinen Verstecke. Manche Eltern stellen sogar ein kleines Zelt ins Kinderzimmer, um von visuellen Reizen abzuschirmen.

Sensorik-Kiste

Die Sensorik-Kiste enthält eine Auswahl an sensorisch interessantem Material. Man kann die Kiste oder einzelne Gegenstände zum Beispiel auch mitnehmen, wenn man unterwegs ist, und gegen Stress, Ängste oder Reizüberflutung helfen. In der Sensorik-Kiste können z.B. ein Anti-Stress-Ball, Riechlotionen oder ähnliches sein.

Garten

Ein Garten kann für Menschen im Autismus-Spektrum nützlich sein. Manche finden Herumrennen im Garten effektiv, um in einer sicheren Umgebung Stress abzubauen.

Manche Eltern haben ein Trampolin oder einen Boxsack im Garten. Es kann nützlich sein, auch im Haus Raum für Sport und Bewegungsspiele zu schaffen.

Foto: Randen Petersen, Creative Commons by-sa

Gefällt Dir? Sag's weiter:
TwitterFacebook