Was ist Autistic Pride?
Colin Müller, M.A. | 18. 06. 2008
Du brauchst nicht zu denken, dass du defekt wärst, und genauso wenig solltest du denken, dass du anderen überlegen bist. Du bist einfach ein Mensch, wie jeder andere Mensch; und das ist an sich etwas, das dich wertvoll macht. Erlaube dir, du selbst zu sein – nicht mehr, nicht weniger.
ChaoticIdealism
Wer Pride in Autistic Pride
mit Stolz
übersetzt, kann sich zwar auf sein Wörterbuch berufen, hat aber (in den meisten Fällen) die Bedeutung nicht verstanden. Jedes Wort hat eine Geschichte, gewinnt Bedeutungen hinzu und verliert Bedeutungen. Es ist zwar richtig, Jane Austens Roman Pride and Prejudice
mit Stolz und Vorurteil
(im Sinne von Hochmut) zu übersetzen, jedoch gewann der Begriff pride
seit 1970 noch eine weitere Bedeutung hinzu: der selbstbewusste Umgang mit der eigenen marginalisierten Identität. Spätestens seit 1979 wird pride
auch in Deutschland in diesem Sinne verwendet.
Gay Pride/Queer Pride[1]
In den 50er und 60er Jahren war Homosexualität in BRD und DDR strafbar[2], zudem wurde Homosexualität offiziell als psychische Störung klassifiziert – erst 1992 wurde diese Kategorie aus dem ICD gestrichen[3]. Die meisten Queers lebten versteckt und gaben sich heterosexuell, viele schämten sich ihrer sexuellen Orientierung, eher wenige kämpften für ihre Rechte. Am 28. Juni 1969 gab es schließlich in der New Yorker Schwulenbar Stonewall Inn eine Polizeirazzia – aber diesmal lief sie anders ab als die zahlreichen Razzien zuvor: Schwule, Transgender, Drag Queens und Lesben wehrten sich. Der Aufstand in der Christopher Street rund ums Stonewall Inn dauerte fünf Tage und etwa 2000 Queers kämpften gegen 400 Polizisten. Letztere mussten sich schließlich geschlagen geben.
Zwar hatte es auch vorher schon Aktivist_innen gegeben, der Stonewall Aufstand brachte diese Kräfte jedoch an die Öffentlichkeit und wird deshalb allgemein als Wendepunkt in der schwulesbisch-queeren Emanzipationsbewegung gesehen. Ein Jahr später fand eine Demonstration statt, um den Stonewall-Aufstand zu erinnern und zu feiern. Anlässlich dieser Demonstration wurde der Begriff gay pride
geprägt und er gab das Signal: Wir verstecken uns nicht mehr, wir sind hier und wir leben unser Leben. Die Gay Pride Bewegung ist keineswegs einheitlich, teilt jedoch einige gemeinsame Grundannahmen:
- Die Leute sollen ein positives Selbstgefühl ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Geschlechtsidentität entwickeln;
- Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ist etwas Gutes;
- Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind einer Person inhärent; sie können und sollen nicht bewusst verändert werden.
Sicherlich geht es der Pride-Bewegung auch darum, für Akzeptanz, Respekt und Gleichberechtigung zu kämpfen. Das hatte es in den Jahren vor Stonewall auch schon gegeben: Aktivist_innen warben bei Heterosexuellen um Toleranz. Stonewall verschob den Fokus, es ging nicht länger darum, unbedingt von der heterosexuellen Mehrheit anerkannt zu werden, um sich dann, in gewisser Weise mit deren Erlaubnis, auch selbst akzeptieren zu können. Gay Pride bedeutet, sich selbst zu akzeptieren, so wie man ist, und seine sexuelle Orientierung oder sein gewähltes Geschlecht, seine Queerness sowie sein Selbstbewusstsein darüber öffentlich zu leben. Pride
steht im Kontext des coming out of the closet
, zu dem zu stehen, was man ist – denn von anderen Respekt zu fordern gelingt nur, wenn man sich selbst respektiert und als gleichberechtigt anerkennt.
Letzteres ist meiner Meinung nach ein Grund, warum große Teile der autistischen Community sich so schwer tun mit Autistic Pride. Aber dazu später mehr – zuerst möchte ich noch kurz auf die weitere Geschichte der Gay-Pride-Bewegung eingehen.
Die Paraden zum Gay Pride Day, die in 70ern noch sehr lose und von unten
organisiert waren, wurden jetzt von stärker organisierten, weniger radikalen Teilen der Gay Pride Bewegung übernommen. Begriffe wie Freedom
und Liberation
wurden unter dem Druck von dieser konservativeren Community-Mitglieder fallengelassen. In den 90ern wurden Schwule als Marketing-Zielgruppe entdeckt und die Paraden stark kommerzialisiert, was mit weiterer Entradikalisierung einherging.
Eine Gefahr, die ich für Autistic Pride sehe, ist die Entpolitisierung bevor überhaupt eine wirkliche Politisierung stattgefunden hat. Autistic Pride wurde als Schlagwort beliebt, aber nur wenige Leute haben sich intensiver damit auseinandergesetzt. Vielen Autist_innen ist unklar, was Autistic Pride bedeutet oder bedeuten könnte – denn Autistic Pride wird letztlich genau das sein, was die autistische Community daraus macht. Das Natural Variation Blog kritisierte anlässlich des zweiten Autistic Pride Days 2006 diese Vagheit:
Ich bekomme das Gefühl, dass wir nicht übereinstimmen, worum es bei
Autistic Pride
gehen sollte. Was die autistische Community betrifft, spüre ich einige Vorsicht, als ob es unklar ist, ob es angemessen ist, dass Autist_innen stolz auf sich sind.
Autist_innen hatten (bisher?) kein Stonewall, keinen Aufstand, den sie zum Gründungsmythos einer gemeinsamen Bewegung machen könnten. Gerade deshalb ist es wichtig, das Konzept Autistic Pride differenzierter auszuarbeiten, als es bisher der Fall ist – ansonsten läuft die Autistic Pride Bewegung Gefahr, zu einem Sammelbecken der Beliebigkeit zu verkommen. Schon seit dem ersten Autistic Pride Day kann man eine Tendenz erkennen, diesen Tag für Picknicks und Sommerfeste ohne Inhalte zu nutzen. Selbstverständlich kann man feiern, aber was feiern die Leute eigentlich?
Vor zwei Jahren traf ich auf einer Autistic Pride Veranstaltung eine Autistin, die in einer der üblichen Diskussionen um das missverstandene Wort Pride
sagte: Ich weiß überhaupt nicht, was Pride heißt und es ist mir auch egal. Hauptsache, wir feiern.
Ich war geschockt. Nicht, weil sie nicht wusste, was Pride bedeutet und auch nicht, weil sie feiern wollte. Sondern weil es ihr völlig egal war, was gefeiert wurde. Wir haben auf dieser Veranstaltung vermutlich nicht das gleiche gefeiert.
Letztes Jahr veranstalteten wir ein Picknick zum Autistic Pride Day. Als wir in einem Internetforum dazu einluden, schrieb jemand sinngemäß: Ich würde auch zum Picknick kommen, aber nur, wenn ich sicher sein kann, dass sich niemand öffentlich als Autist zu erkennen gibt.
Ja – ich würde auch zum CSD kommen, aber nur, wenn jeder Schwule seine Kusine mitbringt und so tut, als wäre er hetero.
Nicht alle Leute auf Autistic Pride Veranstaltungen sind autistisch; aber es war traurig und schockierend, dass einige Autist_innen sogar bereit sind, andere autistische Menschen vom Autistic Pride Day auszuschließen, nämlich alle, die nicht die Möglichkeit haben, als normal
durchzugehen.
(Dieses Posting war übrigens Anlass für uns, ein Transparent mit dem Autistic Pride Day Motto zu malen und über einer Brücke aufzuhängen.) Es scheint, dass die politische Intention des Autistic Pride Days bei den meisten Veranstaltungen, die anlässlich dieses Tages stattfinden, nie angekommen ist.
Autistic Pride? Unter falscher Flagge
Unter dem Label Autistic Pride findet man leider auch sehr fragwürdige Ansichten. Ein Problem, das ich sehe, ist, dass der Begriff Autistic Pride
inzwischen auch von einigen Autismus-Therapeut_innen verwendet missbraucht und vereinnahmt wird – die Inhalte werden dabei nicht übernommen. Denn Autismus zu therapieren und Autistic Pride schließen sich gegenseitig aus. Das ist ungefähr so, als würden Christival-Teilnehmende beim CSD mitlaufen.
Ein weiteres Problem ist die Verwendung des Begriffs Autistic Pride in Teilen der Autismus-Community. Wenn ich einen Wunsch für den Autistic Pride Day 2008 äußern dürfte, dann würde ich mir wünschen, dass die Wörter Intelligenz
, IQ
und hochfunktional
an diesem Tag nicht verwendet werden.
Joel Smith diskutiert dieses Thema in seinem hervorragenden Artikel Autistic Pride Day: Do We Celebrate It Right?
. Er stellt darin die Frage, was man feiert, wenn man Autistic Pride feiert, und welche Ausschlüsse man dabei eventuell produziert. Joel schreibt über Autistic Pride:
Um ehrlich zu sein, wenn ich versuche, Autistic Pride zu feiern, ende ich dabei manchmal sehr traurig. Ich war in letzter Zeit sehr enttäuscht von der autistischen Community als Ganzes und ich bin manchmal nicht glücklich darüber, ein Teil davon zu sein. Es ist nicht so, dass ich denke, dass Autismus schlecht wäre, aber die Realität, dass Autist_innen nicht immer gute Menschen sind, scheint in letzter Zeit bei mir angekommen zu sein. Zu viele Menschen in der Community scheinen die Community nur für eine Gruppe von Leuten zu wollen, die die selben autistischen Züge teilen, was ich deprimierend finde. (High-Functioning
; Asperger
, Leute ohne Posttraumatische Belastungsstörung, Leute, die sprechen, Leute, die nicht sprechen, Leute mit hohem IQ, Leute, die ein bestimmtes autistisches Verhalten nicht zeigen usw.) Inklusion scheint keiner der Grundwerte der autistischen Community zu sein, und das ist traurig.
Wenn viele Leute von Autistic Pride sprechen, bringt es mich oft zum Weinen, weil das Beste, womit wir als Gruppe aufwarten können, eine Liste von Dingen ist, auf die nur einige Autist_innen stolz sein können (weil andere diese Züge nicht haben) und/oder Dinge, die andere Leute abwerten (
wir sind keine dummen NTsund so was). Ich sähe es gern, wenn wir mit Sachen wieWie sind Menschen und, wie alle Menschen, wertvoll.Wir müssen nicht beweisen, dass wir autistische Superkräfte haben, um wertvoll zu sein. Noch müssen wir Autist_innen moralische Tugenden zuschreiben, damit sie wertvoll sind (besonders weil es, genauso wie NTs, moralische und unmoralische Autist_innen gibt.
Teilweise wurde Joels Artikel so verstanden, als dürfte man nicht sagen, dass Autist_innen Stärken haben – was Joel allerdings nie geschrieben hat. Er sagt lediglich, dass Autist_innen als Menschen wertvoll sind, genauso wie alle anderen auch, ungeachtet eventueller Stärken und Fähigkeiten. Wenn wir Autistic Pride feiern, sollten wir uns nicht an neurotypischen Normen orientieren, nicht daran, wer wieviele Punkte im IQ-Test hat, nicht daran, wer spricht und wer nicht, und nicht daran, wer welche Erfolge und Erlebnisse hatte. Das soll keinesfalls heißen, dass man seine persönlichen Erfolge nicht feiern sollte – im Gegenteil, man sollte sie feiern. Aber man sollte das nicht mit Autistic Pride gleichsetzen. Auch Joel Smith schreibt ausdrücklich:
Sicherlich können wir an die Dinge denken, von denen wir glücklich sind, sie gemacht zu haben, Dinge, die wir erreicht haben. Verfechter_innen der Rechte autistischer Menschen haben in letzter Zeit vile gemacht. Wir können jeden feiern, der es geschafft hat, sich aus einem Heim zu befreien, und wir können darüber jubeln, dass es viele autistische Kinder gibt, die Sommerferien haben – frei von Mobbing und Missbrauch, von denen sie in der Schule oft geplagt werden. Verdammt, wir können dankbar jede autistisch Person feiern, die es geschafft hat, ein weiteres Jahr in dieser Welt zu überleben. Wir können uns als Menschen anerkennen, die das Recht haben auf die selben Menschenrechte, die nicht-behinderte Menschen heute genießen.
In seinem Blog geht er in My Autistic Superpowers
auf die Missverständnisse rund um seinen Artikel ein und erklärt:
The misunderstanding stems from my belief – which I hold quite strongly – that autistics don’t have to have a special skill or superpower to be autistic, and that they still can be proud to be who they are. I strongly reject the view that we should be proud of being autistic because we have a skill or ability. That belief would imply that we shouldn’t be proud of being autistic if we don’t have any particular special skill, which furthers the idea that there are two kinds of autistics – autistics who should be cured and autistics who should not be cured. I don’t buy into that idea at all. We should be proud to be autistic because it’s part of who we are, and everyone has a right to be proud of who they are. It’s no more complicated than that, and we shouldn’t have to justify our right of existence on the basis of whether or not we’re
useless eaters.
Autist_innen müssen keine speziellen Fähigkeiten oder Superkräfte haben, um gern und selbstbewusst zu sein, wer sie sind. Rechtfertigen Schwule ihre Existenz dadurch, dass sie spezielle Fähigkeiten als Modedesigner
haben? Rechtfertigen Schwarze ihre Existenz dadurch, dass sie besondere Stärken im Hip Hoppen
haben? Wollen Autist_innen ewig in Klischees verhaftet bleiben und, schlimmer noch, die Nützlichkeitsideologie unserer Gesellschaft weiter vorantreiben?
Auch Amanda Baggs geht auf diese Debatte ein:
Joel, like me, is very concerned about a false form of
autistic pride
that is really merely pride for some auties at the expense of others
. The kind of pride
that allows Temple Grandin to say that she’d rather non-speaking auties not exist, but auties like her are okay and beneficial to society.
Und ChaoticIdealism schreibt dazu:
Autistic pride? Yes. Good idea. After all, it’s who we are, and for most of us, it’s a bigger part than culture, gender, or age; so why not be proud of what makes us different, what makes us ourselves? But there’s a point at which autistic pride can get problematic.
I can’t tell you how many times I’ve seen forum posts along these lines:
I ran a marathon, composed five symphonies, memorized the entire Encyclopedia Britannica, and got a medical degree–all before the age of ten! And because I’m autistic, that means autism isn’t a disability–in fact, we’re the next step in human evolution!
Ob man in dieser Gesellschaft, die Autist_innen vielfältige Barrieren in den Weg stellt, erfolgreich
ist (wer definiert Erfolg?) oder nicht, oder ob man (unabhängig davon) bestimmte Fähigkeiten oder Eigenschaften hat oder nicht, sagt nicht über den Wert eines Menschen aus.
Woran liegt es, dass im Kontext von Autistic Pride so oft die Intelligenz, die Fähigkeiten und die Erfolge von Autist_innen betont werden? Meiner Ansicht nach steckt dahinter die Vorstellung: wenn wir dieselben Werte feiern, die die Mainstream-Gesellschaft feiert, dann werden sie uns endlich akzeptieren; wenn wir ihnen zeigen, dass wir dasselbe wollen wie sie, werden sie mit uns reden und wenn wir ihnen zeigen, dass wir ihnen nützlich sein können, werden sie uns nicht ausrotten.
Das ist nicht Autistic Pride. Es mag ein Ziel mancher Autist_innen sein, im Mainstream anzukommen (mein Ziel ist es nicht), dann ist es ihr persönliches Ziel und sie sollten nicht Autistic Pride dafür missbrauchen. Ich habe es oben schon geschrieben: Autistic Pride bedeutet, sich selbst zu akzeptieren, und zwar unabhängig davon, ob es andere auch tun.
Disability Pride
Although there are many barriers facing people with disabilities today, the single greatest obstacle we face as a community is our own sense of inferiority, internalized oppression and shame.
Sarah Triano, Disabled and Proud
Die am stärksten diskriminierte und kulturell stark negativ bewertete Gruppe in unserer Gesellschaft sind Behinderte
. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass gerade Menschen, die in diese Schublade gesteckt werden, sich schwer tun, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln. Es gibt nur wenige Websites, die sich mit Disability Pride befassen und das, was damit bezeichnet wird, ist keineswegs einheitlich. Amanda Baggs kritisiert Formen von sogenanntem Disability Pride:
The notion of
I hope this isn’t yet another form of disability pride that’s founded on fundamentally ableism principles
is one that tends to cross my mind when presented with any form of disability pride
. I kno someone who was surprised to find out that among many wheelchair users, “disability pride” was actually some variant on At least I’m not retarded.”
As someone involved in several disability communities, I know that many do have ableist versions of pride
, this is not something made up to spite a particular person.
Nur ganz kurz erwähnen will ich hier auch Mad Pride – weitere Informationen dazu gibt es zum Beispiel auf Mindfreedom.org.
Also, was ist nun Autistic Pride?
Autistic Pride bedeutet:
- Autist_innen sind nicht krank, nicht gestört, nicht defekt. Sie sind genauso in Ordnung, wie sie sind und niemand sollte versuchen, sie zu
heilen
. - Vielfalt ist etwas Gutes.
- Autistisch zu sein, ist einer Person inhärent; das heißt, man kann
die Person
undden Autismus
nicht trennen (auch nicht gedanklich).

