Leo Kanner, einen der Erstbeschreiber von Autismus, war klar: Autismus ist extrem selten. Fast exotisch selten. Hans Asperger, ein weiterer Autismus-Pionier, war davon überzeugt, dass fast nur Jungen autistisch seien. Beide lagen daneben, und trotzdem wirken sie bis heute nach.
Wir wissen heute: Autismus ist nicht selten, und es ist auch keine reine Jungen-Sache. Trotzdem haben genau diese beiden frühen, fehlerhaften Annahmen jahrzehntelang die Forschung und die Diagnostik geprägt – weil man nicht nach Autismus gesucht hat, wo man ihn nicht erwartet hat.
Fangen wir mit den aktuellen Prävalenz-Zahlen an. Danach schauen wir uns an, wie wir überhaupt dahin gekommen sind.
Auf dieser Seite:
Die Prävalenz von Autismus: Die aktuellen Zahlen
Die verlässlichste Quelle kommt aus den USA: das CDC, genauer gesagt ein Programm namens ADDM (Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network). Alle zwei Jahre schauen sich Forscher:innen an 16 Standorten die Akten von Achtjährigen an und zählen, wie viele davon eine Autismus-Diagnose haben. Dieses System ist nicht perfekt, aber es ist ein sehr gründliches.
Die neuesten Daten stammen aus dem Jahr 2022, veröffentlicht wurden sie erst 2025. Das mit der Verzögerung ist normal – bei so viel Aktenarbeit dauert das eben. Das Ergebnis: 1 von 31 Achtjährigen in den USA wurde mit Autismus diagnostiziert. Das sind etwa 3,2 Prozent.
Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lag die Zahl noch bei 1 von 150. Also gut fünfmal weniger. Und schon damals gab es Gruppierungen, die von einer »Autismus-Epidemie« sprachen.
Bei Erwachsenen in den USA geht man derzeit von etwa 5,4 Millionen Betroffenen aus, ungefähr 2,2 Prozent.
Weltweit schätzt die WHO die Häufigkeit auf rund 1 Prozent – wobei das wahrscheinlich zu niedrig ist, weil in vielen Ländern schlicht die Diagnostik fehlt, um Autismus überhaupt zu erkennen.
Eine kurze Anmerkung zum CDC
Ich hab oben das CDC als verlässliche Quelle genannt – weil die Wissenschaftler:innen dort seit Jahren gute Arbeit machen. Allerdings hat genau diese Behörde im November 2025 ihre eigene Website verändert und andeutet, man hätte mögliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und Autismus »ignoriert«. US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat bestätigt, dass er diese Änderung persönlich angeordnet hat.
Was dazu wichtig ist: Über 25 große Studien haben keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gefunden. Der Mythos geht auf eine einzelne Studie aus dem Jahr 1998 zurück, die längst zurückgezogen wurde und deren Autor seine Zulassung verlor. Trotzdem taucht die Behauptung immer wieder auf. Die bedauerlichen Veränderungen bei CDC sind politisch und nicht wissenschaftlich begründet.
Warum steigt die Zahl also wirklich?
Die kurze Antwort: nicht, weil es »mehr Autismus« gibt. Die Fachwelt ist sich hier ziemlich einig: Es gab früher genauso viele autistische Menschen, sie wurden nur nicht als autistisch erkannt.
Der Anstieg der Autismus-Diagnosen hat mehrere Gründe:
- Die Diagnosekriterien wurden (bewusst) ausgeweitet, weil man erkannt hat, dass viele autistische Menschen den ursprünglich engen Kriterien nicht entsprechen, aber trotzdem Unterstützung brauchen.
- Autismus ist viel bekannter. Deshalb denken Eltern, Kinderärzt:innen bei Auffälligkeiten eher an Autismus.
- Die Diagnostik wird besser. Früher bekamen autistische Kinder oft andere, falsche oder unzureichende Diagnosen. Die Statistik des CDC zeigt zum Beispiel, dass die Rate an Kindern mit kognitiven Behinderungen sinkt, und zur selben Zeit die Autismus-Rate steigt.
- Autismus wird zunehmend entstigmatisiert. Das ist wichtig, nicht nur weil dadurch Eltern überhaupt in Betracht ziehen, eine Autismus-Diagnostik machen zu lassen.
Kurz gesagt: Wir sehen heute mehr, weil wir besser hinschauen, nicht weil mehr da ist.
Wie aus 1:3000 im Laufe der Zeit 1:31 wurde
Leo Kanner, der oft (fälschlicherweise) als Entdecker von Autismus gilt, betonte immer wieder, wie extrem selten Autismus sei. Seine Definition von Autismus war sehr eng gefasst. Sie schloss zum Beispiel Kinder mit Lernbehinderungen oder Epilepsie aus.
Kanner prahlte damit, dass er 9 von 10 Kindern, die von anderen Ärzten zur Autismus-Abklärung in seine Praxis überwiesen wurden, als nicht autistisch wieder wegschickte.
Autismus war damals sehr unbekannt und es existierten anfangs keine konkreten Diagnosekriterien. Lange Zeit konnte deshalb fast keine Ärzt:in Autismus erkennen und eine Diagnose stellen.
In den 1960er und 1970er Jahren wurden mehrere Studien zur Prävalenz von Autismus durchgeführt. Damals war das Ergebnis: Ungefähr ein Kind von 3000 Kindern ist autistisch.
Die Geschichte der Diagnosekriterien ist eigentlich die Geschichte, warum die Zahlen so gestiegen sind. Ein kurzer Ritt durch die Jahrzehnte:
1968 landete Autismus im DSM-II (dem damaligen amerikanischen Diagnosehandbuch) noch als eine Unterform kindlicher Schizophrenie. Keine eigene Diagnose, sondern ein Anhängsel.
1980 änderte sich das mit dem DSM-III: Autismus bekam eine eigene Kategorie, komplett losgelöst von Schizophrenie. Ein wichtiger Schritt. Das DSM-III war ein Abschied von psychoanalytischen Theorien und gleichzeitig der erste Versuch, die Syndrome darin wissenschaftlich zu fassen und zu beschreiben. Allerdings war die Datenlage für viele der Aussagen sehr dünn bis nicht vorhanden, und Diagnostiker:innen fanden es schwierig, die Kriterien in der Praxis anzuwenden.
1987 wurden die Kriterien für eine Autismus-Diagnose deutlich gelockert. Vorher mussten Kinder praktisch alle sechs Merkmale erfüllen, jetzt reichten acht von sechzehn möglichen. Die Prävalenz stieg dadurch spürbar.
Lorna Wing war Teil des Teams, das die Autismus-Kriterien überarbeitete. Sie hatte bereits erkannt, dass Autismus ein Spektrum ist und arbeitete darauf hin, dass sich das auch in den Diagnosekriterien wiederspiegelte. Nur so konnten autistische Menschen, die nicht in die bisher engen diagnostischen Kriterien passten, Unterstützung erhalten.
Studien vor und nach der Veröffentlichung des DSM-III-R zeigten, dass die überarbeiteten Kriterien besser geeignet waren, um Autismus auf unterschiedlichen Funktionniveaus zu erkennen – einschließlich Kindern, die früher nur die Diagnose »geistige Behinderung« bekommen hätten.
Dazu kam ein weiterer Faktor, und er hat damit zu tun, dass Autismus damals stark stigmatisiert war: Das DSM-III-R enthielt auch die Diagnose PDD-NOS »Pervasive Developmental Disorder—Not Otherwise Specified« – »Tiefgreifende Entwicklungsstörung – nicht näher bestimmt«.
Die Forscher*innen erwarteten nicht, dass die Diagnose oft verwendet weden würde – aber das Gegenteil war der Fall. Gerade weil sie nicht den stigmatisierten Begriff Autismus enthielt, wurde die Diagnose von Eltern und den im Gesundheitswesen Tätigen besser angenommen. In den USA wurde sie der am meisten vergebenen Diagnose aus dem Autismus-Spektrum.
1991 kam ein Faktor dazu, der leicht unterschätzt wird: In den USA berechtigte eine Autismus-Diagnose ab jetzt zu sonderpädagogischer Förderung. Plötzlich hatten Eltern einen handfesten Grund, eine Diagnose anzustreben, statt sie zu fürchten.
1994, mit dem DSM-IV, kam das Asperger-Syndrom dazu. Dadurch erfüllten plötzlich viele Menschen die Kriterien für eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum, die vorher keine bekommen hätten.
Auch das war eine bewusste Ausweitung der Kriterien, weil man erkannte, dass diese Menschen Unterstützung benötigen.
Und 2013, mit dem DSM-5, wurden all diese Unterkategorien wieder zusammengelegt zu einer einzigen Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung. Wieder änderten sich die Diagnosekriterien.
(Übrigens: Die Diagnosekriterien im ICD (dem internationalen Diagnosehandbuch der WHO) wurden über die Jahre in sehr ähnlicher Weise wie im DSM verändert – der Übersichtlichkeit lasse ich das hier weg.)
Gibt es also keinen wirklichen Anstieg der Autismusraten?
Das gestiegene Bewusstsein für Autismus und die sich ändernden Diagnosekriterien machen den Großteil des Anstiegs der Prävalenz aus.
Aber auch biologische Faktoren könnten einen kleinen Anteil daran haben. Zum Beispiel können ältere Eltern, insbesondere ein älterer Vater, die Wahrscheinlichkeit von Autismus vermutlich leicht erhöhen. Frühgeborene Kinder sind ebenfalls einem erhöhten Autismusrisiko ausgesetzt, und mehr Frühgeborene überleben heute als je zuvor – zum Glück.
Zahlenmäßig fällt das allerdings kaum ins Gewicht.
Wer wird übersehen: Geschlecht
Bei den aktuellen CDC-Zahlen werden Jungen etwa 3,4-mal häufiger diagnostiziert als Mädchen. 49,2 von 1000 Jungen gegenüber 14,3 von 1000 Mädchen.
Erinnerst du dich an Hans Asperger von vorhin, der fast nur Jungen beschrieben hat? Diese frühe Schieflage wirkt bis heute nach – auch, weil Autismus kulturell mit einer bestimmten Form von Männlichkeit assoziiert wird (der Nerd).
Die meisten diagnostischen Kriterien und Beobachtungsinstrumente wurden über Jahrzehnte hinweg vor allem an Jungen entwickelt und getestet. Das bedeutet: Wenn ein Mädchen anders auftritt als das »typische« Bild, das man im Kopf hat, wird die Diagnose leichter übersehen.
Ein Begriff, der hier oft fällt, ist Camouflaging oder Masking. Gemeint ist damit, dass viele autistische Mädchen und Frauen lernen, ihr Verhalten stark an ihre Umgebung anzupassen und typische autistische Merkmale zu verbergen oder auszugleichen. Nach außen wirkt das oft unauffällig. Nach innen kostet es enorm viel Kraft.
Das führt in der Praxis dazu, dass Mädchen und Frauen im Schnitt deutlich später diagnostiziert werden als Jungen und Männer. Manche erst als Erwachsene, oft nach Jahren voller falscher Diagnosen oder dem Gefühl, einfach »irgendwie anders« zu sein, ohne zu wissen warum.
Ein Detail dazu, das ich persönlich ziemlich aufschlussreich finde: Das Geschlechterverhältnis ist nicht überall im Spektrum gleich. Schon 1981 zeigte die britische Psychiaterin Lorna Wing in einer inzwischen klassischen Studie, dass bei Kindern mit zusätzlicher, stärkerer Intelligenzminderung das Verhältnis bei etwa 2 Jungen zu 1 Mädchen lag – bei Kindern mit höherem Funktionsniveau war die Kluft deutlich größer.
Spätere Übersichtsarbeiten bestätigen dieses Muster: Bei Autismus mit begleitender Intelligenzminderung liegen die Verhältnisse oft bei 2:1, bei hochfunktionalem Autismus wurden dagegen Verhältnisse von 9:1 und mehr berichtet, für das Asperger-Syndrom speziell in älteren Studien sogar bis zu 10:1.
Warum ist das interessant? Wenn Autismus rein biologisch nur bei Jungen häufiger vorkäme, müsste das Verhältnis eigentlich über alle Funktionsniveaus hinweg ähnlich bleiben. Tut es aber nicht. Je höher das Funktionsniveau, desto größer die Lücke zwischen Jungen und Mädchen in den Diagnosezahlen. Genau das spricht dafür, dass ein gutes Stück dieser Lücke gar nicht biologisch ist, sondern damit zu tun hat, dass hochfunktionale Mädchen und Frauen besonders gut maskieren und dadurch besonders leicht durchs Raster fallen.
Das führt in der Praxis dazu, dass Mädchen und Frauen im Schnitt deutlich später diagnostiziert werden als Jungen und Männer. Manche erst als Erwachsene, oft nach Jahren voller falscher Diagnosen oder dem Gefühl, einfach »irgendwie anders« zu sein, ohne zu wissen warum.
Wer wird übersehen: Herkunft
Auch bei Ethnizität gibt es eine bemerkenswerte Entwicklung. Lange wurden in den USA weiße Kinder häufiger diagnostiziert als Kinder aus anderen Bevölkerungsgruppen. Seit ungefähr 2020 hat sich das Bild gedreht.
Nach den neuesten CDC-Zahlen liegt die Prävalenz bei weißen Kindern inzwischen niedriger (27,7 pro 1000) als bei asiatisch-pazifischen (38,2), indigenen amerikanischen (37,5), Schwarzen (36,6), hispanischen (33,0) und multiethnischen Kindern (31,9).
Auch hier gilt: Das bedeutet nicht, dass in diesen Gruppen »mehr Autismus« vorkommt. Es wird als Zeichen dafür gedeutet, dass Aufklärung und Zugang zu Diagnostik in vielen Communities besser geworden sind, die früher schlechter versorgt waren.
Trotzdem bleibt eine Ungleichheit bestehen, nur an anderer Stelle: Kinder aus Minderheiten-Communities werden im Schnitt weiterhin später diagnostiziert. Und bei Kindern mit ASS aus asiatisch-pazifischen, Schwarzen und hispanischen Familien wird häufiger zusätzlich eine Intelligenzminderung dokumentiert als bei weißen oder multiethnischen Kindern. Das kann echt sein. Es kann aber auch bedeuten, dass diese Kinder erst später auffallen, wenn die Schwierigkeiten schon deutlicher geworden sind, weil frühe, mildere Anzeichen übersehen wurden.
Und das Einkommen?
Man könnte vermuten: Wo mehr Geld für Diagnostik da ist, wird auch mehr diagnostiziert. Die Datenlage ist hier überraschend uneindeutig. An 11 von 16 CDC-Standorten fand sich gar kein Zusammenhang zwischen dem Haushaltseinkommen einer Nachbarschaft und der Autismus-Prävalenz. Nur an 5 Standorten war ein niedrigeres Einkommen mit einer höheren Rate verbunden. Die einfache Rechnung »reich gleich mehr Diagnosen« geht also so nicht auf. Die Realität ist komplizierter, wie so oft.
Was heißt das jetzt alles?
Die Zahl »1 von 31« klingt für manche erstmal beunruhigend. Fast wie eine Alarmmeldung. Ist sie aber nicht, zumindest nicht in dem Sinn, in dem sie oft verstanden wird.
Es gibt keine Autismus-Epidemie. Es gibt keinen mysteriösen Umweltfaktor, der plötzlich mehr Menschen autistisch macht (auch wenn genau das gerade wieder politisch behauptet wird).
Was es gibt, ist eine Gesellschaft, die langsam, mit vielen Umwegen und Ungerechtigkeiten, besser darin wird, autistische Menschen zu erkennen. Mädchen, die früher übersehen wurden. Kinder aus Communities, die früher keinen Zugang zu Diagnostik hatten. Erwachsene, die ihr Leben lang gespürt haben, dass etwas anders ist, ohne dafür ein Wort zu haben.
Die steigenden Zahlen sind, bei allem was noch nicht gut läuft, in erster Linie ein Zeichen für mehr Sichtbarkeit. Nicht für mehr Autismus.
Und das ist eine gute Nachricht.
Quellen und Studien
- American Psychiatric Association – Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, historische Ausgaben DSM-II bis DSM-5
- Anderer, S. (2025). CDC: better screening access drives rise in autism diagnoses. JAMA,333;(23):2043.
- Asperger, H. (1944): Die »Autistischen Psychopathen« im Kindesalter
- Bottema-Beutel, K. (2026). When Ableism Supplants Evidence: Federal Autism Guidance in the United States. Autism, 13623613261439928.
- CDC – Data & Statistics on Autism Spectrum Disorder
- Harris, E. (2023). Autism prevalence has been on the rise in the US for decades—and that’s progress. JAMA,329;(20):1724-1726.
- Kanner, L. (1943): Autistic Disturbances of Affective Contact
- Shaw, K. A. (2025). Prevalence and early identification of autism spectrum disorder among children aged 4 and 8 years—Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network, 16 Sites, United States, 2022. MMWR. Surveillance Summaries, 74.
- WHO – Autism Spectrum Disorders Fact Sheet
- Wing, L. (1981). Sex ratios in early childhood autism and related conditions. Psychiatry research, 5(2), 129-137.
- Wing, L. (1993). The definition and prevalence of autism: A review. European child & adolescent psychiatry, 2(1), 61-74.
- Zeidan, J., Fombonne, E., Scorah, J., Ibrahim, A., Durkin, M. S., Saxena, S., … & Elsabbagh, M. (2022). Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism research, 15(5), 778-790.
Zuletzt bearbeitet am 14.07.2026.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.
