Glücklich leben im Autismus‑Spektrum

So erkennst du eine Schlafstörung bei deinem Kind - und was du tun kannst, um euch eine ruhigere Nacht zu ermöglichen.

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Die Nacht durchzuschlafen ist etwas, das alle Kinder erst lernen müssen. Für autistische Kinder kann es manchmal ein schwieriger und scheinbar unmöglicher Prozess sein. Das kann wiederum enorme Auswirkungen auf ihre Familien haben. Dieser Leitfaden erklärt, warum dein Kind eine Schlafstörung haben könnte und was du tun kannst, um deinem Kind und dir selbst eine friedlichere Nacht zu ermöglichen.

Es wird nicht einfach,deinem Kind zu helfen, seine Schlafprobleme zu überwinden. Die meisten Expert*innen empfehlen, jemanden außerhalb der unmittelbaren Familie um Rat und Unterstützung zu bitten. Ideal wäre ein Experte für Schlafstörungen, aber es ist nicht immer einfach, eine Überweisung zu einer geeigneten Fachkraft zu bekommen.

Es ist auch empfehlenswert, mit den Lehrkräften des Kindes Verbindung aufzunehmen, um sicherzustellen, dass sie die Probleme des Kindes kennen und es unterstützen können. Du kannst sie auch fragen, wie wach dein Kind in der Schule ist.

Der normale Schlaf

Wir alle wachen nachts mehrmals auf – bis zu zehn Mal pro Stunde für wenige Sekunden, bis zu 23 Mal pro Nacht sind wir länger als eine Minute wach. Wir bemerken davon nichts. Erst wenn wir länger als fünf Minuten wach sind, werden wir uns dessen bewusst.

Dieses Aufwachen ist ein Schutz aus Urzeiten, den die Evolution uns mitgegeben hat: Als rund um unsere Schlafstätten noch Raubtiere schlichen, war es überlebenswichtig, hin und wieder aufzuwachen und zu prüfen, ob die Schlafumgebung noch sicher ist.

Aus diesem Grund wachen wir auch heute noch auf – obwohl es nicht mehr notwendig wäre.

Babys und Kleinkinder haben oft noch Schwierigkeiten, nach dem nächtlichen Aufwachen wieder in den Schlaf zurück zu finden. Wann Kinder anfangen, nachts durchzuschlafen, ist unterschiedlich.

Von Durchschlafen spricht man, wenn ein Kind nachts etwa sechs Stunden am Stück schläft.

Wie definiert man eine Schlafstörung?

Wenn ein älteres Kind regelmäßig nicht einschlafen kann oder nach einer Phase guten Schlafs nachts aufwacht, dann macht das eine Schlafstörung aus.

Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass alle Kinder zeitweise schlecht schlafen, zum Beispiel nach einer Krankheit, während Feiertagen wie Weihnachten oder kurzen Zeiten besonderen Stresses, wie beispielsweise Prüfungen oder wenn eine ihnen nahestehende Person krank ist. Nach solchen Ereignissen sollten sie innerhalb einiger Tage wieder zu einem normalen Schlafmuster finden.

Es ist auch wichtig, sich seine Erwartungen bewusst zu machen: Kinder können nicht früh ins Bett gehen und spät aufwachen. Sie werden nicht länger als eine bestimmte Zeit schlafen. Es gibt keine Richtlinien, wie lange ein Kind schlafen sollte; wie viel Schlaf eine Person braucht, variiert stark. Im Durchschnitt nimmt die Zeit, die ein Kind an Schlaf braucht, jedes Jahr um eine Viertelstunde ab, bis zum Alter von sechzehn Jahren. Ein Fünfjähriger schläft im Schnitt elf Stunden und ein 16-jähriger braucht im Schnitt achteinhalb Stunden Schlaf. Aber diese Zahlen sind nicht fix und es gibt 16-Jährige, die zehn Stunden Schlaf brauchen, genauso wie es Fünfjährige gibt, die nur sieben Stunden Schlaf brauchen.

Wenn du annimmst, dass dein Kind eine Schlafstörung hat und dir eine Vorstellung über das Ausmaß des Problems machen willst, ist es eine gute Idee, ein Schlaf-Tagebuch zu führen. Das ist der erste Schritt hin zu einer Lösung des Problems.

Warum ein Schlaf-Tagebuch führen?

Schlaf-Tagebücher sind aus mehreren Gründen nützlich:

  • Sie können helfen, ungewöhnliche Schlafmuster aufzudecken.
    Ein Beispiel:

    Felix schläft sieben Stunden pro Tag, aber er hält ein Nickerchen, wenn er von der Schule nach Hause kommt, was dann seinen Nachtschlaf beeinträchtigt. Wenn sich über längere Zeit ein solches Muster herausbildet, sollten die Eltern über Möglichkeiten nachdenken, ihn etwas anzuregen und munter zu halten, nachdem er aus der Schule kommt. Nach einiger Zeit wird er wahrscheinlich nachts mehr schlafen und tagsüber weniger. Das Schlaf-Tagebuch zeigt auch, dass er seine unruhigste Nacht verbringt, nachdem er einige Zeit mit seiner Großmutter fort von zu Hause verbracht hat. Das weist darauf hin, dass Beständigkeit und Routine für Felix sehr wichtig sind.

  • Wenn du dich entscheidest, Routinen oder ähnliches einzuführen, um deinem Kind zu helfen, dann ermöglicht das Schlaf-Tagebuch es dir zu überprüfen, ob das, was du tust, dauerhaft, sporadisch oder überhaupt nicht funktioniert.
  • Du kannst das Schlaf-Tagebuch Fachkräften zeigen, die am Leben des Kindes beteiligt sind, wie Lehrkräften, Ärzt*innen, Sozialarbeiter*innen oder Assistenzkräften, um ihnen eine klarere Vorstellung davon zu geben, wie die Schlafmuster deines Kindes Auswirkungen haben auf das Kind, dich und die ganze Familie. Andere Leute könnten annehmen, du übertreibst, wenn du sagst, dass du im Schnitt nur zwei Stunden pro Nacht schläfst. Wenn du ihnen die Tabellen mit dem genauen Zeiten zeigst, werden sie dem vielleicht mehr Aufmerksamkeit schenken.
  • Falls du für dein Kind einen Schwerbehindertenausweis, Pflegegeld oder eine Assistenz beantragen willst, solltest du im Antrag angeben, wie viel dein Kind schläft und wie oft du nachts aufstehen musst, um ihm zu helfen. Du kannst eine Kopie des Schlaf-Tagebuchs mitsenden, um deinen Antrag zu stützen.
  • Für manche Kinder im Autismus-Spektrum kann das Schlaf-Tagebuch als visuelle Erinnerung an ihre störenden Schlafmuster dienen. Es kann verwendet werden, um dem Kind einen Anreiz zu bieten, im Bett zu bleiben und zu versuchen zu schlafen, zum Beispiel durch ein goldenes Sternchen für jede Nacht, in der es im Bett bleibt, und eine kleine Belohnung, wenn es drei Nächte nacheinander im Bett bleibt.

Was ist die Ursache von Schlafstörungen?

Einschlaf- und Aufwachstörungen

Die Antwort darauf ist wahrscheinlich für jede Person unterschiedlich. Leider scheint es, dass fast alle Kinder im Autismus-Spektrum zu irgendeinem Zeitpunkt einmal unter gestörten Schlafmustern leiden. Schlafprobleme können in zwei Hauptgruppen unterteilt werden: Einschlafprobleme, bei denen das Kind Schwierigkeiten hat, zu einer angemessenen Zeit ins Bett zu gehen und einzuschlafen, und Aufwachprobleme, bei denen das Kind nachts mehrfach aufwacht. Mit beidem werden wir uns hier befassen.

Wir wissen nicht, warum Kinder im Autismus-Spektrum so anfällig sind für gestörten Schlaf. Donna Williams, die viel über ihr Leben im Autismus-Spektrum geschrieben hat, beschreibt ihre Angst vor dem Einschlafen in ihrer Autobiografie:

Schlaf war kein sicherer Ort. Schlaf war der Ort, wo die Dunkelheit Dich am lebendigen Leib auffrisst. Schlaf war ein Ort ohne Farbe oder Licht. In der Dunkelheit konntest Du Dein Spiegelbild nicht sehen. Du konntest nicht in den Schlaf verschwinden. Das Schlaf kam einfach und stahl dich weg jenseits Deiner Kontrolle. Alles, das mich der völligen Kontrolle beraubte, war kein Freund von mir.

Donna Williams (Wenn du mich liebst, bleibst du mir fern)

Ich hatte Angst einzuschlafen, immer schon. Deshalb habe ich jahrelang mit offenen Augen geschlafen. Ich schätze, ich habe nicht sonderlich normal gewirkt. Tief bewegend und tief gequält wären wohl bessere Adjektive. Ich hatte Angst vor der Dunkelheit, obwohl ich die frühe Morgen- und Abenddämmerung liebte.

Donna Williams (Ich könnte verschwinden, wenn du mich berührst)

Diese Beschreibungen sind subjektiv und schildern nicht notwendigerweise die Erfahrungen anderer Personen. Sie weisen darauf hin, dass Donna Williams mehr Probleme mit dem Einschlafen als mit dem Aufwachen hatte. Wir wissen nicht, welche Art von Problemen bei autistischen Kindern häufiger sind, wir wissen allerdings, dass es Kinder gibt, die mit beidem Probleme haben.

In Donnas Fall verhinderte ihre Angst vor dem Unbekannten und Unkontrollierbarem einen gesunden Schlaf und das könnte auf einige autistische Kinder zutreffen. Aber für die meisten Kinder im Autismus-Spektrum wird das nicht die Erklärung, oder zumindest nicht der einzige Grund sein. Viele Kinder haben Schlafstörungen aus einer Vielzahl ursächlicher Gründe.

Aufwachprobleme und Einschlafprobleme können in einigen Fällen zusammenhängen – ein Kind wacht nachts auf, um auf die Toilette zu gehen und findet es schwierig, wieder einzuschlafen. Bei sehr kleinen Kindern sind Aufwachprobleme ein Hinweis darauf, dass sie noch kein altersgemäßes Schlafmuster entwickelt haben. Als Säuglinge wachten sie alle paar Stunden auf, um zu trinken, und dieses Muster ist noch nicht ganz beseitigt. Bei älteren autistischen Kindern kann es ein Hinweis auf eine Schlafstörung sein. Ein Grund dafür kann Angst sein – Angst macht es schwierig, in tiefen Schlaf zu fallen – oder akute Alpträume.

Viele Expert*innen empfehlen bei Aufwachproblemen, nach dem Kind zu sehen, aber jedesmal für eine kürzere Zeit, damit sie lernen, dieses Verhalten nicht zu nutzen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass Aufmerksamkeit die Hauptmotivation autistischer Kinder ist. Autistische Kinder mit Aufwachproblemen brauchen eher beständige Rückversicherung von dir und eine kreative Herangehensweise, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.

Soziale Bedeutung des Schlafs

Autistische Kinder haben manchmal Schwierigkeiten zu verstehen, warum und wann sie schlafen sollen. Es fällt ihnen häufig schwer zu lernen, warum und in welcher Reihenfolge Dinge passieren sollen, und das kann heißen, dass dein Kind keine Verbindung herstellt zwischen dem zu Bett gehen der Familie und seinem eigenen Bedürfnis nach Schlaf.

Manchen Kindern gelingt der Übergang vom Schlafen im elterlichen Schlafzimmer zum Schlafen in ihrem eigenen Zimmer gut, anderen fällt er schwer. Das kann daran liegen, dass sie vielleicht Schwierigkeiten mit Veränderungen haben, aber auch an ihrem Bedürfnis nach Sicherheit und Bestätigung zur Schlafenszeit und während der Nacht.

Melatonin

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, dass den Schlafrhythmus regelt. Es wird im Körper freigesetzt, wenn es dunkel ist, nachts ist die Melatonin-Konzentration im Körper deshalb am höchsten. Zusätzliches Melatonin kann als Tablette eingenommen werden.

Aber wie Melatonin genau wirkt und bei welchen Arten von Schlafstörungen es hilft, ist unter Mediziner*innen umstritten. Einige Studien zeigen, dass es manchmal reichen kann, ein paar Wochen lang Melatonin-Tabletten zu nehmen, um von einem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus zu einem gesunden zurückzufinden. Das Hormon kann aber starke Nebenwirkungen haben; zum Beispiel schläfrig und unkonzentriert machen.

Wenn man Melatonin-Tabletten ausprobieren will, sollte man das mit der Kinderärzt*in besprechen. Das Schlaf-Tagebuch kann helfen, die Wirkung und Nebenwirkungen einzuschätzen.

Übrigens gibt es einige Lebensmittel, die von Natur aus reich an Melatonin sind, z.B. Hafer, Reis, Zuckermais, Tomaten, Pflaumen, Bananen und Paranüsse. Die Forschung ist sich aber nicht sicher, ob eine melatoninreiche Ernährung Kindern beim Einschlafen helfen kann.

Man kann aber die natürliche Melatonin-Produktion des Körper nutzen, indem man tagsüber an die Sonne geht und vor dem zu Bett gehen die Lichter dimmt und die Vorhänge zuzieht (sofern es draußen noch hell ist). Man kann vor der Schlafenszeit eine gewisse Zeit einplanen, in der das Zimmer bereits relativ dunkel ist und vor allem keine elektronischen Geräte mehr angeschaltet sind.

Zu viele Reize

Autistische Kinder haben oft große Probleme mit Berührungen, visuellen Stimuli oder Geräuschen. Das kann sowohl ablenkend als auch stressig sein und den Einschlafprozess schwierig machen.

Allergien und empfindliche Reaktionen auf Lebensmittel

Manche Kinder im Autismus-Spektrum reagieren vielleicht eher als andere Kinder empfindlich auf Zucker, Koffein und Zusatzstoffe, die Leute wachhalten. Wenn dein Kind kurz vor dem zu Bett gehen regelmäßig süße oder koffeinreiche Getränke oder Nahrungsmittel zu sich nimmt, solltest du prüfen, ob das seinen Schlaf stören könnte. Notiere dazu die Lebensmittel im Schlaf-Tagebuch.

Was können wir tun?

Bestimmte Lebensmittel vermeiden

Veränderungen in der täglichen Routine zur Schlafenszeit können für autistische Kinder stressig sein. Wenn sie bestimmte Getränke oder Snacks gewohnt sind, kann es kontraproduktiv sein, zu etwas völlig anderem zu wechseln. Aber du kannst zum Beispiel Getränke durch koffeinfreie und zuckerfreie Versionen austauschen, oder Kakao durch zuckerfreien Backkakao oder Johannisbrotmehl ersetzen. Man kann diesen Austausch auch langsam vornehmen, indem man koffeinhaltige und koffeinfreie Getränke mischt, nur einen halben Löffel Zucker in den Tee gibt oder nur einen Keks anbietet statt zwei.

Entspannungstechniken

Wir haben alle Schwierigkeiten, einzuschlafen, wenn wir überdreht oder angespannt sind, wenn wir ins Bett gehen. Zur Ruhe zu kommen, wenn viel passiert ist oder wenn wir emotional bewegt sind, kann schwierig sein. Autistischen Kindern fällt es vielleicht schwerer, ihr Bedürfnis, sich zu entspannen, in Worte zu fassen. Möglicherweise fühlen sie sich zur Schlafenszeit ängstlich oder verwirrt.

Entspannungstechniken können auf unauffällige, unaufdringliche Art in viele Bereiche des Familienlebens eingeführt werden. Im Folgenden stellen wir einige Möglichkeiten vor.

  • Gib einige Tropfen Melissen- oder Lavendelöl in das warme Bad deines Kindes; es ist nachgewiesen, dass das eine beruhigende Wirkung hat.
  • Gib deinem Kind eine Massage. Für einige Kinder im Autismus-Spektrum ist direkter Hautkontakt unangenehm, aber manche Massagetechniken, wie zum Beispiel Shiatsu, können auch durch die Kleidung durchgeführt werden. Eine sanfte Hand-, Fuß- oder Kopfmassage in der richtigen Umgebung kann Ihren Kind vielleicht helfen, zur Ruhe zu kommen, bevor es ins Bett geht.
  • Führe eine ruhige Stunde in den Tagesablauf ein, bevor das Kind zu Bett geht. Das kann zwei Zwecken dienen: Eine ruhige Aktivität hilft zum einen, sich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Zum anderen dient sie als sozialer Hinweis. Wenn alle im Haus ruhig und entspannt sind, dann erhält das Kind eine konsistente Nachricht. Anders sieht es aus, wenn das Haus noch belebt und laut ist, obwohl das Kind schlafen soll. Für das Kind ist das eine widersprüchliche Nachricht.

    Ohne Frage ist es einfacher gesagt als getan, eine ruhige Stunde einzuführen, aber du kannst mit kleinen Schritten anfangen, wie etwa den Fernseher oder Computer in dieser Stunde auszuschalten.
    Es kann eine Weile dauern, sich an dieses Muster zu gewöhnen, dann kann es aber eine enorme Wirkung haben. Man kann diese ruhige Stunde sogar auf den Tagesplan notieren, so dass das Kind weiß, was es erwarten kann und mit diesem Ablauf vertraut wird.

  • Manche Expert*innen sind der Ansicht, dass es kontraproduktiv sein kann, autistischen Menschen Entspannungstechniken im engeren Sinn beizubringen, weil diese sie vielleicht eher stressig finden als entspannend. Einige raten zu körperlicher Anstrengung, wie zum Beispiel Sport, um sich auszupowern und danach zur Ruhe zu kommen. Das hat etwas für sich: Körperlich erschöpfte Kinder schlafen üblicherweise besser.
    Viele Kinder im Autismus-Spektrum mögen spielerisches Raufen und Bewegung, und obwohl dieser Rat im Widerspruch zu der oben genannten ruhigen Stunde am Ende des Tages zu stehen scheint, kann er für manche Kinder effektiver sein. Du wirst selbst am besten wissen, zu welcher Gruppe dein Kind gehört; auch das Schlaf-Tagebuch kann eine Hilfe sein, um das herauszufinden.
  • Einige Eltern haben die Erfahrung gemacht, dass Entspannungshilfen wie Musik oder Yoga-Übungen Ihren Kinder sehr geholfen haben. Diese Entspannungstechniken sind leicht zugänglich und du kannst selbst abschätzen, ob dein Kind darauf ansprechen könnte oder nicht.
  • Einige Eltern haben berichtet, dass eine geeignete Beleuchtung im Kinderzimmer hilfreich sein kann – zum Beispiel eine Lavalampe.
  • Es kann lohnend sein, den Kind als Teil der abendlichen Routine eine feste Zeit anzubieten, zu der es über seinen Tag oder seine Sorgen reden kann. Vielleicht will man sogar ein Sorgenbuch oder Tagebuch nutzen, das neben dem Bett liegt, so dass das Kind seine Sorgen aufschreiben oder zeichnen kann. Mit diesen Sorgen setzt man sich dann vor dem zu Bett gehen auseinander.

Eine abendliche Routine einrichten

Kinder im Autismus-Spektrum sprechen auf Struktur und Routinen gut an, weil sie ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle geben. Während es frustrierend sein kann, sich den ganzen Tag an feste Routinen zu halten, kann es hilfreich sein, eine abendliche Routine einzurichten, die den Bedürfnissen der Familie entspricht und den Kind hilft, zur Schlafenszeit zur Ruhe zu kommen.

Damit die Routine wirksam ist, musst du dir zuerst die Routine ansehen, der deine Familie zur Zeit folgt. Einige Dinge, die es dabei zu beachten gilt, sind folgende:

  • Ist es möglich, jeden Tag zur selben Zeit zu Abend zu essen?
  • Tut ihr das bereits?
  • Esst ihr spät am Abend oder eher früh?
  • Ist es möglich, dass dein autistisches Kind sich jeden Tag zur selben Zeit fürs Bett fertig macht?
  • Gibt es etwas in der Routine deines Kindes, dass nur zu Hause gemacht werden kann? (zum Beispiel auf einem bestimmten Klettergerüst zu spielen oder einen eigenen Ort zu haben, an dem das Kind abends eine Auszeit nimmt)

Wesentlich ist, dass die abendliche Routine einfach ist, mit Raum für Flexibilität. Wenn du einmal weg bist, oder wenn das Kind einmal bei den Großeltern übernachtet, sollte die Grundstruktur die selbe sein. Sie könnte so aussehen:

  • 18:30 Uhr: Abendessen
  • 19:00 Uhr: Ruhezeit
  • 19:15 Uhr: Tee und ein Stück Obst
  • 19:45 Uhr: Ein warmes Bad
  • 20:25 Uhr: Zähne putzen
  • 20:30 Uhr: Bettzeit/schlafen
  • 07:30 Uhr: aufwachen

Was auch immer für einen Ablauf du versuchst, wesentlich ist, dass es etwas sein muss, mit dem du dich wohlfühlst und dem deine Familie zustimmen kann.

Es kann mehrere Wochen dauern, das Schlafmuster deines Kindes zu ändern.

Es kann nützlich sein, diesen Ablauf visuell darzustellen, zum Beispiel als Stundenplan, so das dein Kind genau weiß, was es erwarten kann, einschließlich dem morgendlichen Aufwachen. Wenn der Ablauf geändert werden muss, kann das auch visuell erklärt werden. Es kann sein, dass der Zeitplan Ihres Kindes detaillierter sein muss, so dass es genauer mitgeteilt bekommt, was es tun muss, wenn es zu Bett geht – zum Beispiel Vorhänge zuziehen, ins Bett gehen, Licht ausmachen, hinlegen, zudecken.

Es kann auch sinnvoll sein, die Vorbereitung des nächsten Tages in dieser Routine zu verankern. Das kann zum Beispiel das Packen der Schultasche sein oder das Erstellen einer Liste, was man am nächsten Tag alles machen muss.

Schlafen angenehmer machen

Schlaf, wie Donna Williams ihn beschreibt, klingt ziemlich unangenehm. Wenn dein Kind den Schlaf auch so erlebt, dann ist es kein Wunder, wenn es vor dem zu Bett gehen etwas aufgewühlt ist. Aber es gibt immer Wege, mit den Ängsten Ihres Kindes umzugehen und ihm zu helfen.

Einige Kinder reagieren sehr sensibel auf Licht und finden es sehr schwierig einzuschlafen, selbst wenn nur das leiseste Dämmerlicht ins Zimmer dringt. Wennihr keine Rollläden habt, helfen dicke Vorhänge, so viel Licht wie möglich auszublenden.

Genauso haben einige Eltern festgestellt, dass ihre Kinder nachts von kleinsten Geräuschen geweckt wurden. Neben allgemeinen Maßnahmen wie einem dicken Teppich im Zimmer zu haben und sicherzustellen, dass die Zimmertür richtig schließt, gibt es manchmal spezifische Geräusche, die das Kind wecken.

Eine Familie stellte zum Beispiel fest, dass ihre autistische Tochter aufwachte, wenn sie sich im Nebenzimmer umzogen. Um das zu vermeiden, stellten sie ihr Bett an die andere Wand des Zimmers und stellten entlang der Wand, die an das Zimmer ihrer Tochter angrenzte, Regale und Schränke auf, die die Geräusche verschluckten. Manchmal kann ein Computer, der auf Stand-By geschalten ist, schon genug sein, um einen ruhigen Schlaf zu verhindern.

Wenn das Kind sich mit Ohrstöpseln oder Kopfhörern wohlfühlt, kann das eine Möglichkeit sein, Geräusche auszublenden.

Auch Empfindlichkeit auf Berührungen kommt bei Kindern im Autismus-Spektrum häufig vor; manche autistischen Kinder empfinden bestimmte Arten der Berührung als körperlichen Schmerz. Die Autistin Temple Grandin beschreibt, dass sie nicht schlafen kann, wenn eines ihrer Beine das andere berührt, weshalb sie immer Schlafanzüge trägt, selbst wenn es sehr warm ist.

Auch Etiketten in der Kleidung und bestimmte Materialien können als unangenehm empfunden werden.

Einige Kinder sprechen gut auf schwere Decken (Gewichtsdecken) an, deren Stepptaschen statt mit Hohlfasern mit schwererem Material gefüllt sind. Der Druck einer solchen Decke hilft vielen Kindern, sich zu entspannen und verwendet dabei im Wesentlichen dasselbe Prinzip wie die Squeeze Machine, die Temple Grandin erfand, um sich zu entspannen und zu lernen, mit Berührungen zurecht zu kommen.

Es ist auch prüfenswert, ob es Gerüche im Kinderzimmer gibt, oder von draußen oder aus anderen Teilen des Hauses welche hineinziehen, die Menschen mit sensiblem Geruchssinn stören könnten.

Auch über die Einrichtung und die Anordnung der Dinge im Zimmer kann man nachdenken. Während es für einige Kinder beruhigend sein kann, viele ihrer Sachen um sich zu haben, kann es für andere ablenkend sein. Sogar die Wandfarbe des Zimmers oder Bilder an den Wänden können störend wirken.

Schlaf erklären

Wie bereits erwähnt, können Kinder Schwierigkeiten haben zu verstehen, warum sie Schlaf brauchen. Eine soziale Lerngeschichte (Social Story), wie Carol Gray sie für autistische Kinder entwickelte, kann helfen, dies zu erklären. Soziale Lerngeschichten sind kurze Geschichten, die entwickelt wurden, um autistischen Kindern im Vorschulalter soziale und lebenspraktische Fähigkeiten beizubringen. Auch Kinderbücher können biologische Erklärungen dafür liefern, warum man schlafen muss.

Hier ist ein Beispiel einer Social Story von Carol Gray (aus: My Social Stories book):

Was heißt es, wenn Leute sagen: Zeit, ins Bett zu gehen?

Alle Menschen schlafen. Die meisten Menschen schlafen am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag. Sie wachen jeden Morgen auf.

Ich schlafe in einem Bett.

Üblicherweise sagt Mama oder Papa: Zeit, ins Bett zu gehen<7q>. Das heißt, dass es Zeit ist, ins Bett zugehen und einzuschlafen.

Soziale Lerngeschichten können auch verwendet werden, um dem Kind zu versichern, dass es sicher ist, wenn es schläft oder allein im Bett ist.

Schlafmittel

Schlafmittel behandeln nicht die Ursache des Problems, sondern nur die Symptome. Der durch Schlafmittel induzierte Schlaf unterscheidet sich von normalem Schlaf. Schon aus diesem Grund können wir sie nicht empfehlen. Außerdem sind Schlafmittel nicht dazu gedacht, dauerhaft eingenommen zu werden und können bei Dauergebrauch gefährlich sein und zum Beispiel abhängig machen. Generell ist es besser, die Einnahme von Medikamenten möglichst zu minimieren.

Häufige Probleme und mögliche Lösungen

Bei nächtlichem Aufwachen

Geplantes Aufwachen:

  1. Aus dem Schlaf-Tagebuch kannst du ersehen, wann dein Kind nachts aufwacht.
  2. Stelle einen Wecker auf 30 Minuten vorher.
  3. Weck das Kind auf und lasse es wieder einschlafen.
  4. Wenn das Kind nicht mehr einschläft, stelle den Wecker die nächste Nacht auf 45 Minuten vorher und experimentiere, bis du die beste Zeit gefunden hast.

Sicherstellen, dass Ihr Kind zur Schlafenszeit müde ist

Schlaf einschränken:

  1. Aus dem Schlaf-Tagebuch siehst, wie viele Stunden dein Kind im Durchschnittlich pro Nacht schläft.
  2. Berechne 90 Prozent davon und mach das zur neuen Schlafenszeit (verlagere die Schlafenszeit nach hinten und/oder weck dein Kind früher); begrenze die Zeit nie unter fünf Stunden.
  3. Wenn das Kind wach liegt, beschäftige es in einem anderen Raum, bis es schläfrig ist.
  4. Vermeide Nickerchen tagsüber oder langes Ausschlafen am Wochenende.
  5. Nach einer Woche kannst du die Einschlaf-/Aufwachzeit um 15 Minuten verlagern – mach das, bis ein angemessenes Schlafmuster auftritt.

Von keinem dieser Vorschläge kann man mit Sicherheit sagen, dass er für sich allein genommen funktioniert. Du wirst vielleicht feststellen, dass eine Kombination aus mehreren Maßnahmen am wirksamsten ist. Sehe dir das Schlaf-Tagebuch deines Kindes genau an, denn es kann dir wahrscheinlich wichtige Einsichten vermitteln, was die Schlafprobleme deines Kindes hervorruft und welche Lösung am ehesten funktioniert.

Finde selbst etwas Schlaf

Fachkräfte empfehlen oft, dann zu schlafen, wenn dein Kind schläft. Jeder, der schon einmal in der Situation war, sich um ein Kind mit einer Schlafstörung zu kümmern, weiß, wie schwierig das ist. Wir können unsere Körper nicht an- oder abschalten wie eine Glühbirne. Wenn du es endlich geschafft hast, dein Kind soweit zur Ruhe zu bringen, dass es einschläft, bist du vielleicht viel zu aufgedreht, um selbst zu schlafen. Dein Kind will vielleicht nicht zu Zeiten schlafen, die dir passen und wenn es noch andere Kinder in der Familie gibt, brauchen diese vielleicht deine Aufmerksamkeit, wenn dein autistisches Kind schläft.

Es ist wichtig, dein Bedürfnis nach Schlaf durchzusetzen. Schlafentzug ist extrem gefährlich (am Steuer einzuschlafen verursacht zum Beispiel 20 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle) und kann sehr negative Auswirkungen auf deine Gesundheit und dein seelisches Wohlbefinden haben. Es ist also immens wichtig, dass du genug Schlaf bekommst, aber das ist einfacher gesagt als getan.

Das Kinderzimmer sicher machen

Eine der einfachsten Möglichkeiten, deinen eigenen Schlaf zu verbessern, ist es, das Kinderzimmer sicher zu machen. Wenn du einschlafen kannst in dem Wissen, dass dein Kind keinen Schaden anrichten kann, selbst wenn es aufwacht, hast du bessere Chancen, entspannt zu schlafen.

Der Autismus-Experte Eric Schopler zitiert in seinem Buch Parent Survival Manual einige Eltern, die kreative Wege gefunden haben, um dies zu erreichen. Dort gibt es zum Beispiel Eltern, die eine besondere Tür im Kinderzimmer eingebaut haben: Abend, wenn das Kind zu Bett gegangen war, aber noch wach war, ließen die Eltern die obere Hälfte der Tür offen, die untere Hälfte aber zu. Das Kind blieb im Kinderzimmer, konnte aber die Eltern rufen, falls etwas passieren sollte. Dadurch konnten die Eltern abends entspannen, bevor sie zu Bett gingen, konnten nach ihrem Kind sehen, ohne es zu stören oder abzulenken und konnten schnell reagieren, falls das Kind einen Unfall haben sollte.

Hol dir Unterstützung

Eine Möglichkeit ist es, sich informell Unterstützung zu suchen: Vielleicht können Verwandte oder Freunde hin und wieder auf das Kind aufpassen. Eine andere Möglichkeit ist eine Unterstützung zm Beispiel durch den familienentlastenden Dienst oder eine Assistenzkraft durch das Persönliche Budget.

Mein Kind schläft zu viel

Wenn du anfängst, ein Schlaf-Tagebuch zu führen, stellst du vielleicht fest, dass das, was du als zu viel Schlafen wahrnimmst eher ein Schlafen zur falschen Zeit ist. Vielleicht schläft dein Kind morgens gern lang oder will am Wochenende nicht aus dem Bett kommen.

Aber in einigen Fällen entdeckst du vielleicht, dass dein Kind tatsächlich viel länger schläft, als man erwarten würde, etwas, dass man Hypersomnie nennt. Es gibt wenig Forschung über die Ursachen von Hypersomnie und darüber, wie sie autistische Kinder betrifft. Wenn du dir deswegen Sorgen machst, empfehle ich, mit einer*m Ärzt*in darüber zu sprechen.

Kinder im Autismus-Spektrum wirken aber manchmal aus anderen Gründen so, als würden sie zu viel schlafen. Vielleicht findest du, dass dein Kind morgens schwierig aus dem Bett zu kriegen ist, aber das muss nichts mit seinem Bedürfnis nach Schlaf zu tun haben. Das Bett kann ein Ort sein, an dem das Kind sich entspannt fühlen und mit dem es angenehme Assoziationen verbindet. Uns allen geht es hin und wieder so, dass es uns schwerfällt aufzustehen und in Gang zu kommen. Kinder im Autismus-Spektrum können unter Umständen einige der Anreize fehlen, die andere zum Aufstehen motivieren. Viele der möglichen Herangehensweisen, die du hier verwenden kannst, sind gleich wie die für Kinder, die zu wenig schlafen.

  • Versuche, das Aufwachen so sanft und entspannt wie möglich zu machen. Ein Vorschlag aus dem <Parent Survival Manual kam von einer Familie, die ihre Katze ins Kinderzimmer schickte, um ihren Sohn aufzuwecken. Das bedeutete, dass ihr Sohn in guter Stimmung aufwachte.
  • Versuche es mit sanfter Musik zur Aufwachzeit.
  • Nutze Frühstück oder andere Belohnungen als Anreize.
  • Behalte jeden Tag denselben Ablauf bei.

Für ältere Kinder und Jugendliche sind diese Methoden vielleicht nicht die richtigen – dabei sind sie es besonders oft, die morgens nicht aufstehen wollen.

Es kann sein, besonders bei jungen Menschen am sogenannten hochfunktionalen Ende des Autismus-Spektrums, dass sie sehr reale Ängste bezüglich des Tages haben, der vor ihnen liegt. Eine andere Möglichkeit ist es, dass sie eine Depression haben, was Auswirkungen auf Motivation und Antrieb hat.

Exzessives Schlafen in diesem Alter kann ein Hinweis auf sehr reale psychische Probleme sein und es ist wichtig, dies zu erkunden, statt exzessives Schlafen als Faulheit abzutun.

Was gibt es sonst noch zu sagen?

Ich bin der Ansicht, dass die Herangehensweisen, die in Büchern empfohlen werden, für autistische Kinder aus verschiedenen Gründen nicht immer geeignet sind. Ich weiß auch, dass Schlafmangel über längere Zeit es für Eltern sehr schwierig machen kann, die Maßnahmen wirksam umzusetzen. In diesem Fall kann es sinnvoll sein, während dieser Zeit Unterstützung von außen zu suchen. Auch ein Austausch mit anderen Eltern autistischer Kinder, zum Beispiel in Eltern-Selbsthilfegruppen, kann hilfreich sein.



Zuletzt bearbeitet am 05.03.2019.

ich mit Kind
Linus Müller

Linus befasst sich seit 2002 mit Autismus. Er verfasste seine Magisterarbeit zu diesem Thema, arbeitete mehrere Jahre für Autismus-Organisationen und gründete 2007 Autismus-Kultur, mit dem Ziel, aktuelle Forschungsergebnisse und autistische Erfahrungen zusammenzubringen und in verständliche Praxis-Ratgeber zu übersetzen. Linus ist selbst autistisch und Vater.

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Warum Autismus-Kultur?

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