Das Fragile X-Syndrom ist keine Form von Autismus, sondern eine genetisch bedingte Behinderung mit einer eigenen Reihe von Symptomen, von denen sich viele mit den Verhaltenssymptomen von Autismus überschneiden.
- Rund 90 Prozent der Männer mit Fragilem X-Syndrom weisen einige autismusähnliche Merkmale auf, wie das Vermeiden von Blickkontakt, Hyperaktivität bei sensorischen Reizen und Stimming (z. B. die Hände wedeln oder in die Hände beißen).
- Etwa 30 Prozent der männlichen Betroffenen erfüllen die formalen Diagnosekriterien für Autismus-Spektrum-Störungen.
- Das Fragile-X-Syndrom ist eine der wichtigsten bekannten Ursachen für Autismus und macht schätzungsweise bis zu fünf Prozent aller Autismusfälle aus.
Viele Personen, bei denen das Fragile-X-Syndrom diagnostiziert wurde, erfüllen die Kriterien für eine Autismus-Diagnose. Wie viele, darüber gibt es unterschiedliche Schätzungen. Mehrere Studien schätzen, dass die Prävalenz von Autismus bei Fragilen-X-Syndrom bei etwa 50 % für Männer und 20 % für Frauen liegt. Andere Schätzungen liegen deutlich darunter.
Jüngste Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass die Mehrheit der Männer und Frauen mit Fragilen-X-Syndrom zwar eingeschränkte und sich wiederholende Verhaltensweisen aufweisen, die für Autismus typisch sind, dass aber weit weniger die Kriterien für die mit Autismus verbundenen sozialen Kommunikations- und Interaktionsprobleme erfüllen.
Auf dieser Seite:
- Warum finden sich autistische Merkmale bei Fragilen-X-Syndrom?
- Gemeinsamkeiten zwischen Fragilem-X-Syndrom und Autismus
- Unterschiede zwischen Fragilem-X-Syndrom und Autismus
- Merkmale von Personen mit Fragilen-X-Syndrom und Autismus
- Die Autismus-Diagnose bei Menschen mit Fragilem-X-Syndrom
- Was bedeutet das für die Behandlung?
Warum finden sich autistische Merkmale bei Fragilen-X-Syndrom?
Unser derzeitiges Wissen über Autismus deutet darauf hin, dass es sich um einen neurologischen Unterschied handelt, der kurz nach der Geburt oder sogar früher beginnt, sich zu entwickeln: Das Gehirn ist anders »verdrahtet«.
Da mehrere genetische und umweltbedingte Faktoren mit Autismus in Verbindung gebracht werden, gibt es wahrscheinlich mehrere Wege, auf denen dieser neurologische Unterschied zustande kommt..
Die genetischen und neurologischen Prozesse, die charakteristisch für das Fragile-X-Syndrom sind, können einer dieser Wege sein.
Auf der Grundlage von Untersuchungen von Genen und Proteinen in Nervenzellen gibt es Hinweise darauf, dass das FMR1-Protein bei den Prozessen, die zu Autismus führen, eine Rolle spielen kann. Das FMR1-Protein, das bei Fragilen-X-Syndrom fehlt oder mangelhaft ist, schaltet normalerweise die Proteinsynthese (den Prozess der Herstellung von Proteinen) auf der Ebene der Verbindungen zwischen Neuronen (Dendriten) aus (siehe: Fragiles-X-Syndrom: Ursache und Vererbung).
Wenn bestimmte Rezeptoren (z. B. mGluR, Dopamin D2 und cholinerge Muskarinrezeptoren) aktiviert werden, löst dies die FMR1-Protein-Bremse und ermöglicht die Herstellung von Proteinen. Auf diese Weise reguliert das FMR1-Protein die Menge vieler Proteine, die für die Gehirnverbindungen wichtig sind.
Außerdem wurde festgestellt, dass viele Proteine, die ähnliche Funktionen wie das FMR1-Protein haben und auch mit ihm interagieren, mit Autismus in Verbindung gebracht werden. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass viele der vom FMR1-Protein regulierten Proteine mit Autismus in Verbindung gebracht werden.
Somit scheinen Defizite beim FMR1-Protein mit einer ungewöhnlichen Verdrahtung und damit verbundenen Hirnanomalien verbunden zu sein, die zu autistischen Zügen und Verhaltensweisen führen.
Allerdings erfüllen nicht alle Personen mit Fragilen-X-Syndrom die Kriterien für die Diagnose von Autismus. Das Fragile-X-Syndrom ist keine Form von Autismus, sondern eine genetische Behinderung mit einer eigenen Reihe von Symptomen, von denen sich viele mit den Verhaltenssymptomen von Autismus überschneiden.

Wenn genügend überlappende Symptome vorhanden und schwerwiegend genug sind, um die Funktionsfähigkeit zu beeinträchtigen, kann die Person mit Fragilem-X-Syndrom auch die Kriterien für eine Autismus-Diagnose erfüllen.
Andere Personen mit Fragilen-X-Syndrom können genügend Autismus-Merkmale aufweisen, um nahe am Autismus-Spektrum zu sein, sie erreichen aber nicht den Schwellenwert, der für eine Autismus-Diagnose erforderlich ist.
Menschen mit Fragilem-X-Syndrom und Autismus haben wahrscheinlich neben dem Mangel an FMR1-Protein auch genetische Faktoren, die zur Entwicklung von Autismus beitragen.
Gemeinsamkeiten zwischen Fragilem-X-Syndrom und Autismus
Zu den neurologischen und verhaltensbezogenen Merkmalen, die sowohl Fragilen-X-Syndrom als auch Autismus gemeinsam haben, gehören:
- Probleme bei der sozialen Interaktion, einschließlich der Fähigkeit, soziale Situationen genau zu erfassen und darauf zu reagieren.
- Kommunikations-/Sprachverzögerungen.
- bei Fragilen-X-Syndrom mit einem breiten Spektrum an Sprach- und Sprechaspekten
- bei Autismus hauptsächlich nonverbale Kommunikation und Sprachpragmatik (Verwendung der Sprache in sozialen Situationen).
- Wenig Blickkontakt (obwohl Personen mit Fragilem-X-Syndrom oft mehr Blickkontakt aufnehmen, wenn sie ihr Gegenüber besser kennen).
- Sich wiederholende Bewegungen und repetitive Muster in der Verwendung von Gegenständen.
- Kognitive Behinderung bei den meisten Männern und vielen Frauen mit Fragilen-X-Syndrom und vielen Menschen im Autismus-Spektrum.
- Ungewöhnliche Reaktionen auf Sinneseindrücke, einschließlich Hypersensibilität gegenüber Reizen (z. B. taktile Hyperempfindlichkeit) und Hyposensibilität (z. B. hohe Schmerztoleranz, Suche nach Sinneseindrücken wie visuelle Faszination von sich bewegenden Objekten oder Lichtern), wobei Letzteres bei Autismus häufiger vorkommt als beim Fragilen-X-Syndrom.
- Stärken im visuellen Gedächtnis.
- Epilepsie kommt häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung.
- Motorische Koordinationsschwierigkeiten (z. B. Probleme mit der Handschrift, atypische Laufmuster).
- Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit, dem Aktivitätsniveau, der Regulierung des emotionalen Verhaltens und der Stimmung kommen vermehrt vor, was häufig zu zusätzlichen Diagnosen führt.
- Andere Verhaltensprobleme (z. B. Aggression, Selbstverletzung).
- Schlafprobleme.
Obwohl sowohl Autismus als auch das Fragile-X-Syndrom (ohne Autismus) soziale Herausforderungen mit sich bringen, beobachten Fachpersonen, die mit Menschen mit Fragilen-X-Syndrom arbeiten, deutliche Unterschiede, da das Fehlen sozialer Anlässe allein nicht unbedingt das Fehlen von sozialem Bewusstsein oder sozialem Interesse bei Menschen mit Fragilen-X-Syndrom bedeutet.
Bei den meisten Menschen mit Fragilen-X-Syndrom spiegeln sich in der geringeren Aufnahme sozialen Kontakts oft Sprachverzögerungen, geistige Behinderungen und allgemeine oder soziale Ängste wider.
Im Gegensatz dazu liegt die geringere Aufnahme sozialen Kontakts bei Autismus (einschließlich Personen mit Fragilen-X-Syndrom, die die Kriterien für Autismus erfüllen) an vermindertem Interesses an sozialer Interaktion oder an Schwierigkeiten, soziale Signale der Kontaktaufnahme zu erkennen und sie zu verwenden, um auf eine sozial angemessene Art und Weise Kontakt aufzunehmen.
Ein ähnlicher Trend ist beim Augenkontakt zu beobachten. Obwohl wenig Blickkontakt sowohl für das Fragile-X-Syndrom als auch für Autismus charakteristisch ist, kann sich die Art des Augenkontakts erheblich unterscheiden:
Personen mit Fragilem-X-Syndrom vermeiden typischerweise direkten Blickkontakt, und das Abwenden von Menschen kann bei der Bewältigung von emotionalem Unbehagen helfen, das durch zugrundeliegende soziale Ängste verursacht wird.
Während soziale Ängste bei einigen autistischen Menschen ebenfalls eine Rolle spielen könnten, einschließlich derjenigen mit Fragilen-X-Syndrom, die die Kriterien für Autismus erfüllen, nehmen andere Personen mit Autismus aus anderen Gründen wenig Augenkontakt auf, z. B. weil der Blick für sie keine Quelle für soziale Informationen oder Interaktion ist und der Blickkontakt für sie eher ablenkend ist.
Unterschiede zwischen Fragilem-X-Syndrom und Autismus
Zu den Merkmalen, die sich zwischen Fragilen-X-Syndrom und Autismus unterscheiden, gehören:
- Autistische Menschen haben in der Regel ein höheres Niveau an motorischer Koordination.
- Autistische Menschen zeigen eher höhere expressive Sprachfähigkeiten im Verhältnis zur rezeptiven Sprache, während Menschen mit Fragilem-X-Syndrom eher höhere rezeptive Sprachfähigkeiten im Verhältnis zur expressiven Sprache zeigen.
- Das soziale Bewusstsein ist bei Fragilen-X-Syndrom in der Regel stärker ausgeprägt als bei Autismus.
- Motorische Imitationsfähigkeiten sind bei Fragilen-X-Syndrom typischerweise besser als bei Autismus.
- Sequentielle Verarbeitung ist typischerweise schwieriger für Menschen mit Fragilem-X-Syndrom als für autistische Menschen.
Merkmale von Personen mit Fragilen-X-Syndrom und Autismus
Im Vergleich zu Personen mit Fragilem-X-Syndrom, die die Kriterien für Autismus nicht erfüllen, weisen diejenigen, die die Kriterien für Autismus erfüllen, schwerwiegendere kognitive und Verhaltensprobleme auf. Dazu gehören:
- Weniger entwickelte sprachliche Fähigkeiten, insbesondere rezeptive Fähigkeiten
- Häufig nonverbal oder nur minimal verbal
- Niedrigere IQ-Werte
- Geringere Anpassungsfähigkeiten
- Schwerere allgemeine Verhaltensprobleme: Aufmerksamkeitsprobleme, Hyperaktivität und Impulsivität, Angst (insbesondere nach der Kindheit), Reizbarkeit/Aggression, Selbstverletzung, Hypersensibilität gegenüber Reizen und zwanghaftes/perseveratives Verhalten
- Schlafprobleme, insbesondere nach der Kindheit
- Epilepsie
Es ist interessant festzustellen, dass die obige Liste Merkmale enthält, die nicht zu den Kernmerkmalen von Autismus gehören. Vielmehr spiegelt sie häufige Komorbiditäten und Entwicklungsbeeinträchtigungen wider.
Auch das wirft die Frage auf, ob autistische Verhaltensweisen beim Fragilen-X-Syndrom dasselbe sind wie Autismus.
Neue Studien nähren wachsende Zweifel an der Richtigkeit von Autismus-Diagnosen, die bei Menschen mit Fragilem-X-Syndrom gestellt werden.
Eines der Ergebnisse: Wenn man Jungen mit dem gleichen IQ vergleicht, engagieren sich Jungen mit Fragilem X-Syndrom eher in sozialen Kontakten als autistische Jungen.
Die Studie kam zum Ergebnis, dass der IQ, das Alter und die Sprachfähigkeit jeweils die Autismus-Merkmale beim Fragilen-X-Syndrom beeinflussen.
Diese Ergebnisse stützen die Theorie, dass soziale Defizite und repetitive Verhaltensweisen bei Jungen mit Fragilem-X-Syndrom ein Nebenprodukt ihrer kognitiven Schwierigkeiten sind und nicht unabhängig davon auftreten, wie es bei Autismus der Fall ist.
Als ich angefangen habe, für diesen Artikel zu recherchieren, dachte ich, dass die Unterschiede nicht so wichtig wären: Wenn ein Kind die Diagnosekriterien für Autismus erfüllt, ist es eben autistisch. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher.
Menschen mit Fragilem-X-Syndrom haben sicherlich Unterschiede in der Wahrnehmungsverarbeitung, wie auch autistische Menschen sie haben.
Unterschiede in der Wahrnehmungsverarbeitung, die auch Sensorische Integrationsstörung genannt werden, gibt es auch bei nicht-autistischen Menschen, mit und ohne kognitive Behinderung.
Und solche sensorischen Unterschiede führen oft zu repetitiven Verhaltensweisen (Stimming), die oft als »autistische Verhaltensweisen« bezeichnet werden, denn sie kommen oft bei autistischen Menschen vor – aber eben nicht nur:
Stimming dient unter anderem der Reizregulierung. Auch Ängste können zu Stimming führen oder es verstärken.
Die Stimming-Verhaltensweisen sind bei Menschen mit kognitiver Behinderung oft auffälliger. Kognitiv behinderte Menschen haben auch regelmäßig sprachliche und kommunikative Schwierigkeiten.
Möglicherweise sind die »autistischen Verhaltensweisen« beim Fragilen-X-Syndrom also oft eine Mischung aus Sensorische Integrationsstörung und kognitiver Behinderung.
Allerdings gibt es sicherlich Menschen, die sowohl das Fragile-X-Syndrom als auch Autismus haben – es sind nur möglicherweise wesentlich weniger als bisher gedacht.
Die Autismus-Diagnose bei Menschen mit Fragilem-X-Syndrom
Viele dieser Merkmale treten auch bei Personen mit Fragilen-X-Syndrom mit signifikanter geistiger Behinderung auf, die nicht autistisch sind. Deshalb kann die Diagnose von Autismus bei Personen mit Fragilem-X-Syndrom und starker kognitiver Behinderung schwierig zu stellen sein.
Bei der Autismus-Diagnose bei Fragilen-X-Syndrom muss das kognitive Niveau der Person berücksichtigt werden, um sicherzustellen, dass die Autismus-Symptome (soziale Kommunikationsschwierigkeiten und sich wiederholende Verhaltensweisen) stärker beeinträchtigt sind als aufgrund des allgemeinen Entwicklungsniveaus erwartet.
Zukünftige Studien sind erforderlich, um die Methoden zur Diagnose von Autismus bei Menschen mit kognitiver Behinderung zu verbessern. Anhand von Daten aus dem FORWARD-Projekt (einer von der CDC finanzierten, mehrjährigen Studie über den natürlichen Verlauf, an der mehrere Fragile-X-Kliniken beteiligt sind) wurden überarbeitete Fragebögen für die Diagnose von Autismus entwickelt, die für Menschen mit Fragilem-X-Syndrom besser geeignet sind.
Was bedeutet das für die Behandlung?
Autistische Menschen und Menschen mit Fragilen-X-Syndrom teilen einige Eigenschaften, zum Beispiel Stärken im visuellen Gedächtnis und Abweichungen in der Wahrnehmungsverarbeitung. Deshalb können manche Herangehensweisen und Therapien gleich oder ähnlich sein, zum Beispiel die Verwendung visueller Hilfsmittel, sensorische Integrationstherapie und andere sensorische Strategien.
- Menschen mit Fragilem-X-Syndrom, die eine Autismus-Diagnose haben, können vermutlich von Autismus-Therapien wie TEACCH profitieren, eine Herangehensweise, die ebenfalls stark mit visuellen Hilfsmitteln arbeitet.
- Logopäd*innen können bei Sprach- und Kommunikationsproblemen helfen.
- Sowohl autistische Menschen als auch solche mit Fragilem-X-Syndrom brauchen Unterstützung dabei, Freunde zu finden.
- Bei Angststörungen, die sowohl bei Autismus als auch beim Fragilen-X-Syndrom vermehrt vorkommen, kann eine Psychotherapie helfen. Es gibt inzwischen einige Ansätze, die für autistische Kinder mit Kommunikationsschwierigkeiten entwickelt wurden.
Generell gilt bei Autismus, beim Fragilen-X-Syndrom und bei beidem gleichzeitig: Herangehensweisen und Therapien müssen immer individuell geplant und auf das jeweilige Kind zugeschnitten werden.
Deshalb sollte bei der Diagnose auch eine Bestandausnahme von Stärken und Schwierigkeiten gemacht werden, um auf dieser Grundlage bestehende Probleme angehen zu können.
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Zuletzt bearbeitet am 23.06.2026.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.
