Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom)

Colin Müller, M.A.

Frühkindlicher AutismusFrühkindlicher Autismus wird auch “klassischer Autismus” genannt, oder “Kanner-Autismus”, nach Leo Kanner, dem Arzt, der den frühkindlichen Autismus erstmals beschrieben hat.

Kinder mit frühkindlichem Autismus weisen die typischen Merkmale auf, die alle Menschen im Autismus-Spektrum gemeinsam haben:
Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation, der sozialen Interaktion und im sozialen Verständnis, eine ungewöhnliche Wahrnehmungsverarbeitung, repetitives Verhalten, ungewöhnliche Denkweisen und Lösungsansätze, intensive Interessen, und ein Bedürfnis nach Beständigkeit.

Die autistischen Verhaltensweisen zeigen sich vor dem dritten Lebensjahr.

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Frühkindlicher Autismus im Überblick

Kinder mit frühkindlichem Autismus interagieren typischerweise wenig mit anderen Menschen, reagieren z.B. nicht, wenn sie angesprochen werden und nehmen keinen Blickkontakt auf.

Oft zeigen sie viele stereotype Bewegungen oder Verhaltensweisen, z.B. Schaukeln mit dem Oberkörper oder “Flattern” mit den Händen.

Kinder mit frühkindlichem Autismus haben eine Verzögerung der Sprachentwicklung: Sie sprechen nicht oder nur wenig. Es gibt Kinder, die später anfangen zu sprechen – Jim Sinclair hat z.B. erst im Alter von 12 Jahren angefangen zu sprechen.

Andere frühkindliche Autisten haben sehr eingeschränkte lautsprachliche Fähigkeiten, manche sprechen auch als Erwachsene gar nicht. Oft weisen sie sprachliche Besonderheiten auf.

Die Intelligenz von Menschen mit frühkindlichem Autismus

Heute wird oft generell angenommen, dass Menschen mit frühkindlichem Autismus eine Intelligenzminderung haben.

Ich möchte aber zum einen hervorheben, dass das in keinster Weise Leo Kanners ursprünglicher Beschreibung entspricht. Darin sagte er, dass einige der autistischen Menschen, die er beschrieb, eine unterdurchschnittliche Intelligenz hatten, andere eine durchschnittliche, und wieder andere lagen mit ihren kognitiven Fähigkeiten über dem Durchschnitt.

Kanner veröffentlichte 1956 eine Folgestudie darüber, wie seine 1943 beschriebenen Patienten sich entwickelt hatten. Darin berichtet er:

Jay S., jetzt fast 15 Jahre alt, stellt in den unteren Klassen ein beträchtliches Problem für seine Lehrer dar… er wanderte durch den Klassenraum… und trug seine Wutanfälle dort aus. Er lernte sich anzupassen, war phänomenal gut in Mathematik… und schließt jetzt die elfte Klasse mit Spitzennoten ab… In seiner Freizeit sammelt er Landkarten und Briefmarken und hat mit Menschen nicht mehr zu tun als absolut notwendig, um eine oberflächliche Beziehung aufrechtzuerhalten. Im Binet-Test erreichte er einen IQ von nicht weniger als 150.

Zum anderen sind die kognitiven Fähigkeiten autistischer Personen schwierig zu messen. Standard-IQ-Tests unterschätzen die Intelligenz von Menschen im Autismus-Spektrum oft – es scheint, dass autistische Menschen eine andere Intelligenz haben als nicht-autistische Menschen, sprich: andere Stärken und Schwächen.

Bei manchen nicht-sprechenden autistischen Menschen wurde eine Intelligenzminderung vermutet, bis man einen Weg fand, wie sie kommunizieren konnten, z.B. über Bildkarten, Gebärdensprache, Tastatur o.ä. – und es stellte sich heraus, dass sie viel intelligenter waren als bisher angenommen.

Frühkindlichen Autismus bei durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz nennt man High-Functioning Autismus.

Nicht alle Menschen mit frühkindlichem Autismus sind besonders intelligent, manchen haben eine Lernbehinderung – aber alle brauchen einen Weg, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu kommunizieren.

Frühkindlicher Autismus: Symptome

Kommunikation und Sprache

Manche Menschen mit frühkindlichem Autismus sprechen überhaupt nicht, andere verfügen über einen guten Wortschatz, haben aber Schwierigkeiten, Sprache zur Kommunikation einzusetzen. Dazwischen gibt es fließende Übergänge.
Hier sind Beispiele für Besonderheiten in der Kommunikation und Sprache autistischer Menschen.

  • Spätes Sprechen, spricht im Alter von zwei Jahren noch keine Zwei-Wort-Verbindungen (das sind kurze Sätze wie “Banane essen”)
  • Echolalie, d.h. das Wiederholen von Worten oder Sätzen, oft ohne Zusammenhang
  • Schwierigkeiten, Sprache zu verwenden, um Wünsche oder Bedürfnisse zu äußern
  • kein Blickkontakt beim Sprechen
  • kein Zeigen auf Dinge, keine anderen Gesten
  • Schwierigkeiten mit einer wechselseitigen Kommunikation
  • Verwechseln von Pronomen (z.B. “Du” statt “ich”)
  • Verlust sprachlicher Fähigkeiten in jeglichem Alter
  • ungewöhnliche Intonation (Sprachmelodie)
  • Schwierigkeiten, Gesichtsausdrücke und Tonfall zu interpretieren

Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion

Alle Menschen im Autismus-Spektrum haben gewisse Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion. Wie diese aussehen, kann sehr unterschiedlich sein.

Manche Menschen haben größere Schwierigkeiten als andere. Ein Kind kann z.B. folgende Verhaltensweisen zeigen:

  • dreht sich nicht um, wenn sein Name gerufen wird (obwohl das Gehör normal ist).
  • mag es nicht, gekuschelt oder berührt zu werden
  • ahmt andere nicht nach
  • Mangel an Empathie, versteht die Perspektive anderer nicht
  • spielt lieber allein
  • hat wenig oder keine Beziehungen zu Gleichaltrigen
  • wenig Blickkontakt
  • zeigt keine Gegenstände, teilt keine Erlebnisse oder Errungenschaften mit, sucht keinen Trost
  • kein altersgerechtes “So-Tun-als-Ob” Spielen.

Stereotype und repetitive Verhaltensweisen

Stereotype und repetitive Verhaltensweisen Verhaltensweisen wirken von außen seltsam und werden in diagnostischen Richtlinien auch als “nonfunktionales Verhalten” beschrieben.

Aus der Innensicht autistischer Menschen sind sie alles andere als nonfunktional: Sie dienen dazu, mit sensorischen Reizen zurechtzukommen. Denn autistische Menschen filtern Wahrnehmungen im Gehirn anders.

Autismus & WahrnehmungMehr dazu: Autismus und Wahrnehmung
Die Wahrnehmungsverarbeitung autistischer Menschen funktioniert anders.

Manche autistische Menschen nehmen Reize schwächer wahr; ihre Stereotypien und repetitiven Verhaltensweisen dienen dazu, mehr Reize zu produzieren (“selbststimulierendes Verhalten”).

Andere autistische Menschen werden schnell von Reizen “überflutet”; sie nutzen Stereotypien und repetitives Verhalten, um sich auf diesen einen Reiz (der Stereotypie) fokussieren zu können, und sich dadurch von anderen Reize “abschirmen” zu können.

Stereotypien und repetitive Verhaltensweisen können auch helfen, sich zu beruhigen oder klar denken zu können. Auch wenn ihr Sinn von außen nicht immer unmittelbar ersichtlich ist, sollte man diese Verhaltensweisen auf jeden Fall als Mittel der Selbstregulation respektieren und schätzen.

Einige Beispiele für stereotype und repetitive Verhaltensweisen sind:

  • mit dem Händen “flattern” oder klatschen
  • Schaukeln mit dem Oberkörper
  • komplexe, sich wiederholende Bewegungen mit dem ganzen Körper
  • anhaltende Beschäftigung mit einzelnen Teilen von Spielzeugen, z.B. das dauernde Drehen am Rad eines Spielzeugautos

Bedürfnis nach Beständigkeit

Menschen mit frühkindlichem Autismus haben oft große Schwierigkeiten, mit unerwarteten Veränderungen umzugehen: eine kleine Veränderung im Tagesablauf, ein anderer Weg zum Supermarkt, weil die Mutter noch zur Post muss, eine andere Anordnung der Möbel im Zimmer – all das kann eine autistische Person in große Aufregung und Verwirrung stürzen.

Warum ist das so?

  • Für autistische Menschen ist die Sinneswelt oft deutlich chaotischer als für nicht-autistische Menschen. Wer leicht von Reizen überflutet wird, kann damit am besten umgehen, wenn alle Möbel am gewohnten Platz stehen und man die bekannte Straße entlang läuft.
  • Soziale Interaktion ist für Menschen im Autismus-Spektrum schwer vorhersagbar. Ob (und warum) eine Person sie freundlich anlächelt oder wütend anschreit, ist oft nicht abschätzbar. Unter diesen Umständen erscheint es vielen autistischen Menschen sinnvoll, sich an Bekanntem und Erprobtem zu orientieren.

Aggressives Verhalten

Stark autistische Menschen zeigen oft aggressive Verhaltensweisen. Manchmal wird das aggressive Verhalten als “Symptom” von Autismus betrachtet, oder anders herum formuliert: Autismus wird als Ursache des aggressiven Verhaltens gesehen.

Aber aggressives Verhalten hat Gründe.

Menschen mit frühkindlichem Autismus haben oft wenig Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern. Agressive Verhaltensweisen sind oft ihre einzige Möglichkeit, Unzufriedenheit und Frustration auszudrücken.

Ich erinnere mich an die Frustration, nicht sprechen zu können. Ich wusste, was ich sagen wollte, aber ich konnte die Worte nicht herausbekommen, also habe ich geschrien.

Temple Grandin

Natürlich ist Aggression nicht akzeptabel. Aber um das Problem zu lösen, muss man hinter das Verhalten schauen: Was sind mögliche Gründe? Was kann man an der Situation ändern?

Diagnose Frühkindlicher Autismus

Kinder mit frühkindlichem Autismus werden im Durchschnitt früher diagnostiziert als Kinder mit Asperger-Syndrom. Trotzdem kann die Diagnostik dauern – besonders bei kleinen Kindern ist es oft schwierig, eine definitive Diagnose zu stellen. Mehr über die Diagnose erfährst Du hier: Die Autismus-Diagnose bei Kindern: So läuft es ab

Übrigens: Du musst nicht warten, bis eine sichere Diagnose feststeht, um Unterstützung zu bekommen. Mehr darüber findest Du unter “Hilfe und Förderung” und “Autismus bei Kindern

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