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Atypischer Autismus: Was ist das?

Colin Müller, M.A.

Atypischer Autismus

Was ist atypischer Autismus?

Atypischer Autismus ist der Begriff, der verwendet wird, wenn das Verhaltensmuster einer Person ins Autismus-Spektrum passt, aber nicht alle Kriterien für eine andere Diagnose aus dem Autismus-Spektrum erfüllt.

Andere Formen von Autismus sind:

Es kann zwei Gründe geben, warum atypischer Autismus diagnostiziert wird:

  1. Atypisches “Erkrankungsalter”: Das Kind zeigt erst nach seinem dritten Geburtstag autistisches Verhalten. Für alle anderen Formen von Autismus ist festgelegt, dass sich das autistische Verhalten vor dem dritten Lebensjahr zeigen muss.
  2. Atypische “Symptomatik”: Die Person weist nicht alle Merkmale von Autismus auf, z.B. hat die Person nur in zwei der drei Kernbereiche Schwierigkeiten.

Letzteres wird oft als leichte Form von Autismus gesehen, was auch zutreffen kann (viele Menschen mit atypischem Autismus werden lange nicht diagnostiziert), aber es stimmt nicht immer. Die Schwierigkeiten können z.B. in einem Bereich sehr leicht und in einem anderen sehr gravierend sein.

Atypischer Autismus als Diagnose im ICD-10

Das ICD-10 unterscheidet drei Diagnosen aus dem Autismus-Spektrum:

  • F84.0 Frühkindlicher Autismus
  • F84.1 Atypischer Autismus
  • F84.5 Asperger-Syndrom

(Unter den Ziffern F84.4 bis F84.4 listet das ICD weitere “tiefgreifende Entwicklungsstörungen”, die nicht zum Autismus-Spektrum gehören, darunter das Rett-Syndrom und die Desintegrative Störung des Kindesalters; F84.8 und F84.9 sind für sonstige und nicht näher spezifizierte “tiefgreifende Entwicklungsstörungen” bestimmt.)

Während “Atypischer Autismus” im ICD als Diagnose noch vorkommt, ist er in der neuen Ausgabe des DSM nicht mehr enthalten. Dort sind alle Formen von Autismus in der Diagnose “Autismus-Spektrum-Störung” zusammengefasst. Bei der Diagnosestellung werden die einzelnen Merkmale dann nach Graden eingestuft, um so ein individuelleres Bild der Person zu erhalten.

Die Diagnostik ist die selbe wie für andere “Autismus-Spektrum-Störungen”.

Ein atypischer Autist: Wie muss ich mir das vorstellen?

Weil atypischer Autismus gewissermaßen die “Restkategorie” des Autismus-Spektrums ist, sind atypische Autisten sehr unterschiedlich. Manchmal ähnelt atypischer Autismus eher frühkindlichem Autismus, manchmal eher dem Asperger-Syndrom.

Manche atypischen Autisten haben eine verzögerte Sprachentwicklung, z.B. mit Echolalie, andere ähneln in sprachlichen Aspekten eher Asperger-Autisten: Sie sprechen grammatikalisch sehr korrekt, nehmen aber das Gesagte wörtlich oder verstehen Anspielungen nicht.

Manche Menschen mit atypischem Autismus zeigen repetitive und stereotype Verhaltensweisen, bei anderen ist das nur sehr schwach ausgeprägt.

Dem Klischee vom Savant mit Inselbegabung entsprechen jedenfalls nur die allerwenigsten Autisten.

Untergruppen

Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit atypischem Autismus zu einer dieser drei sehr verschiedenen Untergruppen gehören:

  • Eine hochfunktionale Gruppe (ca. 25 Prozent), deren Symptome sich zum großen Teil mit dem Asperger-Syndrom überlappen, die sich aber von diesem unterscheiden, weil sie eine Sprachverzögerung und/oder eine leichte Intelligenzminderung haben. (Die Kriterien für das Asperger-Syndrom schließen beides aus.)
  • Eine Gruppe (ca. 25 Prozent), deren Symptome eher denen des frühkindlichen Autismus ähneln, die aber nicht alle Diagnosekriterien erfüllen.
  • Die größte Gruppe (ca. 50 Prozent) besteht aus denen, die alle Merkmale des Autismus-Spektrums aufweisen, die aber sehr wenig Stereotypien und repetitives Verhalten aufweisen.

Hilfe & Förderung

Wie bei jeder anderen Diagnose aus dem Autismus-Spektrum steht auch bei atypischem Autismus das Individuum im Vordergrund. Es wird festgestellt, in welchen Bereichen die spezifischen Schwierigkeiten liegen und wie schwerwiegend sie sind. Daraufhin kann man Herangehensweisen zur Unterstützung wählen, wie z.B. TEACCH oder ein Elterntraining. Mehr dazu findest Du unter Hilfe & Förderung.

Fallbeispiel

Laura war die ältere von zwei Geschwistern. Sie galt als schwieriges Baby, das nicht einfach zu beruhigen war, aber dessen motorische und kommunikative Entwicklung normal schien. Sie war sozial zugewandt und genoss manchmal soziale Interaktionen, war aber schnell überreizt. Sie reagierte ungewöhnlich sensibel auf manche Reize und wenn sie aufgeregt war, wedelte sie mit den Händen. Ihre Eltern veranlassten eine diagnostische Abklärung, als sie vier war, weil sie Schwierigkeiten im Kindergarten hatte. Es wurde festgestellt, dass Laura Probleme in der Interaktion mit Gleichalterigen hatte. Sie war oft gedanklich damit beschäftigt, was Unangenehmes passieren könnte.

Bei der diagnostischen Abklärung wurde festgestellt, dass ihre kommunikativen und kognitiven Funktionen im normalen Bereich lagen. Obwohl eine gewisse soziale Zugewandtheit zu beobachten war, hatte Laura Schwierigkeiten, ihre Eltern als Quellen der Unterstützung und des Trosts zu nutzen.

Eine gewisse Rigidität im Verhalten wurde festgestellt, ebenso wie eine Tendenz, soziale Interaktionen mit Routinen zu belegen. In der Folge wurde Laura in einem integrativen Kindergarten angemeldet, wo sie große Fortschritte in ihren sozialen Fähigkeiten machte. Als sie in die Schule kam, zeigte sie gute schulische Leistungen, hatte aber weiterhin Probleme in der Interaktion mit Gleichaltrigen und ungewöhnliche Gefühlsreaktionen.

Als Jugendliche beschreibt sie sich als “Einzelgängerin”, die Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion hat und die lieber Zeit allein verbringt.

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