Zum Inhalt springen

Die Autismus-Diagnose

Geschrieben von Colin   
Mittwoch, 15 Februar 2006

Das Asperger-Syndrom ist erst seit 1990 bzw. 1994 in die Diagnose-Handbücher ICD und DSM aufgenommen worden. Auch heute ist es bei Fachleuten noch relativ unbekannt. Viele Erwachsene stoßen zuerst selbst auf das Asperger-Syndrom, erkennen sich darin wieder und machen sich dann auf die Suche nach einer Ärztin/einem Arzt oder einem Psychotherapeuten/einer Psychotherapeutin. Manchmal kommt es vor, dass jemand Unterstützung sucht wegen anderer Probleme wie z.B. AD(H)S oder Depressionen und im Laufe dessen die Diagnose Asperger-Syndrom bekommt. Viele bekamen andere, eventuell falsche Diagnosen oder gar keine.

Viele andere menschliche Unterschiede teilen Merkmale von Autismus, haben aber teilweise ganz andere Ursachen. Das führt manchmal zu Fehldiagnosen. Dann bekommt man vielleicht Hilfen oder Therapien, die man gar nicht braucht, und die Hilfe, die man brauchen würde und auch haben könnte, bekommt man nicht.

Autismus-Diagnose: warum?

Patricia E. Clark sagte über die Autismus/Asperger-Diagnose im Erwachsenalter: "Sie ist enorm nützlich. Wenn nichts anderes, so rechtfertigt sie doch zumindest ihre lebenslangen Anstrengungen, dem gerecht zu werden, was jeder von ihnen verlangte/erwartete und sie nicht erfüllen konnten/wollten. Es ist solch eine Erleichterung zu wissen, dass du kein schlechter Mensch bist, weil du du selbst bist."

Die Autorin Liane Holiday Willey dagegen sieht für sich keinen Nutzen in einer ärztlichen Asperger-Diagnose: "Bis heute bin ich auf AS nie formal getestet worden. Bis heute hab ich niemanden in der Gegend, in der ich lebe, gefunden, der Erwachsene auf das Asperger-Syndrom hin evaluieren kann. Aber das ist auch ganz in Ordnung so. Ich brauche eigentlich keine Diagnose, um mir zu bestätigen, was ich schon weiß. Was ich benötige, das ist ein größeres Wissen darüber, wie ich meiner Tochter weiterhelfen kann, das sind Informationen darüber, wie ich mich selbst weiterentwickeln kann und wie ich der Öffentlichkeit dabei helfen kann, das Asperger-Syndrom zu verstehen."

Wenn du vom Asperger-Syndrom gehört hast und denkst oder in Betracht ziehst, dass es auf dich zutreffen könnte, dann überlegst du dir vielleicht, ob du eine offizielle Asperger-Diagnose bzw. eine diagnostische Abklärung des Asperger-Syndroms haben willst oder nicht. Es gibt Gründe dafür und Gründe dagegen.

Pro:

  • Vielleicht geht es dir besser, wenn dir ein "Unparteiischer" sagt, dass deine Probleme nicht deine Schuld sind und nichts mit Faulheit, fehlendem Willen oder Dummheit zu tun haben.
  • Manchen Menschen hilft eine Diagnose, sich selbst und andere besser zu verstehen.
  • Die Diagnose bietet dir Begriffe und Zusammenhänge, um anderen deine Stärken und Schwächen zu erklären.
  • Wenn du dich immer so gefühlt hast, als würdest du nirgends hingehören, kann eine Diagnose dir vielleicht helfen, dich zugehörig zu fühlen.
  • Eine Diagnose ist eine große Hilfe, wenn es darum geht, Unterstützung oder einen Nachteilsausgleich zu beantragen. Mit der Asperger-Diagnose kannst du auch einen Schwerbehindertenausweis beantragen, mit dem du bestimmte Rechte hast.
  • Wenn du dich bereits in Therapie befindest, aber das Gefühl hast, dass diese Therapie an deinen Problemen vorbeigeht, ist es sinnvoll, Asperger diagnostisch abklären zu lassen. Vielleicht hast du eine Diagnose auf Sozialphobie oder Depression, was eine falsche oder auch eine richtige Diagnose sein kann - aber ohne das Wissen um das Asperger-Syndrom ist es unwahrscheinlich, dass die zugrundeliegenden Schwierigkeiten erkannt werden. Womöglich reden du und der/die TherapeutIn an einander vorbei. Das Wissen um das Asperger-Syndrom sollte zu einem besseren Verständnis von spezifischen Stärken und Schwächen führen, die in der Therapie berücksichtigt werden müssen. Bei manchen Diagnosen werden Medikamente verschrieben, die bei Aspies keine oder sogar gegenteilige Wirkung haben. Wenn man eine Asperger-Diagnose hat, muss das bedacht werden und eine Therapie entsprechend verändert werden.
  • Vielleicht beschäftigt dich die Frage "Bin ich Aspie oder doch nicht?" sehr und du überlegst ständig, ob das, was du gerade machst, zu Asperger passt oder nicht. In diesem Fall kann eine Asperger-Diagnose durch eine Fachperson helfen, von diesen Überlegungen weiterzugehen zu solchen, wie du dein Leben gestalten möchtest, und was du brauchst, damit es dir gut geht.
  • Einige Menschen werden deine Schwierigkeiten nur ernst nehmen, wenn du eine Diagnose hast.
  • Wenn man älter wird, wird es tendenziell schwieriger, die Diagnose zu bekommen. Das kann ein Grund sein, bei Kindern oder Jugendlichen die Diagnose abklären zu lassen. Es ist allerdings zu hoffen, dass sich diese Situation in den nächsten Jahren ändert.

Kontra:

  • Vielleicht genügt dir die Selbsterkenntnis, Aspie zu sein.
  • Vielleicht gefällt dir die Vorstellung nicht, zu einer Fachperson zu gehen und von ihr "beurteilt" zu werden.
  • Die meisten Menschen in der autistischen Community akzeptieren dich als Teil der Community auf Basis deiner Selbstdiagnose.
  • Vielleicht brauchst du keine Form der Unterstützung oder des Nachteilsausgleichs, für die du eine Diagnose vorzeigen müsstest.

Was bedeutet es für ich, deinen Verdacht auf Asperger-Syndrom diagnostisch abklären zu lassen? Was bedeutet es für dich, falls du wider Erwarten keine Diagnose auf Asperger-Syndrom bekommen? Darüber solltest du dir Gedanken machen und die Fachperson, an die du dich wendest, sollte dich in diesen Fragen beraten können, damit du dich für oder gegen eine diagnostische Abklärung entscheiden kannst. Ob du eine diagnostische Abklärung oder eine Therapie willst oder nicht, ist allein deine Entscheidung.

Asperger-Diagnose: wo?

Die Asperger-Diagnose kann von ÄrztInnen (z.B. NeurologInnen, PsychiaterInnen) oder Psychologinnen (klinische PsychologInnen, PsychotherapeutInnen) gestellt werden. Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen bieten die diagnostische Abklärung sowie Therapien nur für Kinder und Jugendliche bis zu einer Altersgrenze von (variierend) 18 bis 25 Jahren an. Die verschiedenen Berufsbezeichnungen sind nicht entscheidend, wichtig ist, dass die Person sich mit dem Asperger-Syndrom und inbesondere der Asperger-Diagnose auskennt.

Es ist schwierig, Fachkräfte zu finden, die nicht irgendeinen Unsinn diagnostizieren oder empfehlen, geschweige denn solche, die einen nicht in die Rolle eines "Kranken" hineindrängen.

Die Autismus-Therapiezentren kennen sich prinzipiell mit Autismus aus, haben aber nicht alle auch Erfahrungen mit dem Teil des Spektrums, der Asperger-Syndrom bzw. High-Functioning-Autismus genannt wird. Außerdem konzentrieren sich leider viele von ihnen auf Kinder und Jugendliche und sind sich möglicherweise unsicher, wenn es darum geht, bei Erwachsenen eine Diagnose zu stellen. Beides scheint sich langsam zu ändern. Die einzelnen Autismus-Therapiezentren unterscheiden sich in diesen Punkten stark, weshalb du dich musst vor Ort erkundigen musst. Bei Autismus-Therapiezentren sollte man sich in jedem Fall vorher wegen der Kostenübernahme erkundigen.

Eine Fachperson braucht eine umfassende Kenntnis über das Asperger-Syndrom und Erfahrungen mit Aspies, um die richtige Diagnose stellen zu können. Auch sollte sie Kenntnisse über AD(H)S haben, da viele Aspies zusätzlich die Diagnose AD(H)S bekommen. Auch mit anderen Verschiedenheiten, mit denen das Asperger-Syndrom verwechselt werden kann, sollte sie sich auskennen.

Asperger-Diagnose: erste Kontaktaufnahme

Wenn du mit Ärzt_innen oder Psycholog_innen bezüglich einer Asperger-Diagnose Kontakt aufnimmst, solltest du ihnen sagen: - dass du es für möglich hältst, dass du Asperger-Syndrom hast und dies diagnostisch abklären lassen möchtest (viele Fachkräfte mit dem Schwerpunkt Asperger-Syndrom sind überlaufen und nehmen deshalb nur noch Klientinnen ud Klienten, die speziell diesbezüglich Unterstützung brauchen).

Du solltest fragen:

    li> wenn du nicht weiß, ob die Fachperson Erfahrungen mit dem Asperger-Syndrom hat, solltest du unbedingt danach fragen. Du kannst auch danach fragen, ob sie schon Kinder/Jugendliche/Erwachsene (je nachdem) mit dem Asperger-Syndrom gesehen hat und wie viele.
  • ob die Fachperson Diagnosen stellt
  • ob sie eine Kassenzulassung hat und ob sie Diagnosestellungen und Therapien über die Kasse abrechnet (lies hier, was du machen kannst, wenn sie keine hat)
  • Du kannst auch fragen, ob sie sich mit AD(H)S o.a. auskennt, wenn du dich fragst, ob das vielleicht auf dich zutrifft.

Vielleicht wird er_sie noch etwas von dir wissen wollen. Es wird aber am Telefon im allgemeinen nicht erwartet, dass du näher erklärst, warum du denkst, dass das Asperger-Syndrom auf dich zutrifft.

Wenn die Fragen zu beiderseitiger Zufriedenheit geklärt sind, könnt ihr einen Termin vereinbaren. Es kann dabei Wartezeiten von mehreren Wochen oder sogar Monaten geben.

Die Asperger-Diagnose: wie?

Der wesentliche Teil der Diagnostik ist eine Befragung der betreffenden Person bzw. bei Kindern der Eltern oder eines Elternteils. Auch bei Erwachsenen befragen Fachkräfte gern die Eltern, wenn das möglich ist. Notwendig für eine Diagnose ist das aber nicht - in manchen Fällen sind die Eltern ja schon gestorben oder sollen nicht unbedingt von der Diagnose erfahren.

Vielleicht findest du es einfacher, deine Gedanken aufzuschreiben und sie der Diagnostikerin oder dem Diagnostiker schriftlich zu geben bzw. neben persönlichen Gesprächen auch per eMail zu kommunizieren. Gute Aspie-Fachkräfte werden damit einverstanden sein, dass du auf Fragen später und, wenn du willst, schriftlich antwortest.

Das Asperger-Syndrom ist neurologisch bedingt; es gibt aber keinen neurologischen Test, um Asperger festzustellen. Manchmal werden neurologische Untersuchungen gemacht, um andere Ursachen auszuschließen.

Manchmal nimmt die Fachperson Fragebögen oder Tests zu Hilfe, die nette Kürzel wie AQ, ADOS, ASAS o.ä. tragen. Es gibt auch Tests auf Wahrnehmungsstörungen - auch das kann sinnvoll sein. Bei Kindern wird gern ein IQ-Test gemacht, nicht in erster Linie, um den Gesamt-IQ zu bestimmen, sondern um zu überprüfen, ob die Punktzahlen, die bei den einzelnen Aufgaben erreicht wurden, stark voneinander abweichen. Da IQ-Tests auf NT-Hirne genormt wurden, ist ein "unebenes" IQ-Profil ein Hinweis auf das Asperger-Syndrom.

Bei einer umfassenden Diagnose sollten nicht nur die Diagnosekriterien abgefragt werden, sondern auch AD(H)S und Wahrnehmungsstörungen abgeklärt werden - nicht, damit man noch mehr Diagnosen hat, sondern um festzustellen, ob man in diesen Bereichen Schwierigkeiten hat.

Asperger-Diagnose: und dann?

Die Selbsterkenntnis, Aspie zu sein bzw. die Asperger-Diagnose bedeutet eine Zeit der Neuorientierung und kann eine gewaltige Wirkung auf dein Leben haben. Bisher gibt es wenig Unterstützung dabei, mit der Diagnose umzugehen.

Im Idealfall sollte die Diagnose dir helfen, deine Stärken und Schwächen zu verstehen. Vielleicht fängst du jetzt an, dich selbst oder andere Menschen besser zu verstehen. Vielleicht erschrickt dich die Asperger-Diagnose dann doch. Die Fachperson sollte dich unterstützen können, und zwar sowohl emotional und psychologisch als auch bei der Frage, was du jetzt mit diesem Wissen anfängst. Gibt es bestimmte Fähigkeiten, die du lernen möchtest? Auf welche Art könntest du sie lernen und welche Unterstützung möchtest du dabei nutzen? Brauchst du bestimmte Formen der Unterstützung in deinem Alltag? In der Schule, im Studium oder Beruf?