Autistisch gut leben.

Autismus ist nicht einfach eine einzelne Diagnose. Es ist eher ein Spektrum an unterschiedlichen Ausprägungen, die sich voneinander unterscheiden wie die einzelnen Farben des Regenbogens.

Vielleicht hast du mal was von »Asperger« oder »frühkindlichem Autismus« gehört und fragst dich jetzt: Gibt es diese Kategorien eigentlich noch? Und wenn nicht, was steckt dahinter?

In diesem Text erfährst du, wie man früher über Autismus gesprochen hat, was sich in der Diagnostik verändert hat und was das für dich oder Menschen in deinem Umfeld bedeutet.

Autismus-Formen im Überblick

Autismus war früher aufgeteilt in verschiedene Formen:

  • Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom): Autismus mit verzögerter Sprachentwicklung.
  • Hochfunktionaler Autismus: Autismus mit oder ohne verzögerter Sprachentwicklung, aber gleichzeitig eine durchschnittliche oder hohe Intelligenz. (Hochfunktionaler Autismus war nie eine eigene Diagnose und überlappt mit anderen Autismus-Formen.)
  • Atypischer Autismus: Passt nicht ganz in die klassischen Schubladen, beginnt entweder später oder die Merkmale sind weniger deutlich ausgeprägt.
  • Asperger-Syndrom: Autismus ohne Verzögerung der Sprachentwicklung. Deshalb fällt oft erst später auf, dass die Kinder »irgendwie anders« sind.

Heute fasst man all diese Formen unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zusammen. Der Grund: Das Autismus-Spektrum ist ein Kontinuum. Es gibt keine klaren Grenzen.

Frühkindlicher Autismus, Atypischer Autismus und das Asperger-Syndrom wurden zur Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst.
SpracheIntelligenzAnmerkungen
Frühkindlicher AutismusSprachverzögerungkann unterschiedlich sein
Hochfunktionaler Autismuskann unterschiedlich seinkeine geistige Behinderungkeine offizielle Diagnose, überlappt mit anderen Kategorien
Asperger-Syndromkeine Sprachverzögerungkeine geistige Behinderung
Atypischer Autismuskann unterschiedlich seinkann unterschiedlich seinnicht alle Kriterien für eine andere Autismus-Diagnose erfüllt
PDD-NOSkann unterschiedlich seinkann unterschiedlich seinnicht alle Kriterien für eine andere Autismus-Diagnose erfüllt; eher in den USA verwendet

Warum gab es früher überhaupt so viele Begriffe?

Weil Autismus nicht gleich Autismus ist. Menschen mit Autismus sind sehr unterschiedlich, so wie alle anderen Menschen eben auch. Manche brauchen viel Unterstützung, andere eher wenig. Manche fallen auf, andere »funktionieren« im Alltag scheinbar ganz normal, die immense Anstrengung dahinter ist oft nicht sichtbar.

Früher hat man versucht, diese Unterschiede in Kategorien zu packen. Klingt logisch, hat aber oft nicht gut funktioniert. Viele Leute passten nicht richtig in eine dieser Schubladen. Oder ihre Schublade führte dazu, dass sie falsch eingeschätzt wurden.

Inzwischen weiß man: Es ist sinnvoller, von einem Spektrum zu sprechen. Die Übergänge zwischen den Autismus-Formen sind fließend. Deshalb sind Begriffe wie »Asperger« oder »frühkindlich« aus den offiziellen Diagnosehandbüchern (z.B. DSM-5, ICD-11) verschwunden.

Und warum hört man die alten Begriffe trotzdem noch überall?

Ganz einfach: Weil viele Menschen sie weiterhin benutzen. Und das ist auch verständlich. Gerade »Asperger« ist für viele Menschen zu einem Stück Identität geworden.

Welche Formen von Autismus gibt es?

Autismus ist ein Spektrum ohne klare Abgrenzungen zwischen verschiedenen Formen von Autismus. Trotzdem gibt es Begriffe, die versuchen, bestimmte Muster zu beschreiben:

Frühkindlicher Autismus (auch: Kanner-Syndrom)

Bei dieser Variante fällt oft schon sehr früh etwas auf – meistens in den ersten Lebensjahren. Typische Merkmale können sein:

  • Sprache entwickelt sich langsam, ungewöhnlich oder bleibt ganz aus
  • Kontakt zu anderen fällt schwer
  • Wiederholende Verhaltensweisen und starkes Bedürfnis nach Routinen

Frühkindlicher Autismus wurde früher als eigenständige Diagnose gestellt, gehört heute aber zur »Autismus-Spektrum-Störung«.

Übrigens: Viele Menschen denken, dass frühkindlicher Autismus mit einer geistigen Behinderung einhergeht. Das kann der Fall sein, muss aber nicht.

Mehr zu Frühkindlichem Autismus.

Hochfunktionaler Autismus

Damit sind in der Regel autistische Menschen gemeint, die keine geistige Behinderung haben und oft gut sprechen können (auch wenn sie erst spät angefangen haben zu sprechen). Sie haben jedoch:

  • Schwierigkeiten mit sozialer Kommunikation
  • Intensive Spezialinteressen
  • Sensorische Empfindlichkeiten
  • Probleme mit Veränderungen im Alltag

Hochfunktionaler Autismus war nie eine eigenständige Diagnose, es gab also nie feste Kriterien dafür. Deshalb verwenden verschiedene Leute den Begriff sehr unterschiedlich.

Übrigens: Der Begriff ist umstritten. Warum? Klingt es nicht toll zu sagen »Mein Kind ist hochfunktional«? Tja, für die Eltern eines anderen, »niedrigfunktionalen« autistischen Kindes klingt es vielleicht nicht ganz so toll.

(Ich weiß, dass es Leute gibt, die die Begriffe völlig wertneutral verwenden. Aber ich weiß auch, dass das nicht allen gelingt. In meinem Artikel über Hochfunktionalen Autismus findest du mehr über diese Debatte.)

Das Etikett »hochfunktional« sagt letztlich mehr darüber aus, wie Leute nach außen wirken als über das tatsächliche innere Erleben. Nur weil jemand »gut funktioniert«, heißt das nicht, dass es ihm leichtfällt.

Mehr zu hochfunktionalem Autismus.

Atypischer Autismus

Atypischer Autismus konnte diagnostiziert werden, wenn nicht alle klassischen Kriterien für frühkindlichen Autismus erfüllt waren. Zum Beispiel zeigen sich bei Menschen mit Down-Syndrom autistische Züge oft erst später.

Mehr zu Atypischem Autismus.

Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom wurde früher als eigene Diagnose betrachtet, fällt heute aber ebenfalls unter das Autismus-Spektrum. Menschen mit Asperger-Syndrom haben meist:

  • Keine Verzögerung in der Sprachentwicklung
  • Durchschnittliche oder überdurchschnittliche Intelligenz
  • Schwierigkeiten mit nonverbaler Kommunikation (z. B. Mimik, Gestik, Blickkontakt)
  • Intensive Spezialinteressen
  • Schwierigkeiten mit sozialen Regeln und unausgesprochenen Erwartungen

Viele Menschen identifizieren sich noch mit dem Begriff »Asperger«, weil er lange genutzt wurde und oft mit besonderen Stärken assoziiert wird.

Mehr zum Asperger-Syndrom.

PDD-NOS

Wie auch Atypischer Autismus ist PDD-NOS eine Diagnose für autistische Menschen, die nicht alle Kriterien für eine andere Form von Autismus erfüllten. In den USA wurden früher Menschen mit PDD-NOS diagnostiziert, deren Autismus ungefähr dem Bild des Asperger-Syndroms entsprach, die aber bestimmte Kriterien dafür nicht erfüllten. Siehe auch: PDD-NOS.

Warum wurde das Asperger-Syndrom abgeschafft?

Viele Menschen kennen den Begriff »Asperger-Syndrom« und identifizieren sich damit. Doch in aktuellen Diagnosemanualen gibt es diese Bezeichnung nicht mehr. Warum wurde sie abgeschafft, und was bedeutet das für »Aspies«?

Von der eigenen Diagnose zum Spektrum: Die DSM-5-Änderung

Bis 2013 war das Asperger-Syndrom eine eigenständige Diagnose. Doch mit der Einführung des DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen) wurde es in die übergreifende Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS) integriert. Wenige Jahre später wurde diese Änderung auch im ICD-11, dem Diagnosehandbuch der WHO, vollzogen.

Mehr zu DSM-5 und ICD-11.

Die Hauptgründe für diese Änderung:

1. Keine klare Grenze zwischen Asperger-Syndrom und anderen Formen von Autismus

Viele Menschen mit Asperger-Syndrom hatten ähnliche Merkmale wie Menschen mit »hochfunktionalem Autismus«. Die Trennung war weitgehend willkürlich und nie eindeutig definiert. Ich habe auch hier darüber geschrieben: »Asperger oder Autismus-Spektrum: Ein Unterschied?».

2. Vereinfachung der Diagnosestellung

Vorher gab es verschiedene Unterkategorien (frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom, atypischer Autismus). Die Einteilung war ungenau und teilweise willkürlich. In einer Erwachsenen-Diagnostik ist es zum Beispiel oft nicht mehr klar feststellbar, wann die Person angefangen hat zu sprechen – und ganz ehrlich: Bei einem 38-Jährigen ist das dann auch nicht mehr relevant.

3. Fokus auf individuelle Bedürfnisse statt Etiketten

Statt verschiedene Diagnosen zu vergeben, wird heute stärker geschaut, welche Unterstützung eine Person braucht. Das Spektrum berücksichtigt verschiedene Ausprägungen von Autismus, ohne starre Kategorien.

Wer war Hans Asperger, und warum ist sein Name problematisch?

Ein weiterer Grund für die Abkehr vom Begriff »Asperger-Syndrom« ist die umstrittene Vergangenheit von Hans Asperger, dem österreichischen Kinderarzt, nach dem das Syndrom benannt wurde.

  • Asperger arbeitete während der NS-Zeit als Kinderarzt in Wien.
  • Und: Neuere Forschungen zeigen, dass er aktiv mit dem nationalsozialistischen Euthanasie-Programm kooperierte.
  • Er hat mindestens ein Kind in die berüchtigte Anstalt »Am Spiegelgrund« überwiesen, wo viele Kinder ermordet wurden.

Diese Erkenntnisse wurden erst später bekannt. Viele autistische Menschen und Fachleute lehnen deshalb die Bezeichnung »Asperger-Syndrom« ab.

Mehr über Hans Asperger.

Was heißt das für »Aspies«?

  • Wenn du mal die Diagnose Asperger bekommen hast, ist die natürlich nicht plötzlich »falsch«. Sie war zu dem Zeitpunkt richtig – und sie gehört zu deiner Geschichte.
  • Du darfst den Begriff weiter nutzen, wenn er für dich passt. Viele tun das.
  • Andere sagen lieber einfach »autistisch« oder sprechen vom Autismus-Spektrum, weil es inklusiver ist, und weniger wertend.

Was zählt, ist nicht der Begriff. Sondern, dass du gesehen wirst, so wie du bist. Dass du verstanden wirst. Und die Unterstützung bekommst, die du brauchst.

Und Sprache darf sich verändern, wenn sie dadurch diese Ziele besser erreicht.

Die Grauzone: Autistische Züge

Manche Kinder und Erwachsene haben ein paar Merkmale von Autismus, die aber sehr subtil sind. Manchmal ist es schwer zu sagen, ob eine Person damit als bereits autistisch gilt oder noch als neurologisch typisch (»normal«).

Tony Attwood schreibt, dass das Asperger-Syndrom

… sich in einem nahtlosen Kontinuum vollzieht, das sich am äußersten Ende der normalen Skala auflöst. Es ist unvermeidlich, dass sich einige Kinder in einer Art Grauzone befinden, wo man sich nicht sicher ist, ob ihre ungewöhnliche Persönlichkeit und die Bandbreite ihrer Fähigkeiten die ausgeprägte Qualität haben, die in eine – anhand der geläufigsten Kriterien gestellten – Diagnose passen.

Attwood nennt dies eine “Andeutung” des Asperger-Syndroms, andere Fachkräfte sprechen von “autistischen Zügen” oder “subklinischem Autismus”.

Autistische Züge werden manchmal festgestellt, wenn der Psychologe der Meinung ist, dass die Charakteristika für eine Asperger-Diagnose nicht ausgeprägt genug sind und das Leben der Person davon nicht beeinträchtigt wird. Es stellt keine offizielle Diagnose dar, sondern sagen nur, dass die Person einige Eigenschaften hat, die man oft bei autistischen Menschen findet.

Die Grenze, wo noch Asperger-Syndrom bzw. Autismus-Spektrum diagnostiziert wird und wo nicht mehr, ist nicht eindeutig festgelegt und wird unterschiedlich interpretiert.

Mehr über autistische Züge.

Warum ist Autismus so verschieden von Person zu Person?

Ganz einfach gesagt:

  • Weil es eine neurobiologische Variante ist, also eine andere Art, wie das Gehirn funktioniert. Und jedes Gehirn ist unterschiedlich – auf Arten, die wir noch nicht komplett verstehen.
  • Weil die Umwelt, in der jemand aufwächst, viel ausmachen kann.
  • Und weil innerhalb des Spektrums die kognitiven Fähigkeiten und Stärken extrem unterschiedlich sein können.

Darum ist es wichtig, nicht nur auf die Diagnose zu schauen, sondern auf den Menschen. Was braucht er? Was kann er gut? Wo hakt’s?

Diagnosen kann ein Werkzeug sein, um jemanden besser zu verstehen, aber dazu müssen sie zwangsläufig verallgemeinern.

Nicht umsonst heißt es in der Autismus-Community: »Wenn du eine autistische Person gesehen hast, dann hast du eine autistische Person gesehen.«

Warum ändern sich die Begriffe eigentlich ständig?

Das liegt daran, dass sich unser Wissen über Autismus immer weiterentwickelt. Was früher als »wissenschaftlich korrekt« galt, ist heute vielleicht schon überholt.

Fazit: Warum es wichtig ist, die verschiedenen Begriffe zu kennen

Die ganzen Begriffe rund um Autismus können anfangs verwirrend sein. »Frühkindlich«, »Asperger«, »hochfunktional«, »Autismus-Spektrum-Störung«, da verliert man schnell den Überblick. Aber genau das zeigt: Unser Wissen über Autismus ist im Wandel. Wir verstehen heute mehr als früher, und deshalb verändert sich auch die Sprache.

Früher hat man Autismus in feste Kategorien aufgeteilt. Heute sieht man ihn als Spektrum, auf dem sich Menschen ganz unterschiedlich bewegen. Trotzdem: Viele Menschen fühlen sich mit alten Begriffen wie »Asperger« weiterhin verbunden. Und das ist völlig legitim – auch wenn die Diagnose inzwischen offiziell anders heißt.

Was heißt das konkret für dich?

  • Wenn du selbst autistisch bist: Es kann helfen, verschiedene Begriffe zu kennen, um deinen eigenen Platz auf dem Spektrum besser zu verstehen. Vielleicht findest du dich in einem alten Begriff wieder, oder im Konzept des Autismus-Spektrums. Beides ist okay.
  • Wenn du Angehörige*r oder Fachkraft bist: Du solltest die Begriffswelt kennen, um besser einordnen zu können, was jemand meint, ob bei Diagnosen, Forschung oder Gesprächen mit autistischen Menschen.

Am Ende zählt nicht der Begriff, sondern die Haltung

Autismus bleibt, egal welchen Begriff man verwendet, eine neurobiologische Variante des Menschseins. Eine andere Art zu denken, zu fühlen, zu erleben. Ob man das jetzt »Asperger«, »ASS« oder einfach »autistisch« nennt, ist nicht so entscheidend. Wichtiger ist: Menschen brauchen Akzeptanz, Respekt, Barrierefreiheit, Unterstützung. Und zwar heute, nicht erst wenn die Gesellschaft ihre Begriffe sortiert hat.

Fragen und Antworten zu Autismus-Formen

Gibt es Autismus in verschiedenen Schweregraden?

Ja, Autismus zeigt sich in sehr unterschiedlicher Ausprägung. Manche autistische Menschen brauchen viel Unterstützung im Alltag, während andere weitgehend selbstständig leben. Statt von »leichtem« oder »schwerem« Autismus zu sprechen, beschreibt man besser die individuellen Bedürfnisse und Unterstützungsbedarfe einer Person.

Ist Asperger-Syndrom das Gleiche wie hochfunktionaler Autismus?

Die Begriffe Asperger-Syndrom und hochfunktionaler Autismus wurden früher oft synonym verwendet, sind aber nicht identisch.

Asperger-Syndrom war eine Diagnose für autistische Menschen mit durchschnittlicher oder hoher Intelligenz und ohne Sprachentwicklungsverzögerung.

  • Asperger-Syndrom: Offizielle Diagnose früher für Menschen mit durchschnittlicher bis hoher Intelligenz und ohne Sprachverzögerung.
  • Hochfunktionaler Autismus: Kein offizieller Begriff, meist für Menschen, die intelligent sind, aber trotzdem autistisch. Über eine mögliche Sprachverzögerung sagt der Begriff nichts aus.

Heute fasst man das alles unter ASS ohne geistige Behinderung zusammen.

Kann sich Autismus im Laufe des Lebens verändern?

Autistisch bleibt man ein Leben lang, aber wie sich das zeigt, kann sich verändern. Manche autistischen Kinder fangen erst spät an zu sprechen; sie wurden daher mit Frühkindlichem Autismus diagnostiziert. Später beginnt das Kind zu sprechen und die Menschen in seiner Umgebung stellen fest, dass es intelligent ist, daher wird es als »hochfunktional« beschrieben. Im Erwachsenenalter ist das Kind vielleicht nicht mehr zu unterscheiden von Menschen, die die Diagnose Asperger-Syndrom bekommen haben.

Viele autistischen Menschen lernen Strategien, um besser klarzukommen. Manche fallen als Erwachsene weniger auf, weil sie sich anpassen oder maskieren. Aber das heißt nicht, dass der Autismus weg ist, er ist nur weniger sichtbar. Diese Strategien sind oft sehr anstrengend.

Wie viele Autismus-Formen gibt es eigentlich?

Offiziell gibt es heute eine Autismus-Diagnose: die Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Früher gab es eine Unterteilung in verschiedene Formen (Frühkindlicher Autismus, Atylischer Autismus, und das Asperger-Syndrom), aber inzwischen sieht man Autismus als fließendes Spektrum ohne klare Grenzen.

Was ist die »schwächste« Form von Autismus?

PDD-NOS galt oft als »schwächste« Form von Autismus. Da PDD-NOS in Deutschland nicht diagnostiziert wurde, war hier das Asperger-Syndrom die »schwächste« Form von Autismus. Nach der aktuellen Diagnostik ist es Level-1-Autismus, also Autismus mit geringem Unterstützungsbedarf.

Aber: Autismus ist keine Skala von »schwach« bis »stark«. Jeder autistische Mensch ist unterschiedlich. Bei manchen sind bestimmte Autimus-Merkmale stark ausgeprägt, bei anderen andere.

Was ist die »stärkste« Form von Autismus?

Nach der aktuellen Diagnostik spricht man von Level-3-Autismus, also Autismus mit hohem Unterstützungsbedarf. Das betrifft zum Beispiel Menschen, die kaum sprechen oder sehr stark auf Veränderungen oder Reize reagieren. Das heißt aber nicht, dass sie weniger wertvoll oder weniger Mensch sind, nur dass sie mehr Hilfe brauchen, um gut durchs Leben zu kommen.

Was ist die seltenste Form von Autismus?

Früher war Atypische Autismus die Diagnose aus dem Autismus-Spektrum, die am seltensten gestellt wurde. Das lag aber oft an den Diagnosekriterien, nicht an den Menschen. Heute werden innerhalb der Diagnose »Autismus-Spektrum-Störung« keine unterschiedlichen Formen mehr unterschieden.

Gibt es eine Vorstufe von Autismus?

Nein. Autismus ist von Geburt an da. Es ist nichts, was sich später »entwickelt«. Manchmal zeigt sich Autismus erst mit der Zeit deutlicher, aber es gibt keine »Vorstufe«.

Was ist Level-3-Autismus?

Das ist eine Diagnose-Stufe nach dem aktuellen System. Es gibt drei Level:

  • Level 1: braucht etwas Unterstützung
  • Level 2: braucht deutliche Unterstützung
  • Level 3: braucht sehr viel Unterstützung, z.B. bei Sprache, Alltag, Reizregulierung

Diese Level helfen bei der Einschätzung, wie viel Unterstützung eingeplant werden muss. Auch Behörden orientieren sich bei der Genehmigung von Anträgen an diesen Kategorien.

Fallbeispiele: So unterschiedlich kann Autismus aussehen

Autismus ist nicht gleich Autismus. Hier siehst du drei Beispiele, die zeigen, wie verschieden autistische Menschen sein können, und warum Begriffe wie »leicht« oder »schwer« nicht ausreichen, um das Ganze zu beschreiben.

Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom): Leon, 6 Jahre

Leon ist sechs. Seine Eltern merkten früh, dass er irgendwie anders war: Er sprach kaum, hatte wenig Interesse an anderen Menschen und spielte stundenlang mit seinen Auto, die er immer in derselben Reihenfolge aufstellte. Wenn jemand die Reihenfolge veränderte, fing er an, heftig zu weinen, und flatterte mit den Händen, um sich zu beruhigen.

Im Kindergarten lief er oft stundenlang im Raum auf und ab. Blickkontakt nimmt er fast nie auf. Er isst nur ganz bestimmte Sachen, immer gleich in Aussehen und Konsistenz.

Mittlerweile kann Leon einzelne Wörter sagen, aber vieles zeigt er mit Gesten oder indem er seine Eltern an die Hand nimmt und zu dem Gegenstand führt, mit dem er etwas machen will. Er besucht eine Förderschule, die auf die Bedürfnisse autistischer Kinder eingerichtet ist. Seine Diagnose bekam er mit drei Jahren, was früh ist, aber in seinem Fall eindeutig.

Atypischer Autismus: Jonas, 14 Jahre

Jonas ist 14 und hat zusätzlich eine geistige Behinderung. Lange dachten Ärztinnen und Lehrerinnen, er sei einfach entwicklungsverzögert, bis mit neun klar wurde: Jonas ist auch autistisch.

Er spricht nur in einfachen Sätzen und braucht viel Unterstützung im Alltag. Er meidet soziale Kontakte, ist sehr geräuschempfindlich und reagiert auf Veränderungen im Tagesablauf oft mit Rückzug oder Überforderung.

Jonas liebt es, stundenlang Perlen durch die Finger rieseln zu lassen. Er kann sich selbst anziehen, braucht aber klare Anleitungen und Geduld. In der Schule hilft ihm der Einsatz von Bildern und Symbolen. Abstrakte Sprache überfordert ihn schnell.

Asperger-Syndrom (heute: Autismus-Spektrum-Störung ohne geistige Beeinträchtigung): Sarah, 32 Jahre

Sarah ist 32 und bekam ihre Diagnose erst mit 27. Schon als Kind war sie lieber mit Büchern als mit Menschen beschäftigt. In der Schule war sie gut, aber soziale Situationen wie Smalltalk, Ironie, oder Gruppendynamik waren für sie oft ein Rätsel.

Heute arbeitet Sarah als Softwareentwicklerin. Sie ist intelligent, strukturiert und liebt komplexe Aufgaben. Aber Meetings, Spontanität oder Reizüberflutung kosten sie enorm viel Energie. Danach ist sie oft völlig ausgelaugt.

Lange dachte sie, sie sei einfach »komisch« oder »nicht sozial«. Erst als sie über Autismus bei Frauen las, erkannte sie sich wieder. Die Diagnose war für sie keine Belastung, sondern eine Erklärung. Heute weiß sie besser, wie sie auf sich achten kann.

Autismus-Formen nach Unterstützungsbedarf

Die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung sieht vor, dass neben der eigentlichen Feststellung von Autismus auch notiert wird, ob die Person eine geistige Behinderung hat oder nicht, und wie hoch ihr Unterstützungsbedarf ungefähr ist.

Die Einstufung sieht drei Stufen vor:

Stufe 1: Geringer Unterstützungsbedarf

  • Wirkt oft selbstständig, braucht aber in bestimmten Situationen Unterstützung
  • Braucht Ruhephasen, klare Kommunikation, wenig Reize
  • Vieles funktioniert, aber mit mehr Energieaufwand als bei anderen
  • Kann im Berufsleben oder Alltag oft gut zurechtkommen, wenn die Bedingungen passen

Stufe 2: Mittlerer Unterstützungsbedarf

  • Ist grundsätzlich selbstständig, braucht aber Unterstützung bei zum Beispiel Entscheidungen, Organisation, Reizverarbeitung
  • Schwierigkeiten im sozialen Miteinander, besonders ohne Struktur
  • Reagiert empfindlich auf Veränderungen, aber ist teilweise flexibel
  • Klare Abläufe und Vorhersehbarkeit helfen enorm

Stufe 3: Hoher Unterstützungsbedarf

  • Braucht täglich Hilfe bei vielen Dingen
  • Spricht wenig oder gar nicht
  • Schwierigkeiten mit Alltagsbewältigung, Gefahreneinschätzung, Hygiene etc.
  • Starre Routinen geben Sicherheit
  • Kommunikation meist nicht über Sprache

Wichtig:

  • Manche autistischen Menschen brauchen in einem Bereich viel Hilfe und in einem anderen gar keine.
  • Der Unterstützungsbedarf kann sich im Laufe des Lebens verändern.
  • Die Art der Unterstützung kann von Person zu Person unterschiedlich aussehen.

Mit der richtigen Umgebung, passenden Hilfen und Verständnis können viele autistische Menschen ein gutes, selbstbestimmtes Leben führen, auf ihre eigene Art.

Zuletzt bearbeitet am 06.07.2025.

Linus Mueller
Linus Mueller, M.A.

Linus Mueller befasst sich seit über 20 Jahren mit Autismus. Er hat hat sein Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Magisterarbeit über Autismus und Gender abgeschlossen und in mehreren Autismus-Organisationen gearbeitet, bevor er Autismus-Kultur gründete. Linus ist selbst autistisch und Vater zweier fabelhafter Kinder.