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Autismus und Asperger: Diagnosekriterien im ICD

Autismus-Kultur

Inhaltsverzeichnis

  1. Das ICD
  2. Frühkindlicher Autismus: Diagnosekriterien im ICD-10
  3. Asperger-Syndrom: Diagnosekriterien im ICD-10
  4. Atypischer Autismus: Diagnosekriterien im ICD-10
  5. Ausblick auf das ICD-11

Das ICD

ICD bedeutet “International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems”, auf deutsch: “Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme”. Es wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegeben und ist die wichtigste Grundlage, um medizinische Diagnosen zu stellen. In Deutschland sind Kassenärzte verpflichtet, ihre Diagnosen entsprechend der ICD-Klassifikationen zu stellen.

ICDDas ICD wird in regelmäßigen Abständen überarbeitet. Die derzeit gültige Ausgabe ist das ICD-10. Im Jahr 2018 soll das ICD-11 erscheinen.

Im ICD-10 werden sowohl Frühkindlicher Autismus als auch das Asperger-Syndrom den “tiefgreifenden Entwicklungsstörungen” zugeordnet. Dort werden auch noch weitere Diagnosen gelistet:

F84 Tief greifende Entwicklungsstörungen

  • F84.0 Frühkindlicher Autismus
  • F84.1 Atypischer Autismus
  • F84.2 Rett-Syndrom
  • F84.3 Andere desintegrative Störung des Kindesalters
  • F84.4 Überaktive Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien
  • F84.5 Asperger-Syndrom
  • F84.8 Sonstige tief greifende Entwicklungsstörungen
  • F84.9 Tief greifende Entwicklungsstörung, nicht näher bezeichnet

Frühkindlicher Autismus: Diagnosekriterien im ICD-10

F84.0 Frühkindlicher Autismus
Vor dem dritten Lebensjahr manifestiert sich eine auffällige und beeinträchtigte Entwicklung in mindestens einem der folgenden Bereiche:

  1. rezeptive oder expressive Sprache, wie sie in der sozialen Kommunikation verwandt wird
  2. Entwicklung selektiver sozialer Zuwendung oder reziproker sozialer Interaktion
  3. funktionales oder symbolisches Spielen.

Insgesamt müssen mindestens sechs Symptome von A), B) und C) vorliegen,
davon mindestens zwei von A) und mindestens je eins von B) und C):

  1. Qualitative Auffälligkeiten der gegenseitigen sozialen Interaktion
    in mindestens drei der folgenden Bereiche:

    1. Unfähigkeit, Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und Gestik zur Regulation sozialer Interaktionen zu verwenden
    2. Unfähigkeit, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen, mit gemeinsamen Interessen, Aktivitäten und Gefühlen (in einer für das geistige Alter angemessenen Art und Weise trotz hinreichender Möglichkeiten)
    3. Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer Beeinträchtigung oder devianten Reaktion auf die Emotionen anderer äußert; oder Mangel an Verhaltensmodulation entsprechend dem sozialen Kontext; oder nur labile Integration sozialen, emotionalen und kommunikativen Verhaltens
    4. Mangel, spontan Freude, Interessen oder Tätigkeiten mit anderen zu teilen (z.B. Mangel, anderen Menschen Dinge, die für die Betroffenen von Bedeutung sind, zu zeigen, zu bringen oder zu erklären).
  2. Qualitative Auffälligkeiten der Kommunikation in mindestens einem der folgenden Bereiche:
    1. Verspätung oder vollständige Störung der Entwicklung der gesprochenen Sprache, die nicht begleitet ist durch einen Kompensationsversuch durch Gestik oder Mimik als Alternative zur Kommunikation (vorausgehend oft fehlendes kommunikatives Geplapper)
    2. relative Unfähigkeit, einen sprachlichen Kontakt zu beginnen oder aufrechtzuerhalten (auf dem jeweiligen Sprachniveau), bei dem es einen gegenseitigen Kommunikationsaustausch mit anderen Personen gibt
    3. stereotype und repetitive Verwendung der Sprache oder idiosynkratischer Gebrauch von Worten oder Phrasen
    4. Mangel an verschiedenen spontanen Als-ob-Spielen oder (bei jungen Betroffenen) sozialen Imitationsspielen.
  3. Begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten in mindestens einem der folgenden Bereiche:
    1. umfassende Beschäftigung mit gewöhnlich mehreren stereotypen und begrenzten Interessen, die in Inhalt und Schwerpunkt abnorm sind, es kann sich aber auch um ein oder mehrere Interessen ungewöhnlicher Intensität und Begrenztheit handeln
    2. offensichtlich zwanghafte Anhänglichkeit an spezifische, nicht funktionale Handlungen oder Rituale
    3. stereotype und repetitive motorische Manierismen mit Hand- und Fingerschlagen oder Verbiegen, oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers
    4. vorherrschende Beschäftigung mit Teilobjekten oder nicht funktionalen Elementen des Spielmaterials (z.B. ihr Geruch, die Oberflächenbeschaffenheit oder das von ihnen hervorgebrachte Geräusch oder ihre Vibration).

Das klinische Bild kann nicht einer anderen tiefgreifenden Entwicklungsstörung zugeordnet werden, einer spezifischen Entwicklungsstörung der rezeptiven Sprache (F80.2) mit sekundären sozio-emotionalen Problemen, einer reaktiven Bindungsstörung (F94.1), einer Bindungsstörung mit Enthemmung (F94.2), einer Intelligenzminderung (F70-72) mit einer emotionalen oder Verhaltensstörung, einer Schizophrenie (F20) mit ungewöhnlich frühem Beginn oder einem Rett-Syndrom (F84.2).

Asperger-Syndrom: Diagnosekriterien im ICD-10

F84.5 Asperger-Syndrom

Es existiert keine klinisch bedeutsame allgemeine Verzögerung in der gesprochenen oder rezeptiven Sprache oder in der kognitiven Entwicklung. Die Diagnose verlangt, dass bis zum Alter von zwei Jahren oder früher einzelne Worte gesprochen werden können, und dass bis zum Alter von drei Jahren oder früher kommunikative Redewendungen benutzt werden. Fähigkeiten zur Selbsthilfe, anpassungsfähiges Verhalten und Wissbegierde in Bezug auf das Umfeld sollten um das dritte Lebensjahr herum auf einem mit der normalen intellektuellen Entwicklung übereinstimmenden Niveau liegen. Dennoch können motorische Meilensteine etwas verzögert sein, und die motorische Unbeholfenheit ist die Regel (obwohl kein notwendiges diagnostisches Merkmal). Es bestehen häufig einzelne spezielle Fertigkeiten, die sich meist auf abnorme Beschäftigung beziehen, aber sie sind für die Diagnose nicht relevant.

  1. Qualitative Abnormitäten in der wechselseitigen sozialen Interaktion zeigen sich in mindestens zwei der folgenden Merkmale:
    1. Unvermögen, einen angemessenen Blickkontakt herzustellen und aufrechtzuerhalten, Mängel in Mimik und Körperhaltung, Mängel in der Gestik zur Regulierung der sozialen Interaktion;
    2. Unvermögen (in einer dem geistigen Alter entsprechenden Weise oder trotz ausreichender Gelegenheiten), Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln, die das Teilen von Interessen, Aktivitäten und Emotionen betreffen;
    3. Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer unzulänglichen oder von der Norm abweichenden Reaktion auf die Emotionen anderer Menschen zeigt; oder der Mangel an Verhaltensmodulation gemäß dem sozialen Kontext; oder eine geringe Integration der sozialen, emotionalen und kommunikativen Verhaltensweisen;
    4. fehlender spontaner Wunsch, mit anderen Menschen Vergnügen, Interessen und Errungenschaften zu teilen (z.B. mangelndes Interesse, anderen Menschen Gegenstände, die dem Betroffenen wichtig sind, herzubringen oder darauf hinzuweisen).
  2. Der Betroffene legt ein ungewöhnlich starkes, sehr spezielles Interesse oder begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten an den Tag, die sich in mindestens einem der folgenden Bereiche manifestieren:

    1. einer konzentrierten Beschäftigung mit stereotypen und begrenzten Interessensmustern, die in Inhalt oder Gebiet abnorm sind; oder eine oder mehrere Interessen, die in ihrer Intensität und ihrer speziellen Natur, aber nicht in Inhalt oder Gebiet begrenzt sind;
    2. offenkundige zwanghafte Befolgung spezifischer, nonfunktionaler Routinen oder Rituale;
    3. stereotype und repetitive motorische Manierismen, die entweder das Flattern oder Drehen mit Händen oder Fingern oder komplexe Ganzkörperbewegungen mit einschließen;
    4. Beschäftigungen mit Teil-Objekten oder nonfunktionalen Elementen oder Spielmaterialien (wie den dazugehörigen Farben, dem Gefühl, das die Oberfläche vermittelt, oder dem Geräusch/der Vibration, das sie hervorrufen). Doch kommt es seltener vor, daß diese Merkmale motorische Manierismen oder Beschäftigungen mit Teil-Objekten oder nonfunktionalen Elementen der Spielmaterialien einschließen.

Die Störung ist den anderen Varianten der tiefgreifenden Entwicklungsstörung nicht zuzuschreiben, wie: einfache Schizophrenie, schizo-typische Störung, Zwangsstörung, anankastische Persönlichkeitsstörung, reaktive und enthemmte Bindungsstörungen der Kindheit.

Atypischer Autismus: Diagnosekriterien im ICD-10

F84.1 Atypischer Autismus

  1. Vorliegen einer auffälligen und beeinträchtigten Entwicklung mit Beginn im oder nach dem dritten Lebensjahr (die Kriterien entsprechen denen des Autismus, abgesehen vom Manifestationsalter).
  2. Qualitative Auffälligkeiten der gegenseitigen sozialen Interaktion oder der Kommunikation oder begrenzte, repetitive und stereotype Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten (die Kriterien entsprechen denen für Autismus, abgesehen von der Zahl der gestörten Bereiche).
  3. Die diagnostischen Kriterien für Autismus (F84.0) werden nicht erfüllt. Der Autismus kann untypisch in Bezug auf das Erkrankungsalter (F84.10) oder in der Symptomatologie (F84.11) sein. Diese beiden Typen können für Forschungszwecke mit einer fünften Stelle differenziert werden. Autistische Syndrome mit atypischem Erkrankungsalter und atypische Phänomenologie, sollten mit F84.12 kodiert werden.

Ausblick auf das ICD-11

Das ICD-11 sollte ursprünglich 2014 erscheinen, dann 2015, und inzwischen wurde es auf 2018 verschoben. Es scheint also noch so einiges an Uneinigkeiten zu geben und der jetzige Entwurf ist sicher noch nicht der endgültige. Die WHO weist darauf hin, dass nach dem Entwurf noch keine Diagnosen gestellt werden sollen und er sich täglich ändern kann.

Im DSM-5, das 2013 erschienen ist, findet man das Asperger-Syndrom ja nicht mehr einzeln gelistet. Statt dessen wurde die “Autismus-Spektrum-Störung” so definiert, dass auch das Asperger-Syndrom darunter fällt. Deshalb interessiert es mich natürlich, ob auch beim ICD-11 der Trend in diese Richtung geht.

Im ICD-11-Entwurf findet man die “Autismus-Spektrum-Störung” unter “Psychische und Verhaltensstörungen” in der Kategorie “Neurologische Entwicklungsstörungen”.

Dort findet man folgende Definition der “Autismus-Spektrum-Störung”:

Autismus-Spektrum-Störungen sind gekennzeichnet durch bleibende Defizite in der Fähigkeit, reziproke soziale Interaktion und soziale Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten, und durch eine Reihe von eingeschränkten, repetitiven und unflexiblen Mustern an Verhaltensweisen und Interessen. Die Störung beginnt im Entwicklungsalter, typischerweise in der frühen Kindheit, aber die Symptome werden möglicherweise erst später sichtbar, wenn die sozialen Anforderungen die begrenzten Fähigkeiten übersteigen. Die Defizite sind so schwerwiegend, dass sie zu Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führt und meist eine tiefgreifende Besonderheit der Funktionsweise des Individuums darstellt, die in allen Lebensbereichen sichtbar ist, obwohl sie sich je nach sozialem, schulischem oder anderem Zusammenhang anders darstellen kann.

Darunter findet man Listen von Synonymen (Autistische Störung, autistisch, Autistische Störung mit Beginn in der Kindheit), Unterbegriffen (Tiefgreifende Entwicklungsverzögerung, Kindlicher Autismus, Frühkindlicher Autismus, Kanner-Syndrom) und Differentialdiagnosen (Sprachentwicklungsstörung, Schizophrenie und andere psychotische Störungen) sowie von Lebensbereichen, auf die Autismus sich auswirkt (ziemlich viele).

Klappt man das Feld “Autismus-Spektrum-Störung” in der Navigationsleiste auf, werden dort sechs Unterpunkte genannt:

  • Autismus-Spektrum-Störung ohne Störung der intellektuellen Entwicklung und mit milder oder ohne sprachliche Beeinträchtigung der funktionalen Sprache
  • Autismus-Spektrum-Störung mit Störung der intellektuellen Entwicklung und mit milder oder ohne sprachliche Beeinträchtigung der funktionalen Sprache
  • Autismus-Spektrum-Störung ohne Störung der intellektuellen Entwicklung und mit beeinträchtigter funktionaler Sprache
  • Autismus-Spektrum-Störung mit Störung der intellektuellen Entwicklung und mit beeinträchtigter funktionaler Sprache
  • Autismus-Spektrum-Störung ohne Störung der intellektuellen Entwicklung und dem Fehlen von funktionaler Sprache
  • Autismus-Spektrum-Störung mit Störung der intellektuellen Entwicklung und dem Fehlen von funktionaler Sprache

Das Asperger-Syndrom könnte demnach beschrieben werden als “Autismus-Spektrum-Störung ohne Störung der intellektuellen Entwicklung und mit milder oder ohne sprachliche Beeinträchtigung der funktionalen Sprache”.

… mit oder ohne Verlust zuvor erworbener Fähigkeiten

Das Ganze ist etwas sperrig, und es wird noch sperriger: Klappt man jetzt diese Unterpunkte auf, findet man dort wiederum jeweils zwei Unter-Unterpunkte, die den oben genannten Diagnosen den Zusatz geben:

  • … mit Verlust zuvor erworbener Fähigkeiten
  • … ohne Verlust zuvor erworbener Fähigkeiten

Aus den obigen sechs Unterpunkten werden dadurch zwölf. Zwölf Diagnosen innerhalb des Autismus-Spektrums, mit Bezeichnungen, die wahrscheinlich nur Autisten auswendig lernen werden.

Das ist so kompliziert, dass es schon fast wieder gut ist. Denn wenn man zwölf Unterteilungen macht, kann man auch 35 machen, oder 103. Letztlich sind alle Autisten unterschiedlich.

Pro und Kontra

Den Sinn der “Unter-Unterpunkte” (mit oder ohne Verlust vorher erworbener Fähigkeiten) kann ich persönlich nicht erkennen. Wissenschaftlich gesehen mag das interessant sein (aber oft nicht mehr gesichert feststellbar), für die Feststellung des Funktionsgrads und die benötigte Unterstützung ist es eher nicht relevant.

Sehr sinnvoll ist allerdings, dass in Bezug auf Sprache nicht danach unterschieden wird, wann die Person angefangen hat zu sprechen, sondern ob sie Sprache jetzt zielgerichtet verwenden kann, z.B. um Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Dabei zählt übrigens nicht nur gesprochene Sprache, sondern ausdrücklich auch Gebärdensprache.

Positiv finde ich auch das Konzept “Autismus-Spektrum”. Die Unterteilung in Asperger-Syndrom und andere Diagnosen war nie besonders logisch (und eine Klassifikation von Autismus sollte doch zumindest logisch sein, findet der Mr. Spock in mir).

Autismus & Asperger-Diagnosekriterien im ICD-10 und 11

Buch: Geniale Störung. Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. Steve Silberman
Buch: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom. Von Kindheit bis Erwachsensein - alles was weiterhilft. Tony Attwood
Buch: Von der Dose bis zur Arbeitsmappe. Ideen und Anregungen für strukturierte Beschäftigungen in Anlehnung an den TEACCH-Ansatz. Heike Salzbacher
Buch: Buntschatten und Fledermäuse. Mein Leben in einer anderen Welt. Axel Brauns
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Autismus-Kultur hilft Menschen im Autismus-Spektrum und ihren Familien, glücklicher zu leben: Lösungen, Tipps und Praxiswissen für die Herausforderungen des Alltags, von autistischen Menschen erprobt.
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