Für ein glückliches Leben im Autismus-Spektrum

Autistische Züge erkennen: Definition und Merkmale

Colin Müller, M.A.

Autistische Züge: Was ist das?Autistische Züge sind die Randzone des Autismus-Spektrums: nicht wirklich autistisch, aber auch nicht ganz “normal”.

Falls Du bei Dir, Deinem Kind oder Partner einige Autismus-Merkmale findest, andere aber nicht zutreffen, ist dieser Artikel für Dich.

Neue Studien deuten darauf hin, dass es für jede Person mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum noch eine weitere Person mit autistischen Zügen gibt (z.B. repetitives Verhalten oder Schwierigkeiten in der Kommunikation), die aber die Kriterien für eine Diagnose nicht erfüllt.

Autistische Züge
Menschen mit autistischen Zügen weisen Merkmale des Autismus-Spektrums auf, aber nicht genug, um die Diagnosekriterien zu erfüllen. Ein häufiger Grund, warum die Diagnose “Autismus-Spektrum-Störung” nicht gestellt wird, ist, dass die Besonderheiten der Person ihr Leben nicht wesentlich beeinträchtigen.

Autistische Züge

Für eine Diagnose muss eine bestimmte Anzahl von Kriterien aus verschiedenen Bereichen erfüllt werden, und die Merkmale müssen die Person in einem oder mehreren Lebensbereichen beeinträchtigen.

Es kann aber Menschen geben, die tatsächlich nicht alle Diagnosekriterien erfüllen, die aber trotzdem in manchen Bereichen Schwierigkeiten haben. Die Schwierigkeiten können z.B. in folgenden Bereichen liegen:

  • Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen
  • Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen
  • Schwierigkeiten mit wechselseitigen Aktivitäten (bei Kindern z.B. Teilen von Spielzeug)
  • Schwierigkeiten, Mimik oder subtile Anspielungen zu verstehen
  • Kleine Veränderungen in der Routine erzeugen großen Stress.
  • Sehr eingeschränktes Interessenspektrum
  • (bei Kindern) signifikante Verzögerung in der Entwicklung oder Sprache

Wie man an der Liste erkennen kann, ist es schwierig zu beurteilen, ob bestimmte Schwierigkeiten noch “normal” sind oder schon ins Autismus-Spektrum fallen. Viele Menschen haben Hobbys, mit denen sie sich relativ intensiv beschäftigen, und viele Menschen haben Schwierigkeiten, gute Freunde zu finden.

Wo man die Linie zieht, ist nicht klar festgelegt. Ein Psychologe diagnostiziert bei einer Person vielleicht das Asperger-Syndrom oder atypischen Autismus, während ein anderer lediglich ‘autistische Züge’ feststellt.

Oft sind es die Eltern oder Geschwister von Menschen im Autismus-Spektrum, die zwar die Kriterien für eine Asperger-Diagnose nicht erfüllen, aber gewisse autistische Züge haben.  Auch viele andere Menschen; man könnte wahrscheinlich bei jedem Nerd autistische Züge diagnostizieren. Aber ist das sinnvoll?

Eine Diagnose (jeglicher Art) ist im Grunde nur dann sinnvoll, wenn man bestimmte Formen von Unterstützung benötigt, z.B. eine Ergotherapie, Logopädie, Schulassistenz, Eingliederungshilfe oder ähnliches. Manchmal gibt es andere Diagnosen, deren Kriterien erfüllt werden.

Alternative Diagnosen

  • Wenn sich die Schwierigkeiten auf die Wahrnehmungsverarbeitung beziehen oder dort ihre Ursache haben, hast Du wahrscheinlich eine Sensorische Integrationsstörung. Diese kann auch ohne Autismus auftreten, kann aber zu Verhalten führen, das Autismus ähnelt (z.B. vermeidet man Menschenmassen wegen der damit zusammenhängenden Reizüberflutung).
  • Wenn ein Kind eine Sprachentwicklungsverzögerung oder Schwierigkeiten in einzelnen sprachlichen Bereichen  hat, reicht das, damit eine Logopädie bezahlt wird.  Wenn die Schwierigkeiten spezifisch im sozialen Verständnis liegen, kommt vielleicht die Diagnose “Semantisch-Pragmatische Sprachstörung” in Betracht.
  • Unter Umständen passen die Kriterien einer Nonverbalen Lernstörung. Diese Diagnose wird manchmal gestellt, allerdings ist zweifelhaft, ob sie nicht dasselbe bezeichnet wie das Asperger-Syndrom.

Ist autistisches Verhalten gleich Autismus?

Die Gründe für Verhalten und Empfindungen können ganz unterschiedlich sein. Jemand, der z.B. relativ isoliert aufgewachsen ist, negative Erfahrungen mit anderen Menschen hatte, soziale Ängste hat oder einfach sensibel und introvertiert ist, zieht es vielleicht vor, Zeit alleine zu verbringen anstatt in großen Menschenmengen. Manche Besonderheiten wie z.B. Stottern oder Hörprobleme können zu sozialer Isolation beitragen.

Auch das kann ein Grund sein, die Diagnose Autismus nicht zu stellen: Vielleicht sieht der Diagnostiker andere Ursachen für die autistischen Verhaltensweisen.

Wichtig ist es, dass man sich selbst und seine Bedürfnisse (bzw. sein Kind und dessen Bedürfnisse) versteht. Und dann kann man herausfinden, welche spezifische Art der Unterstützung man braucht – nicht immer sind es Therapien. Und dabei können Dir die Informationen auf dieser Seite helfen, unabhängig davon, ob alle Kriterien für eine Diagnose erfüllt werden oder nicht.

Ist man allerdings weiterhin davon überzeugt, dass eine Diagnose aus Autismus-Spektrum richtig und sinnvoll oder notwendig wäre, sollte man darüber nachdenken, einen anderen Diagnostiker aufzusuchen. Denn wie gesagt, jeder zieht die Linie ein bisschen anders.

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