— Glücklich leben im Autismus‑Spektrum —

Atypischer Autismus: Was ist das?

Linus Colin Müller

Als mein Sohn die Diagnose ‘Atypischer Autismus’ bekam, dachte ich mir: Nicht mal für einen Autisten ist er normal? Heute sehe ich die Chance, die darin liegt: Statt unsere Erwartungen an Diagnosekriterien auszurichten, können wir ihn ganz in seiner Individualität sehen.

—Martina, Mutter von Emil, 7

Was ist atypischer Autismus?

Atypischer Autismus ist der Begriff, der verwendet wird, wenn das Verhaltensmuster einer Person ins Autismus-Spektrum passt, aber nicht alle Kriterien für eine andere Diagnose aus dem Autismus-Spektrum erfüllt.
Andere Formen von Autismus sind:

Es kann zwei Gründe geben, warum atypischer Autismus diagnostiziert wird:

  1. Atypischer Beginn des autistischen Verhaltens: Das Kind zeigt erst nach seinem dritten Geburtstag autistisches Verhalten. Für alle anderen Formen von Autismus ist festgelegt, dass sich das autistische Verhalten vor dem dritten Lebensjahr zeigen muss. Das ist sehr ungewöhnlich. Die Diagnose sollte erst nach einer gründlichen Differentialdiagnostik gestellt werden.
  2. Atypische Symptomatik: Die Person weist nicht alle Merkmale von Autismus auf, zum Beispiel hat die Person nur in zwei der drei Kernbereiche Schwierigkeiten.

Ersteres wird oft als leichte Form von Autismus gesehen, was auch zutreffen kann (viele Menschen mit atypischem Autismus wurden lange nicht diagnostiziert), aber es stimmt nicht immer. Die Schwierigkeiten können zum Beispiel in einem Bereich sehr leicht und in einem anderen sehr gravierend sein.

Im englischen Sprachraum wird häufig die Diagnose PDD-NOS gestellt: Pervasive Developmental Disorder – Not Otherwise Specified (Tiefgreifende Entwicklungsstörung – Nicht näher spezifiziert). PDD-NOS wird oft als atypischer Autismus bezeichnet, weil die Kriterien für eine andere Autismus-Diagnose nicht erfüllt sind. Die Begriffe PDD-NOS und Atypischer Autismus bezeichnen also beide Menschen im Autismus-Spektrum, die nicht alle Kriterien für eine andere Form von Autismus erfüllen.

Sie werden aber nicht deckungsgleich verwendet, weil die Diagnosepraxis in englischsprachigen Ländern anders ist als in Deutschland. In Deutschland werden weniger Menschen als autistisch erkannt.

Die Diagnose Atypischer Autismus wird hier oft gestellt, wenn Menschen mit anderen Behinderungen (zum Beispiel Down-Syndrom) autistische Verhaltensweisen zeigen.

Symptome

Menschen mit atypischem Autismus weisen die typischen Symptome von Autismus auf (Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion, eingeschränkte Interessen, repetitives Verhalten), aber möglicherweise nicht alle davon. Manchmal treten die Symptome erst nach dem Alter von drei Jahren auf. Die Merkmale können unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Weil alle autistischen Menschen sehr unterschiedlich sind, die einzelnen Autismus-Formen aber nicht klar voneinander abgrenzbar sind, spricht man heute immer mehr vom Autismus-Spektrum.

Atypischer Autismus als Diagnose im ICD-10

Das ICD-10 listet Atypischen Autismus unter den Tief greifende Entwicklungsstörungen:

  • F84.0 Frühkindlicher Autismus
  • F84.1 Atypischer Autismus
  • F84.2 Rett-Syndrom
  • F84.4 Überaktive Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien
  • F84.3 Andere desintegrative Störung des Kindesalters
  • F84.5 Asperger-Syndrom
  • F84.8 Sonstige tief greifende Entwicklungsstörungen
  • F84.9 Tief greifende Entwicklungsstörung, nicht näher bezeichnet
F84.1 Atypischer Autismus
Diese Form der tief greifenden Entwicklungsstörung unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus entweder durch das Alter bei Krankheitsbeginn oder dadurch, dass die diagnostischen Kriterien nicht in allen genannten Bereichen erfüllt werden. Diese Subkategorie sollte immer dann verwendet werden, wenn die abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung erst nach dem dritten Lebensjahr manifest wird und wenn nicht in allen für die Diagnose Autismus geforderten psychopathologischen Bereichen (nämlich wechselseitige soziale Interaktionen, Kommunikation und eingeschränktes, stereotyp repetitives Verhalten) Auffälligkeiten nachweisbar sind, auch wenn charakteristische Abweichungen auf anderen Gebieten vorliegen. Atypischer Autismus tritt sehr häufig bei schwer retardierten bzw. unter einer schweren rezeptiven Störung der Sprachentwicklung leidenden Patienten auf.

Das ICD wird zur Zeit überarbeitet. Die nächste Ausgabe, das ICD-11, verzichtet auf eine Unterteilung von Autismus in verschiedene Diagnosen und verwendet stattdessen die diagnostische Kategorie Autismus-Spektrum-Störung. Das entspricht auch dem Stand der Wissenschaft.

Die Diagnostik ist die selbe wie für andere “Autismus-Spektrum-Störungen”.

Ein atypischer Autist: Wie muss ich mir das vorstellen?

Weil atypischer Autismus gewissermaßen die Restkategorie des Autismus-Spektrums ist, sind atypische Autisten sehr unterschiedlich. Manchmal ähnelt atypischer Autismus eher frühkindlichem Autismus, manchmal eher dem Asperger-Syndrom.

Weil atypischer Autismus gewissermaßen die “Restkategorie” des Autismus-Spektrums ist, sind atypische Autisten sehr unterschiedlich.

Manche atypischen Autisten haben eine verzögerte Sprachentwicklung, zum Beispiel mit Echolalie, andere ähneln in sprachlichen Aspekten eher Asperger-Autisten: Sie sprechen grammatikalisch sehr korrekt, haben aber Schwierigkeiten mit den sozialen Aspekten von Sprache.

Manche Menschen mit atypischem Autismus zeigen repetitive und stereotype Verhaltensweisen, bei anderen ist das nur sehr schwach ausgeprägt.

Dem Klischee vom Savant mit Inselbegabung entsprechen nur die allerwenigsten Autisten.

Untergruppen

Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit der Diagnose PDD-NOS zu einer dieser drei sehr verschiedenen Untergruppen gehören:

  • Eine hochfunktionale Gruppe (ca. 25 Prozent), deren Symptome sich zum großen Teil mit dem Asperger-Syndrom überlappen, die sich aber von diesem unterscheiden, weil sie eine Sprachverzögerung und/oder eine leichte Intelligenzminderung haben. (Die Kriterien für das Asperger-Syndrom schließen beides aus.)
  • Eine Gruppe (ca. 25 Prozent), deren Symptome eher denen des frühkindlichen Autismus ähneln, die aber nicht alle Diagnosekriterien erfüllen.
  • Die größte Gruppe (ca. 50 Prozent) besteht aus denen, die alle Merkmale des Autismus-Spektrums aufweisen, die aber sehr wenig Stereotypien und repetitives Verhalten aufweisen.

Hilfe & Förderung

Wie bei jeder anderen Diagnose aus dem Autismus-Spektrum steht auch bei atypischem Autismus das Individuum im Vordergrund. Es wird festgestellt, in welchen Bereichen die spezifischen Schwierigkeiten liegen und wie schwerwiegend sie sind. Daraufhin kann man Herangehensweisen zur Unterstützung wählen, wie zum Beispiel TEACCH. Mehr dazu findest du unter Hilfe & Förderung.

Fallbeispiel

Laura war die ältere von zwei Geschwistern. Sie galt als schwieriges Baby, das nicht einfach zu beruhigen war, aber dessen motorische und kommunikative Entwicklung normal schien. Sie war sozial zugewandt und genoss manchmal soziale Interaktionen, war aber schnell überreizt. Sie reagierte ungewöhnlich sensibel auf manche Reize und wenn sie aufgeregt war, wedelte sie mit den Händen.

Ihre Eltern veranlassten eine diagnostische Abklärung, als sie vier war, weil sie Schwierigkeiten im Kindergarten hatte. Es wurde festgestellt, dass Laura Probleme in der Interaktion mit Gleichalterigen hatte. Sie war oft gedanklich damit beschäftigt, was Unangenehmes passieren könnte.

Bei der diagnostischen Abklärung wurde festgestellt, dass ihre kommunikativen und kognitiven Funktionen im normalen Bereich lagen. Obwohl eine gewisse soziale Zugewandtheit zu beobachten war, hatte Laura Schwierigkeiten, ihre Eltern als Quellen der Unterstützung und des Trosts zu nutzen.

Eine gewisse Rigidität im Verhalten wurde festgestellt, ebenso wie eine Tendenz, soziale Interaktionen mit Routinen zu belegen. In der Folge wurde Laura in einem integrativen Kindergarten angemeldet, wo sie große Fortschritte in ihren sozialen Fähigkeiten machte. Als sie in die Schule kam, zeigte sie gute schulische Leistungen, hatte aber weiterhin Probleme in der Interaktion mit Gleichaltrigen und ungewöhnliche Gefühlsreaktionen.

Als Jugendliche beschreibt sie sich als Einzelgängerin, die Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion hat und die lieber Zeit allein verbringt.

Atypischer Autismus: Was ist das? Untergruppen, Fallbeispiel, Hilfe und Förderung



der Autor
Linus Colin Müller

Linus befasst sich seit 2002 mit Autismus. Er verfasste seine Magisterarbeit zu diesem Thema, arbeitete mehrere Jahre für Autismus-Organisationen und gründete 2007 Autismus-Kultur, mit dem Ziel, aktuelle Forschungsergebnisse und autistische Erfahrungen zusammenzubringen und in verständliche Praxis-Ratgeber zu übersetzen. Linus ist selbst autistisch und Vater.

Buch: Geniale Störung. Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken. Steve Silberman
Buch: Ein Leben mit dem Asperger-Syndrom. Von Kindheit bis Erwachsensein - alles was weiterhilft. Tony Attwood
Buch: Von der Dose bis zur Arbeitsmappe. Ideen und Anregungen für strukturierte Beschäftigungen in Anlehnung an den TEACCH-Ansatz. Heike Salzbacher
Buch: Buntschatten und Fledermäuse. Mein Leben in einer anderen Welt. Axel Brauns
Über Autismus-Kultur

Autismus-Kultur hilft Menschen im Autismus-Spektrum und ihren Familien, glücklicher zu leben: Lösungen, Tipps und Praxiswissen für die Herausforderungen des Alltags, von autistischen Menschen erprobt.
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